Tannöd - Schenkel, Andrea M.
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Andrea M. Schenkel 

Tannöd

Roman. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimi-Preis, Kategorie National 2007, dem Friedrich-Glauser-Preis 2007 für das beste Debüt und dem Corine - Internationaler Buchpreis, Kategorie Weltbild Leserpreis

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Produktbeschreibung zu Tannöd

In der tiefsten bayerischen Einöde: Eine ganze Familie wird in einer Nacht ausgelöscht, mit der Spitzhacke erschlagen. Jetzt heißt er nur noch Mordhof, der einsam gelegene Hof der Danners in Tannöd. Gemocht hat sie kaum jemand, mürrische, geizige Leute waren sie, und den ein oder anderen hat der alte Bauer wohl auch übers Ohr gehauen. Aber selbst die Kinder wurden grausam ermordet, und so geht die Angst um im Dorf, denn vom Mörder fehlt jede Spur ...

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis!

Produktinformation


  • Verlag: Btb
  • 2009
  • Sonderausg.
  • Ausstattung/Bilder: Sonderausg. 2009. 171 S.
  • Seitenzahl: 176
  • btb Bd.74025
  • Deutsch
  • Abmessung: 184mm x 119mm x 20mm
  • Gewicht: 186g
  • ISBN-13: 9783442740253
  • ISBN-10: 3442740258
  • Best.Nr.: 26277454
»Schenkels Rekonstruktion eines ursprüngliche in den zwanziger Jahren geschehenen, bis heute unaufgeklärten Mordes, den sie in die frühen Fünfziger verlegt hat, ist von düsterer Wucht, sprachlicher Klarheit und - trotz des nur 120 Seiten kurzen Textes - von epischer Wucht.« Arte

»Andrea Maria Schenkel ist es mit ihrem Roman 'Tannöd' auf durchaus bemerkenswerte Wiese gelungen, den Krimi mit dem Heimatroman zu kreuzen.«
Andrea Maria Schenkel, 1962 geboren, gilt als eine der renommiertesten Kriminalautorinnen Deutschlands. 2006 erschien ihr Debüt "Tannöd", mit dem sie großes Aufsehen erregte. Der Roman wurde 2007 mit dem Deutschen Krimi-Preis, dem Friedrich-Glauser-Preis und der Corine ausgezeichnet. 2008 folgte der renommierte Martin Beck Award für den besten internationalen Kriminalroman. Das Buch wurde in bislang 20 Sprachen übersetzt und fürs Kino verfilmt. Auch für ihr zweites Buch "Kalteis" bekam sie begeisterte Kritiken und erhielt 2008 erneut den Deutschen Krimi-Preis. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Regensburg.

Leseprobe zu "Tannöd" von Andrea M. Schenkel

Den ersten Sommer nach Kriegsende verbrachte ich bei entfernten Verwandten auf dem Land.

In jenen Wochen erschien mir dieses Dorf als eine Insel des Friedens. Einer der letzten heil gebliebenen Orte nach dem großen Sturm, den wir soeben überstanden hatten.

Jahre später, das Leben hatte sich wieder normalisiert und jener Sommer war nur noch eine glückliche Erinnerung, las ich von eben jenem Dorf in der Zeitung.

Mein Dorf war zum "Morddorf" geworden und die Tat ließ mir keine Ruhe mehr.

Mit gemischten Gefühlen bin ich in das Dorf gefahren.

Die, die ich dort traf, wollten mir von dem Verbrechen erzählen. Reden mit einem Fremden und doch Vertrauten. Einem der nicht blieb, der zuhören und wieder gehen würde.

Herr, erbarme Dich unser! Christus, erbarme Dich unser! Herr, erbarme Dich unser! Christus, höre uns! Christus, erhöre uns!

Gott Vater vom Himmel, erbarme Dich ihrer! Gott Sohn, Erlöser der Welt, erbarme Dich ihrer! Gott Heiliger Geist, erbarme Dich ihrer! Heilige Dreifaltigkeit, ein einiger Gott, erbarme Dich ihrer!

Heilige Maria, bitte für sie!

Heilige Gottesgebärerin, bitte für sie!

Heilige Jungfrau aller Jungfrauen, bitte für sie!

