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"Das beste Stück Geschichtsschreibung und zeitgenössischer Politik- und Weltanalyse seit langem. Jedem in unserem Land aktiven Politiker, gleich ob auf Bundes- Landes- oder Kommunalebene möchte man dieses Buch zur selbstfortbildenden Pflichtlektüre machen." -- lovelybooks.de, 30.06.2011 Aus de Gespräch zwischen Fritz Stern und Helmut Schmidt ist ein ebenso anregendes wie kurzweiliges, freimütiges und nicht selten witziges Buch entstanden, in dem sich der Politiker und der Historiker die Bälle zuspielen, mal im Konsens, mal im Widerspruch, stets auf eine pointierte Darlegung der eigene…mehr

Produktbeschreibung

"Das beste Stück Geschichtsschreibung und zeitgenössischer Politik- und Weltanalyse seit langem. Jedem in unserem Land aktiven Politiker, gleich ob auf Bundes- Landes- oder Kommunalebene möchte man dieses Buch zur selbstfortbildenden Pflichtlektüre machen." -- lovelybooks.de, 30.06.2011

Aus dem Gespräch zwischen Fritz Stern und Helmut Schmidt ist ein ebenso anregendes wie kurzweiliges, freimütiges und nicht selten witziges Buch entstanden, in dem sich der Politiker und der Historiker die Bälle zuspielen, mal im Konsens, mal im Widerspruch, stets auf eine pointierte Darlegung der eigenen Positionen bedacht. Das Spektrum der behandelten Fragen reicht von Bismarck bis Israel, vom Zweiten Weltkrieg bis zum Aufstieg Chinas, vom Rückblick auf die Ära Bush bis zu den überhöhten Boni für Banker - und auch die Anekdoten kommen nicht zu kurz. Zwei kluge alte Männer streifen durch das 20. Jahrhundert und die Welt von heute, und der Leser genehmigt sich eine Prise Weisheit.
  • Produktdetails
  • Verlag: Pantheon
  • Seitenzahl: 286
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 286 S. 200 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 202mm x 130mm x 29mm
  • Gewicht: 362g
  • ISBN-13: 9783570551240
  • ISBN-10: 3570551245
  • Best.Nr.: 32543683

Autorenporträt

Helmut Schmidt, geboren 1918 in Hamburg, 1961-1965 Innensenator in Hamburg, 1966-1969 Fraktionsvorsitzender der SPD im Deutschen Bundestag, 1969-1972 Verteidigungsminister, 1972 Bundeswirtschafts- und Finanzminister, 1972-1974 Bundesfinanzminister, war von 1974 bis 1982 Bundeskanzler. Seit seinem Ausscheiden aus dem Amt ist er Mitherausgeber der Wochenzeitung 'Die Zeit'.

Rezensionen

"Das beste Stück Geschichtsschreibung und zeitgenössischer Politik- und Weltanalyse seit langem. Jedem in unserem Land aktiven Politiker, gleich ob auf Bundes- Landes- oder Kommunalebene möchte man dieses Buch zur selbstfortbildenden Pflichtlektüre machen." -- lovelybooks.de, 30.06.2011

"Ein ebenso anregendes wie kurzweiliges, freimütiges und nicht selten witziges Buch." -- Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung, 24.06.2011
»Ein ebenso anregendes wie kurzweiliges, freimütiges und nicht selten witziges Buch.«
"Ein ebenso anregendes wie kurzweiliges, freimütiges und nicht selten witziges Buch." (Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung, 24.06.2011)
Besprechung von 17.03.2010
Auf dem Weg in die Hausbar

Der Staatsmann Helmut Schmidt und der Historiker Fritz Stern brachten im Hamburger Reihenhaus zur Sprache, was beide bewegte.

