Yesterday - Christensen, Lars S.

Lars S. Christensen 

Yesterday

Roman

Übersetzer: Hildebrandt, Christel
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Yesterday

1965: In Oslo grassiert wie überall in Europa die Beatlesmania, und für Gunnar, Seb, Ola und Kim ändert sich das ganze Lebensgefühl.


Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 1997
  • 1997.
  • Seitenzahl: 576
  • btb Bd.72239
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 121mm x 40mm
  • Gewicht: 480g
  • ISBN-13: 9783442722396
  • ISBN-10: 344272239X
  • Best.Nr.: 07048628
Lars Saabye Christensen, geboren 1953 in Oslo, ist ein sehr bedeutender norwegischer Autor der Gegenwart. Publikation zahlreicher Romane, Kurzgeschichten und neun Gedichtbänden. 1984 literarischer Durchbruch in Norwegen. Vielfache Auszeichnungen, z. T. Übersetzungen in mehr als zwanzig Sprachen.

Leseprobe zu "Yesterday" von Lars S. Christensen

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Leseprobe zu "Yesterday" von Lars S. Christensen

Ich sitze im Sommerhaus, es ist Herbst. Meine rechte Hand irritiert mich, mit den Narben kreuz und quer, besonders der Zeigefinger. Er ist krumm und schief wie eine Klaue. Ich muß ihn immer wieder ansehen. Er klammert sich an den Kugelschreiber, der rote Buchstaben malt. Es ist ein ungewöhnlich häßlicher Finger. Eine Schande, daß ich kein Linkshänder bin, ich habe mir das mal gewünscht, Linkshänder zu sein und Baßgitarre spielen zu können. Aber ich kann mit der linken Hand spiegelverkehrt schreiben, genau wie Leonardo da Vinci. Trotzdem schreibe ich mit rechts und übe Nachsicht mit der verunstalteten Hand und dem abstoßenden Zeigefinger. Hier drinnen riecht es nach Äpfeln, ein intensiver Apfelduft steigt von dem alten Tisch auf, an dem ich mitten im dunklen Raum sitze. Es ist der erste Tag, an dem es Abend wird, und ich habe nur von einem Fenster die Fensterläden abgenommen. Der Fensterrahmen ist voll von toten Insekten, Fliegen, Mücken, Wespen, mit trockenen, dürren Beinen. Der Geruch nach Früchten macht mich ganz benommen, mein leerer Kopf löst etwas in mir aus; im Licht des Mondes, der jetzt durch das einzige offene Fenster scheint, tanzen Schatten an den Wänden und verwandeln das Zimmer in ein altmodisches Diorama. Und genau wie Olas Vater, der Friseur in Solli, der den Film immer, wenn Geburtstag war, verkehrt in den Vorführapparat legte, so daß wir drei Chaplin-Filme rückwärts sahen, so drehe ich jetzt allem den Rücken zu und begebe mich zurück. Und ohne daß ich mir dessen bewußt bin, stoppt die Filmrolle hinter meinen Augen bei einem bestimmten Bild, ich halte es für ein paar Sekunden fest, friere es ein, dann setze ich es wieder in Bewegung, denn ich bin allmächtig. Ich verleihe ihm Stimmen, Geräusche, Gerüche und Licht. Deutlich kann ich hören, wie der Kies unter den Schuhen knirscht, wenn wir über den Vestkanttorg schleichen, ich kann das berauschende Schwindelgefühl nach einem Lungenzug spüren, und immer noch kann ich Ringos Ellenbogen fühlen, der mich weich in der Seite trifft, und wir vier stehen in Reih und Glied, und John zeigt auf einen schwarzen, blankpolierten Mercedes, der vorm Naranja parkt.

Es war George, der als erster etwas sagte. Und zwar:
"Das ist deiner, Paul."

Alle wußten, daß ich Spezialist war, wenn es um einen Mercedes ging. Ich brauchte nicht einmal Werkzeug. Man mußte nur den runden Stern dreimal nach links drehen, ihn schnell loslassen und herausziehen, dann war die Befestigung garantiert abgerissen. Wir rannten die Treppe hinauf, und es kribbelte warm unterm Pullover. Wir nahmen die Lage in Augenschein.

