In Fortschreibung seines 1986 erschienenen Textes »Die
undarstellbare Gemeinschaft« und in engem Bezug zu Maurice Blanchot
reflektiert Jean-Luc Nancy erneut die Frage nach dem Begriff der
»Gemeinschaft«, stellt sich doch die nach dem Zusammenbruch des
Kommunismus eröffnete Fragestellung mit ungebrochener
Drastik.
Angesichts der Konflikte innerhalb des einen Monotheismus,
angesichts der von Kommunikation und Kommerz dominierten
einförmigen Globalisierung ist es falsch, so Nancy, von einem
"Kampf der Kulturen", einem "Krieg der
Religionen" zu sprechen. Vielmehr muß das fortschreitende
Auseinanderbrechen der Welt als ein Bürgerkrieg innerhalb einer
"Weltgemeinschaft" verstanden werden.
Da von diesem Ereignis all unsere Metaphysiken, Ontologien und
Theologien, all unsere Ethiken, Politiken und Ästhetiken betroffen
sind und erschüttert werden, kann ihm nicht allein auf der Ebene
der "Geopolitik", der "Ökonomie" oder der
"Religion" begegnet werden. Es muß vielmehr eine zentrale
Aufgabe der Philosophie sein, den Monotheismus - und damit seine
Kehrseite, den Atheismus - im Projekt einer »Dekonstruktion des
Christentums« neu zu denken.
Jean-Luc Nancy, geb. 1940, ist Professor für Philosophie an der Université Marc Bloch in Straßburg. Er war als Gastprofessor auch in Berlin, Irvine, San Diego und Berkeley tätig.