• Broschiertes Buch

1 Kundenbewertung

Ein Mord geschieht, der Täter reist in ein Dorf an der Grenze, seine Entdeckung durch die Polizei steht bevor. Es ist der Fall des ehemaligen Tormanns Josef Bloch.

Andere Kunden interessierten sich auch für

Produktbeschreibung

Ein Mord geschieht, der Täter reist in ein Dorf an der Grenze, seine Entdeckung durch die Polizei steht bevor. Es ist der Fall des ehemaligen Tormanns Josef Bloch.
  • Produktdetails
  • Suhrkamp Taschenbücher Nr.27
  • Verlag: Suhrkamp
  • Best.Nr. des Verlages: 36527
  • 29. Aufl.
  • Seitenzahl: 120
  • 2014
  • Ausstattung/Bilder: 118 S. 179 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 108mm x 23mm
  • Gewicht: 108g
  • ISBN-13: 9783518365274
  • ISBN-10: 3518365274
  • Best.Nr.: 00530120

Autorenporträt

Peter Handke, geboren am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten), Sohn einer zur slowenischen Minderheit in Österreich gehörenden Mutter und einem deutschen Vater, besuchte zwischen 1954 und 1959 das Gymnasium in Tanzenberg und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studierte er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman, im selben Jahr erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks "Publikumsbeschimpfung" in Frankfurt in der Regie von Claus Peymann. Seitdem hat er zahlreiche Erzählungen und Prosawerke verfasst. Darüber hinaus hat Peter Handke viele Prosawerke und Stücke von Schriftsteller-Kollegen ins Deutsche übertragen. Sein Werk wurde mit vielen internationalen Preisen geehrt, u. a. 2014 mit dem Ibsen Award und 2015 mit dem Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis.
Peter Handke

Rezensionen

Besprechung von 12.06.2004
Band 13
Der Tag, an dem ihm die Welt verloren ging
Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter”
Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Sprache - und damit das Schreiben und Beschreiben - für die ernsthaften Schriftsteller zum Problem wurde. Ludwig Wittgensteins logische Untersuchungen zur Alltagssprache und die psychoanalytische Theorie auf der einen Seite, die Skepsis gegenüber der politischen Sprache auf der anderen führten zu einem so prinzipiellen Verdacht gegenüber der „Wahrheit” literarischer Kunstwerke, dass besonders vorschnelle Ideologen bereits das Ende des Romans feststellten. Vor diesem Hintergrund entstanden vor dreißig Jahren einige der besten Prosabücher der deutschen Literatur, von Thomas Bernhards „Kalkwerk”, Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter” bis zu „Marlenes Schwester” von Botho Strauß, und sie sind deshalb so vorbildlich geblieben, weil sie das Problematische unseres Umgangs mit der Sprache nicht ausgeblendet haben.
Peter Handkes Erzählung vom armen Monteur Josef Bloch, der früher ein bekannter Tormann gewesen war und am Beginn der Geschichte von seiner Firma entlassen wird (oder annimmt, entlassen worden zu sein), gehört bis heute zu den klügsten, spannendsten und verstörendsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur. Es ist eine Krankengeschichte: Bloch zeigt Symptome einer manifesten Schizophrenie. Innenwelt und Außenwelt, normalerweise durch eine verständlich Sprache vermittelt, klaffen auseinander. Je länger er auf seinen ziellosen Wanderungen durch Wien unterwegs ist, desto mehr kommt ihm die Welt abhanden. Die Dinge entziehen sich seinen Worten, sie führen ein Eigenleben. Blochs übersteigerte Wahrnehmungsintensität findet keinen Ausdruck mehr: „Einerseits diese Aufdringlichkeit der Umgebung, wenn er die Augen offen hatte, andererseits diese noch schlimmere Aufdringlichkeit der Wörter für die Sachen in der Umgebung, wenn er die Augen geschlossen hatte.” In dieser heillosen Situation lernt er die Kassiererin eines Kinos kennen, die sich umstandslos mit ihm einlässt. Sie verbringen eine Nacht miteinander. „,Ich heiße Gerda!‘ sagte sie. Bloch hatte es gar nicht wissen wollen . . . Ob er heute zur Arbeit gehe? fragte sie. Plötzlich würgte er sie. Er hatte gleich so fest zugedrückt, dass sie gar nicht dazugekommen war, es noch als Spaß aufzufassen.”
Bloch, der Mörder, fährt zu einer Freundin, die in einem südlichen Grenzort eine Gastwirtschaft führt - aus der Krankengeschichte wird ein ungewöhnlicher Kriminalroman, in dem die Rollen von Täter und Opfer verschwimmen. Am Ende finden wir Bloch als Zuschauer bei einem Fußballspiel. Es wird ein Elfmeter gegeben. Bloch erklärt sehr genau und rational die verschiedenen Möglichkeiten des Torschützen und des Torhüters, sich gegenseitig zu täuschen und zu überlisten. „Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoss ihm den Ball in die Hände.”
Peter Handkes Ursachenforschung eines sich selbst fremd werdenden Menschen bedient sich nicht, wie etwa Sartres „Ekel”, eines existentialistischen Musters, sondern gewinnt seine Spannung ganz aus der Perspektive des distanziert mitgehenden Zuschauers, der Bloch auf seiner Odyssee begleitet. So liest sich die Geschichte des extrem geräuschempfindlichen, mit peinigender Sensibilität geplagten Menschen, der zum Mörder wird, wie ein Fall. Ein „Fall” allerdings, der lange nachhallt, bis heute.
MICHAEL KRÜGER
Peter Handke
Foto: Isolde Ohlbaum
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
…mehr
Band 13

