Leseprobe zu "Die Entdeckung des Schweigens" von Anne D. LeClaire
IN MEINER KINDHEIT war Der geheime Garten von Frances Hodgson Burnett mein Lieblingsbuch. Ich bekam den Kinderklassiker zu Weihnachten, als ich zehn Jahre alt war, und an den folgenden Abenden dieses langen Winters verlor ich mich, aufs Sofa gekuschelt, in der Geschichte der jungen Mary Lennox. Obwohl Mary als ungeliebte, einsame und ziemlich widerwärtige Göre beschrieben wurde, schloss ich sie wie verzaubert von der ersten Seite an ins Herz. Ich schluchzte, als ihre Eltern in Indien bei einer Cholera-Epidemie ums Leben kamen, und bangte um Mary, als sie per Schiff nach England gebracht wurde, wo ihr Onkel ein herrschaftliches Landgut besaß. Zu meiner Freude entdeckte sie dort eine Tür zu einem versteckten Garten - und ich verfolgte in atemloser Spannung, wie sich die gelbgesichtige, kränkliche Mary hinter der Gartenmauer in ein kräftiges, abenteuerlustiges Mädchen verwandelte.
Nach der ersten Lektüre dieses Buches war ich wie versessen darauf, auch einmal ein so schönes, geheimnisvolles Versteck zu haben, einen magischen Ort ganz für mich allein, durch efeuberankte Mauern und eine eiserne Tür vor neugierigen Blicken geschützt. Auf unserem Gutshof schien dies kaum möglich zu sein, aber wenn ich meine Großeltern in Boston besuchte und mit
Großvater durch die Innenstadt spazierte, ließ ich den Blick stets auf der Suche nach verborgenen Türen über die Ziegelsteinmauern wandern.
Die Vorstellung, einmal unverhofft auf solch einen abgeschiedenen Ort zu stoßen, hat in jeder Phase des Lebens ihren unwiderstehlichen Reiz, wie alt wir auch sind. Der versteckte Schlüssel, die verschlossene Tür und die heilige Kraftquelle, all dies sind Konstanten der Mythologie, Urbilder, aus denen sich die meisten geistlichen Traditionen entwickelt haben. Doch je älter ich wurde, desto stärker rückten diese Dinge in den Hintergrund. War ich doch, wie viele andere meiner Zeitgenossinnen, weit mehr damit beschäftigt, mein Leben zu organisieren, als mich auf derart kindliche Fluchtfantasien einzulassen. Mein Tagesablauf war angefüllt mit beruflichen Pflichten und alltäglichen Verrichtungen: Lebensmittel einkaufen, Essen kochen, zum Zahnarzt gehen, Versammlungen beiwohnen, Verlagstermine wahrnehmen, Briefe schreiben, Bankgeschäfte erledigen ... außerdem das volle Pflegeprogramm für das Auto, die Wohnung, den Garten und den Körper, bis hin zu den sozialen Kontakten mit Familienangehörigen und Freunden. Die Liste wirkte schier endlos. Wie andere Menschen war ich dem Irrtum erlegen, ein erfülltes Leben mit einem vollen Terminkalender gleichzusetzen.
Bis ich dann in der Mitte meines Lebens doch noch ganz unverhofft meinen geheimen Garten entdeckte.
Vor siebzehn Jahren, an einem Nachmittag im Januar 1992, hielt ich inne. Mehr war nicht nötig.
Ich verordnete mir einen Schweigetag und sprach vierundzwanzig Stunden lang kein einziges Wort. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass ich damit zu einer persönlichen Forschungs- und Entdeckungsreise aufgebrochen war, einer langen Odyssee, die nicht ohne Komplikationen verlaufen und in den kommenden Jahren mein Leben grundlegend verändern sollte. Ich ahnte nicht, dass ich wie die junge Mary Lennox auf die heilsamen und erneuernden Kräfte einer geheiligten Quelle stoßen würde. An jenem Tag hatte sich eine Tür geöffnet, und ich hatte den ersten Schritt über die Schwelle gewagt. Mehr braucht es nicht als Auslöser einer mythischen Reise.
Dies ist die Geschichte meines geheimen Gartens, die vor langer Zeit an einem Wintertag begann, an einem Strand in der Bucht von Nantucket auf der Halbinsel Cape Cod.
Ich hoffe, dass dieses Buch eine Saite in Ihnen zum Klingen bringt, Sie zum Innehalten bewegt und für die Schönheiten und Wohltaten der Welt hinter dem Lärm begeistert.
