Die Erhaltung der Biodiversität der Erde ist eines der Hauptziele
des UN-Zukunftsprozesses. Das soll erreicht werden durch das
Bewahren einer statischen Weltsicht. Auch der moderne Naturschutz
setzt auf das "Gleichgewicht im Naturhaushalt" und damit
auf eine statische Konzeption der Ökologie. Josef H. Reichholf, der
als "enfant terrible" des Umweltschutzes gilt, stellt
diesen Ansatz radikal in Frage. Er argumentiert: In einer sich
wandelnden Welt können Zukunftsziele nicht auf Zustände von gestern
oder vorgestern bezogen werden. Ungleichgewichte sind die
Triebkräfte der natürlichen Evolution und der wirtschaftlichen und
sozialen Entwicklungen. Gleichgewichte dagegen führen zu
Erstarrung, in ihrer endgültigen Form sind sie der Tod allen
Lebens. Unsere Zeit braucht dringend eine Abkehr von der
konservativen Philosophie der Ökologie. Das Streben nach dem
Gleichgewicht stellt zwar eine innere Notwendigkeit für die
Körperlichkeit des Menschen dar, aber eine darauf begründete
Weltsicht mutiert zum Ökologismus und wird eine Pseudoreligion mit
fundamentalistischen Zügen. Deshalb gilt es, hinreichend stabile
Ungleichgewichte zu finden und zu entwickeln - natürliche wie
menschliche Vielfalt weisen uns Wege dazu. Mit seiner Publikation
Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends, die als bestes
Sachbuch des Frühjahrs 2007 ausgezeichnet wurde, löste Reichholf
eine heftige Kontroverse über die Folgen des Klimawandels aus.
"Topaktuell und wunderbar lesbar löckt der streitbare Evolutionsbiologe erneut wider den Stachel gängigen Umweltschutzdenkens, in dem das Erreichen stabiler Gleichgewichtszustände als oberste Priorität gilt. Für Reichholf sind sie der Anfang vom Ende allen Lebens. Eine Einladung zum Nach- und Mitdenken, die man gern annimmt." Christian Schlüter Börsenblatt Spezial
»Ganz bestimmt ist auch der Band Stabile Ungleichgewichte zu empfehlen, in dem uns der Ökologe Josef H. Reichholf davon überzeugen will, komlexe Naturprozesse wie etwa den Klimawandel nicht zu dramatisieren, nur weil wir uns die Natur so gerne als ausbalanciertes Gleichgewicht vorstellen und jede Abweichung von diesem Ideal als bedrohlich empfinden.«
Joseph H. Reichholf, geb. 1945 in Aigen am Inn. Der Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe lehrt als Professor Naturschutz an der Technischen Universität München und leitet die Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung in München. Reichholf ist unter anderem Präsidiumsmitglied des deutschen WWF. 2007 wurde er mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet.
Leseprobe zu "Stabile Ungleichgewichte" von Josef H. Reichholf