Blauer Hibiskus - Adichie, Chimamanda Ngozi

Chimamanda Ngozi Adichie 

Blauer Hibiskus

Roman

Aus d. Amerikan. v. Judith Schwaab
Broschiertes Buch
 
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Produktbeschreibung zu Blauer Hibiskus

Im Herzen Afrikas: Eine Tochter aus gutem Hause entdeckt die Welt.
Das Haus liegt inmitten von Hibiskus, Tempelbäumen und hohen Mauern, die Welt dahinter ist das von politischen Unruhen geprägte Nigeria. Mit sanfter, eindringlicher Stimme erzählt die 15-jährige Kambili von dem Jahr, in dem ihre Familie auseinander fiel, ihr Land im Terror versank und ihre Kindheit zu Ende ging. Ein verzweifelt-schönes, traurig-süßes, außergewöhnliches Buch.

'Das beste Buch, das ich seit Arundhati Roys 'Der Gott der kleinen Dinge' gelesen habe.' - The Times

'Solange solche Romane erscheinen, ist das Leben für die Literatur nicht verloren.' - Die ZEIT

Produktinformation


  • Verlag: Btb
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 317 S.
  • Seitenzahl: 317
  • btb Bd.73572
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 118mm x 26mm
  • Gewicht: 300g
  • ISBN-13: 9783442735723
  • ISBN-10: 3442735726
  • Best.Nr.: 20841965
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 21.05.2010

Als die Figuren
zerbrachen
Das Hörbuch zu dem Afrikaroman
„Blauer Hibiskus“
Bei uns zu Hause begann alles in die Brüche zu gehen, als mein Bruder Jaja nicht bei der Kommunion war und mein Vater sein schweres Messbuch durch das Zimmer schleuderte und die Keramikfiguren auf der Etagere zerbrach.“ Dramatisch fängt Chimamanda Ngozi Adichies Debütroman Blauer Hibiskus an. Und dramatisch geht es in dem Buch, das 2004 auf Englisch und ein Jahr später auf Deutsch erschien, weiter. Die junge Nigerianerin zeigt die angespannte Lage des Landes unter der Militärregierung Sami Abachas Mitte der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts am Privatleben einer Upperclass-Familie, das von Gewalt geprägt ist.
Aus der Perspektive der 15jährigen Kambili erzählt der Roman von einem Vater, der sich als angesehener Geschäftsmann und Verleger unerschrocken für die Demokratisierung des Landes einsetzt. Doch so sehr er nach außen den Kämpfer für Freiheit und Menschenrechte gibt, zu Hause herrscht der strenggläubige Katholik wie ein Tyrann. Er schlägt seine Frau, malträtiert den Sohn und von seiner Tochter verlangt er, auf der exklusiven Missionsschule …

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"Solange solche Romane erscheinen, ist das Leben für die Literatur nicht verloren."

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 29.03.2005

Masken, Mütter, Mythen
Schlicht, doch nicht ergreifend: Chimamanda Ngozi Adichies Debüt

Eine wohlerzogene Tochter, um die Fünfzehn, findet sich in der vormals vertrauten Welt nicht mehr zurecht. Das streng gebahnte Leben der Familie vermittelt ihr keine Geborgenheit, sondern nur noch Druck und Zwang. Ihr vorsichtiges Aufbegehren gegen heimische Autorität verbindet sich mit leiser Angst, den Halt am Hergebrachten zu verlieren, während sie zugleich beginnt, das Leben jenseits der bekannten und engumgrenzten Erfahrungsräume zu erkunden. Eine erste, schwärmerische Verliebtheit in einen unerreichbar fernen Mann; zaghafte Zweifel an der Religion, die den Familienalltag machtvoll prägt; heimliche Bewunderung für den älteren Bruder, der sich dem Regime des Vaters widersetzt - vielleicht sind es solche gängigen Motive und einfachen Geschichten, die immer wieder neu zu würdigen und zu erzählen sind, weil das Abenteuer des Erwachsenwerdens unser aller Leben irgendwann einmal bestimmt. Bei Chimamanda Ngozi Adichie allerdings spielt diese Geschichte in Nigeria, und dort ist alles noch viel abenteuerlicher.