Heiliger Michael, bitte für sie!

Alle heiligen Engel und Erzengel, Alle heiligen Chöre der seligen Geister, Heiliger Johannes der Täufer, bittet für sie! Heiliger Josef, bitte für sie!

Alle heiligen Patriarchen und Propheten, Heiliger Petrus, Heiliger Paulus, Heiliger Johannes, bittet für sie!

Alle heiligen Apostel und Evangelisten, Heiliger Stefanus, Heiliger Laurentius, bittet für sie! Alle heiligen Märtyrer, Heiliger Gregorius, Heiliger Ambrosius, bittet für sie!

Heiliger Hieronymus, Heiliger Augustinus, bittet für sie!

Alle heiligen Bischöfe und Bekenner, Alle heiligen Kirchenlehrer, Alle heiligen Priester und Leviten, Alle heiligen Mönche und Einsiedler, bittet für sie!

Am frühen Morgen, vor Tagesanbruch, betritt er den Raum. Mit dem Holz, das er von draußen hereingebracht hat, heizt er den großen Herd in der Küche an, befüllt den Dämpfer mit Kartoffeln und Wasser, stellt den gefüllten Kartoffeldämpfer auf die Herdplatte.

Von der Küche aus geht er, den langen fensterlosen Gang entlang, hinüber in den Stall. Die Kühe müssen zweimal am Tag gefüttert und gemolken werden. Sie stehen in einer Reihe. Eine neben der anderen.

Er spricht mit gedämpfter Stimme auf sie ein. Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, während der Arbeit im Stall immer mit den Tieren zu sprechen. Vom Klang seiner Stimme scheint eine beruhigende Wirkung auf die Tiere auszugehen. Ihre Unruhe scheint durch den monotonen Singsang der Stimme, durch die Gleichförmigkeit der Worte zu schwinden. Der ruhige, einförmige Klang löst ihre Spannung. Er kennt diese Arbeit schon sein ganzes Leben. Sie macht ihm Freude.

Er streut neues Stroh auf die alte Unterlage auf. Das Stroh dafür holt er aus dem angrenzenden Stadel. Es verbreitet im Stall einen angenehmen, vertrauten Geruch. Kühe riechen anders als Schweine.

Ihr Geruch hat nichts Aufdringliches, nichts Scharfes an sich.

Danach holt er das Heu. Er holt es auch aus dem Stadel.

Die Verbindungstür zwischen Stadel und Stall lässt er offen.

Während die Tiere fressen, melkt er sie. Davor ist ihm etwas bange. Die Tiere sind es nicht gewöhnt, von ihm gemolken zu werden. Doch seine Befürchtungen, dass das eine oder andere Tier sich nicht von ihm melken lassen würde, waren umsonst gewesen.

Die garen Kartoffeln riechen bis hinüber in den Stall. Es ist Zeit, die Schweine zu füttern. Er schüttet die Erdäpfel aus dem Dämpfer direkt in einen Eimer, dort werden sie gequetscht, bevor er sie zu den Schweinen in den Schweinestall bringt.

Die Schweine quieken, als er die Tür zu ihrem Verschlag öffnet. Er schüttet den Inhalt des Eimers in den Trog, dazu noch etwas Wasser.

Er hat seine Arbeit erledigt. Bevor er das Haus verlässt, achtet er darauf, dass das Feuer im Herd erloschen ist. Die Tür zwischen Stadel und Stall lässt er offen. Den Inhalt der Milchkanne schüttet er auf den Mist. Die Kanne stellt er wieder an ihren alten Platz zurück.

Am Abend würde er erneut in den Stall gehen. Er würde den Hund füttern, der sich bei seinem Kommen stets winselnd in die Ecke verkriecht. Er würde die Tiere versorgen. Dabei würde er stets darauf achten, um den Strohhaufen in der linken hinteren Ecke des Stadels einen Bogen zu machen.

Betty, 8 Jahre Die Marianne und ich sitzen in der Schule nebeneinander. Sie ist meine beste Freundin. Deshalb sitzen wir ja auch beieinander.

