Leseprobe zu "Expressivität und Stil"
NORBERT AXEL RICHTER
Privater und öffentlicher Leib (S. 131)
Die Uniform als Paradigma des leiblichen Ausdrucks
Der Untersuchungsgegenstand dieses Beitrags ist auf zweierlei Weise begrenzt. Es geht darin um die Uniform als prägnante und zugleich vieldeutige, daher besonders aufschlussreiche Form des leiblichen Ausdrucks. Von Uniformität (dies ist die erste, vielleicht ein wenig erstaunliche Einschränkung) wird dabei kaum die Rede sein. Ferner (dies ist die zweite Einschränkung) wird fast nur von militärischen Uniformen die Rede sein.
Beide Einschränkungen hängen miteinander zusammen. Die Gemeinsamkeit aller militärischen und nichtmilitärischen Uniformen, d. h. die einzige gemeinsame Eigenschaft jeglicher als Uniform fungierenden Kleidung ist in der Tat vielleicht nur die, dass sie Uniformität herstellt, dass sie als Berufskleidung die soziale Funktion einiger im Prinzip austauschbarer Personen (Ärzte, Postboten, Mitarbeiter der Straßenreinigung) auf Kosten ihrer Individualität anzeigt. Über die leibliche Ausdrucksdimension aller dieser funktionsanzeigenden Bekleidungsarten wäre dann nur noch zu sagen, dass der Ausdrucksgehalt eben jeweils einheitlich ist und dass der Leib sozusagen nur noch als Ausdruck der sozialen Funktion im öffentlichen Raum sichtbar werden soll. Auch darüber kann man sich im Rahmen einer soziologisch oder kulturwissenschaftlich ausgerichteten Anthropologie ausführlich und detailliert Gedanken machen. Man wird dabei, wenn man nicht allzu naiv vorgeht, wahrscheinlich u. a. zu dem Ergebnis kommen, dass sich die Herstellung von Uniformität am Menschen sozusagen in gewisse Standardparadoxien von Einheit und Differenz verstrickt, die formal etwa daran sichtbar werden, dass fast keine Uniform die Individualität des Gesichts zu beseitigen versucht und die meisten Uniformen einer Individualisierung der Motorik bzw. des Bewegungsstils relativ viel Raum geben. Man würde es also, auch wenn man über Uniformität spräche, jedenfalls nicht bei der ideologiekritischen Tautologie belassen können, dass jede Uniform Uniformität herstelle, dass Uniformität irgendwie das Gegenteil von verantwortlicher Individualität sei und dass daher, wie Max Frisch irgendwo sagt, jede Uniform den Charakter verderbe (Frisch 1978, 236).
Mein Erkenntnisinteresse ist sehr viel spezieller und bezieht sich auf den spezifischen Ausdrucksgehalt oder das spezifische Ausdrucksrepertoire militärischer Uniformen, der zunächst an ihnen selbst sichtbar wird, sich dann aber durch Wiederverwendung in subkulturellen Kleidungsstilen und durch formale Zitate in der Mode über die militärischen Institutionen hinaus verbreitet. In einer naiv ideologiekritischen oder naiv kultursemiotischen Perspektive wäre man auch mit diesem speziellen Feld von Ausdrucksphänomenen schnell fertig: Diejenigen Formdetails, welche die militärische Uniform zu einer militärischen Uniform machen, sind entweder einem technischen Tarnund Gefechtszweck oder dem hierarchischen Charakter militärischer Institutionen oder allenfalls der Virilitätsverkörperung in einem Männerbund geschuldet . Schulterklappen dienen dazu, Dienstgradabzeichen zu exponieren, Brust- und Beintaschen dienen dazu, dienstliche Utensilien aufzunehmen, Paspeln, Litzen, Brustanhänger und aufgenähte Abzeichen geben Auskünfte über die Stellung ihres Trägers.
Die Gestalt als ganze, am unteren Ende durch die Stiefel am Boden gehalten, in der Körpermitte durch das Koppel eingeschnürt, in den Schultern künstlich verbreitert und mit Accessoires behängt, sozusagen eine sowohl technische als auch semiotische Komposition aus Stoff, Metall und Leder, ist die genaue Verkörperung jener genderisierten Disziplinarmacht, deren es bedarf, um einen Menschen in einen befehlenden, gehorchenden und manchmal tötenden Funktionsträger zu verwandeln. Dass die Mode einzelne Elemente des Symbolsystems zitiert und auf diese Weise seine Bedeutungsgehalte gleichsam in das zivile Leben einsickern lässt, zeigt in ideologiekritischer Perspektive bestenfalls an, dass eine subversive Resignifizierung stattgefunden hat, schlimmstenfalls ist es ein Zeichen dafür, dass das neoliberale Subjekt im permanenten Konkurrenzkampf nur noch bestehen kann, wenn es sich panzert und Kräfte vortäuscht, die es nicht hat.
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