Leseprobe zu "Ein guter Jahrgang" von Peter Mayle
Hochsommer in London - als Max Skinner die Rutland Gate entlang und in den Hyde Park lief, fühlten sich die Regentropfen beinahe warm auf der Haut an. Er folgte der Biegung der Serpentine Road, und im grauen Zwielicht huschten verschwommene Gestalten vorbei, Menschen, die beschlossen hatten, noch vor dem Frühstück zu leiden. Ihre Gesichter glänzten von Regen und Schweiß, und klatschende, feuchte Fußspuren kennzeichneten die Strecke, die sie zurückgelegt hatten.
Dieses Wetter lockte niemanden hinter dem Ofen hervor, vom harten Kern der Jogger einmal abgesehen. Es war zu nass für die jungen Mädchen mit den wippenden Brüsten und rosigen Wangen, deren Anblick Max sonst eine kleine, willkommene Abwechslung bot. Zu nass auch für den ortseigenen Blitzer, der normalerweise im Gebüsch unweit des Musikpavillons mit lüsternem Blick auf der Lauer lag, einen Regenmantel griffbereit an der Seite, um seine Blöße zu verhüllen. Zu nass sogar für die beiden Jack-Russel-Terrier, die sich einen Spaß daraus machten, nach jedem Knöchel zu schnappen, der ihren Weg kreuzte. Ihr Herrchen im Schlepptau murmelte kleinlaut Entschuldigungen.
Es war nicht nur zu nass, sondern vielleicht auch zu früh. Max pflegte seit geraumer Zeit ziemlich spät im Büro zu erscheinen, oft erst um halb acht, und Amis, sein Chef und seine Nemesis, war darüber alles andere als erfreut. Heute Morgen aber würde sich das Blatt wenden. Max würde als Erster da sein und sich vergewissern, dass es diesem elenden Mistkerl nicht entging! Er hatte ein großes Problem mit seinem Arbeitsleben: Ihm gefiel der Job, aber die Leute waren ihm zuwider, Amis im Besonderen.
Max drehte auf dem höchsten Punkt der Serpentine Road um und lief in Richtung Albert Memorial zurück, in Gedanken bereits in die Tagesgeschäfte verstrickt. Heute würde die Entscheidung über den Deal fallen, an dem er seit Monaten feilte; der Abschluss würde ihm einen satten Bonus bescheren, groß genug, um seinen unendlich geduldigen Schneider zu bezahlen und, noch wichtiger, sich die Bank vom Hals zu schaffen. Das gelegentliche leise Grollen der Missbilligung über die ausufernden Miesen auf seinem Konto war inzwischen wahren Drohbriefen gewichen, die ihn ermahnten, in einem so mageren Jahr den Gürtel enger zu schnallen. Auch das würde sich ändern, ganz gewiss. Von einer Welle der Zuversicht angespornt, setzte er zum Endspurt durch die Rutland Gate an, schüttelte sich wie ein nasser Hund auf der Schwelle und schloss die Eingangstür des Georgianischen Hauses mit der Stuckfassade auf, das ein Erschließungsunternehmen ausgeweidet und in ein, wie es hieß, begehrtes "pieds-à-terre für dynamische Jungmanager" umgewandelt hatte.
Der Hausmeister des imposanten Bauwerks, ein Zwerg von einem Mann mit dem fahlen Teint eines Lebewesens, das in geschlossenen Räumen sein Dasein fristet, blickte von seinem Staubsauger hoch und schnalzte ungehalten mit der Zunge, als er die nassen Fußabdrücke erspähte, die Max auf dem Teppich hinterließ.
"Sie bringen mich noch ins Grab, alles was recht ist! Schauen Sie sich den verdammten Matsch an, überall auf meinem Axminster!"
"Tut mir Leid, Bert", entgegnete Max und starrte auf den Teppichboden. "Dauernd vergesse ich, die Schuhe auszuziehen, bevor ich das Haus betrete."