Die Marianne mag die Rohrnudeln meiner Mama immer besonders gern. Wenn meine Mama welche macht, bringe ich ihr immer eine mit, in die Schule oder am Sonntag auch mit in die Kirche. Am letzten Sonntag habe ich ihr auch eine mitgebracht, aber die musste ich dann selbst essen, weil sie nicht in der Kirche war.

Was wir immer so gemeinsam machen? Was man halt so spielt, Räuber und Gendarm, Fangerles, Verstecken. Im Sommer ab und zu bei uns im Hof Verkaufen. Da richten wir uns am Gartenzaun zum Gemüsegarten einen kleinen Laden ein. Mama gibt mir dann immer eine Decke und wir können unsere Sachen darauf ausbreiten: Äpfel, Nüsse, Blumen, buntes Papier oder was wir halt so finden.

Einmal hatten wir sogar Kaugummi, den hat meine Tante mitgebracht. Der schmeckt prima nach Zimt. Meine Tante sagt, die Kinder in Amerika essen das immer. Meine Tante arbeitet nämlich bei den Amis und ab und zu bringt sie Kaugummi und Schokolade und Erdnussbutter mit. Oder Brot in so komischen grünen Dosen. Einmal im letzten Sommer sogar Eis.

Meine Mama ist davon nicht so begeistert, weil der Freund von der Tante Lisbeth ist nämlich auch aus Amerika und ganz schwarz.

Die Marianne sagt immer, ihr Papa ist auch in Amerika und er kommt sie ganz bestimmt bald holen. Aber das glaube ich nicht. Ab und zu schwindelt die Marianne nämlich ein bisschen. Mama sagt, das darf man nicht, und wenn die Marianne wieder eine ihrer Schwindelgeschichten erzählt, streiten wir. Meistens nimmt dann jeder seine Sachen aus dem Kaufladen weg und wir können nicht mehr weiterspielen und die Marianne läuft dann nach Hause. Nach ein paar Tagen verstehen wir uns dann wieder.

Leseprobe zu "Tannöd" von Andrea M. Schenkel

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Kundenbewertungen zu "Tannöd" von "Andrea M. Schenkel"

Durchschnittliche Kundenbewertung 4.5 von 5 Sterne bei 2 Bewertungen **** ausgezeichnet
(aus 2 Bewertungen)

Bewertung von Helga aus Worms am 13.01.2012 ***** ausgezeichnet
Ein Krimi. Aber kein Krimi wie tausend andere. Ein Diamant unter Kieselsteinen, basierend auf einem bis heute ungeklärten Mordfall aus den 20er Jahren. Dieses Buch ist...außergewöhnlich! Grandios!


Ein großer Teil der Faszination gründet sicherlich darauf, dass diesem Buch ein tatsächlicher Fall zu Grunde liegt, dass dieser Mord tatsächlich so geschehen ist, vor fast 90 Jahren und bis heute ungeklärt, dass die Personen im Buch tatsächlich existierende Vorbilder haben, dass die ganzen Hintergründe rund um die Tat tatsächlich so vorhanden waren. Der Inzest, die vermutete Person auf dem Dachboden, der Monteur, der die Maschine repariert, der Mörder, der das Vieh versorgt.... Das Internet ist voll mit Informationen dazu und man fühlt den Drang nachzuforschen, mehr zu erfahren.

Dieses Buch hat Bilder in meinem Kopf geformt, wie selten zuvor ein Buch. Ich sah alles vor mir: den Hof, das Bauernhaus, den Wald, den Stadel, die über das Gebetbuch gebeugte alte Bäuerin, die Kammer der Magd, die Rauchküche, den Stall, das Vieh, die Düsternis,.... Ich konnte das Düstere, Unheimliche richtig fühlen, es umgab mich, es zog mich in seinen Bann.

Zu Beginn erscheint die Erzählweise unsortiert, chaotisch und erst nach und nach erschließt sich die Geschichte. Abwechselnd werden der Tathergang und die Entdeckung der Leichen geschildert, werden Berichte eingeschoben und kommen die Dorfbewohner zu Wort - im Gespräch mit dem Unbekannten, der zu Beginn des Buches kurz, eine halbe Seite lang, in Erscheinung tritt, dessen Identität dann aber im Verborgenen bleibt, dessen Beiträge zu den Gesprächen nicht erscheinen.

