Populärmusik aus Vittula - Niemi, Mikael

Mikael Niemi 

Populärmusik aus Vittula

Roman

Aus d. Schwed. v. Christel Hildebrandt
Buch mit Leinen-Einband
 
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Populärmusik aus Vittula

"Claire Beyer beherrscht eine Kunst, in der andere sich vergebens üben und vielleicht macht das große Literatur entscheidend mit aus: Sie kann nämlich zwischen den Zeilen schreiben, kann ein Gefühl, etwas schwer ausdrückbares wie eine sinnliche Wahrnehmung zwischen die Worte packen." Gert Scobel

"Eine eigenwillige, rasante Mischung aus Road-Movie und Rosenkrieg mit einer unerwarteten Wendung am Schluss." -- Nürnberger Nachrichten

'Claire Beyer beherrscht eine Kunst, in der andere sich vergebens üben und vielleicht macht das große Literatur entscheidend mit aus: Sie kann nämlich zwischen den Zeilen schreiben, kann ein Gefühl, etwas schwer ausdrückbares wie eine sinnliche Wahrnehmung zwischen die Worte packen.' -- Gert Scobel

'Eine eigenwillige, rasante Mischung aus Road-Movie und Rosenkrieg mit einer unerwarteten Wendung am Schluss.' -- Nürnberger Nachrichten


Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 380 S.
  • Seitenzahl: 384
  • btb Bd.73891
  • Deutsch
  • Abmessung: 153mm x 108mm x 20mm
  • Gewicht: 182g
  • ISBN-13: 9783442738915
  • ISBN-10: 3442738911
  • Best.Nr.: 23809661
"Nach dem letzten Satz von Remis sitzt man da wie im Kino nach dem Abspann und will einfach nur bleiben." (Brigitte)

"Eine eigenwillige, rasante Mischung aus Road-Movie und Rosenkrieg mit einer unerwarteten Wendung am Schluss."

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Den schwedischen Erfolgsroman von Mikael Niemi hat Kristina Maidt-Zinke etwas erstaunt gelesen, ganz kann sie der Begeisterung ihrer schwedischen Kritikerkollegen nicht folgen. Beschrieben werden eine Kindheit und Pubertät im hohen Norden Schwedens in den sechziger Jahren, die geprägt seien vom Eindringen der Popmusik in eine Welt des strengen Glaubens, wie die Rezensentin berichtet. Dabei sei das "kauzig-abseitige Flair" der Tornedal-Landschaft die entscheidende Komponente, die in der "farbigen, kraftstrotzenden Sprache" des Autors laut Maidt-Zinke wiedergegeben wird. Anlässe wie Hochzeiten und Todesfälle würden so zu den "glanzvollsten Passagen" des Romans. Die erwachsene Hauptfigur werde später, wie die Rezensentin meint, immer Sehnsucht nach "jener weltfremden Siedlung im Wodkagürtel" empfinden, die der Autor so beschreibe, "dass viele Schweden darin den mythischen Ort ihrer eigenen Kindheit wiedererkennen".