Bert schniefte. Jedes Mal, wenn es regnete, gab es die gleiche Debatte, und sie endete stets mit der gleichen Frage. Der Hausmeister war ein eifriger Beobachter des Aktienmarktes und wartete auf eine günstige Gelegenheit, mit Hilfe der einen oder anderen Information, die nur Eingeweihten zugänglich war, einen kleinen Insiderhandel zu tätigen. "Haben Sie wenigstens ein paar gute Tipps für heute auf Lager?"
Max hielt vor der Fahrstuhltür inne und legte die Finger an die Lippen. "Zum Tiefstkurs kaufen. Zum Höchstkurs verkaufen. Aber keiner Menschenseele etwas verraten."
Bert schüttelte den Kopf. Ganz schön dreist, dieser junge Spund, sich auch noch lustig über ihn zu machen. Aber er war der Einzige im ganzen Haus, der seinen Geburtstag mit einer Flasche Scotch zur Kenntnis nahm, und Weihnachten ließ er sich auch nicht lumpen, steckte ihm immer einen gut gefüllten Briefumschlag zu. Im Grunde kein schlechter Kerl, dachte Bert, als er den Staubsauger über die nassen Matschspuren hin und her schob.
Max' Luxusapartment im zweiten Stock war eine Baustelle - oder, wie ein Freund, seines Zeichens Innenarchitekt, mit Blick auf einen lukrativen Auftrag gemeint hatte, eine unvollendete Symphonie. Im Moment wurde es lediglich als Schlafplatz und nur selten für andere Dinge genutzt. Es enthielt zwei erstklassige moderne Gemälde, an die Wand gelehnt, ein paar eckige avantgardistische Möbelstücke, an denen man sich ständig blaue Flecken holte, einen verstaubten Ficus in beklagenswertem Zustand und eine ganze Batterie von Stereo- und Videogeräten. Obwohl er bereits seit zwei Jahren hier wohnte, hatte Max es erfolgreich vermieden, dem Apartment eine persönliche Note zu verleihen, abgesehen von einem kleinen Stapel Laufschuhe in einer Ecke. Er ging in die winzige, weitgehend unbenutzte Küche, öffnete den Kühlschrank, der bis auf eine Flasche Wodka und eine Tetra-Packung Orangensaft leer war, und nahm den Orangensaft mit ins Bad.
Heißes Wasser und eiskalter Saft. Die Dusche nach dem Laufen war die tägliche Belohnung für eine seiner wenigen gesundheitszuträglichen Gewohnheiten. Er arbeitete zu hart, aß zu unregelmäßig, was für Junggesellen typisch war, schlief zu wenig und trank mit Sicherheit mehr als die fünf Gläser pro Woche, die der Vertragsarzt der Firma mit scheinheiligem Vergnügen abgesegnet hatte. Aber er absolvierte sein Lauftraining, komme, was da wolle, und er war ja noch jung. Der vierzigste Geburtstag war noch ein paar Jährchen in der Ferne, und bis dahin würde er sein Leben und seine Finanzen soweit auf die Reihe gebracht haben, dass er häuslich werden und - wer weiß - vielleicht sogar einen zweiten Anlauf wagen könnte, in den Hafen der Ehe einzulaufen.
Er musterte sich im Rasierspiegel. Blaue Augen, nur leicht blutunterlaufen; dunkelbraunes Haar, kurz geschnitten, wie es derzeit Mode war; die Haut straff über den hohen Wangenknochen. Keine sichtbaren Tränensäcke oder Falten, noch nicht. Könnte schlimmer sein, dachte er, als er über das nasse Badelaken stieg und die Joggingkluft auf den Fußboden des Badezimmers fallen ließ.