Von Gregor Schöllgen

Erstmals begegnet sind sie sich 1976. Seither sind Helmut Schmidt und Fritz Stern im Gespräch. Im Frühsommer 2009 haben sich der deutsche Politiker und der amerikanische Historiker drei Tage in Schmidts Hamburger Reihenhaus zusammengesetzt, "um die vielen Themen, die uns bewegen, zur Sprache" und das Ergebnis in Buchform zu bringen. Dass sie "alles, was ein lebendiges Gespräch ausmacht - das Kursorische, Mäandernde, Improvisierte -, . . . so weit wie möglich beibehalten" und "das frei gesprochene Wort . . . weder durch gelehrte Nachbesserung noch durch die Regeln der Hochsprache ins Prokrustesbett" gezwungen haben, kommt der Lesbarkeit sehr zugute. Obgleich die beiden "kein Geschichtsbuch" vorlegen wollten, ist es eines geworden - im besten Sinne des Wortes: ein Musterbeispiel erlebter und erinnerter, reflektierter und erzählter Geschichte, dem man einen festen Platz an deutschen Schulen und Universitäten wünscht.

Helmut Schmidt, Jahrgang 1918, und den acht Jahre jüngeren Fritz Stern verbinden nicht zuletzt die Erfahrungen, die ihre Generation mit Deutschland und den Deutschen gemacht hat - ganz gleich, wohin das Schicksal den Einzelnen verschlug. Denn auch Stern, der Deutschland im Sommer 1938 verlassen musste und nach dem Krieg in den Vereinigten Staaten ein akademische Karriere machte, hat sich wissenschaftlich, publizistisch und wenn man so will auch politisch zeitlebens mit jenem Land beschäftigt, in dem Schmidt seine politische, dann auch publizistische Erfolgsgeschichte geschrieben hat. Den deutschen Staatsmann und den amerikanischen Gelehrten zeichnet aus, dass sie sich und anderen nichts mehr beweisen müssen. Das macht sie frei. Ob die Öffentlichkeit ihre Sicht der Dinge teilt, ob sie diese Sicht - sei es aus Ignoranz, sei es aus Böswilligkeit - missversteht, kann ihnen vergleichsweise gleichgültig sein. Sie sind sich ihrer Sache sicher, denn sie wissen, wovon sie sprechen.

So stellt Fritz Stern nicht nur fest, dass die Deportationen der deutschen Juden während der Kriegsjahre "etwas anderes" waren als deren von ihm selbst erfahrene Diskriminierung, sondern er sagt auch, dass die Vernichtungslager deshalb auf polnischem Boden errichtet wurden, weil sich die Nationalsozialisten womöglich "ihrer Sache nicht sicher waren und Proteste fürchteten". Man glaubt Helmut Schmidt, der als Wehrmachtsoffizier unter anderem 1941/42 an der Ostfront im Einsatz war, wenn er zu Protokoll gibt, das "Wort Dachau", ja selbst das "Wort Auschwitz . . . erst nach dem Krieg gehört" zu haben, und man spürt, wie die beiden mit solchen Erkenntnissen ringen.

Ähnliches gilt für eine Reihe weiterer Themen, wie zum Beispiel Israel. Deutschland, sagt Schmidt in erklärter Abgrenzung zur amtierenden Kanzlerin, "hat eine besondere Verantwortung dafür, dass solche Verbrechen wie der Holocaust sich niemals wiederholen. Deutschland hat keine Verantwortung für Israel." Nach Gründen für diese Klarstellung muss man nicht lange suchen: Das Urteil der beiden Herren über die israelische Politik ist hart und unzweideutig. Der Amerikaner weiß, dass man sich bei diesem Thema "keine Freunde" macht, und der Deutsche schlägt vor, es zu "verlassen, Fritz. Da kommt nichts Positives mehr raus."