© Perlentaucher Medien GmbH

Der Einzug des Rock`n`Roll in die Einöde<br /> Matti lauscht mit seinem schweigsamen Freund Niila dem Rhythmus der Musik, die aus dem Plattenspieler seiner Schwester dröhnt. Sie verstehen kein Wort, denn ihre Heimat ist der Tornedal, eine einsame Gegend, dort wo Schweden an Finnland grenzt, und Englisch haben sie nicht gelernt. Aber die Musik des Rock`n`Roll und die Lebensfreude, die sie vermittelt, wird ihr Leben verändern. Die wilden Sechziger machen auch vor der abgelegensten Einöde nicht halt.<br /> Der Tornedal<br /> Der 1959 in der abgelegenen Gegend des Tornedal geborene Mikael Niemi erweckt in seinem Roman <em>Populärmusik aus Vittula</em> die Zeit seiner Kindheit zum Leben. Er bringt damit in einem gleichzeitig humorvollen und melancholischen Ton dem Leser eine Welt nahe, die sich zu entdecken lohnt. In 20 Abschnitten, von denen jeder eine fast eigenständige Geschichten ist, lässt er seinen jugendlichen Held Matti vom Leben in jener Gegend erzählen, die weder zu Schweden, noch zu Finnland so richtig zu gehören scheint. Die Entdeckung des modernen Lebens durch den Rock`n`Roll ist nur eine dieser Geschichten. Sie ist aber bezeichnend, da sie eine Gesellschaft konterkariert, die von der extremen Sittenstrenge des Hausapostels Laestadius geprägt ist, jenem Prediger, der die Gegend einst von Sünde und Lotterleben reinigte. Aber wie jede strenge Gesellschaft hat sich auch die des Tornedal in der Vergangenheit die nötigen Ventile schon selbst geschaffen: Hochkomisch schildert Matti traditionelle Fress-, Sauf-, Rauf- und Saunagelage, die jeden Wikinger erblassen lassen würden. Als Matti eine verheerende, drastisch geschilderte Rattenvernichtungsaktion in Gang bringt, weiß er noch nicht, dass sie sein Leben verändern wird: sie bringt ihm die E-Gitarre ein, mit der er seinen Weg aus dem Tornedal beginnen wird, und ohne die dieses wundervolle Buch wahrscheinlich nie entstanden wäre.<br /> Faszinierendes Bild einer untergehenden Welt<br /> Niemi zeichnet hier das faszinierende Bild einer liebenswerten Minderheit, deren Sprache - das Tornedalfinnisch - nur gesprochen wird, und deren Identität wegen der wirtschaftlichen Außenseiterlage und den kargen Lebensbedingungen am Rande der Polarnacht vom Untergang bedroht ist. Wer Freude an liebevoll erzählten Anekdoten von wunderlichen Menschen und kuriosen Situationen hat, der wird dieses Buch lieben. (Andreas Rötzer)<br/><br/>"Dieses Buch ist einfach brillant. man lacht Tränen, wenn man es liest. Man kann gar nicht anders: man muß sich verlieben in jede Geschichte, in jede Figur. Am Ende ist man sogar ein wenig eifersüchtig. Ich habe mich jedenfalls dabei ertappt, wie ich mir gewünscht habe, auch dort oben aufgewachsen zu sein." (Tidningen Angermanland)<br/><br/>

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 03.12.2002

Die Hölle, das sind die Saunenden
Die gerettete Lippe: Mikael Niemi erzählt von den Wonnen und Wunden des Übergangs / Von Richard Kämmerlings

Gleich nachdem Gott Himmel und Erde geschaffen hatte, teilte er das Licht von der Finsternis. Bis solch obrigkeitliche Maßnahmen in der Provinz greifen, braucht es freilich seine Zeit, und so sind im nordschwedischen Tornedal die Tage und Nächte im Sommer oder Winter immer noch kaum voneinander zu unterscheiden. Als wollten die Menschen hier diesen Verstoß gegen die Schöpfungsordnung wiedergutmachen, halten sie sich in allen anderen Dingen des Lebens um so mehr an klare Unterscheidungen: Einheimischer oder Fremder, Kommunist oder Faschist, gläubig oder ungläubig, Mann oder Memme. Zwischenzustände sind nicht vorgesehen.

Der größte Vorwurf, den ein heranwachsender Junge in dieser Gegend zu gewärtigen hat, ist folglich, daß er knapsu, weibisch, sei. In alten Zeiten war das einfach: "Gardinenaufhängen, Stricken, Teppiche weben, mit der Hand melken, Blumengießen und Ähnliches" ist knapsu, "Holzfällen, die Elchjagd, mit Baumstämmen zimmern, flößen und sich auf dem Tanzboden prügeln" nicht. …

