Das Entwicklerstudio Techland aus Polen (u.a. Xpand Rally Xtreme) will mit nail'd Bike-Offrod-Platzhirsch Pure Konkurrenz machen. Gelingt das Unterfangen?
Ist es zu schnell, bist du zu schwach
Eins fällt sofort auf: nail'd ist so ziemlich das schnellste Rennspiel, das in letzter Zeit auf den Markt gekommen ist. Hier rast man mit einem derartigen Mordstempo durch die Landschaften (u.a. Griechenland, Arizona, Anden), dass einen ganz anders wird. Drückt man dazu noch die Boost-Taste, kommt man aus dem Staunen gleich gar nicht mehr raus. Das verblüffende dabei, die Steuerung (für PCler am besten per Gamepad) funktioniert ganz easy. Das gnadenlos auf Arcade ausgelegte Fahrgefühl erlaubt es, dass man die Quads (gute Kurvenlage) und Bikes (beste Höchstgeschwindigkeit) stets im Griff hat. Selbst wenn es schief geht und man das Gefährt samt Fahrer an einem Fels zermatscht, einen Baum küsst oder einfach bei den irren Sprüngen steil in ein Tal hinab irgendwo aufschlägt, muss das, dank Respawn, noch lange nicht das Ende bedeuten. Trotz mehrere Horror-Crashs, in den meist drei Runden langen Rennen, kann man immer noch einen Sieg einfahren, auch weil die maximal elf KI-Fahrer Fehler begehen und der Schwierigkeitsgrad langsam ansteigt.
So bekommt man genug Schonzeit die irrwitzig abgesteckten Strecken bei den Veranstaltungen der linearen Karriere auswendig zu lernen. Dies tut auch Not, da die Kurse nur so von Abzweigungen in alle Richtungen und Dimensionen hin wimmeln. Die Frage ob geradeaus, rechts oder links ist noch harmlos, wenn man auch noch die Wahl zwischen Tunnel oder Sprung hat und die Strecke etwa noch durch fahrende Züge ihr Layout verändert. Dabei wartet nach fast jedem größeren und meist nicht zu überblickenden Absprung auch eine Überraschung. Entweder man fliegt in eine unheimlich tiefe Schlucht, muss im Sprung den Flügeln von Windrädern ausweichen oder von Hubschraubern transportierte Plattformen treffen. Wow!
Schneller Kick = kurzer Kick
Doch leider kann der anfängliche Wow-Effekt nicht für eine entsprechende Langzeitmotivation sorgen. Beim dritten, vierten Anlauf hat man sich an den Strecken sattgesehen. Die Überraschungen überraschen nicht mehr, der Boost ist eh viel zu schnell durch Tore durchfahren oder Ringe durchspringen aufgefüllt und auch an die Geschwindigkeit hat man sich irgendwann gewöhnt.
Jetzt wäre es an der Zeit, das man sich neue Motivation durch ein gutes Belohnungssystem im Karrieremodus holt. Zwar schaltet man durch Top-Platzierungen neue Fantasie-Quads, -Bikes und Teile frei, dennoch will das System nicht richtig zünden. Die Karren sehen trotz individueller Lackierungen nun mal alle ziemlich gleich aus und auch durch Aufmotzen mit zig Teilen wie Lenker, Reifen und Räder, Dämpfer, Verkleidungen und sonst was merkt man kaum fahrerische Unterschiede.
Bei der nun aufkommenden Gleichgültigkeit, nicht nur während der zum Teil langen Flugphasen, erinnern wir uns gern an das umfangreiche Tricksystem mit Kombos eines Pure. Doch Fehlanzeige. Sogenannte Stunt-Punkte erhält man lediglich für Wheelies, gute Landungen oder Gegner rausschubsen. Dafür gib es sogar entsprechend unspektakuläre Stunt-Veranstaltungen, die neben den klassischen Rennen und Zeitfahren mit Checkpoints abklappern als Modi des Spiels auswählbar sind. Immerhin darf man in selbst erstellten Wettkämpfen diese Modi noch variieren. Etwa einen Dauer-Boost zuschalten, die KI-Gegner-Anzahl ändern oder die Kollisionsabfrage ausstellen.
Die aufgezählten Modi stehen auch im Multiplayer online oder im Netzwerk zur Verfügung. Leider konnten wir online für Testrennen nur äußerst selten spielwillige Gegner finden, was eine Woche nach Verkaufsstart kein gutes Omen darstellt. Vielleicht wird's ja noch. Ein Splitscreen fehlt leider komplett.
Auf dem zweiten Blick
Grafisch macht das Spiel auf den ersten, schnellen Blick einen ganz netten Eindruck. Bei zweiten Draufsehen oder beim Betrachten der Wiederholungen merkt man schnell, das durch die irren Geschwindigkeiten und den dezent eingesetzten Verwischeffekten magere Landschaftstexturen und durchschnittliche Fahrer-Bike-Animationen übertüncht werden. Dennoch gibt es hier und da schicke Schlammspritzer auf die Kamera oder zartes Hitzeflimmern am Start. Alles in allem aber Durchschnitt.
Ab und an wundert man sich über die Logik der Kollisionsabfrage. Egal ob kleiner Strauch oder großer Baum, ein Kontakt endet stets mit dem Total-Crash und der mit der Zeit nervenden Respawn-Animation samt Ladebildschirm. Dennoch wird das Spiel nie frustrierend oder unfair.
Menü und HUD sind nett durchgestylt, ohne aber etwa an die Klasse eines DIRT 2 heranzukommen. Gefahren wird stets in der Verfolgerperspektive, alles andere würde bei den hohen Geschwindigkeiten wohl auch keinen Sinn machen.
Slipknot oder Queens of the Stone Age steuern u.a. zum schnellen Spiel den entsprechend harten Soundtrack bei. Die Fahrzeuggeräusche können mit dem Niveau nicht ganz mithalten und fallen eher mau aus.
Fazit: nail'd ist nicht nur schnell, es ist pfeilschnell. Mit so einem Affenzahn bin ich lange nicht mehr über gut designte Pisten gebrettert. Das Gute bei dem Adrenalinkick: Die Steuerung funktioniert und es wird trotz zig Crashs pro Rennen nicht frustrierend oder unfair.
Was dem Spiel aber fehlt ist die Langzeitmotivation. Schneller als den Entwicklern lieb sein sollte, habe ich mich am Geschwindigkeitsrausch satt gespielt. Die Karriere bietet zu wenig Abwechslung, das gewisse Etwas drumherum fehlt und im Multiplayer ist online (aktuell) leider zu wenig los.
Für den kurzen Kick zwischendurch oder für Fans von Quads und Bikes durchaus ein brauchbarer Titel. An Mitbewerber Pure kommt es aber in Summe nicht heran.
Wertung: 78 von 100 Punkten (Tino Grundmann/GameCaptain.de)
Quelle/Copyright: Captain-Fantastic-Besprechung
Videoclip zu "Nail'd (PS3)"
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