Angesiedelt in den frühen neunziger …

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

 Ins Schwärmen gerät Ludwig Fels bei diesem Roman der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, Jahrgang 1977, die mal nicht das gewohnte Klischeebild vom armen oder exotischen Afrika bedient, wie er aufatmend schreibt, sondern, auch nicht viel erbaulicher, das ganze "zwischenmenschliche Elend" einer nigerianischen Upper Class-Familie aus Perspektive eines heranwachsenden Mädchens erzählt. Der Vater ist ein Psychopath, ein Tyrann, der nach außen als Systemkritiker auftritt, aber die Familie mit pseudoreligiösen Vorschriften und Gewaltandrohungen quält. Schinderei, die sich als Liebe, Quälerei, die sich als Erziehung ausgibt, so sieht es Fels, der froh ist über dieses anrührende und verstörende Buch, das mit seiner Wärme, Lebendigkeit, Dramatik und Ambitioniertheit "streckenweise verstummen macht". Einerseits rufe Adichie die Sinnlichkeit der Kindheit in Erinnerung, freut er sich, während sie zugleich die innerfamiliären Beziehungen genau unter die Lupe nehme und uns ein durchaus realistisches Bild vom heutigen Nigeria vermittele.

© Perlentaucher Medien GmbH
Chimamanda Ngozi Adichie, geboren 1977 in Nigeria, studierte Medizin und Kommunikationswissenschaften, ging 1998 in die USA, bekam mehrere Preise für ihre Kurzgeschichten. "Blauer Hibiskus" war auf der "Shortlist" für den "Orange Fiction Prize 2004".

Leseprobe zu "Blauer Hibiskus" von Chimamanda Ngozi Adichie

Palmsonntag

Bei uns zu Hause begann alles in die Brüche zu gehen, als mein Bruder Jaja nicht bei der Kommunion war und mein Vater sein schweres Meßbuch durch das Zimmer schleuderte und die Keramikfiguren auf der Etagere zerbrach. Wir kamen gerade von der Kirche. Mama legte die frischen Palmzweige, die noch feucht vom Weihwasser waren, auf den Eßtisch und ging nach oben, um sich umzuziehen. Später würde sie die Zweige zu schweren Kreuzen binden und sie neben unser goldgerahmtes Familienfoto an die Wand hängen. Dort blieben sie bis Aschermittwoch; dann trugen wir sie in die Kirche, wo sie zu Asche verbrannt wurden. Papa half jedes Jahr beim Austeilen der Aschekreuze, wie die anderen Laienbrüder in einem langen, grauen Gewand. Seine Reihe kam immer am langsamsten voran, weil er mit seinem ascheverschmierten Daumen besonders fest auf jede Stirn drückte, um ein perfektes Kreuz zu malen, und dabei langsam und bedeutungsvoll jedes einzelne Wort betonte: "Denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren."