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kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Kindheit, Pubertät und Rock'n'Roll in einem Nest an der schwedisch-finnischen Grenze, die sechziger und siebziger Jahre in gut pointierten Episoden erzählt - Mikael Niemi, bisher als Lyriker und Kinderbuchautor hervorgetreten, hat seinen Sedaris gelesen, nur fehlt das amerikanisch Schnelle. Die Sentimentalität, die in Sedaris' besten Stücken plötzlich aus einem Meer von Gags auftaucht und einen dadurch fast brutal in die Trauer um die verlorene Zeit mithineinzieht, ist in "Populärmusik aus Vittula" der Grundton, Niemi fehlen Bösartigkeit und Verzweiflung, dem Buch somit Radikalität - und deswegen ist es nicht so gut, wie es in seinen besten Passagen zu sein scheint. Verstanden? Dann noch eine Warnung: Wer sich vor Ratten ekelt, nehme vom Kauf Abstand oder überschlage Kapitel 12. Alle anderen kaufen bitte das Buch wegen Kapitel 12. (aw)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 15.11.2002

Schwedens Wodkagürtel
Volle Dröhnung: Mikael Niemis Roman „Popmusik aus Vittula”
Wenn ein Roman, der von einer Kindheit und Pubertät im äußersten Norden Schwedens handelt, auf dem Thorong-La-Pass im nepalesischen Annapurna-Massiv beginnt, spricht das für die Ambition des Erzählers: Nach dem Prinzip „Das Höchste zuerst” hat er sich auf ein Niveau von fünfeinhalbtausend Metern über dem Meeresspiegel begeben, um auf seine Jugendzeit zurückzublicken. Doch erst ein erniedrigendes Missgeschick, das ihm in der Bergeinsamkeit widerfährt, schafft die Verbindung zwischen Einst und Jetzt. Was zu tun ist, wenn ein empfindlicher Körperteil an einem metallenen Gegenstand festfriert, lernt man in Nordschweden früh, und in Nepal rettet es einem womöglich das Leben. Der komische Vorfall hat im Prolog die Funktion eines Dammbruchs, nach welchem das leere Schreibheft des Wanderers sich endlich füllen kann. Und wenn man den Nachrichten aus der schwedischen Literaturszene glauben darf, dann hat das so entstandene Buch dort sämtliche Schleusen geöffnet, hinter denen die Landsleute des Autors Mikael Niemi sonst gern ihre Begeisterungsfähigkeit zurückhalten: …

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Mikael Niemi, Jahrgang 1959, ist erfolgreicher Autor zweier Gedichtsammlungen und einer Reihe von Kinder- und Jugendbüchern sowie des Romans "Populärmusik aus Vittula", der mit dem Augustpreis ausgezeichnet wurde.

Leseprobe zu "Populärmusik aus Vittula" von Mikael Niemi

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Leseprobe zu "Populärmusik aus Vittula" von Mikael Niemi

Der Erzähler wacht auf, beginnt den Berg zu besteigen und macht sich auf dem Thorong La-Pass lächerlich, woraufhin die Erzählung ihren Lauf nehmen kann.

Die Nacht in dem engen Bretterverschlag war saukalt. Als mein Reisewecker anfing zu piepsen, setzte ich mich mit einem Ruck auf, knüpfte das kleine Gesichtsfenster im Schlafsack auf und schob einen Arm in die kohlrabenschwarze Finsternis hinaus. Meine Finger tasteten in dem kalten Luftzug, der durch die Bretterritzen drang, zwischen Splittern und Sandkörnern immer weiter über die ungehobelten Bodenbretter, bis sie das kalte Plastik des Weckers und den Knopf zum Ausstellen fanden.

Eine Weile blieb ich still liegen, halb betäubt, mich an einem Baumstamm festklammernd, einen Arm ins Meer getaucht. Stille. Kälte. Kurze Atemzüge in der dünnen Luft. Im Körper spürte ich einen physischen Schmerz, als hätte ich die ganze Nacht mit angespannten Muskeln dagelegen.

Genau in diesem Moment sah ich ein, dass ich tot war.

Das Erlebnis ist schwer zu beschreiben. Es war, als würde der Körper entleert. Ich wurde zu Stein, zu einem unendlich großen, nasskalten Meteoriten. Und eingebettet tief in diesem Hohlraum lag etwas Fremdes, etwas Längliches, Weiches, Organisches. Eine Männerleiche. Sie gehörte nicht zu mir. Ich war aus Stein, ich umschloss nur diese erkaltete Gestalt wie ein riesiger, fest geschlossener Granitsarkophag.

