Diesen Krieg kann keiner gewinnen - Grossman, David

David Grossman 

Diesen Krieg kann keiner gewinnen

Chronik eines angekündigten Friedens

Übersetzer: Achlama, Ruth; Schwarze, Beate Esther von; Nir-Bleimling, Naomi; Loos, Vera
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Produktbeschreibung zu Diesen Krieg kann keiner gewinnen

Eine persönliche Chronik der politischen Ereignisse unter dem Einfluss des Terrors

Warum brach der so hoffnungsvoll begonnene Friedensprozess ab? Auf welche Weise lässt sich die Spirale der Gewalt überhaupt noch beenden? Und wie verändert sich das private und öffentliche Leben, wenn die Gesellschaft zunehmend militanter, nationalistischer und ökonomisch instabiler wird?
Grossman stellt sich diesen Fragen und berücksichtigt nicht nur die Interessen des eigenen Volkes, sondern auch die Palästinenser. Seine politischen Einsichten verdienen es, gehört zu werden.

Produktinformation


  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 199 S.
  • Seitenzahl: 208
  • Fischer Taschenbücher Bd.17154
  • Deutsch
  • Abmessung: 192mm x 125mm x 14mm
  • Gewicht: 170g
  • ISBN-13: 9783596171545
  • ISBN-10: 3596171547
  • Best.Nr.: 20759876
"In diesem einfühlsamen Buch kann der Leser viel erfahren - ergreifend." Markus Berger, Die Tagespost, 17.01.04 "Verstreute lichtblicke, erhellende Kommentare... scharf formuliert, emotional, doch unsentimental. Carsten Hueck, Frankfurter Rundschau, 17.02.04 "Ein ungewöhnlich emotionales Buch." Hubert Leber, Literaturen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 03.12.2003

Krieg ohne Sieger

PALÄSTINA. David Grossman, den Lesern dieser Zeitung als gelegentlicher Autor des Feuilletons nicht unbekannt, gehört zu jener Handvoll prominenter israelischer Schriftsteller, die sich seit vielen Jahren in Wort und Schrift für ein großzügiges Friedensarrangement mit den Palästinensern aussprechen. Er ist kein Freund der gegenwärtigen Regierung; doch muß man nicht ihr Feind oder gar ein Feind des gesamten Likud sein, um ihren Kurs der Repression gegenüber den Palästinensern, der außerlegalen Liquidierungen und der Abschottung zu kritisieren. Auch haben die linken Regierungen in Israel ebenfalls ihren Anteil an manchen Rückschlägen im Friedensprozeß. Grossman hat nun in einem Band Zeitungsartikel, Tagebuchnotizen und mehr oder minder längere Essays versammelt, deren zeitliche wie inhaltliche Spanne vom Beginn des Osloer Friedensprozesses 1993 bis zum jüngsten Irak-Krieg reicht. Es ist die Geschichte einer einzigen Desillusionierung. Am Leitfaden der spektakulärsten Ereignisse jener zehn Jahre - der Rückkehr Arafats nach Gaza, der Ermordung Rabins, der trickreich-zähen Regentschaft Netanjahus, des Ausbruchs der zweiten Intifada, …

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Als ausgesprochen heilsames Mittel gegen jede Art von eingefahrenen Sichtweisen würdigt Rezensent Carsten Hueck diesen Band zum Nahost-Konflikt von David Grossmann. Den Autor stellt uns der Rezensent als "klarsichtigen Moralisten" vor, der immer wieder versucht habe, Israelis und Palästinenser zu entpolarisieren, zuletzt als wortkräftiger Unterstützer der so genannten Genfer Initiative. Der Band versammelt Grossmanns journalistische Arbeiten der vergangenen zehn Jahren, angefangen beim Osloer Abkommen, über die Ermordung Yitzhak Rabins bis zu Ariel Sharons Wahlsieg und der zweiten Intifada. Grossmanns Reportagen und Kommentare kennzeichnet in Huecks Augen, dass sie zwar "Schmerz und Enttäuschung" entsprungen sind, dabei jedoch "scharf formuliert, emotional, doch unsentimental" daherkommen; und immer sieht Hueck sie "vom Glauben an die Veränderbarkeit der Verhältnisse" getragen.

