 | Besprechung von 05.02.2012 |
Bücher "Rites of passage", so nennt man auf Englisch die Wachstumsschmerzen des Erwachsenwerdens - und dass es wirklich Passagen sind, Strecken, die man zurücklegen muss, davon erzählt Michael Ondaatje in seinem neuen Roman: "Ein Junge geht morgens zur Tür hinaus und wird sich wieder der entstehenden Landkarte seines Lebens widmen." Dieser Junge, Michael, schaut als Schriftsteller zurück auf eine Schiffspassage, die ihn in den fünfziger Jahren von Ceylon nach England führt: An Bord der "Oronsay" lernt er Freunde fürs Leben kennen, seine erste Liebe, Mord, Verbrechen, Gier und Großzügigkeit, er lernt vor allem aber die soziale Kartographie dafür, wie es ist, nicht ganz dazuzugehören, nur am "Katzentisch" zu sitzen. Der Titel des Romans (Hanser, 24,95 Euro) ist etwas zu lapidar für die Hocheleganz, mit der Ondaatje seine Geschichte vom Jungen zwischen den Welten aufgeschrieben hat, die autobiographisch durchwirkt ist - Ondaatje, Autor des "Englischen Patienten", wurde in Sri Lanka geboren und lebt heute in Toronto -, deren Ton aber am Ende so elegisch ist, dass man beim Lesen wie an Deck eines Schiffs im Liegestuhl dahinsinkt: Sanftes Drama Jugend vor postkolonialer Kulisse.
tob
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 | Besprechung von 08.02.2012 |
Als das Leben Fahrt aufnahm
Michael Ondaatjes Kindheits-Roman „Katzentisch“
Jeden Tag ein Verbot übertreten – das ist doch mal ein mutiger
Ansatz. Drei Jungens im Alter von elf, zwölf Jahren sind es, die
sich gemäß dieser Maxime verhalten. Ihre Grenzüberschreitungen sind
umso bemerkenswerter, als sie sich auf einem Schiff befinden, also
in einer geschlossenen Gesellschaft, der sie nicht entkommen
können. Dieses Schiff ist unterwegs von Sri Lanka, das im Jahr 1954
noch Ceylon hieß, nach England. An Bord sind Auswanderer oder
Transitreisende, die sich zwischen den Welten bewegen. Unter ihnen
war damals auch der elfjährigen Michael Ondaatje; er folgte seiner
Mutter, die schon seit ein paar Jahren in England lebte und an die
er sich kaum noch erinnerte.
In England ging Ondaatje zur Schule, bevor er dann nach Kanada
emigrierte, kanadischer Staatsbürger und ein Schriftsteller von
Weltrang wurde. In dem Roman „Es liegt in der Familie“ war er auf
der Suche nach dem abwesenden Vater schon einmal in die
Kindheitsheimat zurückgekehrt. Jetzt beschreibt er die
Schiffspassage als Ausgangspunkt seiner Lebensreise von Ost nach
West und vielleicht als ein …
Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension
Michael Ondaatje neuer Roman "Katzentisch" ist für Rezensentin Katharina Granzin ganz große Literatur. Der Roman über eine dreiwöchigen Schiffsreise von Ceylon nach England, die der Ich-Erzähler als Kind unternommen hat und an die er sich als Erwachsener erinnert, eröffnet in ihren Augen einen beeindruckenden Erzählkosmos über das Leben an Bord. Sie hebt insbesondere Ondaatjes intensive erzählerische Gestaltung der Erinnerung hervor, die eine hohe Unmittelbarkeit des Erlebens einerseits, eine tiefe Reflektiertheit andererseits ins sich schließt. Die Schilderung der Schiffsreise scheint Granzin so reich an Details, so anschaulich und lebendig, "als erlebe der Erzähler das Erzählte im selben Augenblick nach".
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"In seinem lyrischen Abenteuerroman lässt Michael Ondaatje einen Luxusdampfer leuchten - und alle Erdenschwere endgültig hinter sich." Markus Gasser, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.12 "Ondaatje ist stets der Autor für all jene gewesen, die in der Literatur die Gelegenheit spürten, dem Gesetz der Schwerkraft zu entgehen, dem Gewicht eines von Furcht belagerten Daseins; und wie jeder große Erzähler schürt und beschwichtigt Ondaatje sie wieder, als finge er einen stürzenden Sperling auf und erblickte die ganze Welt in einem Körnchen Sand." Markus Gasser, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.12 ",Es gibt immer eine Geschichte, die einen erwartet.' Mit diesem poetischen Versprechen schließt dieses Geschichtengemälde den Kreis zum Anfang, entlässt uns voll Wehmut und einer merkwürdigen Heiterkeit." Sabine Vogel, Frankfurter Rundschau, 10.02.2012 "Ein Roman voller Geschichten und intensiver Augenblicke. Er handelt von der Sehnsucht nach dem echten Leben und davon, dass dies vielleicht nur in der Phantasie erreichbar ist." Jörg Magenau, Süddeutsche Zeitung, 08.02.2012 Ein wahrhaft großes Buch, eins von denen, die man gegen Ende immer langsamer liest. So farbig und witzig, so gelassen, weil sich einer mit einer solchen Material-und Lebensfülle eben jede Gelassenheit leisten kann." Eva Demski Endlich einmal wieder ein Buch, nach dem man sich sehnt, wenn man nicht in ihm liest." Gabriele von Arnim, Tages Anzeiger, 03.05.2012 Nichts, was Ondaatje schildert, ist blindes Motiv, nichts ist bloß Trick oder Kino. Was wirklich zählt jedoch, begreift der Leser erst nach und nach: nicht der Sturm auf Deck, sondern der Sturm im Innern." Wieland Freund, Die Welt, 04.02.12 Alles bekommt ein vieldeutiges Schillern. Hier geschieht etwas anderes als in der landläufigen realistischen Erzählliteratur, die mit prallen Stoffen und psychologischer Einfühlung arbeitet und dem Leser die Personen scheinbar ganz nahebringt: (...) Ondaatje findet für die Literatur eine Sprache jenseits dessen, was man ohnehin schon weiß." Helmut Böttiger, Die Zeit, 15.03.12
Michael Ondaatje wurde 1943 in Sri Lanka geboren, ist holländisch-tamilisch-singhalesischer Abstammung und lebt heute in Kanada. Seit 1971 unterrichtet er am Glendon College der York University (Toronto) Gegenwartsliteratur. Seine Bücher wurden mehrfach mit dem höchsten Kanadischen Literaturpreis ausgezeichnet, und für seinen Roman "Der englische Patient" erhielt er 1992 den Booker-Preis.