Fünf Minuten später war er gewappnet, in der Einheitskluft des dynamischen Jungmanagers das Finanzuniversum zu erobern: dunkler Anzug, dunkelblaues Hemd, dunkle Krawatte, klotzige Uhr, für Tiefseetaucher entworfen, die Wert darauflegten, pünktlich aufzutauchen. Handy und Autoschlüssel hatte er dabei. Er eilte mit eingezogenem Kopf durch den Nieselregen und stieg in den schwarzen BMW, ein absolutes Muss für alle, die in der City arbeiten - der verkehrsreichen Innenstadt Londons -, wo er heute endlich den seit langem erwarteten Deal unter Dach und Fach bringen würde. Und danach den Bonus. Anschließend würde er seinem Apartment den letzten Schliff geben, sich eine Putzfrau zulegen, die es makellos rein hielt, und ein paar Tage Urlaub nehmen, um nach St. Tropez abzudüsen, bevor die Strandsirenen nach Paris zurückkehrten. Nicht einmal die Wettervorhersage im Radio - vereinzelte Schauer, gefolgt von gelegentlichen schweren Regenfällen, unter Umständen sogar Hagel - konnte seine gute Laune beeinträchtigen. Es würde ein guter Tag werden.
So früh am Tage hätten zwanzig Minuten eigentlich ausreichen müssen, in die geheiligten Hallen von Lawton Brothers zu gelangen. Selbige befanden sich am oberen Ende der Threadneedle Street - "ein Katzensprung für die Bank of England", pflegte der dienstältere Lawton-Bruder seinen potenziellen Klienten mit stolzgeschwellter Brust zu sagen. Das Unternehmen war in den achtziger Jahren gegründet worden und hatte in den neunziger Jahren mit der ganzen Branche beispiellos geboomt. Mit Fusionen und Akquisitionen, mit Ein- und Abtauchmanövern hatte es sich den Ruf erworben, ertragsschwache, aber substanzstarke Firmen mit einer Unverfrorenheit auszuschlachten, um die es von vielen Konkurrenten mit mehr Moral und Herz beneidet wurde. Nun wurde Lawton Brothers in der Finanzpresse wegen seiner stählernen, effizienten Führungsriege oft als Aushängeschild der Branche gepriesen, bestens angepasst an die neuen rauen Zeiten. Der Führungsnachwuchs, der die Lehrzeit bei Lawtons überlebte, war abgehärtet und fähig, sich überall zu behaupten.
Als Max den Ludgate Hill hinunterfuhr, läutete sein Handy. Es war noch nicht ganz halb sieben.
"Haben wir uns heute Morgen freigenommen, oder was?" Es war Amis' Stimme, näselnd und aggressiv. Er wartete die Antwort gar nicht erst ab. "Wir müssen miteinander reden. Sehen Sie zu, dass Sie spätestens bis zur Mittagspause hier sind. Tracy wird Ihnen sagen, in welchem Restaurant Sie mich finden."
War wohl nichts mit meinem guten Tag, dachte Max. Doch wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass kein Tag hundertprozentig gut sein konnte, an dem sein Vorgesetzter anwesend war. Die wechselseitige Abneigung hatte schon bei der ersten Begegnung der beiden Männer in der Luft gelegen, als Amis, nach dreijährigem Aufenthalt frisch aus New York zurückgekehrt, wie ein siegreicher Feldherr Einzug gehalten hatte, um die Leitung der Londoner Niederlassung zu übernehmen. Ihr Verhältnis zueinander war von Anfang an voller Spannungen gewesen, wie es in England so oft der Fall ist, wenn zwei nicht die gleiche Sprache, sondern ein Englisch mit völlig unterschiedlicher Aussprache pflegen.
Max war das Produkt einer unbedeutenden, aber deshalb nicht minder elitären Public School und einer Mittelklasse-Idylle in der heilen grünen Welt der Berge von Surrey. Amis stammte aus den düsteren Außenbezirken Südlondons, einer Welt für sich, die weder heil noch grün war. Sie waren weniger als zwanzig Meilen voneinander entfernt aufgewachsen, und doch trennten sie Welten. Max bildete sich ein, vor jedem Anflug von Snobismus gefeit zu sein. Amis bildete sich ein, keinerlei Komplexe zu haben. Sie irrten beide. Jeder erkannte widerstrebend die Fähigkeiten des anderen an, und so lernten sie, einander zu ertragen, mit Mühe und Not.
