Leseprobe zu "Die Spur des Teufels" von John Burnside
In Coldhaven, einem kleinen Fischernest an der Ostküste Schottlands, wachten die Menschen vor langer Zeit an einem düsteren Morgen Mitte Dezember auf und sahen nicht nur, dass ihre Häuser tief und traumverloren unter einer so dicken Decke Schnee begraben lagen, wie sie nur ein- oder zweimal in jeder Generation ausgebreitet wird, sondern dass darüber hinaus, während sie geschlafen hatten, etwas Seltsames geschehen war, etwas, was sie sich nur mit Geschichten und Gerüchten zu erklären wussten, die sie allerdings, da sie ein braves und gottesfürchtiges Volk waren, höchst ungern weitererzählten, Geschichten, in denen der Teufel vorkam oder ein Gespenst, Geschichten, die widerstrebend eine verborgene Macht in der Welt anerkannten, deren Vorhandensein sie die meiste Zeit lieber ignorierten. Coldhaven sah in jenen Tagen kaum anders aus als heute, ein Gewirr aus Häusern, Gärten und mit Unrat übersäten Bootsliegeplätzen, das sich in engen, regenfarbenen Straßen und schmalen Kopfsteinpflastergassen zum Meer hinabzog. Die Menschen damals waren die Vorfahren jener Nachbarn, mit denen ich seit nunmehr über dreißig Jahren zusammenlebe: ein raues Seefahrervolk mit sonderbarem Aberglauben, ureigener Logik und Erinnerungen an Sandbänke, Gezeiten und die Tücken der See; doch auch wenn ihre Kindeskinder den nahen Bezug zum Meer verloren haben, glaube ich, diese Menschen zu kennen, wenn auch nur ein wenig und wie aus großer Entfernung. Es mag reine Phantasie sein, so selten diese auch vorkommt, doch bilde ich mir ein, ich könnte in ihren lethargischen Abkömmlingen die Geister jener alten Seefahrer ausmachen, die allzu viele Male gezwungen waren, sich durch dichten Nebel oder gnadenlosen Sturm den Weg nach Hause zu suchen, oder die jener Frauen, deren Blick am Horizont nicht innehielt, sondern weiterwanderte zu den Riffen und Untiefen, die sie nur von Karten und Wettervorhersagen kannten, was sie zu Seherinnen machte, zu Orakeln und Harpyien. Es muss eine grauenhafte Last für sie gewesen sein, eine schreckliche, wenn auch alltägliche Fertigkeit, diese für wenige kritische Augenblicke entwickelte und auf ein ganzes Leben ausgeweitete, zu starren Mienen der Voraussicht und Vorahnung verzerrte und entstellte Sehweise. Einen solchen Blick habe ich sogar in den Augen der Postbotin erkannt, eine Gabe, die sie nicht braucht, die sie aber auch nicht ablegen kann. Letzte flüchtige Spuren davon fand ich selbst in den Augen von Schulmädchen und einigen jungen Frauen, die, während sie ihrer Arbeit nachgingen, auf die Katastrophe warteten.
Jene, die am lang vergangenen Wintermorgen als Erste aus den Betten waren, die Bäcker und Schiffsausrüster, Frauen, die aus dem Haus traten, um Kohlen zu holen, und Männer, die an diesem Tag nicht zum Fischen gefahren, aber aus Gewohnheit oder Rastlosigkeit früh aufgestanden waren; sie sollten die Ersten sein, die jenes Phänomen bemerkten, das die ganze Stadt später "die Spur des Teufels" nannte, eine Bezeichnung, die nicht nur haftenblieb, sondern aus Gründen, die sich die Bewohner von Coldhaven nie eingestanden, zugleich eine verschroben klingende Umschreibung dessen war, was für Außenstehende und die eigene Nachwelt stets in Unglaube oder Ironie gehüllt bleiben sollte. Die Spur des Teufels: ein Titel wie der einer Ballade oder eines an einem verregneten Nachmittag aus der Bücherei entliehenen und später als eine seltsame alte Ansammlung von Unsinn abgetanen Buches, Worte, die