"Zu viele Leute", flüsterte John.

Die anderen waren seiner Meinung. Zwei Männer standen an der Ecke unter den Apfelbäumen, eine alte Dame überquerte dicht daneben die Straße.

"Hat keinen Sinn, es zu v-v-versuchen", murmelte Ringo.

"Wir haben schon einen Opel und zwei Ford", sagte George.

"Aber das is' doch 'n 220 S!" sagte ich.

"Wir hol'n ihn an einem andern Abend", sagte John.

Es war aber nicht sicher, ob er dort morgen auch noch stehen würde. Und ich spürte diesen Sog in mir, den ich seitdem so oft gefühlt habe, und ich hörte nicht mehr auf die anderen. Ich ging ruhig über die Straße, allein, beugte mich über die Motorhaube, mein Herz schlug immer noch mit schwachem, gleichmütigem Schlag, ein Pärchen kam den Hügel von Berk herab, die beiden Männer unter den Apfelblüten schielten zu mir herüber, die Papageien im Fenster schrien stumm. Da drehte ich das Mercedesgeweih dreimal herum, ließ es schnell los, zog noch mal und schob es vorsichtig unter den Pullover. John, George und Ringo waren bereits weit entfernt, sie sollten irgendwie ganz natürlich gehen, aber von hinten ähnelten sie drei Laternenpfählen mit roten Lampen. John drehte sich um und winkte mir wild, ich grinste und winkte zurück, dann rannten sie los Richtung Urra. Ich stand immer noch am Tatort, sah mich um, aber niemand hatte irgendwie reagiert. Ich begann, hinter den anderen herzugehen, langsam, wie um das Ganze zu verlängern, um deutlich zu spüren, wie es war, ich gab dem Autobesitzer eine Chance, mich zu erwischen. Diese herrliche nervöse Wärme breitete sich in meinem Körper aus. Und niemand folgte mir. Ich zog den Stern hervor, schwenkte ihn triumphierend in der Luft und lief den anderen nach.

Sie warteten am Kiosk "Der Mann auf der Treppe", jeder mit seiner Safttüte. "Du bist v-v-verrückt", sagte Ringo.

"Verdammt, wenn wir eines Tages erwischt werden", murmelte John. Er sah zu mir hoch, lächelte nicht, wirkte leicht resigniert, fast unglücklich, wie er dasaß, mit der gefrorenen Safttüte und einer zitternden Zigarette.

Es war fast neun Uhr. Wir stellten fest, daß es draußen dunkel geworden war. "Der Mann auf der Treppe" löschte im Geschäft das Licht, und wir huschten den Bondeberg hinunter. Ich gab George den Mercedesstern, denn er versteckte sie unter Zeitschriften in einem Kasten unterm Bett.

"Jetzt haben wir sechs davon", sagte er.

"Aber keinen 220 S!"

"Da seh' ich k-k-keinen Unterschied", meinte Ringo. "Du mußt es nicht sehen, Hauptsache ist, daß du's weißt", sagte ich.

"Wie viele Fiats haben wir, he", überlegte John.

"Neun", sagte George. "Neun Fotzen."

"Mein Bruder hat aus Kopenhagen ein Pornoheft mitgebracht", sagte John.

Wir blieben abrupt stehen, sahen ihn an.

"Aus Dänemark?" flüsterte Ringo und vergaß ganz zu stottern.

"Hat in Kopenhagen Handball gespielt, verdammt noch mal."

"Wie... wie is' es denn?"

"Super", sagte John - "Ich muß jetzt abhaun."

"Bring's morgen mal mit", sagte George.

"Mach das!" rief Ringo und schwenkte den Schraubenzieher in der Luft.

"Mach das!"

Ich ging mit John. Wir hatten den gleichen Weg, die Lovenskioldsgate hinunter. George und Ringo latschten hinüber zum Solli-Platz. Keiner von uns sagte etwas. Der Streusand vom Winter knirschte unter unseren Schuhen, und der vertrocknete Hundedreck lag in Reih und Glied auf dem Bürgersteig. Das war ein sicheres Zeichen für den Frühling, obwohl es noch ziemlich kalt und dunkel war und wir erst Mitte April hatten.

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