Die größere Hoffnung - Aichinger, Ilse

Ilse Aichinger 

Die größere Hoffnung

Roman

Hrsg. v. Richard Reichensperger
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Die größere Hoffnung

Ilse Aichingers 1948 erschienener Roman über rassisch verfolgte Kinder während der Hitlerzeit irritiert noch immer: In verfremdenden Bildern erzählt er von der Angst, von der Bedrohung und der widerständigen Hoffnung der "Kinder mit den falschen Großeltern". Diese Kinder, die nach den Nürnberger Gesetzen als jüdisch oder - wie die Hauptfigur Ellen - als halbjüdisch gelten, leiden unter Isolation, Demütigung und Verhöhnung. Aber immer wieder wird von unnachgiebigem Widerstand erzählt, "als könne es ruhig den Kopf kosten, wenn es nur nicht das Herz kostete". Aus solchem Widerstand heraus leben die verfolgten Kinder: Nachdem ihre Hoffnung auf Auswanderung zunichte geworden ist, erwächst ihnen eine ganz andere, die "größere Hoffnung". Dazu gehört die Gewißheit, "daß irgendwann der Abschied endet und das Wiedersehen beginnt", und dazu gehört auch, daß Liebe und Leiden eins werden: "Peitscht uns, tötet uns, trampelt uns nieder, einholen könnt ihr uns erst dort, wo ihr lieben oder geliebt werden wollt." Diese Hoffnung haben die Opfer ihren Mördern voraus.
"Da gibt es Kapitel einer Mischung aus bewältigender Angst, aufgehobener Zeitgeschichte und messianischer Hoffnung, wie sie niemand mehr seither so gespannt zustande brachte." (Joachim Kaiser)
Im Anhang des vorliegenden Bandes ist Ilse Aichingers erste Veröffentlichung, ein Text über den Jüdischen Friedhof in Wien, erstmals seit 1945 wieder abgedruckt. Mit der 1988 anläßlich einer Preisverleihung gehaltenen Rede an die Jugend schließt der Band den Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.


Produktinformation

  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • 2012
  • 12. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 286 S.
  • Seitenzahl: 288
  • Fischer Taschenbücher Bd.11041
  • Deutsch
  • Abmessung: 192mm x 121mm x 22mm
  • Gewicht: 395g
  • ISBN-13: 9783596110414
  • ISBN-10: 3596110416
  • Best.Nr.: 04324473
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 15.09.2007

Licht in einem dunklen Haus
Ilse Aichinger: „Die größere Hoffnung”
Im Sport ist ein Konter ein schnell ausgeführter Gegenschlag. Er befreit aus einer prekären Situation; der Angreifer wird urplötzlich zum Angegriffenen. Sein Erfolg beruht auf eleganter Präzision. „Sprache ist, wo sie da ist, für mich das Engagement selbst, weil sie kontern muss, die bestehende Sprache kontern muss . . .”
Ilse Aichinger ist die vollendetste Konterspielerin deutscher Literatur. Die Äußerung über ihr Schreibverständnis stammt von 1972. Sie liefert einen wichtigen Hinweis, wie alle Texte der heute 85-jährigen Wienerin gelesen werden können, der einzige Roman „Die größere Hoffnung” aus dem Jahre ’48 ebenso wie die bisher letzten Arbeiten, die kurzen „Subtexte”: nämlich als anarchisch-widerständiges Nachdenken über die Sprache selbst, ihre Regeln und Stereotypen. Und ihre ideologische Gewalt. Es sind bei Aichinger immer wieder die Kinder, die gegen die Sprache opponieren, sie unterwandern. In der „Größeren Hoffnung” wollen die „Kinder mit den falschen Großeltern” das „Deutsche”, die Sprache ihrer Mörder, „verlernen”. Ein zu …

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Licht in einem dunklen Haus

Ilse Aichinger: „Die größere Hoffnung”

Im Sport ist ein Konter ein schnell ausgeführter Gegenschlag. Er befreit aus einer prekären Situation; der Angreifer wird urplötzlich zum Angegriffenen. Sein Erfolg beruht auf eleganter Präzision. „Sprache ist, wo sie da ist, für mich das Engagement selbst, weil sie kontern muss, die bestehende Sprache kontern muss . . .”