stets nur gleichsam mit Anführungszeichen ausgesprochen wurden, falls man sie denn überhaupt laut aussprach, so als wäre der von ihnen gewählte Name für das Gesehene von der falschen Seite des Jenseits gekommen, geradeso wie die Spuren im Schnee, diese sauberen, tintenklecksigen Fährten eines spalthufigen Wesens, einer Kreatur, die nicht nur auf zwei Beinen von einem Ende des Städtchens zum anderen durch die Straßen und Gassen spaziert, sondern auch die Hausmauern hinaufgestapft war und hohe, von Krähenspuren übersäte Dächer auf ihrem schnurgeraden Weg über die Schlafgemächer hinweg überquert hatte. Auf der Suche nach einer Erklärung, die es ihnen erlaubte, unbeschwert und sorgenfrei an ihre Küchenherde zurückzukehren, zu ihren Fischernetzen und Spülbecken, sollten sie das Phänomen später ein wenig genauer in Augenschein nehmen und feststellen, dass die Spuren an der Küste begannen, gleich vor dem kleinen Friedhof am westlichen Ende der Stadt, so als wäre das Geschöpf dem Meer entstiegen, hätte den schmalen, flutgespülten Strand überquert, auf dem kein Schnee liegen geblieben war, um dann lautlos und zielgerichtet über die James Street zu staksen, der Shore Street zu folgen, das Dach der Kirche hinauf und wieder hinab, über das Rinnsal von einem Bach zu hüpfen, der Coldhaven Wester von Coldhaven Easter trennte, und so weiter, auf und ab, über die Dächer der Häuser in der Toll Wynd zu laufen, ehe es sich am anderen Ende dann in die Felder schlug, dem Landesinneren zu, wohin ihm zu folgen niemand der Sinn gestanden hatte. Sie sollten nie erfahren, wie weit jene Reihe ordentlicher schwarzer Abdrücke noch reichte, nur waren sie sich später, als der Schnee schmolz und Gegenteiliges nicht mehr hätte bewiesen werden können, hinsichtlich der Natur der Kreatur, die diese Spuren hinterlassen hatte, alle sicher oder doch zumindest einig. Das waren nicht die Fußspuren eines Menschen, sagten sie, auch nicht die eines Tieres, jedenfalls keines Wesens, weder vom Lande noch aus der See, das man in diesen Teilen der Welt je gesichtet hätte. Es waren scharf umrissene, dunkle Hufabdrücke, die Spuren eines trittsicheren Geschöpfs, das sich rasch - der Eindruck schneller Bewegung war unbestritten, wenn auch durch nichts belegt - durch ihre eng bebaute Siedlung bewegt hatte, so als flöhe es vor einem grausigen, übernatürlichen Entschluss oder jagte ihm hinterher. Es gab welche, die behaupteten, es müsse eine vernünftige Erklärung für dieses Phänomen geben, jene, die meinten, alles unter dem Himmel müsse sich erklären lassen, denn Gott allein entzöge sich der Erkenntnis, doch fanden sich die meisten Einwohner mit der Behauptung ab, es sei der Teufel gewesen, der vorbeigekommen war, ein Geschöpf, das man nie gänzlich für real gehalten, aber dennoch für eben eine solche Gelegenheit in Reserve gehalten hatte, so wie den Butzemann, die Elfen oder übrigens auch Gott selbst.
Das war natürlich nur Gerede. Mir wurde diese Geschichte als Kind erzählt, beziehungsweise habe ich sie damals heimlich aufgeschnappt. Ich habe hier ein Bruchstück gehört, dort einige Schnipsel erlauscht und sie nach und nach zusammengesetzt, Details hinzugefügt, Verbesserungen angebracht, habe sie lebhafter gestaltet, freundlicher, rätselhafter und überzeugender. Habe sie erfunden. Ich stellte mir die Fußspuren vor, wie sie durch einen schmalen, schneebedeckten Garten verliefen, über das Dach einer Räucherkammer tänzelten, und ich folgte ihnen den Hügel hinauf und weiter, vorbei an Mrs.