Nein, hinter dem Berg halten sie mit ihrer Meinung nicht - bei den Sachthemen nicht und bei Personen schon gar nicht. Vielen der herausragenden Akteure "ihres" 20. Jahrhunderts sind sie begegnet, wenige halten ihrem kritischen Urteil stand. Das gilt für die Deutschen von Bismarck und Wilhelm II. bis Helmut Kohl, es gilt für die Amerikaner, etwa für den insgesamt noch mit wohlwollendem Respekt begutachteten Henry Kissinger, insbesondere aber für Männer wie Zbigniew Brzezinski, den Sicherheitsberater des vorsichtshalber erst gar nicht näher ins Gespräch gebrachten Präsidenten Carter, oder für George W. Bush und seinen Vizepräsidenten Dick Cheney, mit denen die beiden hart ins Gericht gehen. Es gilt selbst für die Päpste, den amtierenden ohnehin, aber auch für seinen Vorgänger Johannes Paul II. - "ein guter Mensch", aber "intellektuell beschränkt". Das sagt der deutsche Altkanzler, der in bekannter Manier wesentlich direkter zur Sache geht als der eher diskret argumentierende, dabei nicht weniger bestimmt urteilende amerikanische Historiker, der bei aller Freundschaft nicht zu den kritiklosen Bewunderern seines Gesprächspartners zählt. Das beruht auf Gegenseitigkeit und gibt dem Gespräch seine Würze. Als Stern den Politiker fragt, ob auch er gelegentlich über Lügen "hinweggepfuscht" habe, antwortet Schmidt: "Natürlich. Nur Professoren haben das nicht nötig." Dann geht's ab "in die Bar" - und der Leser bedauert, dass er draußen bleiben muss.

