Clowns - Barloewen, Constantin von

Constantin von Barloewen 

Clowns

Versuch über das Stolpern

Illustrator: Richthofen, Catarina von
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Clowns

Schöner scheitern

Constantin von Barloewens Buch ist eine Verbeugung vor den großen Clowns-Figuren und ihrer humanistischen Kunst: vor dem Hofnarr im Mittelalter genauso wie vor den Chaplins, Rivels und Popows der Moderne.

Der Clown ist eine Weltfigur. Seit Jahrhunderten dient er dem Publikum als Spiegel des oftmals tragikomischen Alltagskampfes. Das Lachen, das seine Darbietung auslöst, ist ein Lachen über die Eitelkeit und das ständige Scheitern. Und doch sind Clowns auch Helden, die gegen Langeweile und Phantasielosigkeit aufbegehren.

Schöner scheitern
Die großen Clownsgestalten der Geschichte
Ein Klassiker - endlich wieder lieferbar



Schöner scheitern
Constantin von Barloewens Buch ist eine Verbeugung vor den großen Clowns-Figuren und ihrer humanistischen Kunst: vor dem Hofnarr im Mittelalter genauso wie vor den Chaplins, Rivels und Popows der Moderne.
Der Clown ist eine Weltfigur. Seit Jahrhunderten dient er dem Publikum als Spiegel des oftmals tragikomischen Alltagskampfes. Das Lachen, das seine Darbietung auslöst, ist ein Lachen über die Eitelkeit und das ständige Scheitern. Und doch sind Clowns auch Helden, die gegen Langeweile und Phantasielosigkeit aufbegehren.
Schöner scheitern
Die großen Clownsgestalten der Geschichte
Ein Klassiker endlich wieder lieferbar


Produktinformation

  • Verlag: Diederichs
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 192 S. m. zahlr. SW-Abb.
  • Seitenzahl: 160
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 151mm x 24mm
  • Gewicht: 365g
  • ISBN-13: 9783424350319
  • ISBN-10: 3424350311
  • Best.Nr.: 27533354
Constantin von Barloewen, geb. 1952 in Buenos Aires, ist Professor für Anthropologie und vergleichende Kulturwissenschaften. Er war Mitglied der Weltkommission Kultur und Entwicklung der UNESCO und Programmleiter des Dialogs der Kulturen der Stiftung Neuhardenberg. Heute unterrichtet er an der Université Européenne de la Recherche in Paris.

Leseprobe zu "Clowns" von Constantin von Barloewen

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Leseprobe zu "Clowns" von Constantin von Barloewen

Das alles beherrschende Gefühl, auf das ich in meiner Erinnerung stoße, wenn ich mir die Kindheit vergegenwärtige, ist jenes einer völligen Fremdheit, als ob ein machtvolles Wesen mich aus der Geborgenheit einer anderen Sphäre herausgerissen und in die herbbittere Wirklichkeit meiner sogenannten Familie, der Gebäude und Landschaften Wiens und der Melodie der deutschen Sprache geworfen hätte. Ich bin, empfand ich damals, zutiefst nicht der, für den ich gehalten werde. Nicht dieser Bub, mit dem merkwürdigen Namen Francis Charles André Heller-Huart. Ich bin auch nicht vier oder fünf oder sechs Jahre und meine hohe zarte Stimme und die Worte die sie formt, erzählen gänzlich anderes, als das, was ich in meinem Inneren höre. Die Verwandtschaft, die Dienstboten, die anderen Kinder, die Verkäuferin im Milchgeschäft, der Metzger, der Kaplan, die Kindergärtnerin, der Straßenbahnschaffner, sie alle sind, wenn ich ihnen begegne, Bausteine dieser pochenden Heimatlosigkeit. Immerzu warte ich auf jemanden, der mich abholen und zurückbringen wird. Wohin zurückbringen? In meinen gesegneten Ursprung.