Collings' Haus, den halb zerfallenen Überresten von Ceres House und dem alten Kalkschuppen. Ich stellte mir ein Kind am Schlafzimmerfenster vor, einen Jungen wie jener Junge, der ich damals gewesen war, als ich noch in der Cockburn Street wohnte, wie er im ersten Licht in den wundersam fallenden Schnee starrte und die tiefen schwarzen Abdrücke in der frisch glitzernden Kruste entdeckte. Ich stellte mir den Teufel vor, wie er über Kamine stiefelte: kein Mensch, nicht ganz jedenfalls, aber doch ein lebendiges Geschöpf, irgendetwas zwischen Engel und Bestie, zwischen Ariel und Caliban. Mein Verstand sagte mir, dass es nicht realer als der Nikolaus oder der weißgesichtige Erzengel in meiner illustrierten Kinderbibel sein konnte, doch mit dem Herzen glaubte ich ausnahmslos an sie alle. Als ich in der Schule nachfragte, reagierten die Lehrer verlegen, taten mich lachend ab oder machten sich, wie einmal Mrs. Heinz, meine Lehrerin in der dritten Klasse, die Mühe, das Unerklärbare doch zu erklären. Die Geschichte, sagte sie, sei ein alter Mythos, den es schon länger als die Christen in diesem Land gebe. Manche behaupteten, der Teufel sei ein alter heidnischer Gott, ein piktischer Geist, der in dieser Gegend gehaust habe; allerdings sei es selten, solche Geschichten an der Küste zu hören, denn eigentlich gehörten sie in die Bauerndörfer und dunklen Wälder im Landesinnern. Hier, am Wasser, drehten sich die Mythen eher um Untiefen im Meer, um Wellengeister und seltsame Fabelwesen, die sich in den Netzen verfingen, halb Fisch, halb Mensch. Es sei nichts Böses an diesen alten Geschichten, sagte sie, solange man nicht vergesse, dass es eben nur Geschichten seien. Dann lieh sie mir ein Buch mit dem Titel Mythen und Legenden der Griechen und Römer und trug mir auf, es zu lesen. Das tat ich, aber darin stand nicht, wonach ich gesucht hatte.
Der Evening Herald Fast auf den Tag genau vor einem Jahr fand man eine Frau namens Moira Birnie sowie ihre beiden Söhne, den vierjährigen Malcolm und den dreijährigen Jimmie, tot in einem ausgebrannten Auto sieben Meilen vor Coldhaven. Moira war zweiunddreißig und mit einem Mann namens Tom Birnie verheiratet, einem harten Burschen, mit dem sie eine Parterrewohnung am klammen, unteren Ende der Mashall's Wynd teilte. Eine Wohnung, die ihr, wie ich zufällig weiß, vom heute ebenfalls bereits verstorbenen Henry Hunter vermietet wurde, zu seiner Zeit ein notorisch knausriger Hausherr und Unternehmer, dessen Ruf, eine Vorliebe für zweifelhafte Geschäfte zu haben, dreißig Jahre und länger bis in jene Zeit zurückreichte, in der er sein erstes Haus gekauft hatte, drüben, gleich neben der Imbissbude in der Sandhaven Road, um es - mitsamt maroder Elektrik und schlechter Belüftung - an eine Gruppe Studenten vom Fischereikolleg zu vermieten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Tom und Moira Birnie eine hohe Miete für ihre Behausung bezahlt haben, doch wie viel es auch gewesen sein mochte, es war zu viel. Henry Hunter war schließlich für seine Habgier bekannter als für sein Verantwortungsgefühl.
Die Lokalpresse berichtete über das Feuer und stellte es anfangs als außergewöhnlichen Unfall dar, doch als weitere Einzelheiten bekannt wurden und sich das ganze Ausmaß dessen, was Moira getan hatte, abzuzeichnen begann, wurde der Fall auch von der Landespresse aufgegriffen. Zufällig erfuhr ich von den Ereignissen, die zu der Tragödie führten, sowie die grausigen Details des Brandes erst am Samstag nach der Tat, als Amanda drüben auf Besuch bei ihrer Mutter war. Ich breite die Samstagszeitungen gern auf dem ganzen Küchentisch aus, löse Kreuzworträtsel, lese die ein oder andere merkwürdige Geschichte, halte mich hinsichtlich dessen, was während der Woche passiert ist, auf dem Laufenden und schneide mir Rätsel, Rezensionen und interessante Artikel für später aus. Möglicherweise hätte ich diesen Artikel übersehen, hätte die Polizei nicht zwei Tage zuvor eine Meldung veröffentlicht, der zufolge das Feuer im Auto absichtlich gelegt worden war und man den Fall nun als verdächtig einstufe. Als die großen Zeitungen Wind von der Sache bekamen, wurde daraus eine Titelstory, eine Geschichte von tragischen, gar verabscheuungswürdigen Ausmaßen: Moira Birnie hatte ihre kleinen Söhne betäubt, war auf einen abgelegenen, sandigen Weg nahe einer örtlichen Touristenattraktion gefahren und hatte dann den Wagen, in dem sie mit ihren Jungen saß, angezündet. Niemand schien zu wissen, was sie zu dieser Tat veranlasst hatte, aber die maßgeblichen Stellen hegten keinen Zweifel, bei wem die Schuld lag. Die einzige Frage, die jedermann beschäftigte, lautete: Wie konnte eine Frau, eine Mutter, so etwas Schreckliches tun? Und warum hatte sie nur die Jungen getötet, nicht aber die vierzehnjährige Tochter, die sie zuvor auf einem einsamen Feld allein und verängstigt abgesetzt hatte?