Helmut Schmidt/Fritz Stern: Unser Jahrhundert. Ein Gespräch. Verlag C. H. Beck, München 2010. 287 S., 21,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 15.03.2010
Palaver beim Stehempfang
Ganz uneitel: Helmut Schmidt und Fritz Stern im Gespräch
Große alte Männer im Gespräch – solche Bücher schlägt man ja meist mit einem ambivalenten Gefühl auf: In die neugierige Hoffnung, hinter die Kulissen der Weltpolitik blicken zu dürfen, mischt sich die Angst, dass da einmal mehr Opa vom Krieg erzählt. Die Hoffnung wird hier erfüllt, die Angst hingegen ist unbegründet: Helmut Schmidt und Fritz Stern ergänzen einander so gut, dass man sich nach dem Lesen wünscht, die beiden würden die Versuchsanordnung dieses Buches im kommenden Sommer wiederholen, also nochmal drei Tage in Schmidts Garten sitzen und einander Fragen stellen, über Europas Chancen und den Niedergang der USA, die dunkle deutsche Geschichte und die fatale Liaison zwischen Israel und den Neokonservativen in Amerika, über Thomas Carlyle, Nietzsche und die „Federalist Papers”.
Zuweilen geht es so schnell hin und her, dass Schmidt einmal sagt, er komme nicht mehr mit. Als Stern daraufhin seinen Satz laut wiederholt und Schmidt ihn unterbricht, nein, er habe schon verstanden, er komme nur, altersbedingt , inhaltlich nicht mit, sagt Stern: „Bei mir ist es so, dass ich schnell spreche, denn wenn ich langsam spreche, habe ich schon wieder vergessen, was ich am Anfang sagen wollte.”
Die immer wieder durchschimmernde Selbstironie ist wohltuend. Wenn die beiden anekdotisch reden, dann nicht um ihre eigene Wichtigkeit zu unterstreichen, sondern um einen Sachverhalt prägnant in Bild zu fassen. Als es etwa um die hoffnungslose Abgeschottetheit der spätsowjetischen Nomenklatur geht, erzählt Schmidt von einem Breschnew-Besuch bei ihm zu Haus: „Als er die Häuser hier sah, und vor jedem Haus stand ein Auto, hat er im Ernst geglaubt, das sei ein Wohnviertel für die Nomenklatura. Er fragte, wo denn die Mauer sei, die uns hier abschirmt. Da hat er wohl zum ersten Mal etwas vom Lebensstandard der Westdeutschen begriffen.”
Vor allem aber halten sie ihr eigenes Ego im Zaum, indem sie beide als Fragesteller in diese Gespräche gehen. Statt als Bescheidwisser und Monumente ihrer Zeit nebeneinander herzumonologisieren, befragen sie einander und lassen die Anworten des je anderen gelten, selbst wenn einer anderer Meinung ist. Eine Frage, die Stern fünfmal in diesem Buch formuliert, bildet eine Art Hintergrundstrahlung des Gesprächs: „Wie konnte das passieren?” Wie konnten die Nazis so schnell, so ohne allen Widerstand Deutschland umkrempeln? Und wie konnte es mitten in Europa zum Holocaust kommen? Beantwortet wird die Frage nicht, aber man wird durch ihr weit ausgreifendes Kraftfeld unter anderem nach Weimar geleitet, nach Preußen und tief in den Ersten Weltkrieg.
Leider liest sich das, als treibe man auf einem Korkfloß über ausgedehnte Korallenriffe: Alles schillert, viele Namen funkeln verlockend interessant, so gerne würde man oft innehalten und den Dingen auf den Grund gehen, allein, das Floß treibt weiter, „wir dürfen in unserem Buch nicht Stunden über Henry reden”, mahnt Schmidt einmal, „wir haben noch viel vor uns”. Henry, das ist Kissinger, versteht sich. Durch den Wunsch, möglichst viele Themen anzureißen, hat das Gespräch etwas von gehobenem Stehempfangspalaver. Das ist oftmals kurzweilig, gerade auch weil die beiden mit Humor gesegnet sind, Stern auf die elegante Art, Schmidt mit seiner bärbeißigen Ironie: Auf Sterns Bemerkung, Ratzinger habe als Papst nicht die Ausstrahlung, die sein Vorgänger gehabt habe, knurrt Schmidt: „Geschieht ihm Recht!” Und als Stern seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, „die Achse Paris-Berlin” werde „doch hoffentlich bestehen”, antwortet Schmidt: „Ich teile Ihre Hoffnung.” Stern: „Sie teilen meine Hoffnung? Das heißt, Sie glauben nicht daran?”
Die Neocons: „Rechtsradikale”
Hoffnung als Synonym für Skepsis: Hier reden zwei epikuräisch weise Weltenlaufbeobachter, die aber keine Kulturpessimisten sind, Schmidt betont mehrfach, wie erstaunlich er die Entwicklung der BRD finde: „Das Ergebnis, wenn Sie die heutige Bundesrepublik im Jahre 2009 anschauen, ist unendlich viel besser als das, was wir 1949 erwartet haben.”
Gerade aber weil die beiden doch klug argumentieren, wäre es schön gewesen, wenn sie ihre Ansichten an irgendeiner Stelle einmal vertieft und dafür anderes, zuweilen grotesk Marginales beiseite gelassen hätten. Man will doch wissen, warum sie, die beide so bedächtig argumentieren, sofort darin übereinstimmen, dass die amerikanischen Neokonservativen „Rechtsradikale” seien. Vielleicht können sie das ja im kommenden Sommer nachholen. ALEX RÜHLE
HELMUT SCHMIDT, FRITZ STERN: Unser Jahrhundert. Ein Gespräch. Verlag C. H. Beck, München 2010. 288 Seiten, 21,95 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Die Angst des Rezensenten vor großen alten Männern, die vom Krieg erzählen, erweist sich als unberechtigt. Die beiden hier aufspielende alten Männer hält Alex Rühle jedenfalls für ein gutes Gespann: klug argumentierend, gesegnet mit Selbstironie und Sinn für Prägnanz und die richtige Frage an den Gesprächspartner und ganz ohne die Allüren oller Bescheidwisser. Ob es um Europa geht, die USA, die dunkle Vergangenheit oder Nietzsche, Rühle fühlt sich stets gut unterhalten, wenn Helmut Schmidt und Fritz Stern die Frage wälzen: Wie konnte das passieren? (der Holocaust etwa). So interessant erscheint Rühle, was hier thematisch aufgetischt wird, dass er ehrlich bedauert, wenn keine Zeit bleibt, in die Tiefe zu gehen. Etwas von der Kurzweiligkeit der Lektüre hätte er dafür gerne drangegeben.