Es dauerte zwei, höchstens drei Sekunden. Dann knipste ich meine Taschenlampe an. Das Ziffernblatt des Weckers zeigte Null und Null. Einen unheimlichen Moment lang befürchtete ich, dass die Zeit still stehe, dass sie nicht länger gemessen werden könnte. Dann aber wurde mir klar, dass es mir gelungen war, die Uhr auf Null zu stellen, als ich nach dem Aus-Knopf suchte. Meine Armbanduhr zeigte zwanzig Minuten nach vier in der Früh. Um das Atemloch des Schlafsacks hatte sich eine dünne Schicht Raureif gebildet. Es herrschten Minusgrade, obwohl ich mich drinnen befand. Ich wappnete mich gegen die Kälte und schlängelte mich vollkommen angezogen aus dem Schlafsack, und schob dann meine Füße in die eiskalten Wanderstiefel. Mit leichtem Unbehagen verstaute ich mein leeres Schreibheft im Rucksack.

Auch heute nichts. Kein Entwurf, nicht die kleinste Notiz.

Den Metallhaken der Tür geöffnet und hinaus in die Nacht. Der Sternenhimmel breitete seine Unendlichkeit aus. Eine Mondsichel schaukelte wie ein Ruderboot am Horizont, die Riesen des Himalaya ließen sich in alle Richtungen als spitze Silhouetten erahnen. Das Sternenlicht war so stark, dass es förmlich den Boden begoss, scharfe weiße Strahlen durch ein riesenhaftes Sieb rinnen ließ. Ich warf mir den Rucksack über, und schon diese kleine Anstrengung brachte mich zum Keuchen. Der Sauerstoffmangel ließ kleine Sternchen vor meinen Augen tanzen. Der Höhenhusten presste sich durch meine Kehle, trockenes Bellen, 4400 Meter über dem Meeresspiegel. Vor mir konnte ich den Pfad erkennen, der steil die steinige Bergwand hinauflief, bis er in der Dunkelheit verschwand. Langsam, ganz langsam begann ich zu klettern.

Der Thorong La-Pass, im Annapurnamassiv in Nepal. Höhe: 5415 Meter. Ich habe es geschafft. Endlich bin ich oben! Die Erleichterung ist so groß, dass ich mich auf den Rücken fallen lasse und nur noch keuche. Die Beine brennen vor Muskelkater, der Kopf pocht und schmerzt im ersten Stadium der Höhenkrankheit. Das Tageslicht ist beunruhigend gescheckt. Ein plötzlicher Windstoß kündigt schlechteres Wetter an. Die Kälte beißt in die Wangen, und ich sehe, wie eine Hand voll Bergsteiger eilig ihre Rucksäcke schultert und den Abstieg nach Muktinath beginnt.

Ich bleibe allein zurück. Kann es nicht über mich bringen, einfach so zu gehen, noch nicht. Immer noch außer Atem setze ich mich auf. Stütze mich an der Gipfelmarkierung mit ihren flatternden tibetanischen Gebetswimpeln ab. Der Pass besteht nur aus Felsen, ein steriler Kiesgrat ohne jede Vegetation. Auf beiden Seiten steigen die Gipfel empor, schwarze, raue Fassaden mit himmelweißen Gletschern.

Die ersten Schneeflocken peitschen in Windböen gegen die Jacke. Weniger schön. Wenn der Weg wieder einschneit, wird es gefährlich. Ich spähe nach hinten, aber es sind keine weiteren Wanderer mehr zu sehen. Ich sollte schauen, dass ich nach unten komme.

Aber jetzt noch nicht. Ich stehe auf dem höchsten Punkt, auf dem ich mich jemals befunden habe. Zunächst einmal muss ich Abschied nehmen. Zunächst einmal muss ich jemandem danken. Ein Impuls überkommt mich, ich lasse mich bei dem Gipfelstein auf die Knie fallen. Fühle mich zwar etwas lächerlich, aber ein weiterer Rundblick bestätigt, dass ich allein bin. Schnell beuge ich mich vor wie ein Moslem, den Hintern in der Luft, falle nach vorn und murmle ein Dankgebet. Und da gibt es eine Metallplatte mit eingravierten tibetanischen Buchstaben, eine Schrift, die ich nicht lesen kann, die aber Ernst und Frömmigkeit ausstrahlt, und ich beuge mich noch weiter hinunter und küsse den Text.