Ich las den Artikel nach dem Kreuzworträtsel im Scotsman und vor den Literaturseiten des Guardian. Natürlich fand ich den Vorfall entsetzlich, und mich faszinierte die Tatsache, dass es in der Nachbarschaft geschehen war, doch brauchte ich ein, zwei Minuten, um zu begreifen, dass ich die Hauptfigur in der Geschichte kannte: Moira Birnie, vielmehr Moira Kennedy, denn unter diesem Namen hatte ich sie früher gekannt, eine beinahe hübsch zu nennende Achtzehnjährige mit strahlendem, leicht nervösem Lächeln und - heute scheint dies unwichtig, aber es war das Erste, was mir auffiel, als ich sie kennenlernte, und das Erste, woran ich mich erinnerte, als ich von ihrem tragischen Ende las - mit Beinen, wie man sie sonst nur in Reklamen für Seidenstrümpfe sieht. Wenn ich sage, dass ich sie kannte, dann meine ich damit, dass ich eine Zeit lang mit ihr gegangen bin und glaubte, in sie verliebt zu sein, zum einen wegen ihrer Beine, aber auch, weil sie noch in vielerlei anderer Hinsicht faszinierend war. Ich ging damals aufs College, sie nicht, was erklären mag, wieso es mit unserer Affäre bald vorbei war, doch bilde ich mir ein, der wahre Grund für das frühe Ende sei Tom Birnie gewesen, den ich zwar nicht besonders gut gekannt, aber als einen energischen und auf recht grobschlächtige Weise attraktiven Jungen in Erinnerung hatte, geschaffen, wie unsere Haushälterin Mrs. K sagen würde, an einem von Gottes freien Tagen.
Der Zufall wollte es, dass Moira Kennedy meine erste richtige Freundin war. Meine erste Geliebte mit anderen Worten, und einige Monate lang erlebten wir eine ziemlich intensive Affäre. Doch ich glaube, selbst damals wusste ich, dass sie nicht lange dauern würde, weshalb ich nicht sonderlich überrascht war, als Moira mir im ersten Sommersemester schrieb, dass es mit uns aus sei. Ich denke, ich war sogar ein wenig erleichtert, denn obwohl ich Moiras Beine liebte, ihr hübsches Lächeln und unseren aufregenden Sex, entging mir nicht, dass wir nur wenig gemeinsam hatten und kaum wussten, worüber wir uns unterhalten konnten, sobald der Sex vorbei war. Unsere Liaison hatte mehr oder weniger zufällig begonnen, doch blieb sie stets von einem Geheimnis überschattet, das ich Moira verschwieg, ein Geheimnis, das - wäre ich bei Sinnen gewesen - mich davon abgehalten hätte, je eine Beziehung mit ihr einzugehen. Tatsächlich fühlte ich mich wie magisch zu ihr hingezogen in einer Art morbiden Faszination, falls dies das richtige Wort dafür ist, denn obwohl Moira nichts davon wusste, obwohl es niemand außer mir wusste, war ich doch derjenige, der ihren Bruder getötet hatte, als ich dreizehn und er fünfzehn Jahre alt gewesen war, der ihn sich selbst überlassen und getötet hatte im alten Kalkschuppen an einem Nachmittag, als wir eigentlich vor Kälte und Regen geschützt in der Schule hätten sein, Sport haben und an das hübsche Mädchen mit den schwarzen Augen und schulterlangen Zöpfen in der 4c denken sollen. Das war es, was wirklich meine Aufmerksamkeit weckte an jenem Samstagnachmittag: nicht Moiras unaussprechliche Tat oder das Bild ihrer toten Kinder. Es war die Erinnerung an etwas, was ich nie erzählt hatte, an etwas, was ich tief in mir vergraben und dort gelassen hatte, aber von Zeit zu Zeit in meinen Träumen wieder durchlebte: die Geschichte einer simplen Lüge, die zwingende Logik der Angst eines Kindes und ein überraschter Junge, der in die Schwärze der Schatten und des Wassers stürzte.
