Leseprobe zu "Populärmusik aus Vittula" von Mikael Niemi
Der Erzähler wacht auf, beginnt den Berg zu besteigen und macht sich auf dem Thorong La-Pass lächerlich, woraufhin die Erzählung ihren Lauf nehmen kann.
Die Nacht in dem engen Bretterverschlag war saukalt. Als mein Reisewecker anfing zu piepsen, setzte ich mich mit einem Ruck auf, knüpfte das kleine Gesichtsfenster im Schlafsack auf und schob einen Arm in die kohlrabenschwarze Finsternis hinaus. Meine Finger tasteten in dem kalten Luftzug, der durch die Bretterritzen drang, zwischen Splittern und Sandkörnern immer weiter über die ungehobelten Bodenbretter, bis sie das kalte Plastik des Weckers und den Knopf zum Ausstellen fanden.
Eine Weile blieb ich still liegen, halb betäubt, mich an einem Baumstamm festklammernd, einen Arm ins Meer getaucht. Stille. Kälte. Kurze Atemzüge in der dünnen Luft. Im Körper spürte ich einen physischen Schmerz, als hätte ich die ganze Nacht mit angespannten Muskeln dagelegen.
Genau in diesem Moment sah ich ein, dass ich tot war.
Das Erlebnis ist schwer zu beschreiben. Es war, als würde der Körper entleert. Ich wurde zu Stein, zu einem unendlich großen, nasskalten Meteoriten. Und eingebettet tief in diesem Hohlraum lag etwas Fremdes, etwas Längliches, Weiches, Organisches. Eine Männerleiche. Sie gehörte nicht zu mir. Ich war aus Stein, ich umschloss nur diese erkaltete Gestalt wie ein riesiger, fest geschlossener Granitsarkophag.
Es dauerte zwei, höchstens drei Sekunden. Dann knipste ich meine Taschenlampe an. Das Ziffernblatt des Weckers zeigte Null und Null. Einen unheimlichen Moment lang befürchtete ich, dass die Zeit still stehe, dass sie nicht länger gemessen werden könnte. Dann aber wurde mir klar, dass es mir gelungen war, die Uhr auf Null zu stellen, als ich nach dem Aus-Knopf suchte. Meine Armbanduhr zeigte zwanzig Minuten nach vier in der Früh. Um das Atemloch des Schlafsacks hatte sich eine dünne Schicht Raureif gebildet. Es herrschten Minusgrade, obwohl ich mich drinnen befand. Ich wappnete mich gegen die Kälte und schlängelte mich vollkommen angezogen aus dem Schlafsack, und schob dann meine Füße in die eiskalten Wanderstiefel. Mit leichtem Unbehagen verstaute ich mein leeres Schreibheft im Rucksack.
Auch heute nichts. Kein Entwurf, nicht die kleinste Notiz.
Den Metallhaken der Tür geöffnet und hinaus in die Nacht. Der Sternenhimmel breitete seine Unendlichkeit aus. Eine Mondsichel schaukelte wie ein Ruderboot am Horizont, die Riesen des Himalaya ließen sich in alle Richtungen als spitze Silhouetten erahnen. Das Sternenlicht war so stark, dass es förmlich den Boden begoss, scharfe weiße Strahlen durch ein riesenhaftes Sieb rinnen ließ. Ich warf mir den Rucksack über, und schon diese kleine Anstrengung brachte mich zum Keuchen. Der Sauerstoffmangel ließ kleine Sternchen vor meinen Augen tanzen. Der Höhenhusten presste sich durch meine Kehle, trockenes Bellen, 4400 Meter über dem Meeresspiegel. Vor mir konnte ich den Pfad erkennen, der steil die steinige Bergwand hinauflief, bis er in der Dunkelheit verschwand. Langsam, ganz langsam begann ich zu klettern.
Der Thorong La-Pass, im Annapurnamassiv in Nepal. Höhe: 5415 Meter. Ich habe es geschafft. Endlich bin ich oben! Die Erleichterung ist so groß, dass ich mich auf den Rücken fallen lasse und nur noch keuche. Die Beine brennen vor Muskelkater, der Kopf pocht und schmerzt im ersten Stadium der Höhenkrankheit. Das Tageslicht ist beunruhigend gescheckt. Ein plötzlicher Windstoß kündigt schlechteres Wetter an. Die Kälte beißt in die Wangen, und ich sehe, wie eine Hand voll Bergsteiger eilig ihre Rucksäcke schultert und den Abstieg nach Muktinath beginnt.
Ich bleibe allein zurück. Kann es nicht über mich bringen, einfach so zu gehen, noch nicht. Immer noch außer Atem setze ich mich auf. Stütze mich an der Gipfelmarkierung mit ihren flatternden tibetanischen Gebetswimpeln ab. Der Pass besteht nur aus Felsen, ein steriler Kiesgrat ohne jede Vegetation. Auf beiden Seiten steigen die Gipfel empor, schwarze, raue Fassaden mit himmelweißen Gletschern.