Der Tag, an dem ihm die Welt verloren ging

Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter”

Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Sprache - und damit das Schreiben und Beschreiben - für die ernsthaften Schriftsteller zum Problem wurde. Ludwig Wittgensteins logische Untersuchungen zur Alltagssprache und die psychoanalytische Theorie auf der einen Seite, die Skepsis gegenüber der politischen Sprache auf der anderen führten zu einem so prinzipiellen Verdacht gegenüber der „Wahrheit” literarischer Kunstwerke, dass besonders vorschnelle Ideologen bereits das Ende des Romans feststellten. Vor diesem Hintergrund entstanden vor dreißig Jahren einige der besten Prosabücher der deutschen Literatur, von Thomas Bernhards „Kalkwerk”, Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter” bis zu „Marlenes Schwester” von Botho Strauß, und sie sind deshalb so vorbildlich geblieben, weil sie das Problematische unseres Umgangs mit der Sprache nicht ausgeblendet haben.

Peter Handkes Erzählung vom armen Monteur Josef Bloch, der früher ein bekannter Tormann gewesen war und am Beginn der Geschichte von seiner Firma entlassen wird (oder annimmt, entlassen worden zu sein), gehört bis heute zu den klügsten, spannendsten und verstörendsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur. Es ist eine Krankengeschichte: Bloch zeigt Symptome einer manifesten Schizophrenie. Innenwelt und Außenwelt, normalerweise durch ein verständliche Sprache vermittelt, klaffen auseinander. Je länger er auf seinen ziellosen Wanderungen durch Wien unterwegs ist, desto mehr kommt ihm die Welt abhanden. Die Dinge entziehen sich seinen Worten, sie führen ein Eigenleben. Blochs übersteigerte Wahrnehmungsintensität findet keinen Ausdruck mehr: „Einerseits diese Aufdringlichkeit der Umgebung, wenn er die Augen offen hatte, andererseits diese noch schlimmere Aufdringlichkeit der Wörter für die Sachen in der Umgebung, wenn er die Augen geschlossen hatte.” In dieser heillosen Situation lernt er die Kassiererin eines Kinos kennen, die sich umstandslos mit ihm einlässt. Sie verbringen eine Nacht miteinander. „,Ich heiße Gerda!‘ sagte sie. Bloch hatte es gar nicht wissen wollen . . . Ob er heute zur Arbeit gehe? fragte sie. Plötzlich würgte er sie. Er hatte gleich so fest zugedrückt, dass sie gar nicht dazugekommen war, es noch als Spaß aufzufassen.”

Bloch, der Mörder, fährt zu einer Freundin, die in einem südlichen Grenzort eine Gastwirtschaft führt - aus der Krankengeschichte wird ein ungewöhnlicher Kriminalroman, in dem die Rollen von Täter und Opfer verschwimmen. Am Ende finden wir Bloch als Zuschauer bei einem Fußballspiel. Es wird ein Elfmeter gegeben. Bloch erklärt sehr genau und rational die verschiedenen Möglichkeiten des Torschützen und des Torhüters, sich gegenseitig zu täuschen und zu überlisten. „Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoss ihm den Ball in die Hände.”

Peter Handkes Ursachenforschung eines sich selbst fremd werdenden Menschen bedient sich nicht, wie etwa Sartres „Ekel”, eines existentialistischen Musters, sondern gewinnt seine Spannung ganz aus der Perspektive des distanziert mitgehenden Zuschauers, der Bloch auf seiner Odyssee begleitet. So liest sich die Geschichte des extrem geräuschempfindlichen, mit peinigender Sensibilität geplagten Menschen, der zum Mörder wird, wie ein Fall. Ein „Fall” allerdings, der lange nachhallt, bis heute.

MICHAEL KRÜGER

Peter Handke

Foto: Isolde Ohlbaum

SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH

…mehr