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'Maria wird bald siebzehn. Sie wohnt mit Johannes auf dem Hof seiner Eltern. Sie ist zart und verträumt und verkriecht sich lieber mit den Brüdern Karamasow unters Dach als in die Schule zu gehen. Dann begegnet sie dem um viele Jahre älteren Henner, der allein auf dem heruntergewirtschaftete Nachbarhof lebt. Die Leute aus dem Dorf sind ihm gegenüber argwöhnisch: Sein Wesen umgibt eine Tragik, gleichzeitig erregt seine charismatische Ausstrahlung ihre Eifersucht. Ein zufälliger Blick an einem Tag, eine zufällige Berührung an einem andern lösen in Maria eine Sehnsucht aus, die fremd un…mehr

Produktbeschreibung

'Maria wird bald siebzehn. Sie wohnt mit Johannes auf dem Hof seiner Eltern. Sie ist zart und verträumt und verkriecht sich lieber mit den Brüdern Karamasow unters Dach als in die Schule zu gehen.
Dann begegnet sie dem um viele Jahre älteren Henner, der allein auf dem heruntergewirtschafteten Nachbarhof lebt. Die Leute aus dem Dorf sind ihm gegenüber argwöhnisch: Sein Wesen umgibt eine Tragik, gleichzeitig erregt seine charismatische Ausstrahlung ihre Eifersucht. Ein zufälliger Blick an einem Tag, eine zufällige Berührung an einem andern lösen in Maria eine Sehnsucht aus, die fremd und übermächtig ist und sie wie von höherer Gewalt geleitet in Henners Haus und in seine Arme treibt
  • Produktdetails
  • Verlag: Hörbuch Hamburg
  • ISBN-13: 9783899031553
  • Artikeltyp: Hörbuch
  • ISBN-10: 3899031555
  • Best.Nr.: 33472334
  • Laufzeit: 296 Min.

Autorenporträt

Daniela Krien, geboren 1975 in Mecklenburg-Vorpommern, aufgewachsen in einem Dorf im Vogtland (Sachsen), lebt mit Mann und zwei Töchtern in Leipzig. Sie studierte Kulturwissenschaften, Kommunikations- und Medienwissenschaften und arbeitete unter anderem als Drehbuchautorin und Cutterin. 2015 wurde Daniela Krien mit dem Nicolas-Born-Preis ausgezeichnet.