Das ist der Augenblick, in dem die Erinnerung sich mir öffnet. Ein Schwindel erregender Schacht hinab in meine Kindheit. Ein Rohr durch die Zeit, durch das jemand eine Warnung ruft, doch es ist zu spät.

Ich sitze fest.

Meine feuchten Lippen sind an einer tibetanischen Gebetsplatte festgefroren. Und als ich versuche, mich mit der Zunge zu befreien, friert auch sie an.

Jedes Kind in Norrland hat das wohl schon einmal erlebt. Ein eisiger Wintertag, ein Brückengeländer, ein Laternenpfahl, ein überfrorenes Stück Eisen. Meine Erinnerung ist plötzlich glasklar. Ich bin fünf Jahre alt und lecke mich am Türschloss am Eingang in Pajala fest. Zunächst grenzenlose Verblüffung. Ein Türschloss, das problemlos mit Handschuhen oder einem nackten Finger berührt werden kann. Jetzt zu einer teuflischen Falle geworden. Ich versuche zu schreien, aber das ist nicht so einfach, wenn die Zunge festgefroren ist. Ich rudere mit den Armen, versuche mich mit Gewalt zu befreien, muss aber wegen der Schmerzen aufgeben. Die Kälte führt dazu, dass die Zunge taub wird, ein Geschmack nach Blut füllt den Mund. Verzweifelt trete ich gegen die Tür und stoße desperat aus: "Ääähhh, ääähhh ..."

Da kommt Mutter. Sie kippt eine Schale warmes Wasser über meinen Mund, das Wasser läuft übers Schloss, meine Lippen kommen frei. Hautfetzen bleiben auf dem Metall zurück, und ich schwöre, dass mir so was nie wieder passiert.

"Ääähhh, ääähhh", murmle ich, während der Schnee jetzt dichter fällt. Niemand hört mich. Sollten noch ein paar Wanderer auf dem Weg nach oben sein, kehren sie jetzt mit Sicherheit um. Mein Hintern ragt in die Höh, der Wind bläst kräftig und kühlt ihn. Mein Mund verliert langsam das Gefühl. Ich ziehe mir die Handschuhe aus und versuche mich mit der Wärme der Hände loszueisen, stoße keuchend warmen Atem heraus. Aber es ist zwecklos. Das Metall saugt die Wärme auf, bleibt selbst aber gleich bleibend kalt. Ich versuche aufzustehen, die Metallplatte loszuruckeln. Aber sie ist festgegossen, bewegt sich keinen Millimeter. Der kalte Schweiß macht mir den Rücken nass. Der Wind zwängt sich unter das Jackenbündchen und lässt mich erschauern. Tief liegende Wolken ziehen herauf und hüllen den Pass in Nebel ein.

Gefährlich. Verdammt gefährlich. Die Panik wird immer größer. Ich werde hier sterben. Festgefroren an eine tibetanische Gebetsplatte werde ich niemals die Nacht überstehen können.

Es gibt nur noch eine Möglichkeit. Ich muss mich losreißen.

Bei dem Gedanken wird mir schlecht. Aber ich habe keine andere Wahl. Zerre zunächst ein bisschen zur Probe. Spüre den Schmerz bis in die Zungenwurzel hinein. Eins ... ' zwei ... ' und die letzte Zahl heißt ...

Rot. Blut. Und ein Schmerz, der mich mit der Stirn gegen die Metallplatte schlagen lässt. Es geht nicht. Der Mund sitzt immer noch so bombenfest wie vorher. Ich verliere noch mein Gesicht, wenn ich härter aufschlage.Ein Messer. Wenn ich wenigstens ein Messer hätte. Ich taste mit dem Fuß nach dem Rucksack, aber der liegt mehrere Meter weit entfernt.

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