Die eingeschobenen Litaneien stoßen den Leser geradezu auf den vorgegebenen Kontrast zwischen fast schon fundamentalistischer blinder Gläubigkeit und den Abgründen der menschlichen Seele, vor denen letztendlich auch heruntergeleierte Gebete nicht zu schützen vermögen. Andrea Maria Schenkel zerrt diese heuchlerische Frömmigkeit gnadenlos ins Licht.

Die Beschränkung bei der Wiedergabe der Befragungen der Dorfbewohner auf die Antworten und Erzählungen derselben, gerade die Zitierung des Gesagten Wort für Wort ermöglicht dem Leser Einblicke in die Charaktere, in deren Lebensumstände, in ihre Sicht der Dinge in einer Tiefe, die anders kaum möglich gewesen wäre. Wären diese Gespräche in der Art wiedergegeben wie in anderen, in gewöhnlichen Romanen üblich, hätten die Schilderungen nie diese Dimension der Eindringlichkeit erreichen können. Andrea Maria Schenkel braucht keine seitenlangen langweiligen Personenbeschreibungen, um ihre Charaktere darzustellen. Sie schafft es, ein weitaus klareres Bild von diesen zu zeichnen, indem sie sie einfach nur sprechen lässt, als dies durch eine solche Beschreibung jemals möglich wäre.

Das wahre Gesicht der Menschen einer Dorfgemeinschaft in einem ach so idyllischen bayerischen Dorf der Nachkriegszeit, die Blindgläubigkeit der frömmelnden Katholiken, die Beziehungen der Bewohner eines abgelegenen Dorfes mit all seinen Abgründen treten nach und nach zu Tage. Dieses Buch ist auch ein gelungenes Gesellschaftsportrait eines solchen Umfeldes ohne jeden Schnickschnack und Weichzeichner.

Unheimlich und düster ist dieses Buch. Reduziert auf das Wesentliche, auf die Menschen und die Abgründe ihrer Seelen. Andrea Maria Schenkel verzichtet auf jegliche Ausschmückung, jeden Zierrat. Wozu auch? Man spürt sich beim Lesen hinein in die Atmosphäre, die diesen Hof und seine wortkargen, schwer arbeitenden und frömmelnden Menschen umgibt. Es bleiben Fragen. Letztendlich sind das aber auch die Fragen, die bei dem zu Grunde liegenden Mordfall offen geblieben sind.

Fazit: Das war sicher „schwere Kost“, nicht das, was man unbeschwertes Lesevergnügen oder spannende Unterhaltung nennen würde. Dieses Buch geht unter die Haut und ist für mich jeden Preis wert, den es erhalten hat. Endlich mal eins! Aber ebenso sicher auch ein Buch, das polarisiert. Die einen wird es faszinieren, die andern werden es ablehnen.

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Bewertung von Xirxe aus Hannover am 07.03.2011 ***** sehr gut
Die Bewohner eines Einödhofes werden tot aufgefunden, selbst vor den zwei- und achtjährigen Kindern und der Magd, die erst am Tag zuvor ihren Dienst antrat, machte der Mörder keinen Halt. Auf ungewöhnliche Art und Weise nähert sich der Krimi den Geschehnissen: Ein früherer, zeitweiliger Bewohner des Dorfes kehrt zurück und ihm, 'einem Fremden und doch Vertrauten', erzählen die Bewohner ihre Gedanken, Vermutungen, ihre Sicht der Ereignisse. Nachbarn, Bekannte, Freunde usw. kommen zu Wort, und so kristallisiert sich nach und nach das Bild einer Familie heraus, die manches zu verbergen hatte. Zwischen diesen Berichten fließen immer wieder die Beschreibungen ein, was genau kurz vor dem Tode der einzelnen Bewohner geschah, so dass man sich Schritt um Schritt der eigentlichen Tat nähert.
Das Ganze ist eher eine Reportage als ein herkömmlicher Kriminalroman: Der Ton ist knapp und karg - entsprechend den Personen, meist bäuerlicher Herkunft, deren Sichtweise gerade vermittelt wird. Dennoch ist es spannend wie ein Krimi, der einen mit seiner düsteren Atmosphäre, die diese Gegend umgibt, voll und ganz gefangennimmt. Ungewöhnlich - aber gut!

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