Leseprobe zu "Eine nie vergessene Geschichte" von Jan Koneffke
Im August 1968, auf dem Weg zur Beerdigung eines Bekannten, der wie sie von der pommerschen Seenplatte stammte, kamen meine Großeltern bei einem Unfall ums Leben. Ein Mercedes zerquetschte bei Ahrensburg Großvaters Goggomobil mit dem Modellnamen 'Limousine'. Aus dem Autowrack barg man zwei Leichen, zur Unkenntlichkeit entstellt, und einen mit Schleifen versehenen Beerdigungskranz, der keinen Schaden erlitten hatte. Mitte August fuhren wir nach Lensahn, um Emilie und Ludwig Kannmacher zu bestatten. Beim Leichenschmaus in einer Wirtschaft am Friedhof fing Großtante Alma zu schimpfen an, es sei Großvaters Schuld, wenn sie tot seien, er habe sein Goggomobil ja nicht abstoßen wollen. Erregt schob sie den Teller mit Suppe beiseite. Bis ans Ende der Mahlzeit, von der sie nichts zu sich nahm, schwieg sie uns vorwurfsvoll an. 'Sie vertreibt sich den Kummer mit Groll', meinte Vater, als sich Großmutters Schwester ins Gastwirtschaftsklo verzog. 'Man kann es verstehen, sie hatte ein bitteres Leben. 'Ich wollte vom Leben der mageren Großtante nichts wissen. Alma war nicht besonders beliebt bei uns Kindern, meinem Bruder und mir, und sie machte sich nichts aus uns. Kinder waren aufdringlich, fand sie, und vorlaut. Kinder hatten nichts anderes verdient, als mit eiserner Strenge behandelt zu werden. Wenn wir sie mit unseren Eltern besuchten, war Alma begierig darauf, uns bei einem Vergehen zu erwischen, das sie ins Recht setzte. Heimlich nannten wir sie 'Krokodil' oder 'Drachen'. Alma blieb auf der Toilette, was niemand bemerkte - das heißt, außer mir, und ich war zu erleichtert, um etwas zu sagen. Ohne von meiner Großtante verwarnt zu werden, konnte ich bei den Obsttorten zuschlagen. Ich verschlang einen halben Rhabarberkuchen. Nebenbei lauschte ich meinem Vater und Tante Helene, die in Kindheitserinnerungen schwelgten. Sie sprachen vom 'Sumpf der Kraut-Glawnitz', vom 'Buckower See', von 'Alt-Kugelwitz', 'Zizow' und 'Schlawe'. Und von 'Freiwalde', versteht sich. 'Freiwalde' und wieder 'Freiwalde'. Wenn sie von der Heimatstadt redeten, konnte man meinen, sie sei ferner als Mond oder Mars. 'Und unsere Eltern verstanden sich blendend', sagte Vater zu Schwester Helene, 'sie haben sich niemals gestritten, nicht wahr?' - 'Nein', sagte Helene, 'sie stritten sich nie.' - 'Und sie waren grundverschieden', fuhr Vater fort, 'Mutters Neugier und Lebenslust passten nicht zu Vaters praktischem Buchhalterwesen. Er musste sie mit seiner Langmut auffangen.' - 'Sie liebten sich', sagte Helene, 'das war es.' Vater und seine Schwester verfielen ins Schweigen, und ich leckte den Sahnetopf sauber. 'Diese Ehe hat keiner von beiden bereut', sagte Tante Helene, und Vater erwiderte: 'Ja. Trotz unseres verschollenen Onkels, von dem man zu Hause nicht sprechen durfte.' Ich vergaß meine Absicht, ein Achtelchen Kirschstreusel auf meinen Teller zu laden. 'Warum ist Onkel Felix verschollen?' fragte ich. Vater griff aus Verlegenheit zu seiner leeren Kaffeetasse. 