Im ersten Halbjahr 2007 sollte unter deutscher Ratspräsidentschaft
ein "Fahrplan" für den Verfassungsprozess vereinbart
werden. Was als einfacher technischer Vorgang daherkam, entpuppte
sich aber bald als massives Understatement. Denn auf dem Gipfel der
Staats- und Regierungschefs von Juni 2007 wurde nichts weniger als
ein neues Vertragskonzept ausgehandelt. Ein Fahrplan mit extrem
kurzer Laufzeit gehörte ebenfalls dazu: Die definitive
Verabschiedung des Reformvertrags soll noch in diesem Jahr
erfolgen; die Ratifizierung in den Mitgliedstaaten soll vor der
Neuwahl des Europäischen Parlaments im Juni 2009 abgeschlossen
sein. Und es sieht ganz danach aus, dass dem ehrgeizigen Projekt
trotz großer Meinungsverschiedenheiten zwischen den nunmehr 27
Mitgliedstaaten kaum größere Hindernisse entgegenstehen. Dabei ist
zu betonen, dass der anvisierte Reformvertrag keineswegs hinter dem
Verfassungsvertrag zurücksteht; vielmehr sind dessen Regelungen,
"nicht unter diesem Namen, wohl aber in der Substanz"
(Vorwort zur zweiten Auflage), größtenteils in das neue
Vertragswerk eingeflossen. Abstriche und Revisionen sind
hauptsächlich kosmetischer Natur. Sie entstauben die EU von
staatsähnlichen Terminologien und Symbolen, die ohnehin dem
Integrationsprojekt nicht adäquat sind und die Zugehörigkeits- oder
gar Identitätsgefühle der Bürger kaum stärken. Letzteres lässt sich
meines Erachtens nur dadurch erreichen, dass das europäische
Projekt und seine ausgeprägte Streit- und Konsenskultur den Bürgern
verständlich und durchschaubar gemacht werden. Mit der Neuauflage
dieses Buches hoffe ich, einen kleinen Betrag zu dieser Aufgabe
leisten zu können. Der Text des Buches wurde durchgängig
überarbeitet und auf den neuesten Stand seit der Erweiterung des
Jahres 2007 und der überraschend schnellen Einigung auf den
Reformvertrag gebracht.
Univ.-Prof. Dr. Ingeborg Tömmel lehrt Internationale Politik an der Universität Osnabrück.
Inhaltsangabe
- Staat, Föderation, Regime: die EU als politisches System. - Die Genese der europäischen Integration im Spannungsfeld von supranationaler Option und intergouvernementaler Entscheidungsmacht. - Die Struktur des EU-Systems: "schwache" Institutionen, "starke" Akteure. - Die Funktionsweise des EU-Systems: Konflikt versus Konsens. - Die erweiterte Systemstruktur. - Funktionsprobleme des EU-Systems: Effizienz, Effektivität, demokratische Legitimation. - Das EU-System in seiner Gesamtheit. - Durchgeführte Interviews: Institutionen, Organisationen und Akteure.
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