Ilse Aichinger ist die vollendetste Konterspielerin deutscher Literatur. Die Äußerung über ihr Schreibverständnis stammt von 1972. Sie liefert einen wichtigen Hinweis, wie alle Texte der heute 85-jährigen Wienerin gelesen werden können, der einzige Roman „Die größere Hoffnung” aus dem Jahre ’48 ebenso wie die bisher letzten Arbeiten, die kurzen „Subtexte”: nämlich als anarchisch-widerständiges Nachdenken über die Sprache selbst, ihre Regeln und Stereotypen. Und ihre ideologische Gewalt. Es sind bei Aichinger immer wieder die Kinder, die gegen die Sprache opponieren, sie unterwandern. In der „Größeren Hoffnung” wollen die „Kinder mit den falschen Großeltern” das „Deutsche”, die Sprache ihrer Mörder, „verlernen”. Ein zu ehrgeiziges Unterfangen, wie sie von ihrem alten Englischlehrer erfahren, doch wenn er ihnen auch nicht helfen kann, es zu verlernen, so kann er ihnen helfen „es neu zu erlernen, wie ein Fremder eine fremde Sprache lernt, vorsichtig, behutsam, wie man ein Licht anzündet in einem dunklen Haus und wieder weitergeht”.

Als Aichingers Roman 1948 erschien – in Amsterdam – war seine Rezeption spärlich. Es brauchte Jahrzehnte, bis man die literarische Qualität des Buches erkannte, das als eines der ersten in der Nachkriegszeit von der Vernichtung der Juden Zeugnis ablegte. Sein Inhalt, seine Sprache, sein Aufbau machen es dem Leser nicht leicht, er muss die Sätze Aichingers geduldig lesen, ihnen aufmerksam lauschen. Der Text erzählt nicht linear, er ist ein Geflecht aus Traum, Märchen, Mythos und Historie. Monologe wechseln ab mit Dialogen, auktoriales Erzählen mit personalem – es lässt uns das so traurig hoffnungsfrohe Geschehen durch die Augen von Ellen, der jungen Heldin des Romans, sehen. Das Wunderbare an der „Größeren Hoffnung” ist allerdings, dass sie trotz ihrer tödlichen Last federnd wirkt, beinahe schwerelos – dem zeitgleich ausgerufenen Programm einer Literatur des Kahlschlags ganz und gar entgegengesetzt. Ellen und ihre Freunde sind stets auf dem Sprung. Auf die Frage, was für sie Kind und Spiel bedeuten, antwortete Ilse Aichinger einmal: „Die Höhepunkte der Existenz. Deshalb halte ich den Verlust der Kindheit für einen viel größeren Verlust als das normale Altern. Wahrscheinlich tauchen deshalb so viele Kinder bei mir auf: weil es ohne sie unerträglich wäre.” FLORIAN WELLE

Ilse Aichinger Foto: Vaterra/SV-Bilderdienst

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Ilse Aichinger wurde am 1. November 1921 mit ihrer Zwillingsschwester Helga in Wien geboren, als Tochter einer Ärztin und eines Lehrers. Nach der frühen Scheidung ihrer Eltern verbrachte sie den größten Teil ihrer Kindheit bei ihrer Großmutter und in Klosterschulen. Sofort mit dem Einmarsch Hitlers in Österreich im März 1938 verlor die jüdische Mutter sofort Praxis, Wohnung und ihre Stelle als städtische Ärztin.

Während die Schwester Helga noch im Juli 1939 nach England fliehen konnte, verhinderte der Kriegsausbruch die geplante Ausreise der restlichen Familie. Ilse Aichinger und ihre Mutter wurde ein Zimmer in unmittelbarer Nähe des Gestapo-Hauptquartiers zugewiesen. Sie überlebten, die Großmutter und die jüngeren Geschwister der Mutter wurden 1942 deportiert und ermordet. Nach Kriegsende begann Ilse Aichinger ein Medizinstudium, das sie jedoch nach fünf Semestern abbrach.

Sie wurde Lektorin des S. Fischer Verlags und arbeitete außerdem an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. 1953 heiratete sie den Lyriker und Hörspielautor Günter Eich, von dem sie zwei Kinder bekam.

1972 starb Günter Eich, nach dem Tod ihrer Mutter zog Ilse Aichinger von Großgmain bei Salzburg nach Frankfurt am Main. Seit 1988 lebt sie in Wien.

U.a.: Grand Prix 1998 der Internationalen Biennale der Poesie Joseph-Breitbach-Preis 2000 Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels 2002

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