'Wissen wir nicht', sagte er. Er blinzelte Schwester Helene zu, die heftiger nickte, als es notwendig war. Mein Großvater hatte den kleineren Bruder in seinen Familiengeschichten beharrlich verschwiegen. Ludwig Kannmacher war ein erinnerungsseliger Mensch, der es liebte, von seinem Freiwalde zu sprechen. Er plauderte Lausbubenstreiche aus, die er als halbstarker Junge begangen hatte, und unterhielt uns mit pommerschen Schauerlegenden. Seinen kleineren Bruder verheimlichte Großvater, es sei denn, er verplapperte sich. Im Schwung eines Schnacks, der sich um eine Kindheitsbegebenheit drehte, in die Bruder Felix verwickelt war, konnte aus heiterem Himmel sein Name fallen. Und wenn wir erfahren wollten: 'Felix? Wer war das?', zuckten Oma Emilie und Großtante Alma zusammen. Großvater Ludwig bekam einen Schluckauf und mit seiner Mitteilsamkeit war es aus. Vater wiederum wollte sich nichts aus der Nase ziehen lassen. 'Felix Kannmacher war Pianist', mehr verriet er nicht. Vater wandte sich ruckartig an seine Schwester. 'Was ist eigentlich mit Alma? Wo steckt sie?' Zum Beunruhigt sein hatten sie allen Anlass, Almas Stuhl war seit zwanzig Minuten verwaist. 'Sie ist auf der Toilette', versetzte ich schadenfroh. Gleichzeitig sprangen Vater und Schwester Helene auf, um zum Gastwirtschaftsklo zu eilen, das sich im Keller befand. Ich starrte pappsatt von den Torten- und Obstkuchenresten zum Fenster mit seiner vergilbten Gardine. Es scherte mich nicht, was mit Alma passiert war. Lieber wollte ich mit meinem Bruder spielen, der auf dem sandigen Parkplatz im Sonnenschein mit einem Lederball kickte und dribbelte. Wir donnerten unseren Ball ans Garagentor, als ein Ambulanzwagen scharf auf den Parkplatz einbog. Staubwolken aufwirbelnd hielt er vorm Gasthof, und es verging keine halbe Minute, bis man eine Bahre ins Freie bugsierte. Almas Gesicht war kalkweiß und verknittert. Sie bewegte zwei Finger und winkte mich zu sich. 'Wenn ich sterbe, wirst du an mich denken, nicht wahr?' Ob sie in Sorge war, einer der Menschen zu werden, die in unseren Familiengeschichten nicht vorkamen? Vor Sonnenuntergang stiegen wir in den blauen VW, einen Firmenwagen von Dr. Oetker, bei dem Vaters Schwager als Puddingvertreter arbeitete. 'Alma muss eben im Mittelpunkt stehen', seufzte Tante Helene vom Beifahrersitz, 'und auf Mutters und Vaters Beerdigung konnte sie dummerweise nicht Mittelpunkt sein. Bis zu diesem Zusammenbruch im Klo.' Ich nickte bald ein auf der Fahrt bis nach Kiel, wo Vaters Schwester und Schwager zu Hause waren. Wer mich schlafen legte, bekam ich nicht mit. Ich versank in dem riesigen Bett mit seiner weichen Matratze wie in einer Wolke. Tief in der Nacht weckte mich ein Gewitter. Blitze tauchten das Dachbodenzimmer in grelles Weiß, und bei einem Donnerschlag schob ich mich zu meinem Vater. Er kam mit seinem Schnarchen nicht an gegen peitschenden Regen und knatternden Wind. Ich sog seinen Geruch ein, bei dem es mir schauderte, dieses Gemisch aus Zigarrenqualm und saurem Schweiß, und rieb meine Stirn an der stacheligen Wange. 'Es tut mir leid', sagte ich. 'Was tut dir leid?' fragte Vater, der schlagartig wach war. 'Es tut mir um Oma und Opa leid', sagte ich, 'wir werden sie nie mehr besuchen.' - 'Nein, wir werden sie nie mehr besuchen', erwiderte er. Er richtete sich mit dem Ellbogen auf. 