Leseprobe zu "Natur und Geschichte" von Olivia Mitscherlich
III. Die geschichtsphilosophische Erkenntnis des menschlichen Wesens (S.253)
1. Die Fragestellung der Geschichtsphilosophie
Meine These von Plessners in sich gebrochener Lebensphilosophie geht von der Gleichrangigkeit seiner Natur- und seiner Geschichtsphilosophie aus. Ich verstehe die Doppelung der Lebensphilosophie als dem Zweck geschuldet, die Bedingtheit durch das moderne Lebensparadigma von innen heraus zu unterlaufen und nach philosophischer Orientierung zu streben. Diese Behauptung der Gleichrangigkeit von Natur- und Geschichtsphilosophie muß sich allerdings einem grundsatzlichem Einwand aussetzen. Zwar hat Plessner mit "Macht und menschliche Natur" und der "Verspateten Nation" geschichtsphilosophische Arbeiten vorgelegt, damit ist jedoch noch nichts uber ihren Status in seinem Gesamtwerk ausgesagt. Dieser Einwand bekommt Gewicht von hoher Stelle: von der Projektskizze, die Plessner im ersten Kapitel der "Stufen" vornimmt. Hier gibt Plessner zwar die "Neuschopfung der Philosophie" als sein Ziel an. (Vgl. SOM, 68) Auch soll diese Neuschopfung in zwei Aspekten - in einer horizontalen und einer vertikalen Richtung - verlaufen. Dieser Doppelansatz wird nun jedoch dadurch unterlaufen, da. der Mensch in seiner Selbsterkenntnis als Mittelpunkt angegeben wird. Diese Aussage kann man nun auch so verstehen, da. der Mensch das Fundament der Lebensphilosophie in ihren beiden Achsen darstellen sollte. (Vgl. SOM, 70ff.)
Wenn man die Entwicklung des Plessnerschen Denkens in den 20iger und 30iger Jahren vor Augen hat, erscheint diese Bestimmung seiner Lebensphilosophie als Resultat einer Ubergangsphase. Ich werde deswegen zu zeigen versuchen, daß sowohl die gedoppelt vertikal-horizontale Anlage der Lebensphilosophie als auch die von den "Stufen" vermittelten Einsichten die anthropologische Fundierung unmoglich machen, die Plessner zu Beginn dieses Buches noch hat vertreten wollen. Ohne dies ausdrucklich zu markieren, zieht Plessner in der drei Jahre nach den "Stufen" erschienenen Schrift "Macht und menschliche Natur" die Konsequenz aus dieser Unstimmigkeit. Er gibt die anthropologische Fundierung auf und fuhrt die horizontale Achse seiner Lebensphilosophie nun als Geschichtsphilosophie durch, die den Wahrheitsgrund von Wirklichkeit uberhaupt nicht mehr anthropologisch festlegen, sondern in der Frage halten will. Um diesen Wandel des Plessnerschen Denkens nachzuvollziehen, soll zunachst (unter a.) das Projekt einer neu zu schaffenden Lebensphilosophie vorgestellt werden, das Plessner im ersten Kapitel seiner "Stufen" ankundigt.
Es wird sich zeigen, daß dieser Projektentwurf an entscheidenden Stellen zwischen den beiden unvereinbaren Ansatzen einer in sich gebrochenen und einer anthropologisch fundierten Lebensphilosophie changiert. In diesem Zusammenhang sollen die von den "Stufen" vermittelten Einsichten in die exzentrische Positionalitat des Menschen gegen die anthropologische Dimension dieses Projektentwurfs gewendet werden. In einem zweiten Schritt soll (unter b.) die Umstellung und Prazisierung seiner Lebensphilosophie dargestellt werden, die Plessner in "Macht und menschliche Natur" vornimmt. Hier hat sich der in sich gebrochene Ansatz der Lebensphilosophie gegen die anthropologischen Uberreste aus der "Einheit der Sinne" durchgesetzt. Damit einhergehend wird sich die Fragestellung der Plessnerschen Geschichtsphilosophie als Frage nach dem menschlichen Wesen ergeben.
a. Der zwischen Anthropologie und in sich gebrochener Lebensphilosophie changierende Projektentwurf der "Stufen"
Der Projektentwurf im ersten Kapitel der "Stufen" unterscheidet am geplanten philosophischen Ansatz zwischen Ziel, Weg und Aspekt. Ziel ist naturlich die Neuschopfung der Philosophie. Warum diese Neuschopfung notwendig ist, kommt im Aspekt zum Ausdruck, unter dem die kunftige Philosophie stehen soll: der Lebenserfahrung, wie sie sich in Kulturwissenschaften und Weltgeschichte zeigt. (Vgl. SOM, 68)
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