Als sie an diesem Tag nach Hause kam, war Amanda verärgert. Das war sie oft, wenn sie von ihrer Mum heimkehrte, und meistens ärgerte sie sich über mich - vielmehr über ihre Idee von mir, über den Mann, den sie sich längst viel perfekter erzogen haben wollte, den Mann, der ihrer Mutter solche Rätsel aufgab, einer freundlichen Frau, die den Gatten ihrer einzigen Tochter liebend gern in ihr Herz geschlossen hätte. Amanda war und ist zweifellos noch heute eine hübsche, aufgeweckte, sensible, fleißige Frau, eine Frau zum Pferdestehlen. Würde sie eine Anzeige in der "Lonely Hearts"-Rubrik aufsetzen, bekäme sie jede Menge Angebote. Sie traf sich gern mit Freunden, wusste gutes Essen und edle Weine zu schätzen und hielt sich, auch wenn sie nicht viel las, über Aktuelles in Politik und Kultur auf dem Laufenden. Sie hatte einen besseren Mann verdient. "Musst du unbedingt so ein Durcheinander anrichten?", fragte sie, als sie hereinkam. Die Worte kamen über ihre Lippen, noch ehe sie Zeit gehabt hatte, das Chaos richtig wahrzunehmen, weshalb ich mich fragte, ob sie ihre ersten Sätze vorbereitete und den Eröffnungszug in dem Wissen, was sie erwartete, entsprechend plante.
Ich blickte auf und lächelte. "Nö." Dann riss ich eine Seite aus dem Telegraph, die ich später vielleicht noch lesen wollte. "Das mache ich mit voller Absicht."
"Was für ein Tohuwabohu", murmelte sie und ging zielstrebig zum Wasserkessel. "Ich brauche jetzt unbedingt einen Kaffee!" Wenn Amanda einen anstrengenden Tag oder Streit mit ihrer Mutter gehabt hatte, sagte sie immer, dass sie unbedingt einen Kaffee brauche. Es war wie eine Formel, da sie exakt die gleichen Worte benutzte, als wollte sie Mitleid erregen, Besorgnis oder Interesse.
Ich ging nicht darauf ein. "Ich liebe so ein Tohuwabohu", sagte ich. "Außerdem kommt Mrs. K am Montag."
"Ich könnte schwören", sagte Amanda, "dass du dieses Durcheinander bloß veranstaltest, damit die arme Kuh mehr zu tun hat."
"Und was wäre schlimm daran?"
"Was soll das heißen: Was wäre schlimm daran? Ist doch offensichtlich, was schlimm daran wäre." Ich mochte es, wenn sie mich nachäffte. Es gehörte zu dem wenigen, was mir an ihr noch gefiel.
"Mrs. K putzt", sagte ich. "Das ist ihr Job. Sie putzt."
"Meinst du nicht, dass sie zu Hause schon genug putzen muss? Da brauchst du ihr hier nicht auch noch Arbeit zu machen."
Ich schüttelte den Kopf. Seufzte. "Du verstehst sie nicht. Stimmt's?" Ich wartete auf eine Antwort, rechnete aber nicht damit. Amanda war sich für ein solches Geplänkel viel zu schade. Genau genommen war sie sich viel zu fein, um mit mir verheiratet zu sein. Mit Mrs. K hatte sie sich abgefunden - wenn auch nicht ohne Mühe -, doch interessierte sie sich nicht im Geringsten dafür, was in ihrem Herzen oder Kopf vorging. "Sie kann zu Hause nicht putzen", sagte ich. "Es wäre sinnlos, zu Hause zu putzen. Würde sie zu Hause putzen, herrschte fünf Minuten später wieder Chaos. Hier bekommt sie wenigstens Ergebnisse zu sehen." Einen Moment sinnierte ich über das Gesagte nach. Ich hatte mich vorher noch nie damit befasst - dabei war es so offensichtlich -, aber jetzt, wo ich daran dachte, ging mir auf, dass ich Mrs. K tatsächlich mehr zu tun gab, dass ich umherging und kleine Chaosinseln schuf, damit sie sich darum kümmern konnte, und ich vermutete, der wahre Grund dafür war der, dass sie ein Ergebnis ihrer Arbeit sehen konnte. Oder dass ich ein Ergebnis sehen konnte? "Wenn ich es mir recht überlege", sagte ich.