Rezensionen

Ein Bauernhaus, in dem es selbst tagsüber dunkel ist: Die 17-jährige Maria liegt im Bett und liest Dostojewskij. Ein Hämmern ertönt aus der Küche, Maria soll Suppe kochen, sich nützlich machen, bis ihr Freund Johannes aus der Schule zurückkommt. Daniela Krien beginnt ihren Debütroman mit dieser tristen Szene, ohne sie zeitlich einzuordnen. Erst langsam enthüllt sie: Wir befinden uns im Jahr 1990, im Osten, im Moment der Grenzöffnung. Und plötzlich sind da Möglichkeiten, der Tristesse zu entkommen. Marias Freund Johannes schmiedet eifrig Pläne, will mit der Kamera durch die Welt reisen und dann studieren - und zwar mit Maria zusammen. Doch die weiß nichts anzufangen mit dem neuen Leben in Freiheit und flüchtet sich in die Arme des viel älteren Henner. "Siebzehn werde ich, und mit jedem Jahr wächst das Gefühl, etwas bedeutsamer zu werden in der Welt. Aber nun, wo sie sich so erweitert hat, lässt auch die Wichtigkeit wieder nach", lässt Krien die Protagonistin ihr inneres Dilemma auf den Punkt bringen. Und das ist es schließlich auch, was diesen Roman so lesenswert macht: Die Verlagerung der Wende aus dem globalen Kontext hinein ins Intime. Hinein in ein Bauernhaus, in dem es auch tagsüber dunkel ist. (mh)
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Besprechung von 30.12.2011
Heuwendezeit
In ihrem Debütroman entwirft Daniela Krien einen archaischen Kosmos von Liebe und Sprachlosigkeit – und erzählt fast beiläufig von der Ungeheuerlichkeit der Wiedervereinigung
Wenn der Henner die Maria zu sich auf den Hof holt, macht er mit ihr, was er will. Manchmal weint sie ein wenig, aber das geht schließlich auch vorbei, und was sie bis ganz zum Ende ihrer gemeinsamen Geschichte nicht sagen kann, ist, dass sie den Henner liebt. So sehr.
Es ist der Sommer 1990, auf einem Bauernhof nahe der deutsch-deutschen Grenze, die keine mehr ist. Maria ist 16 Jahre alt und wurde von ihrem Freund, „dem Johannes“, einfach mitgenommen auf den Hof seiner Familie. Jetzt schwänzt sie die Schule, liest Dostojewskij und hilft bei der Arbeit, so gut sie kann. „Da bin ich geblieben und nicht mehr fortgegangen“, erzählt Maria mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit, die keine weitere Kommentierung duldet.
Diese zwingende Selbstverständlichkeit ist es, die Daniela Kriens Debütroman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“, so stark macht. Aus der Perspektive ihrer 16-jährigen Ich-Erzählerin entwirft Krien eine fast archaisch ländliche Welt, ein Universum der Erdgebundenheit mit dem Gefühl einer allumfassenden Sprachlosigkeit, das gerade durch Kriens puristische, präzise Erzählweise entsteht.
Die Frauen in diesem Buch werden von Männern entführt – Maria zuerst von ihrem sanften, lieben Freund Johannes, der aber dann das Fotografieren für sich entdeckt „in der Stadt“ Kunst studieren will und Welt und Freundin nur noch durch die Linse seines Objektivs wahrnimmt. Auch Marias Mutter, die im Nachbardorf wohnt, wurde vom Vater aus dem Norden geholt und lebt fortan fernab von Freunden und Familie. Und schließlich wird Maria zum zweiten Mal entführt, diesmal auf den Nachbarhof, von einem Mann, den sie nur „der Henner“ nennt. Und sie kehrt zurück zu ihm, wieder und wieder.
Über den Henner heißt es, er trinke viel und schlage seine Hunde. „Letztes Jahr“, so hat es Johannes’ Mutter Maria erzählt, „haben sie sogar eines seiner Fohlen gerissen. Da hat er sie mit dem Stock verprügelt, bis sie heulten“. Immer, wenn Maria beim Henner ist, bellen die Doggen, und Henner nimmt Maria anfangs mit großer Brutalität, aus der später eine raue und immer noch wütende Zärtlichkeit entsteht. Er brennt sich ihrem Körper ein, den sie dem Johannes immer mehr verweigern muss. Ihre Liebe ist absolut, rein, klar, kindlich und doch von erschreckendem Pragmatismus. Sie will für ihn kochen, ihm später ein Kind gebären und stellt ihre Liebe, die sie vor allen verstecken muss, zu keinem Zeitpunkt in Frage.
Es ist eine zutiefst persönliche, fast hermetische Welt, in der die Orte auf mythisch anmutende Weise markiert sind: Auf Henners Hof bellen die Hunde, am Fluss stehen die Rinder „im Uferkraut und trinken sich satt“, in der Stadt „gibt es Drogen“. Es ist eine Welt, deren naive Anmutung auch durch die scheinbare Betulichkeit des Artikels vor jedem der Vornamen entsteht; die Protagonisten werden so zu fast entpersonalisierten Vollstreckern ihrer schicksalhaften Funktion in Marias Leben.
Kriens größtes Verdienst aber ist, wie sie aus dieser grausamen und doch in ihrer Stummheit mitunter liebevollen Lebenswelt das große Politische, die Ungeheuerlichkeit des sich still vollziehenden Umbruchs durch die Wiedervereinigung entwickelt. Der Sommer 1990 ist für Maria „Heuwendezeit“. Auf einmal gibt es Paprika zu kaufen, die ist gesund. Der Henner war im Gefängnis, weil jemand aus dem Dorf ihn wegen seines Kontakts zu oppositionellen Künstlern verraten hat. Henner wird ihn beinahe umbringen. Dieses bruchstückhafte, andeutungsweise Erzählen von dem, was kaum erzählt werden kann, unterscheidet Kriens Debüt auf wunderbare Weise von vielen der anderen unzähligen DDR-Aufarbeitungsromane, die derzeit den Markt überschwemmen.
Beim Lesen entsteht nicht, wie so oft, das Gefühl, der Stoff diene nur als Vorwand für die persönliche Verarbeitung eines Wendetraumas. Krien erzählt beiläufig, ohne unnötiges Pathos, eine Geschichte der rohen, unverblümten Liebe zweier Menschen, in deren Kargheit und Wortlosigkeit etwas Grundsätzliches, Zeitloses aufscheint. Und doch verlässt die Autorin nie die Wahrheit einer Welt, die sie ganz offenkundig sehr genau kennt.
HANNAH LÜHMANN
DANIELA KRIEN: Irgendwann werden wir uns alles erzählen. Roman. Graf Verlag, München 2011. 234 Seiten, 18 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Anna Thalbachs Einlesung von Daniela Kriens Roman "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" lobt Rezensent Alexander Kosenina über den grünen Klee. Denn die intimen, von "Lust, Scham und Schuld" geprägten Bekenntnisse, die die 16-jährige Protagonistin Maria hier in ihren Tagebucheinträgen niederschreibt, scheinen ihm kaum aussprechbar. Maria, die zur Wendezeit in einem ostdeutschen Dorf auf dem Bauernhof ihres Freundes lebt, gerät in eine sexuelle Abhängigkeitsbeziehung mit dem vierzigjährigen, saufenden und groben Nachbarbauern Henner ein, dem sie sich bis zur Selbsterniedrigung hingibt, berichtet der Kritiker. Mit Diskretion und feiner Distanz in der Stimme gelinge es Thalbach, von der Last dieses Geheimnisses und der gewaltigen Kraft der erotischen Begierde zu erzählen. Für den Rezensenten ist das "bewundernswert".

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