Leseprobe zu "Blaise Pascal" von Jacques Attali
EINLEITUNG
[...] Es gibt zahlreiche Gründe, sich für Blaise Pascal zu interessieren: seine Reflexionen über das menschliche Dasein, seine wissenschaftlichen Entdekkungen, seine mystischen Erleuchtungen oder seine unerbittliche Leidenschaft, mit der er als Pamphletist in Erscheinung trat. In alldem leuchtet die ungeheure Vielfalt und Intensität seiner Persönlichkeit auf. Seine Intelligenz und sein Glaube, seine Liebe und seine Einsamkeit, sein Wille, seine Demut und sein Stolz entfachen diesen einzigartigen enthusiastischen Geist, in dem und durch den sich die französische Sprache zu höchstem Glanz erhebt.
Die Geschichte des Glanzes dieser Sprache und Epoche beginnt mit der Geburt von La Fontaine im Jahre 1621 sowie der von Molière im Jahre 1622 und endet 1663, als der königliche Herrscher die Sonne zu seinem Wahrzeichen erwählte. Zwischen beiden Ereignissen liegt die Herrschaft von Maria de? Medici , Ludwig XIII., Richelieu , Anna von Österreich, Mazarin , der Fronde, des jungen Ludwig XIV. sowie Port-Royal, Jansenius , Descartes , Fermat , La Rochefoucauld , Cyrano de Bergerac , Racine , Boileau und Corneille ...
Im Verlauf dieser kurzen Zeitspanne, die Pascal mit seinem Genie entscheidend beeinflußt hat, erhob sich ein unerbittlicher Widerstreit zwischen Wissenschaft und Kirche, den Prinzen und dem König, den Provinzen und dem Staat, der Wirtschaft und der Politik, dem Universalismus und dem Partikularismus, der Freiheit und der Vorsehung, dem Stolz und der Unterwürfigkeit, der Seelengemeinschaft und der Unabhängigkeit des Leibes, dem Barock und der Klassik, der Redefreiheit und der Zensur, der Wahrheit und der Verleumdung - das französische Genie, eine Ausnahmeerscheinung, erwachte.
Ein Genie war Blaise Pascal ohne jeden Zweifel: Mit zwölf Jahren entdeckte er eigenständig die euklidische Mathematik neu; mit sechzehn entwikkelte er die darstellende Geometrie, die noch heute in der Mechanik und den Ingenieurswissenschaften Anwendung findet; mit neunzehn erfand er die erste Rechenmaschine, von deren Prinzip sich noch immer sämtliche Computer ableiten; mit dreiundzwanzig begründete er die Experimentalphysik, berechnete das Gewicht der Luft, entwarf die hydraulische Presse und brach mit einer jahrtausendealten Theorie, wonach die Natur angeblich "Abscheu vor der Leere", horror vacui hat. Mit vierundzwanzig erfand er die Wahrscheinlichkeitsrechnung, die zur Stütze für alle heutigen Sozialwissenschaften sowie für die Physik geworden ist. Mit dreißig trug er dazu bei, die französische Sprache auszuformen, und wurde zu einem Begründer des polemischen Journalismus. Mit fünfunddreißig löste er, obwohl ihn heftigste Schmerzen quälten, eines der schwierigsten mathematischen Probleme, wobei er nebenbei die Integralrechnung erfand. In der schönsten französischen Prosa, wie sie vor ihm noch niemand geschrieben hatte, verfaßte er unsterbliche Passagen über das Dasein des Menschen, über die Beziehungen zwischen Wissenschaft und Glauben, Freiheit und Einbildung, Glück und Mitleid, Macht und Gewalt, wobei er immer wieder Zufall und Gesetz, Natur und Gewohnheit, Geist und Herz, Wissenschaft und Erfahrung sowie das Irdische und das Mystische miteinander verband. Stets ließ er sich dabei von dem Willen leiten, die verborgenen Gründe selbst der unbedeutendsten menschlichen Gemeinheiten zu enthüllen, zu klassifizieren und zu erklären, als wären sie die bedeutendsten Ereignisse.
All dies gelang ihm, ohne seine Forschung einer strikten Planung zu unterwerfen und sich bestimmte Vorhaben zum Ziel zu setzen. Er hatte keinen Ehrgeiz, etwas zu veröffentlichen, wollte keine Spuren hinterlassen, es sei denn hinter den Pseudonymen von sieben verschiedenen Identitäten, die er jeweils mit einer eigenen Persönlichkeit ausstattete. Seine Forschungen fanden ihren Anstoß allein in den geistigen Herausforderungen, auf die er durch Freunde oder durch Zufall aufmerksam wurde, wobei seine Zwangsvorstellungen von Armut,