Amanda hörte nicht zu. Sie hatte sich ihren Kaffee gemacht, verließ die Küche und ging ins Wohnzimmer, um sich im Fernsehen über Politik und Kultur zu informieren. Arbeit, Mum, Glotze. Mum, Kaffee, Arbeit. Glotze, Glotze, Glotze. Mir war das egal. Ich dachte über Mrs. K nach. Ursprünglich hatte ich sie eingestellt, weil sie mit jenen Familienclans von Coldhaven liiert war, die meinen Eltern das Leben in der Cockburn Street so schwer gemacht hatten. Jetzt wurde ihr selber das Leben schwer gemacht, was aber schon am Tag ihrer Hochzeit mit Alec vorherzusehen gewesen war. Ich schätze, mir bereitete es eine Art perverses Vergnügen, sie als Putzfrau zu engagieren - obwohl ich persönlich gar nichts gegen sie hatte. Sie war eine anständige Frau, die in ihrem Leben einen fatalen Fehler begangen hatte und folglich, wie in dieser Gegend üblich, entschlossen schien, die nächsten Jahrzehnte dafür zu büßen. Amanda duldete Mrs. K nur, ich aber genoss es, sie um mich zu wissen und zu sehen, wie sie sauber machte, Ordnung wiederherstellte. Ihr gefiel die Arbeit, und mir gefiel es, sie ihre Arbeit tun zu lassen. Manchmal vermutete ich fast, dass ich sie nicht bloß gern um mich hatte, weil ihr von den Kings, den Gillespies und anderen Familien dieses Schlags ebenso übel mitgespielt worden war wie meinen Eltern, sondern weil ihr der zusätzliche Makel anhaftete, eine Ortsansässige zu sein. Geboren wurde sie am westlichen Ende von Coldhaven, ebendort, wo vor langer Zeit der Teufel aus dem Meer aufgetaucht sein soll; heute wohnt sie in der Cock- burn Street gegenüber dem alten Haus meiner Eltern, umringt von Kindern und den restlichen Mitgliedern des zahllosen King-Clans, von Menschen, so verschlagen und verschwiegen wie Tiere auf dem Feld. Wenn ich mir ihr Leben vorzustellen versuchte, das Leben, das sie führte, wenn sie nicht hinter mir aufräumte, sah ich die Hölle vor Augen: der beleibte Alec mit seiner Zeitung im Sessel, wie er sich die trockenen kleinen Schweinslippen leckte und vor sich hin brummelte; der Hund, der sich, verrenkt wie eine Schlangenkreatur, vor dem Kaminimitat die Klöten leckte; die Kleinen, die vor dem Fernseher hockten, dreckig und mit Spaghetti behangen wie japanische Spielshowteilnehmer.
Vielleicht war ich unfair, doch wenn schon; ich wusste immerhin, dass Mrs. K nicht zu den Kings passte. Auf den ersten Blick wirkte sie unauffällig: eine rundliche Frau um die vierzig mit überraschend sanfter Haut und farblich unbestimmtem Haar. Doch nachdem ich sie einige Wochen aus der Nähe gesehen hatte, entdeckte ich an ihr etwas Bemerkenswertes, war sie doch dem Gesicht nach und der Art, sich zu bewegen, ein Ebenbild von Ingrid Bergman, auch wenn jede Spur von Bergmans Schönheit fehlte. Es war wirklich erstaunlich und nicht immer leicht zu erkennen, doch dann und wann, wenn ich mich nach dieser Frau umdrehte, mit der ich ganze Nachmittage verbrachte, konnte ich den schattenhaften Geist des großen Filmstars über ihre Züge huschen sehen. Gespenstisch. Ich bekam gar nicht genug davon. Trotzdem habe ich Mrs. K vor allem deshalb eingestellt, damit sie mich mit Klatsch versorgt. Sie war mein einziger Kontakt zur Stadt, ein menschlicher Draht zu Scham und Schande des Coldhavener Lebens.