Die ersten Schneeflocken peitschen in Windböen gegen die Jacke. Weniger schön. Wenn der Weg wieder einschneit, wird es gefährlich. Ich spähe nach hinten, aber es sind keine weiteren Wanderer mehr zu sehen. Ich sollte schauen, dass ich nach unten komme.
Aber jetzt noch nicht. Ich stehe auf dem höchsten Punkt, auf dem ich mich jemals befunden habe. Zunächst einmal muss ich Abschied nehmen. Zunächst einmal muss ich jemandem danken. Ein Impuls überkommt mich, ich lasse mich bei dem Gipfelstein auf die Knie fallen. Fühle mich zwar etwas lächerlich, aber ein weiterer Rundblick bestätigt, dass ich allein bin. Schnell beuge ich mich vor wie ein Moslem, den Hintern in der Luft, falle nach vorn und murmle ein Dankgebet. Und da gibt es eine Metallplatte mit eingravierten tibetanischen Buchstaben, eine Schrift, die ich nicht lesen kann, die aber Ernst und Frömmigkeit ausstrahlt, und ich beuge mich noch weiter hinunter und küsse den Text.
Das ist der Augenblick, in dem die Erinnerung sich mir öffnet. Ein Schwindel erregender Schacht hinab in meine Kindheit. Ein Rohr durch die Zeit, durch das jemand eine Warnung ruft, doch es ist zu spät.
Ich sitze fest.
Meine feuchten Lippen sind an einer tibetanischen Gebetsplatte festgefroren. Und als ich versuche, mich mit der Zunge zu befreien, friert auch sie an.
Jedes Kind in Norrland hat das wohl schon einmal erlebt. Ein eisiger Wintertag, ein Brückengeländer, ein Laternenpfahl, ein überfrorenes Stück Eisen. Meine Erinnerung ist plötzlich glasklar. Ich bin fünf Jahre alt und lecke mich am Türschloss am Eingang in Pajala fest. Zunächst grenzenlose Verblüffung. Ein Türschloss, das problemlos mit Handschuhen oder einem nackten Finger berührt werden kann. Jetzt zu einer teuflischen Falle geworden. Ich versuche zu schreien, aber das ist nicht so einfach, wenn die Zunge festgefroren ist. Ich rudere mit den Armen, versuche mich mit Gewalt zu befreien, muss aber wegen der Schmerzen aufgeben. Die Kälte führt dazu, dass die Zunge taub wird, ein Geschmack nach Blut füllt den Mund. Verzweifelt trete ich gegen die Tür und stoße desperat aus: "Ääähhh, ääähhh ..."
Da kommt Mutter. Sie kippt eine Schale warmes Wasser über meinen Mund, das Wasser läuft übers Schloss, meine Lippen kommen frei. Hautfetzen bleiben auf dem Metall zurück, und ich schwöre, dass mir so was nie wieder passiert.
"Ääähhh, ääähhh", murmle ich, während der Schnee jetzt dichter fällt. Niemand hört mich. Sollten noch ein paar Wanderer auf dem Weg nach oben sein, kehren sie jetzt mit Sicherheit um. Mein Hintern ragt in die Höh, der Wind bläst kräftig und kühlt ihn. Mein Mund verliert langsam das Gefühl. Ich ziehe mir die Handschuhe aus und versuche mich mit der Wärme der Hände loszueisen, stoße keuchend warmen Atem heraus. Aber es ist zwecklos. Das Metall saugt die Wärme auf, bleibt selbst aber gleich bleibend kalt. Ich versuche aufzustehen, die Metallplatte loszuruckeln. Aber sie ist festgegossen, bewegt sich keinen Millimeter. Der kalte Schweiß macht mir den Rücken nass. Der Wind zwängt sich unter das Jackenbündchen und lässt mich erschauern. Tief liegende Wolken ziehen herauf und hüllen den Pass in Nebel ein.
Gefährlich. Verdammt gefährlich. Die Panik wird immer größer. Ich werde hier sterben. Festgefroren an eine tibetanische Gebetsplatte werde ich niemals die Nacht überstehen können.
Es gibt nur noch eine Möglichkeit. Ich muss mich losreißen.
Bei dem Gedanken wird mir schlecht. Aber ich habe keine andere Wahl. Zerre zunächst ein bisschen zur Probe. Spüre den Schmerz bis in die Zungenwurzel hinein. Eins ... ' zwei ... ' und die letzte Zahl heißt ...
Rot. Blut. Und ein Schmerz, der mich mit der Stirn gegen die Metallplatte schlagen lässt. Es geht nicht. Der Mund sitzt immer noch so bombenfest wie vorher. Ich verliere noch mein Gesicht, wenn ich härter aufschlage.Ein Messer. Wenn ich wenigstens ein Messer hätte. Ich taste mit dem Fuß nach dem Rucksack, aber der liegt mehrere Meter weit entfernt.
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