Papa saß bei der Messe immer in der ersten Reihe, gleich neben dem Gang, und Mama, Jaja und ich saßen neben ihm. Er war der erste, der zur Kommunion ging. Um die Hostie zu empfangen, knieten die meisten Leute nicht vor dem Marmoraltar und der lebensgroßen Statue der blonden Jungfrau Maria nieder, aber mein Vater schon. Er kniff die Augen so fest zusammen, daß sein Gesicht sich zu einer starren Grimasse verzog, und streckte dabei die Zunge heraus, so weit er nur konnte. Anschließend lehnte er sich in seiner Kirchenbank zurück und sah zu, wie die übrigen Gemeindemitglieder zum Altar pilgerten, die Handflächen aufeinandergepreßt und senkrecht nach oben gestreckt, als müßten sie einen auf den Rand gestellten Teller festhalten. So hatte es ihnen Pater Benedict beigebracht. Obwohl Pater Benedict schon sieben Jahre in St. Agnes war, nannten ihn die Leute immer noch "unseren neuen Priester". Vielleicht hätten sie das nicht getan, wenn er nicht weiß gewesen wäre. Er sah einfach immer noch aus wie neu. Die Haut seines Gesichts, das die Farbe von Kondensmilch und einer aufgeschnittenen Sauer-Annone hatte, war während dieser sieben Jahre im glutheißen Harmattan-Wind Nigerias kein bißchen braun geworden. Seine englische Nase war genauso verkniffen und schmal, wie sie es immer gewesen war, dieselbe Nase, von der ich damals, als er in Enugu eintraf, befürchtet hatte, er würde nicht genügend Luft durch sie bekommen. Pater Benedict hatte in der Gemeinde so manches umgekrempelt. Zum Beispiel durften das Credo und das Kyrie nur in Latein gesprochen werden, und Igbo, unsere Muttersprache, war verboten. Auch das Händeklatschen sollte auf ein Minimum beschränkt sein, um die Feierlichkeit der Messe nicht zu beeinträchtigen. Immerhin erlaubte er uns, die Opfergebete auf Igbo zu singen; er nannte sie "Eingeborenenlieder", und wenn er "Eingeborene" sagte, verzogen sich die Winkel seines schmalen, geraden Mundes nach unten und bildeten ein umgedrehtes U. Während seiner Predigten nahm Pater Benedict meistens Bezug auf den Papst, auf Papa und auf Jesus - in dieser Reihenfolge. Papas Beispiel benutzte er, um das Evangelium zu veranschaulichen. "Wenn wir unser Licht leuchten lassen vor allen Menschen, so tun wir es in Gedenken an den Einzug Christi in Jerusalem", sagte er an diesem Palmsonntag. "Seht euch Bruder Eugene an. Er hätte es nach dem Putsch so machen können wie die anderen bedeutenden Männer in diesem Land. Er hätte beschließen können, zu Hause zu bleiben und nichts zu tun, damit die neue Regierung sich nicht in seine Geschäfte einmischt. Er aber nutzte den Standard, um der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen, obwohl das für die Zeitung den Verlust von Anzeigen bedeutete. Bruder Eugene trat für die Freiheit ein. Wie viele von uns sind aufgestanden und haben für die Wahrheit gekämpft? Wie viele von uns haben des glorreichen Einzugs in Jerusalem gedacht?"

Die Gemeindemitglieder sagten "Ja" oder "Gott segne ihn" oder "Amen", aber nicht zu laut, damit es nicht klang wie bei den Pfingstgemeinden, die überall aus dem Boden schossen wie die Pilze; dann hörten sie wieder leise und aufmerksam zu. Sogar die Babys hörten auf zu brüllen, als ob auch sie dem Pater lauschten. An manchen Sonntagen hörte die Gemeinde sogar aufmerksam zu, wenn Pater Benedict über Sachen redete, die schon alle wußten, zum Beispiel, daß Papa die größte Geldsumme für den Peterspfennig und für St. Vincent de Paul gespendet hatte. Oder daß er die Kartons mit Meßwein bezahlt hatte oder die neuen Öfen im Kloster, wo die Ehrwürdigen Schwestern die Hostien buken, oder den neuen Flügel des St.-Agnes-Krankenhauses, wo Pater Benedict immer die Letzte Ölung verabreichte. Und ich saß dann neben Jaja, die Knie zusammengepreßt, und versuchte, ein ausdrucksloses Gesicht zu machen, damit man nicht sah, wie stolz ich war. Papa sagte immer, daß Bescheidenheit sehr wichtig ist.

Auch Papas Gesicht war ausdruckslos, wenn ich ihn anschaute, wie auf dem Foto in der Zeitung, nachdem Amnesty World ihm einen Menschenrechtspreis verliehen hatte. Er hatte nur dieses eine Mal erlaubt, daß in seiner Zeitung etwas über ihn geschrieben wurde. Sein Chefredakteur, Ade Coker, hatte darauf bestanden und gesagt, Papa habe es verdient, er sei zu bescheiden. Das hatten Jaja und ich von Mama gehört; Papa sagte uns solche Sachen nicht. Das ausdruckslose Gesicht behielt er, bis Pater Benedict seine Predigt beendet hatte und es Zeit für die Kommunion war. Wenn er dann das Sakrament empfangen hatte, lehnte er sich zurück und sah zu, wie die Gemeindemitglieder nach vorne zum Altar gingen, und nach der Messe berichtete er Pater Benedict mit ernster Miene, wenn jemand an zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen nicht zur Kommunion ging. Er ermutigte Pater Benedict, sich um diese verlorenen Schafe zu kümmern und sie in die Gemeinde zurückzuholen; denn nur eine Todsünde konnte schuld daran sein, wenn jemand zwei Sonntage hintereinander die Kommunion ausließ.