TEIL EINS
Eiderenten
Den Ruf hören
EIN SINGVOGEL hatte Mary Lennox auf dem Anwesen ihres Onkels zu dem versteckten Garten gelockt und den vergrabenen Schlüssel freigepickt, der ihr die Tür öffnen sollte. Doch der Garten war schon immer dort gewesen und hatte nur auf sie gewartet.
Haben auch Sie einen Ort, an den Sie sich zurückziehen, um Inspiration, Erholung, Erquickung und Trost für die Seele zu finden? Sind es die Berge oder vielleicht die Küste? Eine Kapelle? Ein Cafe an der Straßenecke? Meine Zuflucht befindet sich auf einem schmalen Streifen Strand in der Bucht von Nantucket, an der Südseite von Cape Cod. Ich gehe häufig dorthin, um mich zu erden und, umgeben von der rhythmischen Brandung, der salzigen Luft und den Schreien der Möwen, wieder Halt zu finden in dieser verwirrenden Welt, unter den Füßen den leicht nachgebenden Sand. Auch an jenem Nachmittag im Januar fand ich mich dort ein, weil ich Trost suchte.
Am Morgen hatte mich meine Freundin Margaret aus dem Krankenhaus angerufen. Sie sagte mir, ihre Mutter liege im Sterben. Überwältigt von Mitgefühl und Trauer wurde mir klar, dass ich rein gar nichts tun konnte, um meiner Freundin in dieser schweren Situation zu helfen. Ich besaß keine Kontrolle über Leben und Tod und litt unsäglich unter dieser Hilflosigkeit. Einige Jahre zuvor hatte ich sowohl von meinem Vater als auch von meiner geliebten Schwiegermutter Abschied nehmen müssen, und immer wieder kam es vor, dass ich urplötzlich, beim Einkaufen im Supermarkt oder beim ölwechsel an der Tankstelle, von Kummer und Schmerz überwältigt wurde. Ausgelöst durch Margarets Lage stieg die Trauer über diese schon weiter zurückliegenden Todesfälle wieder in mir hoch. Später, in einer noch fernen Zukunft, sollte ich mir die Frage stellen: War es eine momentane Verletzlichkeit, die mich empfänglich machte für das, was geschehen sollte? Ist dieses Aufbrechen alter Wunden vielleicht eine der unverhofften Gaben der Trauer?
Leseprobe zu "Die Entdeckung des Schweigens" von Anne D. LeClaire
IN MEINER KINDHEIT war Der geheime Garten von Frances Hodgson Burnett mein Lieblingsbuch. Ich bekam den Kinderklassiker zu Weihnachten, als ich zehn Jahre alt war, und an den folgenden Abenden dieses langen Winters verlor ich mich, aufs Sofa gekuschelt, in der Geschichte der jungen Mary Lennox. Obwohl Mary als ungeliebte, einsame und ziemlich widerwärtige Göre beschrieben wurde, schloss ich sie wie verzaubert von der ersten Seite an ins Herz. Ich schluchzte, als ihre Eltern in Indien bei einer Cholera-Epidemie ums Leben kamen, und bangte um Mary, als sie per Schiff nach England gebracht wurde, wo ihr Onkel ein herrschaftliches Landgut besaß. Zu meiner Freude entdeckte sie dort eine Tür zu einem versteckten Garten - und ich verfolgte in atemloser Spannung, wie sich die gelbgesichtige, kränkliche Mary hinter der Gartenmauer in ein kräftiges, abenteuerlustiges Mädchen verwandelte.
Nach der ersten Lektüre dieses Buches war ich wie versessen darauf, auch einmal ein so schönes, geheimnisvolles Versteck zu haben, einen magischen Ort ganz für mich allein, durch efeuberankte Mauern und eine eiserne Tür vor neugierigen Blicken geschützt. Auf unserem Gutshof schien dies kaum möglich zu sein, aber wenn ich meine Großeltern in Boston besuchte und mit
Großvater durch die Innenstadt spazierte, ließ ich den Blick stets auf der Suche nach verborgenen Türen über die Ziegelsteinmauern wandern.
