 | Besprechung von 16.03.2003 |
Der Peloponnesische KriegIm Jahr 432 vor Christus gab es das Wort "Globalisierung" noch nicht. Es gab noch nicht mal richtiges Hochlatein, und es gab auch kein römisches Imperium. Alles, was es - jedenfalls in unserem Teil der Welt - gab, war (außer den paar Holzhütten, die damals "Rom" hießen, und einem Dutzend Etruskerstädte) ein langsam verfallendes persisches Landreich und ein griechisches Seehandelsreich. Letzteres gehörte den Athenern, die sich aber nichts aus Monarchen und Despoten machten; deshalb hatten sie eine Bundesgenossenschaft gegründet, die nach dem Prinzip einer Raiffeisenbank funktionierte: Die Partner - so gut wie alle ägäischen Inseln, dazu Städte und Landschaften an den Küsten ringsum - zahlen ein, Athen hütet die Kasse. Das ging eine Weile gut, dann merkten die Genossen, daß sie meistens viel mehr einzahlten, als sie herausbekamen. Also bildete sich Gegendruck. Dessen Epizentrum war Sparta, wo die hellenische Tradition gehütet wurde und Männer mit Eisenmuskeln und kurzen Röcken Blutsuppe aßen und ihre Frauen schlugen. Also doch das alte Spiel: Regionalismus versus Globalisierung. Und das 432 vor Christus! In diesem Jahr also …
Zu den unvergänglichen Vorurteilen zeitgenössischer Lebenspraxis gehört die Meinung, für den Urlaub seien nur leicht lesbare Schmöker geeignet. ... In Wahrheit ist nichts enttäuschender, als in den Ferien, wenn endlich der Kopf frei geworden ist, mit Büchern umzugehen, die leichter zu durchschauen sind als die örtlichen Bustarife. ... Wir empfehlen ein Reclam-Büchlein mit der deutschen Übersetzung von Helmuth Vretska, in Gewicht und Größe zwei Tafeln Schokolade entsprechend. ... Der Leser bekommt nicht nur Einblick in die Nervosität, Rachsucht, Heimtücke der alten Griechen, die nach der Lektüre niemand mehr für ein vorbildlich klassisches Volk halten wird. Er bekommt auch einen Einblick in die politische Dynamik der Macht, die sich unabhängig von Güte oder Schlechtigkeit der Beteiligten entfaltet. <em>Jens Jessen in der "Zeit"</em><br/><br/>Helmuth Vretska, der 1966 eine Teilübersetzung im Reclam-Verlag vorlegte, wählte bei größtmöglicher Nähe zum Original einen leserfreundlichen Weg, sein früher und unerwarteter Tod verhinderte allerdings die Vollendung seines Werks. Daher übernahm es Werner Rinner im Auftrag des Reclam-Verlags, die Lücken zu schließen. Er bemühte sich mit Erfolg, die neu übersetzten Passagen (Teile des 2., 3., 4. und 5. Buches und das gesamte 8. Buch) mit der Vretska-Übersetzung in Einklang zu bringen. (...) Fazit: Die vorliegende Übersetzung ist sehr exakt, stilistisch ansprechend und trotzdem klar und zeitgemäß genug, um auch dem interessierten Laien einen Zugang zu Thukydides zu eröffnen. <em>IANUS - Informationen zum Altsprachlichen Unterricht</em>
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Wolfgang Will vergleicht hier vor allem die vorliegende Übersetzung Vretskas, der 1993 starb und dessen Arbeit von Werner Rinner fortgeführt wurde, mit der Übersetzung G.P. Landmanns von 1960. Vretska ermöglicht nach Ansicht des Rezensenten dabei einen "leichteren Zugang" zum Werk als Landmann, was er durch einen "Verzicht auf sprachliche Prononcierung" erklärt, ohne dass Vretska dabei zu vereinfachenden Maßnahmen gegriffen habe. Landmanns Text hingegen macht auf ihn einen "literarisch ambitionierteren" Eindruck, Vretskas Version wiederum besteche durch Genauigkeit. Gut scheint dem Rezensenten zu gefallen, dass Vretska völlig auf "Modewörter, die Aktualität suggerieren, eine Übersetzung aber schnell altern lassen" verzichtet. Die Fortführung der Übersetzung durch Rinner hält der Rezensent für gelungen, zumal sich dieser an Vretskas Stil weitgehend orientiert habe. Insgesamt kommt Will jedoch zu dem Schluss, dass Landmanns Version stärker "sprachliche Faszination" vermittelt. Kritik äußert Will am Verlag. Zwar weiß er die Paragraphenzählung zu schätzen, doch bemängelt er, dass Vretskas Vorwort nun als Nachwort erscheint und nicht aktualisiert worden ist, sowie die Tatsache, dass der Gesamtindex aus der Landmann-Übersetzung einfach kopiert worden ist.