© Perlentaucher Medien GmbH
David Grossman, 1954 in Jerusalem geboren, ein dezidierter Verfechter einer friedlichen Lösung des Nahostkonflikts, gehört wegen seiner differenzierten politischen Haltung und ungewöhnlichen Erzählphantasie zu den herausragenden Schriftstellern der jüngeren Generation.
David Grossman hat für seine schriftstellerisches Werk und sein politisches Engagement zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u. a. den Nelly-Sachs-Preis (1991), den Premio Mondello (Italien, 1996) und den Geschwister-Scholl-Preis (2008). 2010 wird ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.
David Grossman ist verheiratet und hat drei Kinder, er lebt in Mevaseret Zion, einem Vorort von Jerusalem.

Leseprobe zu "Diesen Krieg kann keiner gewinnen" von David Grossman

"Lärm. Lärm ist das erste Wort, das mir einfällt, wenn ich an die letzten zehn Jahre denke. Fürchterlicher Lärm. Schüsse und Schreie, Hetzreden, Jammern und Klagen, Explosionen und Demonstrationen, große leere Worte, Sondersendungen vom Ort des Anschlags, Rufe nach Rache, dröhnende Hubschrauber am Himmel, die heulenden Sirenen der Ambulanzen und das frenetische Klingeln der Telefone nach jedem Zwischenfall.
Im Zentrum des Wirbelsturms, im Auge des Hurrikans, herrscht Stille. Man kann sie körperlich empfinden. Eine Stille wie in dem kurzen Augenblick zwischen schlechter Nachricht und Begreifen, zwischen Schlag und Schmerz.
Es ist die Leere, in der jeder Mensch, ob Israeli oder Palästinenser, mit unerschütterlicher Sicherheit alles weiß, was er nicht wissen will oder nicht zu wissen wagt. In der er tief in seinem Innern begreift selbst wenn er dies vehement bestreitet, wenn er schießt und schreit , daß er sein Leben verschwendet, daß es in einem sinnlosen Kampf verrinnt. Daß ihm in einem Konflikt, der längst gelöst sein könnte, permanent seine Identität, seine Selbstachtung und Einzigartigkeit geraubt werden.
Das einzugestehen ist zu schmerzlich. Dieser Gedanke ist unerträglich. Und so erklärt sich das ständige überwältigende Bedürfnis, dieser Stille zu entfliehen, zu dem vertrauten Lärm zurückzukehren, an den wir uns niemand vermag zu sagen, wie und wann irgendwie gewöhnt haben. Wir kommen damit sogar ganz gut zurecht. Sie (das heißt "die Feinde") werden uns nicht in die Knie zwingen. Wir haben das Recht auf unserer Seite. Wir haben keine Wahl. Wir werden "uns von unseren Schwertern nähren, und das Schwert wird ohne Ende fressen".
Aber dort, an jenem stillen Ort, ist der Lärm von draußen verstummt. Dort, von allen schützenden nationalen, religiösen und sozialen Hüllen entblößt, ist der Mensch allein, sitzt mit angezogenen Beinen da, wie jemand, der etwas Grauenvolles getan hat und sich dem Verbrechen stellt, das er an anderen und an sich selbst begangen hat und weiterhin begeht.
Wenige von uns, Israelis wie Palästinenser, können stolz auf das sein, was sie in den vergangenen Jahren getan haben, womit sie, aktiv oder passiv, kollaborierten, indem sie wegsahen, Bedenken beiseite schoben oder sich selbst betäubten.
Dieses Buch enthält einige Dutzend Artikel, die auf besonders turbulente Augenblicke in den Jahren nach der Unterzeichnung des Osloer Abkommens 1993 reagieren. Ich bin kein Journalist. Ich würde mich lieber in meinem Haus einschließen und nur noch Romane schreiben. Doch die Wirklichkeit, in der ich lebe, übersteigt jede Phantasie und sickert tief in mich ein. Und manchmal ist das Verfassen eines Artikels für mich der einzige Weg, zu verstehen, zu entziffern und diesen Alltag zu überleben.
Auch wegen des Lärms schreibe ich Artikel, denn häufig fühle ich mich dem Ersticken nahe und reagiere klaustrophobisch auf die betrügerischen, verlogenen Worte, die alle interessierten Parteien Regierung, Armee, Medien uns, ihren Untertanen in diesem Katastrophengebiet, ununterbrochen einzuhämmern versuchen. Mitunter kann die neue Darlegung einer Lage, die schon als hoffnungslos verloren und versteinert galt, uns in Erinnerung rufen, daß uns im Grunde kein Gottesurteil zu hilflosen Opfern von Apathie und Lähmung verdammt.
Ich muß gestehen, daß mich häufig das Gefühl überkommt, Worte könnten die Wand des Horrors nicht mehr durchdringen. ..."

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