© Perlentaucher Medien GmbH
Fangen Sie an, Fritz!
Helmut Schmidt und Fritz Stern als wunderbares, seltsames Paar

Ein Buch über die Weltlage und die Weltgeschichte, über die Neugierde auf die Gegenwart und über die Lust an der Einmischung.

Für einen kurzen Moment hatte man, als am vergangenen Donnerstag der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und sein langjähriger Freund, der Historiker Fritz Stern, im Berliner Haus der Kulturen der Welt auftraten, um ihr gemeinsames Buch vorzustellen, den Eindruck, man säße im Theater. Denn wie Helmut Schmidt dort in seinem Rollstuhl kauerte, mit vollem Haar, den Stock vor sich; wie er am Beistelltisch mit einer Tasse Kaffee und den Reyno-Mentholzigaretten hantierte, schließlich das Hörgerät aus dem Ohr nahm, um einen großen schwarzen Kopfhörer aufzusetzen, den er während der ganzen Diskussion aufbehielt und der ihm die Wortbeiträge seines Gesprächspartners übertrug - das hatte, als stummes Spektakel scheinbarer Abgewandtheit, etwas so Theaterhaftes, als wäre man in einem Stück namens "About Schmidt", in dem der Bundeskanzler a. D. sich selber spielte. Es fehlte eigentlich nur noch der Schnupftabak. "Helmut, erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Fritz Stern?", fragte ihn der Moderator des Abends, Matthias Naß, der auf der Bühne das Hamburger Sie pflegte. "Nee, kann ich nicht", antwortete Schmidt, machte seinem Hang zur Lakonie alle Ehre und beantwortete auch die folgenden Fragen zunächst so knapp, dass es beinahe a Gesprächsverweigerung grenzte. Das Publikum des ausverkauften Saals dankte ihm jede noch so kurze Wortintervention mit Zwischenapplaus und großem Gelächter. Je kürzer die Antwort, desto größer im Publikum die Freude.

Helmut Schmidt hat im hohen Alter eine moralische Autorität gewonnen, die ihm während seines aktiven politischen Lebens so nie vergönnt war. Sein Buch "Außer Dienst" ist seit bald zwei Jahren in den Bestsellerlisten, seine "Zigarettengespräche" mit Giovanni di Lorenzo sind bereits legendär, und man würde sich nicht wundern, wenn auch das Gesprächsbuch mit Fritz Stern, das unter dem Titel "Unser Jahrhundert" gerade im Verlag C. H. Beck erschienen ist, ähnliche Erfolge feiern würde. Der Ältesten-Rat des 91-Jährigen ist gefragt, nicht nur in der SPD, wenn es um Afghanistan geht, sondern eben auch in der Gesellschaft, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass er zu denen gehört, die, wie er selbst das immer nennt, "die Scheiße des Kriegs" miterlebt haben. "Er ist zu einem politischen Pädagogen geworden, zum Aufklärer", sagt Fritz Stern, der diese Woche aus New York angereist war. "Außerdem sagt er völlig frei seine Meinung. Er will die Menschen zur größeren Mündigkeit erziehen. Beziehungsweise, ob er es will, weiß ich gar nicht, er tut es."