Ich wohne in Whitland House draußen auf der Landzunge. Ein einsamer Flecken, möchte ich meinen: Kommt man mit dem Auto und nimmt die Landstraße, umfährt Seahou- ses, vorbei an Sandhaven, dann Coldhaven, erreicht man eine auffällige Ansammlung von Telegrafenmasten, nichts weiter, nur noch der Himmel, der ansteigende Hügel und gelegentlich riesige Vogelschwärme, die sich sammeln und in der Luft wenden und umschwenken, als wären sie ein einziges Wesen. Gelangt man zur Abzweigung nach Whitland - Einwohnerzahl heute: 1 -, ist da nichts; man fährt ein kurzes Stück und sieht nur das kalte, graue Wasser des Firth. Weiter kann man auf dem Festland nicht in Richtung Osten fahren, dahinter gibt es nur noch Schafe und Bussarde und drüben, am Ende der Landzunge, die großen Kolonien der Meer- und Watvögel, die mein Vater während seiner letzten Jahre immer wieder fotografiert hat. Man könnte also behaupten, dass dieses Haus abgeschieden liegt - und doch ist es nicht weit bis Coldha- ven, wenn man zu Fuß geht. Im Haus glaubt man, hoch oben zu sein, vor allem im oberen Stock, doch braucht man dem kleinen Pfad jenseits der Seitenpforte nur wenige Minuten zu folgen, um zur Shore Road zu kommen, und von dort aus sind es nur noch einige Schritte bis zu den ersten Häusern in der Toll Wynd. Dennoch wirkt das Haus in diesem Zeitalter des Autos angenehm abgelegen; es ist von keiner Stelle der Stadt aus zu sehen, übrigens auch nicht von der Straße, weshalb der Eindruck entstehen könnte, ich lebte ziemlich abgeschnitten. Ein Einsiedler. Ein Eremit.
Mein Vater hat dieses Haus ausgesucht. Er wollte allein sein, wollte sich auf seine Arbeit konzentrieren. Er war an einem Punkt in seinem Leben angelangt, an dem er für sich sein musste; er hatte dafür einen Satz parat, ein Zitat aus einem Gedicht, das er einmal gelesen hatte: "Allein sein, von allem getrennt sein, heißt, wieder vereint sein." Unser erstes Haus hatte er auch schon ausgesucht, das in der Cockburn Street; er wollte aber immer noch weiter draußen leben, fort von den Menschen, näher bei den Vögeln. Er liebte die Vögel, deshalb war er hergekommen; er liebte sie mehr als alles sonst auf der Welt. Sie waren für ihn nicht wie andere Lebewesen, eher schienen sie ihm Verkörperungen des eigenen Geistes zu sein, seiner ureigenen Weise, sich in der Welt zu befinden. Jeden Tag wollte er mit Fernglas und Kameratasche hinaus und stundenlang auf den Felsen sitzen, dabei war er gar kein Vogelkundler im eigentlichen Sinne; er war kein Mensch, der die an diesen Küsten lebenden Möwen, Kormorane und Watvögel beobachtete, er gehörte zu ihnen, war einer von ihnen, einer von ihrer Art, zumindest in Gedanken oder doch der Seele nach. Er wollte mich immer überreden, ihn zu begleiten, und heute tut es mir leid, dass ich es nie getan habe. Ich war ein Kind, und ich fürchtete mich davor, für einen Vogelkundler gehalten zu werden, fürchtete vermutlich, mich selbst für einen zu halten, denn Vogelbeobachtung war als Hobby ebenso verpönt, wenn nicht verpönter, wie Briefmarken- oder Zugnummernsammeln. Bildchen von Fußballspielern oder Fernsehstars, die man mit Kaugummipäckchen kaufte, wie es sie früher am Kiosk gab, die waren in Ordnung, und eigentlich war es auch fast verzeihlich, Briefmarkensammeln zu seinen Hobbys zu zählen, weil man immer behaupten konnte, die Marken seien wertvoll, und man mache es nur des Geldes wegen, aber fürs Vogelbeobachten gab es keine Entschuldigung. Nicht für einen Jungen.
