Nicht egal
Chancengleichheit? Soziale Aufstiegsmöglichkeiten für alle? Weit gefehlt! Beinahe jeder vierte Promovierte aus dem Großbürgertum schafft es in eine der oberen Führungsetagen der deutschen Wirtschaft. Aus dem gehobenen Bürgertum ist es gerade noch jeder achte. Und von den Promovierten, die der Arbeiterklasse und den Mittelschichten entstammen, gelangt nur noch jeder elfte auf einen Chefsessel. Es ist also im Hinblick auf ihre Karrierechancen ganz offensichtlich nicht egal, aus welcher Schicht die Absolventen mit dem höchsten deutschen Bildungsabschluss stammen.
Den Mythos entzaubert
Die Illusion, dass jeder, wirklich jeder in Deutschland eine Spitzenkarriere machen könne, hat der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann gründlich zerstört. Besonders interessant an seiner Untersuchung: Die jüngeren Generationen sind keineswegs "gleicher" geworden. Das belegen die statistischen Daten, die Hartmann in vier Promotionsjahrgängen zwischen 1955 und 1985 erhoben hat. Neben den Spitzenjobs in der deutschen Wirtschaft werden in dem Buch auch Karrieren von Juristen, Ingenieuren und Politikern unter die Lupe genommen. Auch wenn etwa bei der letzten Gruppe die Diagnose etwas besser ausfällt - prominentestes Beispiel ist Bundeskanzler Gerhard Schröder, der aus sozial eher einfachen Verhältnissen stammt -: Von einer offenen Gesellschaft kann in Bezug auf die Aufstiegsmöglichkeiten keine Rede sein. "Je näher man an die eigentlichen Schaltstellen der Macht kommt, umso schärfer fällt die soziale Selektion aus", konstatiert Hartmann.
Keine guten Aussichten
Dass es auch in Zukunft schwierig sein wird, Chancengleichheit zu erreichen, zeigt sich übrigens schon in der Grundschule, wie eine Studie von 1997 belegt: So müssen Kinder von Vätern ohne Schulabschluss weit über dem Durchschnitt liegende Leistungen erbringen, um von ihrem Lehrer eine Empfehlung fürs Gymnasium zu erhalten. Es ist höchste Zeit, dass sich an dieser Situation etwas ändert.
(Mathias Voigt, literaturtest.de)
Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension
Man bewegt sich in den oberen Etagen einfach 'trittsicherer', wenn man das Gelände seit Kindesbeinen kennt," zitiert Elisabeth Niejahr aus dem von ihr besprochenen Buch. Darin sei zusammengefasst, was Michael Hartmann in seinen "Untersuchungen über Karrieremuster in der Wirtschaft" seit 1955 herausgefunden hat. Keinesfalls nämlich seien "die Aufstiegschancen für Kinder aus Kleinverdienerhaushalten" gestiegen. Immer noch entscheidet der "Stallgeruch", ob jemand einen Job ganz oben bekommt, und da, so Niejahr, zählt das "Großbürgertum". Etwas erstaunt stellt die Rezensentin fest, dass Hartmann daraus keine Forderung an den Staat ableitet, wenngleich doch die Idee der "Chancengleichheit durch Bildung" solcherart in Frage gestellt sei. Vielmehr fordere Hartmann vom Staat nur, seine Illusionen aufzugeben. Hartmanns "Adressaten", so Niejahr, sind "eher die Personalabteilungen und die Führungskräfte der deutschen Wirtschaft", und das Buch sei überhaupt eher für ein Fachpublikum geschrieben. Dass das Selbstverständnis deutscher Manager und Unternehmer als "Leistungselite" peinlich unerschüttert ist, zeige Hartmann allerdings selbst, und zwar am Beispiel einer Werbekampagne, in der man ausgerechnet Friedrich von Bohlen mit dem Motto "Chancen für alle" für das Risiko der Selbstständigkeit werben lässt, also einen "wohlhabenden Spross einer der ältesten Industriellenfamilien Deutschlands". Das macht die Rezensentin etwas ratlos.
© Perlentaucher Medien GmbHMichael Hartmann ist Professor für Soziologie an der TH Darmstadt. Er publizierte bei Campus 1996 Topmanager - die Rekrutierung einer Elite.