Stern, 1926 als Sohn eines zum Protestantismus konvertierten jüdischen Arztes in Breslau geboren, emigrierte 1938 mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten, lernte früh, sich als Amerikaner zu fühlen, und wurde an der Columbia University, wo er lehrte, zu einem der geachtetsten Historiker seines Landes. Im Gegensatz zu Helmut Schmidt erinnert er sich noch sehr gut an die erste Begegnung mit dem damals amtierenden deutschen Bundeskanzler im April 1976. Er erinnert sich an alles, sogar an den Willy-Brandt-Witz, den beim gemeinsamen Mittagessen der Verleger Jobst Siedler erzählte und über den Schmidt schallend lachte. "Ich weiß noch", erzählt er, "dass er in der ersten Reihe saß, während ich damals in Berlin einen Festvortrag über Ernst Reuter gehalten habe, den ehemaligen Berliner Oberbürgermeister. Wir sind anschließend zusammen rausgegangen. Und da fand ich ihn sehr selbstbewusst und humorvoll, hatte gleich einen fabelhaften Eindruck."

Aus der Begegnung wurde eine Freundschaft und aus den gemeinsamen Gesprächen im vergangenen Sommer ein Buch, das zum Glück mehr ist als ein weiteres biographisches Monument, das dem ehemaligen Kanzler die späte Ehre erweist. Denn bei aller Freundschaft leben diese Gespräche vom Dissens, vom Widerspruch, wenn auch nicht vom Streit. Mit seiner dynamischen Antriebskraft und Beweglichkeit im Denken bricht Fritz Stern die oft bonmothaft geronnenen Gewissheiten des Freundes immer wieder auf. Er unterbricht die Schmidt-Show. Er sagt: "Ich stimme ohne Einschränkung zu", er sagt "Da pflichte ich Ihnen bei". Aber er sagt eben auch: "Ich bin nicht glücklich mit dem Wort Gene, es kommt mir einfach zu biologistisch vor, fast rassistisch", wenn Helmut Schmidt den Prozess, der 1942 zur Vernichtung der Juden führte, als für ihn nach wie vor rätselhaft beschreibt und dabei "ein dumpfes Gefühl im Bauch" bekundet, dass es "irgendwelche Gene" gebe, die dabei eine Rolle spielen. Er sagt: "Das Letztere kann ich verstehen, das Erstere nimmt mich einfach wunder!", wenn Schmidt erzählt, dass er das Wort Dachau zum ersten Mal nach dem Krieg gehört habe und auch das Wort Auschwitz.

So war man auch bei der Buchvorstellung im Haus der Kulturen der Welt einfach nur froh darüber, dass Fritz Stern, der neben dem wie zum Denkmal seiner selbst gewordenen "Helmut" mit seinen 84 Jahren beinahe jungenhaft wirkte, wie er da klein und agil auf seinem Stuhl hin und her rutschte, auch da war - als Unterbrechungsmotor jener Verehrungssehnsüchte, die dem ehemaligen Kanzler aus dem Publikum entgegenschlugen. So viel Zwischenapplaus wie an diesem Abend hatte man lange nicht mehr gehört. Fast war es so, als erteilte hier jemand seine Absolution, was allein durch die Tatsache, dass Richard von Weizsäcker und Peer Steinbrück in der ersten Reihe saßen und während der Diskussion angesprochen wurden, nur noch staatstragender wirkte. Und was beinahe gespenstische Züge annahm, als Schmidt irgendwann laut verkündete, er weigere sich, die Deutschen zwischen 1933 und 1945 über einen Kamm zu scheren und zu behaupten, sie seien alle Nazis gewesen, woraufhin im Publikum lang anhaltender Beifall aufbrandete, der einem völlig übertrieben vorkam. Da sehnte man dann Fritz Sterns Differenzierungen herbei, die er uns nicht schuldig blieb.

