Leseprobe zu "Judo mit Worten" von Barbara Berckhan
Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Und wo Menschen miteinander reden, da vergreifen sie sich auch manchmal im Ton. Es passiert schnell und oft ohne jede Vorwarnung: Aus dem Mund unseres Gegenübers kommt ein blöder Spruch, ein ätzender Kommentar oder eine harsche Bemerkung. Und jetzt stehen wir da. Wie sollen wir damit umgehen? Zurückschlagen nach dem Motto: Wie du mir, so ich dir? Oder erstarren und nichts sagen, aber dafür stundenlang über eine Retourkutsche nachdenken?
Ich arbeite schon sehr lange als Kommunikationstrainerin. In meinen Workshops und Trainings können die Teilnehmer ihre Lieblingsprobleme mit einbringen. Auf Platz eins der Hitliste stand immer wieder die Frage: Wie kann ich mit unsachlichen, blöden Bemerkungen umgehen? Oft mit dem Zusatz: Ohne mich dabei aufzuregen und ohne einen Streit vom Zaun zu brechen. Gute Frage.
Ich habe über zehn Jahre lang zu diesem Thema Antworten gesammelt. Meine Antworten mussten dabei nicht nur theoretisch gut klingen. Nein, sie mussten vor allem im Alltag meiner Teilnehmer tatsächlich funktionieren. Ich suchte also nach praktischen Methoden, wie man mit einer verbalen Attacke möglichst elegant und stressfrei fertig wird.
Bei meiner Suche habe ich mich vor allem von den asiatischen Kampfsportarten inspirieren lassen. Eine wichtige Erfahrung war ein Aikido-Training - eine japanische Selbstverteidigungstechnik -, das ich einmal beobachtet habe. Ich saß am Rand und sah, wie eine kleine, etwas ältere Frau einen viel größeren Angreifer auf die Matte legte. Sie tat das mit wirbelnden Bewegungen, die mehr nach einem Tanz als nach einem Kampf aussahen. Anschließend hielt sie ihren Angreifer so fest, dass er unten blieb und nicht weiter kämpfen konnte.
Diese Szene hat mich nicht wieder losgelassen. Mich bewegte ein Gedanke: Lässt sich das, was in der körperlichen Selbstverteidigung passiert, auch auf unsere Gespräche übertragen? Können wir uns ebenso geschickt gegen verbale Angriffe verteidigen?
Das Kernprinzip von Judo und Aikido lautet: Das Sanfte kann das Harte bezwingen. Wer diese Kampfsportarten erlernt, trainiert auch immer eine geistige Haltung, die sich aus der Philosophie des Taoismus, des Buddhismus und des Zen ableitet.
Beim Judo und Aikido werden raffinierte Hebel-, Wurf- und Festhaltegriffe eingesetzt, mit denen auch ein starker Angreifer überwältigt werden kann. Und so habe ich nach mündlichen Strategien gesucht, mit denen wir einen verbalen Angriff unschädlich machen können. Und ich habe sie gefunden.
Die besten Strategien, mit denen Sie sich verteidigen können, finden Sie in diesem Buch.
Dabei habe ich sämtliche Kontra-Strategien nach strengen Qualitätskriterien entwickelt:
Alle Strategien dienen nur Ihrer Selbstverteidigung. Mit ihnen lassen sich keine Angriffe durchführen.
Sie sind einfach, leicht zu merken und funktionieren ohne komplizierte Formulierungen.
Jede Strategie ist generell einsetzbar und eine universale Antwort auf fast alle verbale Angriffe.
Alle Kontra-Strategien sind frei von herabsetzenden, beleidigenden oder verletzenden Worten.
Die Beziehungsebene wird nicht vergiftet. Nach jeder Strategie können Sie, wenn Sie wollen, mit Ihrem Gegenüber ein ganz normales Gespräch führen.
Der vielleicht größte Nutzen meiner Kontra-Strategien liegt auf einer ganz anderen Ebene. Alle haben die Kraft, Gefühle zu verändern. Und zwar Ihre Gefühle. Mit diesen Kontra-Antworten kommen Sie raus aus dem Beleidigt- und Getroffensein. Stattdessen üben Sie sich in der Kunst des Drüberstehens.
Mit dieser verbalen Selbstverteidigung verwickeln Sie sich nicht in das niedrige Niveau der dummen Bemerkungen. Damit ersparen Sie sich eine unfruchtbare Schlammschlacht mit Ihrem Angreifer.
Wenn Sie immer schon mal souverän Kontra geben und dabei lächeln wollten - hier sind Sie richtig. Und beim Lesen wünsche ich Ihnen vor allem eines: viel Spaß!
Hundert Siege in hundert Schlachten zu erringen
ist nicht die höchste Kunst.
Den Feind kampflos zu unterwerfen,
das ist die höchste Kunst.