An diesem Palmsonntag, an dem alles anders wurde, sah also Papa, daß Jaja nicht zum Altar ging, und haute mit seinem ledergebundenen Meßbuch, aus dem rote und grüne Lesebändchen hingen, auf den Eßtisch, als wir nach Hause kamen. Der Tisch war aus Glas, aus schwerem Glas. Er wackelte, ebenso wie die Palmzweige, die darauf lagen.

"Jaja, du bist nicht zur Kommunion gegangen", sagte Papa leise. Es war fast eine Frage.

Jaja blickte auf den Tisch hinab, als spräche er zu dem Meßbuch. "Von der Waffel kriege ich schlechten Atem."

Ich starrte Jaja an. War bei ihm eine Schraube locker? Papa bestand darauf, daß wir Hostie sagten, weil "Hostie" das Wesen des Leibes Christi, seine Heiligkeit, am besten ausdrückte. "Waffel" war zu weltlich, denn Waffeln waren etwas, das in Papas Fabriken hergestellt wurde - Schokowaffeln, Bananenwaffeln, ein Gebäck eben, das die Leute ihren Kindern als Belohnung gaben, wenn es etwas Besseres sein sollte als Kekse.

"Und außerdem wird mir immer ganz schlecht, wenn der Priester mich am Mund berührt", sagte Jaja. Er wußte, daß ich ihn ansah, daß meine erschrockenen Augen ihn anflehten, still zu sein, aber er schaute nicht zu mir her.

"Es ist der Leib unseres Herrn." Papas Stimme war leise, sehr leise. Sein Gesicht war zwar schon ganz aufgedunsen und mit eitergefüllten Pusteln bedeckt, aber jetzt schien es noch mehr anzuschwellen. "Du kannst nicht einfach aufhören, den Leib unseres Herrn zu empfangen. Das bedeutet den Tod, und das weißt du."

"Dann sterbe ich eben." Vor Angst hatten Jajas Augen die Farbe von Teer angenommen, aber jetzt blickte er Papa direkt ins Gesicht. "Dann sterbe ich eben, Papa."

Papa schaute sich rasch im Zimmer um, als suchte er nach dem Beweis dafür, daß etwas von der hohen Decke gefallen war, etwas, von dem er nie gedacht hatte, es könnte herunterfallen. Dann nahm er das Meßbuch und warf es quer durch den Raum nach Jaja. An Jaja flog es vorbei, aber es traf die Glasetagere, die Mama so oft polierte. Es zertrümmerte das obere Bord, schleuderte die cremefarbenen, fingergroßen Ballettänzerinnen aus Keramik, die sich in allen möglichen Positionen verrenkten, auf den harten Boden und landete ebenfalls dort. Vielmehr landete es auf den vielen Scherben. Und da lag es nun, ein wuchtiges, ledergebundenes Meßbuch mit allen Lesungen für die drei Zyklen des Kirchenjahres.

Jaja rührte sich nicht. Papa schwankte von Seite zu Seite. Ich stand an der Tür und beobachtete sie. Der Deckenventilator drehte und drehte sich, und die Glühbirnen, die daran befestigt waren, schlugen klirrend aneinander. Dann kam Mama in ihren Gummislippern herein, die leise, klatschende Geräusche auf dem Marmorboden machten. Sie hatte ihr münzbesticktes Sonntagswickeltuch und die Bluse mit den Puffärmeln ausgezogen und trug jetzt ein schlichtes buntgemustertes Tuch, locker an der Taille zugebunden, und das weiße T-Shirt, das sie jeden zweiten Tag anhatte. Es war ein Andenken an ein spirituelles Exerzitium, an dem sie und Papa teilgenommen hatten; die Worte Gott ist liebe standen in schiefen Buchstaben über ihren schweren Brüsten. Sie starrte auf die Keramikscherben auf dem Boden, kniete nieder und begann sie mit bloßen Händen aufzusammeln.