"Unser Jahrhundert" ist ein Buch über die Weltgeschichte und die gesamte Weltlage. In der Selbstverständlichkeit, mit der die Gesprächspartner dabei politisches und welthistorisches Wissen voraussetzen, von Kennedy zu Roosevelt, zu de Gaulle, Alexander von Humboldt oder dann wieder zu Ludendorff switchen, ist es das Dokument eines fast vergangenen Politikertyps und engagierten Beobachters. Und ein Plädoyer für Geschichtsbewusstsein, das sich explizit an die nachfolgenden Generationen wendet.

Eine charakteristische Fritz-Stern-Antwort geht in etwa so: Fragt man ihn diese Woche im Interview, ob es vielleicht schon immer unattraktiv war, in die Politik zu gehen, widerspricht er vehement und führt erst mal an, dass für junge Engländer und Franzosen im neunzehnten Jahrhundert eine öffentliche politische Karriere ungemein attraktiv war. "Das Unterhaus in England", sagt er, "lässt sich sehen, wenn man bedenkt, was da für Reden gehalten worden sind, die nicht nur rhetorisch wichtig waren, sondern auch politische Folgen hatten." Dann ist er bei Max Weber, der in seiner Kritik des Wilhelminismus die Rolle des Parlaments auch als Lehrschule der Politik unterstrichen habe, die es in dem Sinne in Deutschland nicht gab: "Die Attraktivität der politischen Aktivität war in Deutschland im neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geringer, außer bei den Sozialdemokraten, die das zum Teil aus Idealismus getan haben." Heute sei der Reiz überall geringer. Das mache ihm große Sorgen, dass die politischen Institutionen inzwischen so abgewertet seien. Es habe sehr viel mit dem Übergewicht von Geld zu tun.

Man mag diesen Gestus für zu pädagogisch, zu lehrerhaft halten. Tatsächlich ist er es nicht. Denn was im persönlichen Gespräch und auch im Buch mit Helmut Schmidt überwiegt, ist eine ungeheure Neugierde auf die Gegenwart, ein permanentes Herstellen von Bezügen und vor allem: die Lust an der Einmischung. Wie er, der sich mit seiner Antipathie gegen die Politik von George W. Bush nie zurückgehalten hat, im Buch von seiner Aktivität im Wahlkampf von Obama berichtet; davon, wie er lange Listen potentieller Wähler durchtelefonierte und dabei neben ihm der ehemalige Präsident der Harvard University saß, der als ganz normaler Bürger das Gleiche tat - das ist nicht nur Ausdruck eines urdemokratischen Verlangens der Teilhabe, wie sie Stern in der Kindheit verwehrt war, sondern eben auch ein Statement: Fritz Stern hält sich nicht raus. Wissenschaft und Einmischung in die Politik sind für ihn vereinbar, er hat sie immer nebeneinanderher betrieben - was keine Selbstverständlichkeit ist, auch nicht in den Vereinigten Staaten, und was ihm so manche Kollegenattacke eingetragen hat.

Und er hat noch etwas anderes: die Fähigkeit zur Bewunderung. Einen Menschen oder eine Situation zu bewundern, sagt er, bereichere doch das eigene Leben, was nicht heißt, dass man es forcieren oder eindrillen dürfe. Er finde aber, dass das Raufblicken etwas Schönes habe, so, wie er gerne auf die Berge gucke. Daran, dass Fritz Stern Helmut Schmidt bewundert, lässt er im Gesprächsbuch keinen Zweifel. Er nimmt dies zum Anlass, ihm zu widersprechen. Schmidt überlässt ihm bereitwillig das Feld: "Fangen Sie an, Fritz", lautet der erste Satz des Buchs.

JULIA ENCKE

Helmut Schmidt / Fritz Stern: "Unser Jahrhundert. Ein Gespräch". Verlag C. H. Beck, 287 Seiten, 21,95 Euro. Das Buch erscheint, gelesen von Hanns Zischler und Hans Peter Hallwachs, auch als Hörbuch (Audio-Verlag, 24,99 Euro).

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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