Während er den BMW in seinen Tiefgaragen-Parkplatz einfädelte, zerbrach sich Max den Kopf darüber, was der Grund für die heutige Besprechung sein könnte. Das Mittagessen bei Lawtons bestand normalerweise aus einem Sandwich am Schreibtisch, die Augen unbeirrt auf den Bildschirm des Computers geheftet. Ein Lunch war "etwas für Weicheier", wie Amis mit einer Redewendung erklärte, die er vermutlich aus New York importiert hatte. Und jetzt redete er von einem richtigen Mittagessen mit Messer und Gabel - einem Weicheier-Lunch - in einem richtigen Restaurant. Sonderbar. Max stand immer noch vor einem Rätsel, als er aus dem Fahrstuhl trat und sich den Weg durch das Labyrinth der Raumteiler zu seinem eigenen Büro bahnte.
Lawtons nahm eine ganze Etage des Glas- und Betonkastens ein. Mit Ausnahme der in Mahagoni und Leder gehaltenen weitläufigen Suite, in der die beiden Brüder residierten, spiegelte die Ausstattung der Büros die Philosophie des Unternehmens wider: kein Schnickschnack, keine ästhetischen Finessen. Man befand sich schließlich in einer Fabrik, in der Geld am Fließband produziert wurde und Zucht und Ordnung herrschten. Die Lawtons hatten die Gewohnheit, ihre Klientel auf einen Rundgang durch den so genannten Maschinenraum mitzunehmen, um einen Blick auf die Belegschaft bei der Arbeit zu werfen. "Da sind sie, vierzig der hellsten Köpfe in der City. Und sie denken ausnahmslos über die Lösung Ihres Problems nach."
Da ihm der Anruf offenbar nicht ausreichend erschienen war, hatte Amis noch eins draufgesattelt und Max per E-Mail ermahnt, nicht zu spät zum Lunch zu kommen. Max löste den Blick vom Bildschirm und sah zu dem von Glaswänden umgebenen Eckbüro hinüber, wo man Amis normalerweise hin und her marschieren sah, den Telefonhörer ans Ohr geklemmt, aber heute Morgen war der gläserne Käfig leer. Der Vogel war offenbar ausgeflogen, zum Frühstück mit einem Kunden, dem er Honig ums Maul zu schmieren gedachte; oder er nahm Unterricht, um seine Redegewandtheit zu verbessern.
Max hängte seine Jacke auf und machte sich ans Werk, ging ein allerletztes Mal die Zahlen für TransAx und Richardson Bell durch, die beiden Unternehmen, deren geheime, magische Kräfte er einem der größten Lawton-Kunden verhökern wollte. Wenn das Geschäft über die Bühne ging, konnte er mit einem Bonus rechnen, der nach seinem Kalkül die Jahresbezüge eines Premierministers beträchtlich überstieg. Er prüfte die Zahlen doppelt und dreifach, und jedes Mal kam er unter dem Strich zu den richtigen Ergebnissen. Nun war er bereit, den Brüdern das gesamte Konzept zu präsentieren. Sie mussten nur noch grünes Licht geben, und schon wäre er um eine sechsstellige Summe reicher. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, reckte sich und warf einen Blick auf seine Uhr. Es war kurz nach zwölf, und ihm fiel siedend heiß ein, dass er keine Ahnung hatte, wohin er zum Lunch zitiert worden war.