Nur das Surren des Ventilators, der noch immer durch die Luft pflügte, unterbrach die Stille. Obwohl unser geräumiges Eßzimmer in ein noch größeres Wohnzimmer mündete, hatte ich das Gefühl, zu ersticken. Die eierschalenfarbenen Wände mit den gerahmten Fotos von Großvater schienen langsam auf mich zuzukommen, mich zu bedrängen. Sogar der Eßtisch aus Glas bewegte sich auf mich zu.

"Nne, ngwa. Geh hoch und zieh dich um", sagte meine Mutter zu mir. Ich erschrak, obwohl ihre Worte auf Igbo ruhig und besänftigend klangen. Im selben Atemzug, ohne Pause, sagte sie zu Papa: "Dein Tee wird kalt", und zu Jaja: "Komm und hilf mir, biko."

Papa setzte sich an den Tisch und goß sich aus dem Service mit den Bordüren aus rosa Blümchen Tee ein. Ich wartete darauf, daß er Jaja und mich dazu aufforderte, einen Schluck davon zu nehmen, so wie er das immer tat. Er nannte das einen Schluck der Liebe, weil man die kleinen Dinge, die man liebt, mit den Personen teilt, die man liebt. Nimm einen Schluck der Liebe, sagte er dann, und Jaja würde als erster trinken. Dann würde ich die Tasse in beide Hände nehmen und sie an meine Lippen heben. Ein Schluck. Der Tee war immer zu heiß, immer verbrannte ich mir den Mund, und wenn es zum Mittagessen etwas Scharfes gab, brannte es noch mehr auf meiner wunden Zunge. Aber das machte nichts, weil ich wußte, wenn der Tee mir auf der Zunge brannte, dann brannte er auch Papas Liebe in mich hinein. Heute jedoch sagte Papa nicht: Nimm einen Schluck der Liebe; er sagte gar nichts, während ich ihm zusah, wie er die Tasse an seine Lippen hob.

Jaja kniete neben Mama nieder, formte aus dem Kirchenblättchen, das er in der Hand hielt, eine flache Kehrschaufel und legte eine der scharfkantigen Scherben darauf. "Sei vorsichtig, Mama, sonst schneidest du dich in die Finger", sagte er.

Ich zog an einem der kleinen Zöpfe, die unter meinem schwarzen Kirchenschal verborgen waren, um sicherzugehen, daß ich nicht träumte. Warum verhielten sich Jaja und Mama so normal, als wüßten sie nicht, was gerade eben passiert war? Und warum trank Papa seelenruhig seinen Tee, als hätte Jaja ihm nicht gerade eine freche Antwort gegeben? Ich drehte mich langsam um und ging nach oben, um mein rotes Sonntagskleid auszuziehen.