Mein Vater hat das Haus in der Cockburn Street ausgesucht, und später dann hat er sich für dieses alleinstehende, georgianische Landhaus hier draußen auf der Landzunge entschieden. Meine Mutter dürfte anfangs mit seiner Wahl einverstanden gewesen sein, doch als wir nach einigen Jahren immer noch in Coldhaven wohnten, wäre sie wohl lieber wieder nach London zurückgezogen. Nach London, vielleicht auch nach Paris, denn sie hatte jahrelang in Paris gelebt, bevor sie meinen Vater traf: In Paris, wohin ihn ein Auftrag führte, lernten sie sich kennen, kurz bevor er es endgültig aufgab, für Zeitschriften zu arbeiten, und damit begann, jene kargen, fast schroffen Landschaftsfotos zu machen, für die er heute beinahe berühmt ist. Ich glaube, als sie sich zum ersten Mal trafen, war er schon auf dem Weg dorthin: Er hatte die Fahrt nach Paris genutzt, um einige Zeit allein im Westen Frankreichs zu verbringen, wo er in La Briere und ähnlichen Gegenden eine Serie von Marschlandaufnahmen gemacht hatte, Bilder, die er später zu seinem ersten Buch zusammenfassen sollte. Er begegnete meiner Mutter auf einer Party, und die Familiensage berichtet, dass es sich um Liebe auf den ersten Blick handelte. Meine Mutter war mit kaum zwanzig Jahren aus Massachusetts nach Paris gekommen, um Kunst zu studieren und von dem Treuhandvermögen zu leben, das ihre Großmutter für sie verwaltete: eine junge, finanziell unabhängige Frau, die hart daran arbeitete, keine amateurhafte l'art-pour-l'art-Malerin zu werden, womit sie sich ohne Weiteres hätte zufriedengeben können, sondern die eine Künstlerin sein wollte, die sich ihr Auskommen verdiente, jemand, der Aufträge übernahm, für Zeitschriften arbeitete oder auf Ausstellungen Bilder verkaufte. Sie mochte nicht zu den typischen Amerikanern gehören, wie sie in Cafés herumhockten, nichts als Geld und Geschwätz im Sinn, über ihre Landsleute herzogen und sich über die spießbürgerlichen Menschen daheim beklagten. Sie wollte arbeiten, wollte eine professionelle Künstlerin sein. Ihr Französisch war perfekt, nur die leise Andeutung eines Akzents, und zu ihrem Freundeskreis gehörten vor allem Franzosen, Leute, die sie aus Galerien und durch ihre Arbeit für Zeitschriften kannte. Sie muss also glücklich in Paris gewesen sein, unabhängig, muss in ihrer Arbeit aufgegangen sein: ein freier Geist mit genügend Geld, um ein Leben nach Wunsch zu führen. Dann traf sie meinen Vater, und vom ersten Moment an wusste sie, dass er ihr Mann werden würde - was vielleicht nur heißen soll, dass er eine dunklere, mehr oder weniger unbewusste Funktion in ihrem Leben erfüllte, etwas, das mit Geschichte, Konditionierung und Verlangen zu tun hatte. Wie ein Virus ist eine Familie eine sich selbst erhaltende Lebensform. Niemand entkommt ihr. Meine Mutter war glücklich allein in Paris, doch in all dem Glück vermisste sie etwas, was ihr nur mein Vater geben konnte, die Schatten an der Wand, die sie seit dem Tag ihrer Geburt für die wahre Wirklichkeit hielt. Mein Vater dagegen, ein Einzelgänger von Natur aus, verliebte sich in das Ideal einer Weiblichkeit, wie er es von Kindheit an in seiner Seele gehegt und gepflegt hatte, und kaum bot sich ihm die Gelegenheit dieser Liebe, musste er ihr dauerhafte Form geben. Mit anderen Worten: Sie erlebten eine Romanze. Keine wahre Geschichte, sondern eine Romanze. Ich fürchte, ich könnte Ähnliches auch von mir behaupten, immerhin habe ich Amanda vermutlich aus ähnlichen Gründen geheiratet. So muss es gewesen sein. Ich glaube, ein Teil in mir wollte sie sogar wegen ihres Namens heiraten, da ich nie zuvor jemanden getroffen hatte, der Amanda hieß, und das machte sie zu etwas Besonderem, zu etwas, das einiger Mühe wert zu sein schien. Wenn es keine Liebe war, dann immerhin ein Gefühl, das dem sehr nahe kam.
Es war also das Haus und meine Einsamkeit, die Distanz zu Coldhaven, die mich anfänglich veranlasste, Mrs. K als Putzfrau einzustellen, denn wie so viele innere Exilanten war Mrs. K eine Expertin in Sachen Klatsch, und es dauerte nicht lang, da wurde sie meine wichtigste Informationsquelle. Das Besondere an ihr war, dass sie kein Wort verriet, ehe sie nicht alle Fakten beisammenhatte. Wie Miss Marple in den Geschichten von Agatha Christie wartete sie, bis sie alles wusste, und dann erzählte sie ausführlich und mit allen subtilen, ironischen Details. Allerdings sollte sie nie verraten, wie sie erfuhr, was sie wusste, doch was sie sagte, hatte stets Hand und Fuß. Sie war es, die mir von missbrauchten Kindern erzählte, von verprügelten Frauen und die den wahren Grund für den Selbstmord von Janet Carruth auf der Ceres Farm kannte.
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