Er eilte durch den Gang zum Glaskäfig hinüber, wo Tracy, eine energische und gut aufgepolsterte junge Frau, auf ihrem Posten war und Wache schob. Sie war unlängst von Amis' Sekretärin zu seiner persönlichen Assistentin befördert worden (ein Schritt nach oben auf der Karriereleiter und, wie man im Büro munkelte, eine unmittelbare Folge des verruchten Wochenendes, das sie mit Amis in Paris verbracht hatte). Bedauerlicherweise hatte der Aufstieg ihrem Charakter geschadet: Sie war hochnäsig und selbstüberheblich geworden.
Max hockte sich auf die Kante ihres Schreibtisches und deutete mit einem Kopfnicken auf das verwaiste Büro. "Steht die Verabredung zum Lunch noch, oder ist er damit beschäftigt, die Börse aufzumischen?"
Tracy machte ein Gesicht, als würde sie ihm gleich ein saftiges Strafmandat wegen Parken im Halteverbot verpassen. "Mr. Amis erwartet Sie in The Leadenhall Cellars. Punkt halb eins. Sorgen Sie dafür, dass Sie nicht zu spät kommen."
Max runzelte die Stirn. Das Cellars, ehemals eine Lagerhalle des alten Marktes von Leadenhall, war geadelt und in eine edle Wine Bar umgewandelt worden, wo sich die jung-dynamischen Finanzhaie der City während der Mittagspause trafen, um einen stärkenden kleinen Imbiss zu sich zu nehmen - einen Fetzen rotes Fleisch und einen kräftigen Stilton-Käse. Hier tranken sie überteuerten Bordeaux und wappneten sich mit einem bekanntermaßen gehaltvollen Glas Portwein für die Unbilden des Nachmittags. Trotz der nackten Backsteinwände und der Sägespäne auf dem Fußboden gehörte das Lokal zu der teuerste Gourmettempeln Londons.
"Er plündert wohl seine Ersparnisse", sagte Max. "Haben Sie eine Ahnung, worum es geht?"
Tracy blickte auf ihren Schreibtisch und schichtete Unterlagen um. "Bedaure." Ihr beiläufiger Ton war alles andere als überzeugend, fand Max.
"Tracy, ich wollte Sie schon die ganze Zeit etwas fragen."
Sie sah hoch.
"Wie war's eigentlich in Paris?"
Es stimmte also. Sie wurde feuerrot, und zufrieden ging Max in sein Büro, um Jacke und Regenschirm zu holen und sich für einen Spurt durch den Regen bis zur Leadenhall Street zu rüsten. Im Ausgang des Gebäudes zögerte er einen Augenblick, bevor er sich in das Dickicht der überdimensionalen Golfschirme stürzte - ein Accessoire, das im Sommer in Mode gekommen war -, die überall wie bunte Pilze aus dem Boden schossen und den Gehsteig in einen Parcours mit Hindernissen verwandelten, die sich nur langsam und schwer nehmen ließen. Keine Frage, er würde zu spät kommen.
Als er das rappelvolle Gewölbe betrat, saß Amis bereits am Tisch, das Handy am Ohr. Im Laufe der Zeit, die er unter den Vordenkern und Quertreibern der Wall Street verbracht hatte, hatte er sich einige ihrer auffallenden modischen Vorlieben angeeignet - das herausfordernd gestreifte Hemd mit dem weißen Kragen, die scharlachroten Hosenträger, die mit Bullen und Bären gesprenkelte Krawatte, Sinnbild der Hausse- und Baissemanöver an der Börse -, dekorative Schnörkel, die so gar nicht zu dem harten, schmallippigen Gesicht und dem Bürstenhaarschnitt eines Sträflings passten. Was er auch anzog, er sah immer wie ein Kerl aus, der einiges auf dem Kerbholz hatte. Aber er war ein Genie, wenn es darum ging, ein gutes Geschäft auszubaldowern, und deshalb stand er bei den Lawton-Brüdern hoch im Kurs.