© Perlentaucher Medien GmbH
 | Besprechung von 12.04.2003 |
Vom Krieg demokratischer Reiche
Wann hackt man den Weinberg des Feindes um? „Der Peloponnesische
Krieg” des Thukydides erscheint in einer Neuausgabe
Siebenhundert Jahre lang schon besteht die kleine unabhängige
Gemeinde von Melos, einer Insel im Agäischen Meer. Nun aber ist
sie, ob es ihr passt oder nicht, ins Kräftefeld des Großen Krieges
geraten, der zwischen Sparta und Athen tobt. Melos wünscht seine
Neutralität zu wahren und beruft sich auf das Prinzip des Rechts;
Athen jedoch will Melos zum Beitritt in seinen Seebund zwingen und
schickt Gesandte, deren Botschaft lautet: „Das aber möchten wir
euch dartun, dass wir hergekommen sind unserem Reich zur Mehrung
und jetzt diese Reden führen wollen eurer Stadt zur Rettung; denn
so würden wir ohne Mühe eure Herrn, und ihr bliebet zu beider
Nutzen heil. ”
Die Melier: „Und wie brächte uns der Verlust der Freiheit Nutzen,
so wie euch die gewonnene Herrschaft?”
Die Athener: „Weil ihr, statt das Entsetzlichste zu leiden, euch
unterordnen dürftet und wir, wenn wir euch nicht vertilgen, dabei
gewönnen.”
Melos hat Mut und widersetzt sich der athenischen Drohung; Athen
greift an, …
Zu den unvergänglichen Vorurteilen zeitgenössischer Lebenspraxis gehört die Meinung, für den Urlaub seien nur leicht lesbare Schmöker geeignet. ... In Wahrheit ist nichts enttäuschender, als in den Ferien, wenn endlich der Kopf frei geworden ist, mit Büchern umzugehen, die leichter zu durchschauen sind als die örtlichen Bustarife. ... Wir empfehlen ein Reclam-Büchlein mit der deutschen Übersetzung von Helmuth Vretska, in Gewicht und Größe zwei Tafeln Schokolade entsprechend. ... Der Leser bekommt nicht nur Einblick in die Nervosität, Rachsucht, Heimtücke der alten Griechen, die nach der Lektüre niemand mehr für ein vorbildlich klassisches Volk halten wird. Er bekommt auch einen Einblick in die politische Dynamik der Macht, die sich unabhängig von Güte oder Schlechtigkeit der Beteiligten entfaltet. 'Jens Jessen in der "Zeit"' Helmuth Vretska, der 1966 eine Teilübersetzung im Reclam-Verlag vorlegte, wählte bei größtmöglicher Nähe zum Original einen leserfreundlichen Weg, sein früher und unerwarteter Tod verhinderte allerdings die Vollendung seines Werks. Daher übernahm es Werner Rinner im Auftrag des Reclam-Verlags, die Lücken zu schließen. Er bemühte sich mit Erfolg, die neu übersetzten Passagen (Teile des 2., 3., 4. und 5. Buches und das gesamte 8. Buch) mit der Vretska-Übersetzung in Einklang zu bringen. (...) Fazit: Die vorliegende Übersetzung ist sehr exakt, stilistisch ansprechend und trotzdem klar und zeitgemäß genug, um auch dem interessierten Laien einen Zugang zu Thukydides zu eröffnen. 'IANUS - Informationen zum Altsprachlichen Unterricht'
"Zu den unvergänglichen Vorurteilen zeitgenössischer Lebenspraxis gehört die Meinung, für den Urlaub seien nur leicht lesbare Schmöker geeignet. ... In Wahrheit ist nichts enttäuschender, als in den Ferien, wenn endlich der Kopf frei geworden ist, mit Büchern umzugehen, die leichter zu durchschauen sind als die örtlichen Bustarife. ... Wir empfehlen ein Reclam-Büchlein mit der deutschen Übersetzung von Helmuth Vretska, in Gewicht und Größe zwei Tafeln Schokolade entsprechend. ... Der Leser bekommt nicht nur Einblick in die Nervosität, Rachsucht, Heimtücke der alten Griechen, die nach der Lektüre niemand mehr für ein vorbildlich klassisches Volk halten wird. Er bekommt auch einen Einblick in die politische Dynamik der Macht, die sich unabhängig von Güte oder Schlechtigkeit der Beteiligten entfaltet." -- Jens Jessen in der 'Zeit' "Helmuth Vretska, der 1966 eine Teilübersetzung im Reclam-Verlag vorlegte, wählte bei größtmöglicher Nähe zum Original einen leserfreundlichen Weg, sein früher und unerwarteter Tod verhinderte allerdings die Vollendung seines Werks. Daher übernahm es Werner Rinner im Auftrag des Reclam-Verlags, die Lücken zu schließen. Er bemühte sich mit Erfolg, die neu übersetzten Passagen (Teile des 2., 3., 4. und 5. Buches und das gesamte 8. Buch) mit der Vretska-Übersetzung in Einklang zu bringen. (...) Fazit: Die vorliegende Übersetzung ist sehr exakt, stilistisch ansprechend und trotzdem klar und zeitgemäß genug, um auch dem interessierten Laien einen Zugang zu Thukydides zu eröffnen." -- IANUS - Informationen zum Altsprachlichen Unterricht
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20