Als ich mich umgekleidet hatte, saß ich an meinem Schlafzimmerfenster. Der Kashewbaum war so nahe, daß ich die Hand hätte ausstrecken können, um ein Blatt zu pflücken, wenn nicht das silberfarbene Moskitogitter dazwischen gewesen wäre. Die glockenförmigen gelben Früchte hingen träge und schwer an den Zweigen und lockten Bienen an, die summend gegen das Gitter vor meinem Fenster flogen. Ich hörte, wie Papa nach oben in sein Zimmer ging, um ein Nickerchen zu machen. Ich schloß die Augen, saß ganz still und wartete darauf, daß er Jaja rufen und Jaja in sein Zimmer gehen würde. Nichts passierte, und nach langen, stillen Minuten öffnete ich die Augen wieder und drückte meine Stirn gegen das Gitter, um nach draußen zu sehen. Unser Hof war so groß, daß hundert Leute darin atilogu tanzen konnten, und so geräumig, daß zwischen den Tänzern genug Platz bleiben würde, damit sie ihre halsbrecherischen Saltos machen und auf den Schultern des nächsten Tänzers landen konnten. Die Mauern des Grundstücks, auf denen sich elektrisch geladener Stacheldraht ringelte, waren so hoch, daß ich die Autos, die an unserem Haus vorbeifuhren, nicht sehen konnte. Es war zu Beginn der Regenzeit, und die Tempelbäume an den Mauern erfüllten den Hof bereits mit dem betäubend süßlichen Duft ihrer Blüten. Eine Reihe von purpurroten Bougainvilleen, kerzengerade beschnitten wie ein Küchentisch, trennte die knorrigen Bäume von der Auffahrt. Vor dem Haus standen üppige Hibiskussträucher, die ihre Zweige ausstreckten, als wollten sie ihre Blüten miteinander tauschen. Am Blauen Hibiskus zeigten sich zwar schon die ersten schläfrigen Knospen, doch die meisten Blüten trug der rote Hibiskus. Er schien so schnell zu blühen, dieser rote Hibiskus, zumal wenn man bedachte, wie oft Mama Zweige abschnitt, um den Kirchenaltar zu schmücken, oder wie oft Besucher sich auf dem Weg zu ihren parkenden Autos ein paar Blüten abzupften.

Es waren vor allem die Frauen aus Mamas Gebetsgruppe; einmal hatte ich von meinem Fenster aus beobachtet, wie sich eine von ihnen eine Blüte hinters Ohr steckte. Doch selbst die Agenten der Regierung, zwei Männer in schwarzen Jacken, die vor einiger Zeit bei uns gewesen waren, hatten sich am Hibiskus zu schaffen gemacht, als sie hinausgingen. Sie kamen in einem Pickup mit Regierungsnummernschild und parkten direkt bei den Hibiskussträuchern. Lange waren sie nicht geblieben. Später sagte Jaja, sie seien gekommen, um Papa zu bestechen, und daß er gehört hätte, wie sie sagten, ihr Pickup sei voll mit Dollarnoten. Ich war mir nicht so sicher, ob Jaja das richtig verstanden hatte. Aber selbst heute dachte ich noch manchmal daran. Ich stellte mir den Laster vor, auf der Ladefläche ganze Stapel von Geldbündeln in fremder Währung, und fragte mich, ob sie das Geld wohl in viele einzelne Kartons gepackt hatten oder in einen von den großen, in denen man auch unseren Kühlschrank geliefert hatte.

Ich stand immer noch am Fenster, als Mama zu mir ins Zimmer kam. Jeden Sonntag vor dem Mittagessen, während Papa sein Nickerchen hielt, flocht sie mir die Haare und wies zwischendurch Sisi an, sie solle etwas mehr Palmöl an die Suppe geben oder ein kleines bißchen weniger Curry an den Kokosreis. Dabei saß sie auf einem Lehnstuhl in der Nähe der Küchentür, und ich hockte vor ihr auf dem Boden, den Kopf zwischen ihren Beinen. Obwohl es in der Küche luftig war und die Fenster immer offenstanden, nahm mein Haar die würzigen Düfte des Essens an, und wenn ich mir später einen meiner Zöpfe an die Nase hielt, konnte ich egusi-Suppe riechen, utazi, Curry. Heute jedoch kam Mama nicht mit der Tasche voll Kämmen und Haaröl in mein Zimmer und bat mich, zum Flechten nach unten zu kommen. Sie sagte nur: "Das Mittagessen ist fertig, nne."

Eigentlich wollte ich sagen, wie leid es mir tat, daß Papa die Figuren zerbrochen hatte, aber die Worte, die tatsächlich aus meinem Mund kamen, lauteten: "Es tut mir leid, daß deine Figuren kaputtgegangen sind, Mama."