Er beendete sein Gespräch und sah demonstrativ auf seine goldene Uhr, die noch klobiger als die von Max war und deren Zifferblatt mit einem Sammelsurium von Funktionen ausgestattet war: Tiefenmesser, Zeitmesser und, als Sonderausstattung, eine PC-Schnittstelle, um die Höhen und Tiefen des automatischen Quotierungssystems NASDAQ zu verfolgen. "Was war los mit Ihnen? Haben Sie sich verirrt?"
Max schenkte sich ein Glas Rotwein aus der Flasche ein, die auf dem Tisch stand. "Tut mir Leid. Schirmstau in der Leadenhall Street."
Amis grunzte, winkte eine Bedienung herbei und wirkte mit einem Mal aufgeräumt. "Wissen Sie, was mich glücklich machen würde, Schätzchen?" Er zwinkerte ihr zu und bedachte sie mit einem anzüglichen Grinsen. "Ein schönes saftiges Sirloin-Steak, gut durchgebraten, ohne einen Tropfen Blut. Davon fließt in meinem Büro genug." Die Bedienung gab sich redliche Mühe zu lächeln. "Dazu Pommes frites. Und als Nachspeise nehme ich die crème brulée." Sein Handy zirpte, und er nahm das Gespräch an und begann zu murmeln, während Max Lammkoteletts und Salat bestellte.
Amis legte das Telefon auf den Tisch und trank einen kräftigen Schluck Wein. "Also", sagte er. "Dann klären Sie mich mal über den derzeitigen Stand der Dinge mit TransAx und Richardson Bell auf."
Während der nächsten halben Stunde betete Max die Litanei der Unternehmenszahlen und Unternehmensprognosen, seine Analyse der Unternehmensführung und die Möglichkeiten herunter, sich durch Raub und Plünderung der firmeneigenen Vermögenswerte eine goldene Nase zu verdienen, Strategien, die er seit Beginn des Jahres ausgetüftelt hatte. Amis aß von Anfang bis Ende der Präsentation, machte sich Notizen auf einem Block, der neben seinem Teller lag, trug aber weder mit einer Frage noch mit einer Meinungsäußerung zum Gespräch bei.
Als Max seinen Monolog beendet hatte, schob er die Reste seines kalten Lammkoteletts mit dem gelierten Fett beiseite. "Das war's. Haben wir uns deswegen zum Mittagessen getroffen?"
"Nicht wirklich." Amis erforschte die Schlupfwinkel seiner Backenzähne mit einem Zahnstocher und prüfte seinen Fund mit einem Ausdruck verhaltenen Interesses. Ganz offensichtlich genoss er es, Max auf die Folter zu spannen.
Die Kellnerin kam, um die Teller abzuräumen, was das Stichwort zu sein schien, auf das Amis gewartet hatte. "Ich habe mich mit den Brüdern unterhalten", sagte er. "Und sie teilen meine Besorgnis."
"Wovon reden Sie?"
"Ihre Leistungen, mein Freund. Ihre Arbeitsproduktivität. Sie sind dieses Jahr wie ein Kriegsveteran herumgelaufen. Ein Trauerspiel."
"Sie wissen, womit ich das letzte halbe Jahr beschäftigt war - das reinste Puzzlespiel, ich habe es Ihnen gerade geschildert." Max musste sich zusammenreißen, um nicht laut zu werden. "Und Sie wissen verdammt gut, dass sich Transaktionen dieser Größenordnung nicht übers Knie brechen lassen. Gut Ding will Weile haben."Amis begrüßte die Ankunft seiner crème brulée, indem er der Bedienung abermals zuzwinkerte. "Das zieht nicht bei mir, mein Freund, das zieht nicht. Wollen Sie wissen, woran es hapert?" Er musterte Max und nickte zwei oder drei Mal. "Ihr Privatleben kommt Ihnen in die Quere. Zu viele Nächte, die Sie sich um die Ohren schlagen, zu viele Weiberröcke, denen Sie nachjagen. Sie haben Ihren Killerinstinkt verloren." Er nahm den Löffel und versetzte seinem Dessert den Todesstoß, mitten durchs Herz.