Die Vorstellung, einmal unverhofft auf solch einen abgeschiedenen Ort zu stoßen, hat in jeder Phase des Lebens ihren unwiderstehlichen Reiz, wie alt wir auch sind. Der versteckte Schlüssel, die verschlossene Tür und die heilige Kraftquelle, all dies sind Konstanten der Mythologie, Urbilder, aus denen sich die meisten geistlichen Traditionen entwickelt haben. Doch je älter ich wurde, desto stärker rückten diese Dinge in den Hintergrund. War ich doch, wie viele andere meiner Zeitgenossinnen, weit mehr damit beschäftigt, mein Leben zu organisieren, als mich auf derart kindliche Fluchtfantasien einzulassen. Mein Tagesablauf war angefüllt mit beruflichen Pflichten und alltäglichen Verrichtungen: Lebensmittel einkaufen, Essen kochen, zum Zahnarzt gehen, Versammlungen beiwohnen, Verlagstermine wahrnehmen, Briefe schreiben, Bankgeschäfte erledigen ... außerdem das volle Pflegeprogramm für das Auto, die Wohnung, den Garten und den Körper, bis hin zu den sozialen Kontakten mit Familienangehörigen und Freunden. Die Liste wirkte schier endlos. Wie andere Menschen war ich dem Irrtum erlegen, ein erfülltes Leben mit einem vollen Terminkalender gleichzusetzen.
Bis ich dann in der Mitte meines Lebens doch noch ganz unverhofft meinen geheimen Garten entdeckte.
Vor siebzehn Jahren, an einem Nachmittag im Januar 1992, hielt ich inne. Mehr war nicht nötig.
Ich verordnete mir einen Schweigetag und sprach vierundzwanzig Stunden lang kein einziges Wort. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass ich damit zu einer persönlichen Forschungs- und Entdeckungsreise aufgebrochen war, einer langen Odyssee, die nicht ohne Komplikationen verlaufen und in den kommenden Jahren mein Leben grundlegend verändern sollte. Ich ahnte nicht, dass ich wie die junge Mary Lennox auf die heilsamen und erneuernden Kräfte einer geheiligten Quelle stoßen würde. An jenem Tag hatte sich eine Tür geöffnet, und ich hatte den ersten Schritt über die Schwelle gewagt. Mehr braucht es nicht als Auslöser einer mythischen Reise.
Dies ist die Geschichte meines geheimen Gartens, die vor langer Zeit an einem Wintertag begann, an einem Strand in der Bucht von Nantucket auf der Halbinsel Cape Cod.
Ich hoffe, dass dieses Buch eine Saite in Ihnen zum Klingen bringt, Sie zum Innehalten bewegt und für die Schönheiten und Wohltaten der Welt hinter dem Lärm begeistert.
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Eiderenten
Den Ruf hören
EIN SINGVOGEL hatte Mary Lennox auf dem Anwesen ihres Onkels zu dem versteckten Garten gelockt und den vergrabenen Schlüssel freigepickt, der ihr die Tür öffnen sollte. Doch der Garten war schon immer dort gewesen und hatte nur auf sie gewartet.
Haben auch Sie einen Ort, an den Sie sich zurückziehen, um Inspiration, Erholung, Erquickung und Trost für die Seele zu finden? Sind es die Berge oder vielleicht die Küste? Eine Kapelle? Ein Cafe an der Straßenecke? Meine Zuflucht befindet sich auf einem schmalen Streifen Strand in der Bucht von Nantucket, an der Südseite von Cape Cod. Ich gehe häufig dorthin, um mich zu erden und, umgeben von der rhythmischen Brandung, der salzigen Luft und den Schreien der Möwen, wieder Halt zu finden in dieser verwirrenden Welt, unter den Füßen den leicht nachgebenden Sand. Auch an jenem Nachmittag im Januar fand ich mich dort ein, weil ich Trost suchte.
Am Morgen hatte mich meine Freundin Margaret aus dem Krankenhaus angerufen. Sie sagte mir, ihre Mutter liege im Sterben. Überwältigt von Mitgefühl und Trauer wurde mir klar, dass ich rein gar nichts tun konnte, um meiner Freundin in dieser schweren Situation zu helfen. Ich besaß keine Kontrolle über Leben und Tod und litt unsäglich unter dieser Hilflosigkeit. Einige Jahre zuvor hatte ich sowohl von meinem Vater als auch von meiner geliebten Schwiegermutter Abschied nehmen müssen, und immer wieder kam es vor, dass ich urplötzlich, beim Einkaufen im Supermarkt oder beim ölwechsel an der Tankstelle, von Kummer und Schmerz überwältigt wurde. Ausgelöst durch Margarets Lage stieg die Trauer über diese schon weiter zurückliegenden Todesfälle wieder in mir hoch. Später, in einer noch fernen Zukunft, sollte ich mir die Frage stellen: War es eine momentane Verletzlichkeit, die mich empfänglich machte für das, was geschehen sollte? Ist dieses Aufbrechen alter Wunden vielleicht eine der unverhofften Gaben der Trauer?