Fedor Ivaniovic TjutEev (auch Fjodor Iwanowitsch Tjutschew oder
Tjuttschew, 1803-1873) gilt als einer der größten Lyriker der
russischen Literatur. Als Diplomat in München, Bekannter Schellings
und Heines, kongenialer Übersetzer Goethes, Schillers und Heines
trug er wesentlich zum Kulturaustausch zwischen Deutschland und
Rußland bei. Nichtsdestotrotz ist hierzulande von ihm nicht viel
mehr als das - durchaus auch seine Poesie charakterisierende -
Bonmot bekannt, Rußland könne man nicht begreifen, an Rußland könne
man nur glauben. Ein Grund für die relative Unbekanntheit TjutEevs
ist das Fehlen einer handlichen Ausgabe seiner lyrischen Texte -
eine Lücke, die hiermit geschlossen wird.
So ganz einsehen kann Felix Philipp Ingold nicht, warum eine weitere Gedichtedition mit Gedichten von Fjodor Tjutschew auf den Markt kommen musste, wo er doch zu den besteingeführten russischen Lyrikern des 19. Jahrhunderts zählt und mit einer zweisprachigen Werkauswahl auch hinreichend übersetzt ist. Nun gut, der Herausgeber der vorliegenden, ebenfalls zweisprachigen Ausgabe, die rund 150 Gedichte Tjutschews enthält, hat sich gleichfalls an eine Neuübersetzung gewagt. Sie missfällt dem Rezensenten, weil sie die "zwischen biblischer Schlichtheit und romantischem Überschwang changierende Dichtersprache" Tjutschews eher behäbig und kaum adäquat übersetze. Außerdem nehme sich der Übersetzer teilweise Freiheiten heraus, moniert Ingold, die nicht gerechtfertigt seien, weil sie seinen Nachdichtungen keinerlei "poetischen Mehrwert" angedeihen lassen. Einzig der umfängliche Anmerkungsapparat, der mit interessanten Details zu Tjutschews Leben aufwartet, findet Ingolds Zustimmung.