Sun Tsu
Jenseits von Hauen und Abhauen:
Die Kunst des Nichtkämpfens
Kämpfen oder sich streiten ist nicht das Schlaueste, was Sie tun können. Denn jeder Kampf, auf den Sie sich einlassen, hat Nebenwirkungen - vor allem für Sie. Da ist beispielsweise der Stress, der in Ihrem Körper entsteht, wenn Sie sich streiten. Dieser Stress geht einher mit einer wiederholten Cortisol-Ausschüttung.
Das Stresshormon Cortisol macht Ihren Körper an allen Ecken und Enden krank. Es greift Herz und Kreislauf an, stört die Verdauung und die Libido, macht schlapp, alt und unglücklich. Stress mitsamt dem dazugehörigen Cortisol ist laut WHO (Weltgesundheitsorganisation) der größte Killer in den Industrienationen.
Kämpfen verursacht Stress. Und dieser Stress schädigt Sie. Egal, wie erfolgreich Sie sich streiten, Ihr Körper und Ihre Seele werden dabei leiden.
Wie wir uns beim Kämpfen selbst verletzen
Wenn Sie anfangen, mit einem anderen Menschen zu kämpfen, dann ist das so, als würden Sie in einen Haufen Glasscherben greifen. Sie können Ihr Gegenüber mit den Glasscherben bewerfen und vielleicht auch verletzen. Aber Sie schädigen sich selbst sehr viel mehr. Schauen Sie nach. Sie haben sich tiefe Schnittwunden an den Händen zugefügt. Nein, das hat Ihnen nicht Ihr Gegner angetan. Das waren Sie selbst.
Eigentlich muss Ihr Widersacher überhaupt nichts tun, damit Sie verletzt werden. Er braucht nur ruhig dazustehen und abzuwarten, was Sie alles gegen ihn unternehmen. Er kann Ihnen dabei zuschauen, wie Sie sich auf ihn fixieren, wie Sie sich aufregen und dabei alle möglichen belastenden Gefühle erleben. Er kann darauf vertrauen, dass Sie sich bei anderen Menschen über ihn beklagen. Und was passiert, während Sie sich beklagen? Sie erzählen davon, wie unmöglich sich Ihr Widersacher benimmt. Und während Sie darüber reden, entsteht in Ihnen eine Menge Ärger plus Muskelverspannung plus ein Überschuss an Magensäure. Schlicht und einfach: Es geht Ihnen nicht gut.
Ihr Widersacher kann darauf vertrauen, dass Sie herumgrübeln und sich in Ihrem Gedankenkarussell schlecht fühlen. Solange Sie sich innerlich mit dem Streit beschäftigen, schüttet Ihr Körper das Stresshormon Cortisol aus. Wieder und wieder. Damit schädigen
Sie sich sehr viel mehr und dauerhafter, als es Ihr Gegner je könnte.
Das Opfer, der Kämpfer und die Weisheit
Ich will nicht behaupten, dass das Kämpfen generell schlecht oder verkehrt wäre. Für jemanden, der bisher immer nur das Opfer war und sich nie gewehrt hat, mag das Kämpfen ein Fortschritt sein. Vorher war der Betreffende immer nur der Dumme, der sich nie gewehrt hat. Jetzt zeigt er, dass er die Courage hat, für sich einzustehen. Das ist ein wichtiger Entwicklungsschritt für alle, die bisher immer auf der Verliererseite standen. Aufstehen, Rückgrat zeigen und dem Konflikt nicht aus dem Weg gehen. So weit, so gut.
Leider bleiben manche Menschen bei diesem Entwicklungsschritt stehen. Sie glauben, sie müssten immer kämpfen, um sich durchzusetzen. "Das lass ich mir nicht gefallen!" und "Ich muss mich wehren!" lautet ihr Schlachtruf. Für jemanden, der so denkt, gibt es scheinbar nur zwei Möglichkeiten: Entweder kämpfen und vielleicht gewinnen. Oder nicht kämpfen, aber dann garantiert verlieren.
Zum Glück gibt es mehr als nur diese zwei Möglichkeiten.
Der Kampf ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Es ist nicht die höchste Entwicklungsstufe und es ist auch nicht das Beste, was wir für uns tun können. Nicht zu kämpfen und dennoch gewinnen, ist eine weitere Möglichkeit, die wir haben.Das Nichtkämpfen liegt auf einer höheren Ebene, jenseits von Hauen oder Abhauen. In den nächsten Kapiteln möchte ich Ihnen diese andere Möglichkeit ans Herz legen. Das Gute dabei ist, dass Sie nichts von Ihrem bisherigen Verhalten wegwerfen oder ausschließen müssen. Sie können sich weiterhin mit anderen Menschen streiten, sich ärgern und all den fiesen Stress erleben, den das bringt. Aber nehmen Sie zusätzlich auch die Möglichkeit, nicht zu kämpfen, mit an Bord.