Dann, eines Sonntagnachmittags 1952 oder 53 sagt das Kindermädchen: "Wir gehen in den Zirkus Rebernigg." Auf der Oberen Mariahilferstraße nahe dem Technischen Museum hat man ein vom großen Krieg noch verbliebenes Bombengrundstück provisorisch geräumt und zwischen einschüchternd grauen oder mit grüner Tarnfarbe bestrichenen Vorstadtzinshäusern ragt ein großes, blauweißgestreiftes Zelt auf, behangen mit Glühbirnen-Girlanden. Aus dem Inneren strömt scheppernde Orchestermusik. Als ich die Arena mit den Holzbänken und Logen betrete, riecht es nach Pferden. Dann tragen zwei Liliputaner einen Königspudel in die Manege und setzen ihm einen Steirerhut auf. Eine Ballerina tanzt auf dem Schlappseil Polka, ein hinkender Zauberkünstler verwandelt Taschentücher in Tauben und ein Indianerhäuptling wirft mit verbundenen Augen Messer auf eine Dame in Admiralsuniform, die an einer großen roten Holzscheibe lehnt. Die Messer verfehlen ihren Körper nur um einen oder zwei Zentimeter. Ich finde die Darbietungen allesamt trostlos. Dann stolpern zwei groteske Wesen in das mit Sägespänen gefüllte Rund, ganz gegen die Regeln des bei uns zu Hause geltenden guten Geschmacks und guten Benehmens gekleidet und agierend. Sie scheinen die Unmöglichkeit von neugeborenen Erwachsenen zu sein, die von Augenblick zu Augenblick, immer maßlos erstaunt, die Welt entdecken und sie ungläubig für eine Verrücktheit und Zumutung halten: die Herren Clowns. Sie probieren Leben. Was kann man mit seinen Beinen, seinen Händen, seinen Augen alles anstellen. Wie laut oder leise kann man modulieren, wie wirkt die Schwerkraft und ist es möglich sie zu überlisten. Wie nachhaltig kann man sich selbst und andere erschrecken. Wie betörend lächerlich kann das Lachhafte sein. Ich denke: "Das sind Abgesandte von genau dem Ort, nach dem ich Heimweh habe." Ein dritter Mann tritt auf, weiß geschminkt mit roten Flecken an den Ohren. Er trägt ein goldenes, breitschultriges Schneiderkunstwerk mit Halskrause, das paillettenübersät ist. Saxophon, Geige, Gitarre, Trompete, Knopfharmonika beherrscht er virtuos und als Höhepunkt entlockt er einer Baumsäge mit dem Geigenbogen das Ave Maria von Franz Schubert. Ich begreife: Die zwei Ersten wissen noch kaum etwas vom irdischen Dasein, der Dritte aber weiß wahrscheinlich alles darüber. Also springe ich, zum noch Jahre später nicht verrauchten Entsetzen des Kindermädchens, aus der Loge in die Manege und frage den Alleswisser: "Kannst du mir bitte den Weg ins Dort, wo es nicht Hier ist, zeigen? Den Ort, wo meine wirkliche Familie lebt?" Er schaut das blasse, magere Kind im Sonntagsanzug einige Sekunden ernst an und antwortet: "Kein Problem. Ich werde dem geneigten Publikum noch auf der Querflöte das Lied vom Glühwürmchen zu Gehör bringen und dann fliegen wir vier, meine Freunde Grippo und Bohumil, du und ich, auf den Mond und schmausen ein 17 Meter langes Salamibrot." Das Nächste, was ich bemerke, sind die groben Hände des Kindermädchens, die mich wie ein entlaufenes Tier einfangen und aus der Manege und aus dem Zelt zerren, während ich panisch schreie: "Hilfe, ihr Clowns rettet mich!". Den Heimweg legen wir zu Fuß zurück und heute noch höre ich die Stimme meiner Aufpasserin, die dutzende Male wiederholt: "Du Rotzbua, so eine Schand! Marandjosef! So eine Schand!"

Zu Hause erhielt ich Zimmerarrest und am folgenden Tag legte mir Vater in seiner kleinen, adretten Schrift eine Nachricht auf den Frühstücksteller: "Du kannst dich darauf verlassen, dass ich dir all deine Flausen austreiben werde." Es ist ihm nachhaltig nicht gelungen und noch heute glaube ich, dass mir viel an Melancholien und Stimmungswirrwarr erspart geblieben wäre, wenn ich mich damals mit Grippo, Bohumil und dem Alleswisser auf den Mond begeben und die Erde aus der Vogelperspektive betrachtet hätte.

Im Herbst 1970 unternahm ich mit meiner damaligen Ehefrau, der Schauspielerin Erika Pluhar, eine unchristliche Wallfahrt zu Henry Miller nach Pacific Palisades. In seinem Haus Ocampostreet 444 unter dem kalifornischen Kobaltblau-Himmel verbrachten wir mit dem an einen sehr geschmeidigen, alten Chinesen erinnernden Meister zwei liebevolle Nachmittage. Wir lieferten uns Tischtennisduelle, sangen Lieder von Charles Trenet und diskutierten unter anderem über die sogenannte lustige Figur am Theater. Miller sagte, dass es ein Buch von Wallace Fowlie mit dem Titel Clowns and Angels gäbe und dass diese beiden einem Archetypus entstammten. Dann las er uns den Epilog seiner wunderbaren Dichtung Das Lächeln am Fuße der Leiter vor. Darin heißt es:
"Der Zirkus öffnet eine winzige Lücke in der Arena der Vergessenheit. Für eine kurze Spanne dürfen wir uns verlieren, uns auflösen in Wunder und Seligkeit, vom Geheimnis verwandelt. Wir tauchen wieder empor zur Verwirrung, betrübt und entsetzt vom Alltagsanblick der Welt. Aber diese alltägliche Welt, die wir allzu gut zu kennen meinen, es ist dieselbe, die einzige Welt, eine Welt voll Magie, voll unausschöpflichen Zaubers. Wie der Clown führen wir unsere Bewegungen aus, täuschen wir vor, bemühen wir uns, das große Ereignis hinauszuschieben. Wir sterben in den Wehen unserer Geburt. Wir sind niemals gewesen, wir sind auch jetzt nicht. Wir sind immerzu im Werden, immerzu einsam und losgelöst. Für immer außen."

Wie erfreulich, dass mein Herzensbruder und Freund Constantin von Barloewen, den ich einen der wissendsten Menschen unserer Zeit nennen möchte, sein Werk über Clowns, das seit den achtziger Jahren vergriffen war, wieder in Druck gibt. Es enthält alles kulturgeschichtlich Relevante zu diesem sich über viele Jahrhunderte und Kulturen erstreckendem Thema

Hörprobe zu "Clowns"

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