'Willst du nicht mehr schlafen, mein Junge?' Seine schimmernden Augen betrachteten mich. 'Ich weiß nicht', entgegnete ich. Ich wollte Vater zu Oma und Opa befragen und zu meinem verschollenen Großonkel Felix. Schwer zu sagen, ob Vater erriet, was ich dachte, oder lediglich vorhatte, mich zu beruhigen. Er stieg aus dem Bett, um sich eine Zigarre zu holen. Er knipste das schmalere Ende ab, steckte sie mit einem Streichholz an und setzte sich in einen Sessel beim Dachbodenfenster. Abwechselnd war er ein Schatten mit glutrotem Punkt vor den Lippen oder eine aufzuckende, weiße Gestalt, die mir fremd vorkam, unheimlich. Was mich beschwichtigte, war seine Stimme. Ich erinnere mich bis zum heutigen Tag an sie, diese warme und liebevoll raunende Stimme.'In unserem Ostseeort lebte ein preußischer Offizier, der im Siebzigerkrieg gegen Frankreich ein Bein verloren hatte. Als bejubelter Held aus der Schlacht um Paris ritt er auf einem Pferd in der Heimatstadt ein. Dieses Pferd war ein starkes Ross, muss es gewesen sein, wenn es einen Karren mit sieben Kanonen zog. Und mit sieben Kanonen im Schlepptau, behauptete man in Freiwalde, tauchte er vor der Stadtmauer auf. Du weißt ja, Freiwalde besaß eine Stadtmauer.' Vater strich seine hochstehenden Haare glatt. 'Was er anfangen wollte mit seinen Kanonen, verriet er nicht. Das bekam man erst spitz, als er sie auf den Steilhang zur Ostsee verfrachten ließ. Sie standen in Reih und Glied nebeneinander, im Abstand von je sieben Metern. Und wenn ein Gewitter vom Meer aufzog oder sich weißlicher Nebel verbreitete, der Freiwaldes Fischer am Auslaufen hinderte, beschoss er mit seinen Kanonen die Wolken.' 'Er schoss auf die Wolken?' versetzte ich staunend. Vater zog an der Zigarre und nickte. 'Einbeinig sprang er von einer Kanone zur anderen, und es dauerte keine Minute, bis es wieder vom Steilufer donnerte.' - 'Und was passierte, wenn er seine Kugeln zum Himmel schoss?' wollte ich wissen. 'Anfangs habe er Unwetterwolken und Nebel vertrieben, behauptete man in Freiwalde, in meiner Kindheit verscheuchte er sie leider nicht mehr. Unsere Scheiben vibrierten bei dem Artilleriefeuer, das er auf dem Steilhang veranstaltete, trotzdem suchten uns Nebel und Unwetter heim.' - 'Er war zu alt', spekulierte ich. 'Wer weiß, ob es das war', erwiderte Vater, 'als Kind stieg ich zigfach zum Steilhang hoch, um seine Kanonen von nahem zu betrachten. Und was soll ich dir sagen, ich fand keine. Ich konnte nie eine Kanone entdecken. Und dem einbeinigen Offizier bin ich niemals begegnet.' Vater, der wieder ins Bett kroch, nahm mich in den Arm. Ich war nicht zufrieden mit seiner Geschichte. 'Du hast sie erfunden', bemerkte ich grollend. 'Nein', sagte Vater, 'das habe ich nicht. Und ob sie erfunden ist oder wahr, spielt keine Rolle. In der Zwischenzeit donnert und blitzt es nicht mehr, und mit einer Geschichte im Kopf kann man viel besser einschlafen. Merkst du es nicht?' Ja, ich merkte es. Ich ruckelte mich neben Vater zurecht und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
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