Die Welt als Entwurf einer Totalität - charakteristisch für die
westliche Kultur und Philosophie - ist nicht wirklich eine
menschliche Welt, sondern nur ein Ausschnitt der Welt, der zudem
durch den männlichen Blick voreingenommen und dominiert ist. Dieser
bereits aus ihren früheren Werken bekannte Kerngedanke Luce
Irigarays wird nun in zweifacher Hinsicht neu fokussiert: hin auf
die Frage nach dem Anderen als solchen sowie hin auf die
Möglichkeit der Erfahrung von wirklicher Transzendenz.
Wir sind daran gewöhnt, das Andere als solches als individuelle
Erscheinung zu betrachten, ohne allerdings der besonderen Welt oder
der spezifischen Kultur, in der es erscheint, genügend
Aufmerksamkeit zu schenken. Das Andere bleibt denselben Werten
unterstellt, die unsere Kultur bestimmen und uns in einer Logik des
Selben" gefangen halten. Unsere heutige multikulturelle Epoche
aber macht deutlich, wie relativ eine solche Kultur ist und dass
sie im Hinblick auf unser menschliches Miteinander eine einseitige
Entwicklung bedeutet. Es ist daher notwendig, daran zu erinnern,
dass das Andere in unserer Tradition vor allem die Frau ist,
angefangen bei der Frau als Mutter, deren Welt sich ausgehend vom
Respekt gegenüber dem Anderen - auch gegenüber dem Anderen, das sie
in sich trägt - konstituiert. Und dieser Respekt erweist sich als
der Keim wirklicher Transzendenzerfahrung.
Das Bedürfnis nach Transzendenz äußerte sich bisher zumeist als
Besitzergreifung, Aneignung, Herrschaft und somit auf Kosten der
Anderen. Es ließe sich aber auch als ein wahrhaft menschliches
Bedürfnis kultivieren, nämlich als eine Beziehung zum Anderen, die
als unreduzierbar anerkannt wird, kurz: die Erfahrung einer
horizontalen statt vertikalen Transzendenz.
Luce Irigaray, geb. 1930, ist eine führende Denkerin in den Bereichen der feministischen Theorie, der Psychoanalyse und Gegenwartsphilosophie. Ihre bekanntesten Werke sind "Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts" (1974) und "Das Geschlecht, das nicht eins ist" (1977).