Leseprobe zu "Weblog is watching you. Auf der Suche nach neuen..."
Kapitel 4.4, Probleme und Dimensionen journalistischer Selbstbeobachtung:
Aus den vorangegangenen Ausführungen müsste an dieser Stelle die Bilanz gezogen werden, dass Medienkritik im Journalismus entweder in einer komplexen und gleichsam elitären Form der Gesellschaftskritik oder als Satire und Unterhaltungsshow möglich ist. Die Frage, ob sich der eigentliche Inhalt aber erschließt, wenn dieser aufgrund der Darstellungsformen hinter einem Mix aus Manöverkritik an Politik oder Einspielern aus Talk-Shows, in denen Klischees transportiert werden, zurücktritt, bedarf einer genauen Inhaltsanalyse.
Hingegen lässt sich die Frage, wer oder was es dem Journalismus so schwierig macht, seine Kritik- und Kontrollfunktion auf die eigene Arbeit anzuwenden und öffentlich zu thematisieren, mit Hilfe bestehender Literatur beantworten.
Im Zusammenhang mit der journalistischen Praxis hat Medienkritik ihren Platz im Medienjournalismus gefunden. Dieser wird definiert als die „Berichterstattung von Medien über Medien.“ Aufgrund dieses weit gefassten Spektrums der Medienkritik, dass sich aus ihrer Kompatibilität mit vielen anderen gesellschaftlichen Themen ergibt, tappt der Medienjournalismus theoretisch und praktisch in eine Reihe von Fallen. Einige wurden bereits beispielhaft aufgezeigt. Vier solcher Fallen sind die Rollenkontext-, Unabhängigkeits-, Vermittlungs- und Selbstverständnisfalle. Was ist damit gemeint?
Tappt ein Journalist in die Rollenkontextfalle, steht er vor dem Problem, dass er auf der einen Seite unabhängig für die Rezipienten berichten soll und sich auf der anderen Seite der Koorientierung an den Kollegen ausgesetzt fühlt. Die Bedenken, wie die Kritik an der Arbeit seiner (eigenen) Berufskollegen ankommt und auf ihn zurückfällt, bringen ihn in einen Konflikt. An diesem Punkt fehlt somit ein „Dritter im Bunde“, eine Vermittlungsinstanz, die stellvertretend für den Medienjournalisten beobachtet. Diese Außeneinschätzung kann dann wiederum der Medienjournalist zum Gegenstand der Berichterstattung machen.
Ähnlich verhält es sich mit der Unabhängigkeitsfalle, nur, dass es hierbei um einen ökonomischen Interessenkonflikt (Verlag vs. Redaktion) geht. Dieser wirkt limitierend auf den Objektivitätsanspruch der Journalisten.
Bei der Vermittlungsfalle handelt es sich um eine Verknüpfung verschiedener Probleme: Aus ökonomischen Entscheidungen, beispielsweise vermehrt Anzeigen zu schalten, entsteht das Problem des Platzmangels. Somit müssen Medienthemen auf die Ressorts (z.B. Politik, Kultur, Wirtschaft) verteilt werden. Reine Medienthemen finden sich demgemäß am ehesten in Fachmagazinen, was im Prinzip die Frage aufwirft, ob sich Medienjournalismus nicht per se als Fachjournalismus bezeichnen lässt. Ist das der Fall, dann bleibt die Kritik in Spezialisten- und Insiderkreisen, in Teilöffentlichkeiten, und es findet nur bedingt eine Wissensvermittlung an Laien statt.
Die Selbstverständnisfalle schließlich rundet das ganze Spektrum der Hemmnisse ab: Medienjournalisten sehen sich als neutrale Berichterstatter und nicht als „Sittenwächter der Branche.“ Demzufolge kann Medienjournalismus nicht als Projekt der Aufklärung im Sinne kontinuierlichen Hinterfragens, Kritisierens und öffentlichen Thematisierens des eigenen Handelns stattfinden.
Weichert sieht einen Lösungsansatz dahingehend, dass der Dialog zwischen Medien- und Kommunikationswissenschaftlern und Medienpraktikern gestärkt werden muss, um eine wirksame institutionelle Verankerung von Medienkritik im Journalismus zu erreichen.
Kann somit von einer fünften Falle, einer Vermittlungsfalle zweiter Art, gesprochen werden? Diese Frage kann an dieser Stelle nicht eindeutig beantwortet werden. Zudem verweist sie erneut auf die Differenz an theoretischen Sichtweisen in der Journalistik und die Bemühungen, diese mit empirischen Analysen zusammenzubringen. Auffallend ist diesbezüglich auch, dass sich die Literatur über die Aspekte Journalismus- und Medienkritik trotz der Auflagenaktualität sehr stark ähnelt. Das Berichten und öffentliche Reflektieren über den Journalismus wird zumindest noch immer als „blinder Fleck“, „Selbstbeobachtungsfalle“, „Glashaus-Dilemma“„Nestbeschmutzung“ oder als „totes Genre wie das Heldenepos oder das Libretto“ bezeichnet.
Da jedoch das Ziel dieser Arbeit ist, neue Formen öffentlicher Medienkritik zu suchen, sollen im Folgenden Ansätze beschrieben werden, die die Vorstellung eines Gesprächs über Medien und Journalismus in dem „durch Hierarchisierung gekennzeichneten und umkämpften Raum“ Öffentlichkeit zulassen. Dafür lohnt es sich, noch einen kurzen Blick in die Geschichte der siebziger und achtziger Jahre zu werfen, als die im Folgenden dargestellten Vorstellungen Ausdruck gefunden haben."
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