Sie nickte schnell und schüttelte den Kopf, als wollte sie mir sagen, daß die Figuren nicht wichtig seien. Dabei waren sie es durchaus. Vor Jahren, bevor ich alles begriff, fragte ich mich oft, wieso sie sie jedesmal polierte, wenn ich diese Geräusche aus ihrem Zimmer gehört hatte, ein Rumpeln, als würde etwas gegen die Tür geschlagen. Ihre Gummislipper machten nie ein Geräusch auf der Treppe, aber ich wußte, daß sie auf dem Weg nach unten war, wenn ich hörte, wie sich die Tür zum Eßzimmer öffnete. Wenn ich dann zu ihr ging, sah ich sie bei der Etagere stehen, in der Hand ein mit Seifenwasser getränktes Küchenhandtuch. Für jede kleine Ballerina brauchte sie mindestens eine Viertelstunde. Tränen sah man nie auf ihrem Gesicht. Das letzte Mal, vor nur zwei Wochen, als ihr geschwollenes Auge noch dunkelviolett war wie eine überreife Avocado, hatte sie die Figürchen nach dem Polieren umgruppiert.

"Ich flechte dir die Haare nach dem Mittagessen", sagte sie und wandte sich zum Gehen.

"Ja, Mama."

Ich folgte ihr die Treppe hinunter. Sie hinkte leicht, als ob eines ihrer Beine kürzer wäre als das andere, wodurch sie noch kleiner wirkte, als sie war. Die Treppe bildete ein schwungvolles S, und ich war schon halb unten, als ich Jaja in der Diele stehen sah. Gewöhnlich ging er vor dem Mittagessen in sein Zimmer hoch, um zu lesen, aber heute hatte er sich gar nicht nach oben begeben; er hatte die ganze Zeit bei Mama und Sisi in der Küche gesessen.

"Ke kwanu?" fragte ich, obwohl ich gar nicht zu fragen brauchte, wie es ihm ging. Ich brauchte ihn nur anzuschauen. Tiefe Falten hatten sich in sein Gesicht eingegraben, das Gesicht eines Siebzehnjährigen; sie zogen sich in Zickzacklinien über seine Stirn, und in jeder dieser Falten stand tiefe, dunkle Anspannung. Ich drückte ihm schnell die Hand, bevor wir ins Eßzimmer gingen. Papa und Mama saßen schon am Tisch, und Papa wusch seine Hände in der Schüssel mit Wasser, die Sisi ihm hinhielt. Er wartete, bis Jaja und ich uns ihm gegenüber hingesetzt hatten, und begann mit dem Tischgebet. Zwanzig Minuten lang bat er Gott, das Essen zu segnen. Danach begann er die Gesetze des Rosenkranzes zu beten, und nach jedem "Gegrüßet seist du Maria" antworteten wir: "Bitte für uns Sünder." Sein Lieblingsgesetz war: "Unsere Liebe Frau, Schutzherrin des nigerianischen Volkes." Er hatte es selbst erfunden. Wenn die Leute es jeden Tag beteten, sagte er, würde Nigeria nicht mehr so armselig dastehen wie ein großer, starker Mann auf den spindeldürren Beinen eines Kindes.Zum Mittagessen gab es fufu und onugbu. Das fufu war locker und geschmeidig. Sisi machte es sehr gut; energisch zerquetschte sie die Yamswurzeln zu Brei, wobei sie immer wieder ein paar Tropfen Wasser in den Mörser gab, und ihre Backen zogen sich im Takt mit dem Stampfen des Stößels zusammen. Die onugbu-Soße war sämig, mit dicken Brocken gekochtem Rindfleisch, Stockfisch und den dunkelgrünen onugbu-Blättern darin. Wir aßen schweigend.

Leseprobe zu "Blauer Hibiskus" von Chimamanda Ngozi Adichie

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Kundenbewertungen zu "Blauer Hibiskus" von "Chimamanda Ngozi Adichie"

Durchschnittliche Kundenbewertung 5 von 5 Sterne bei 1 Bewertungen ***** ausgezeichnet
(aus 1 Bewertung)

Bewertung von Enno Kleinhans aus Hochzoll am 02.05.2007 ***** ausgezeichnet
Meine literarische Entdeckung dieses Jahr!

Dem schmalzigen Titel zum Trotz ein klischeefreies, genau beobachtetes Porträt einer neurotischen Familie und vor allem das einer Vaterfigur, bei deren Schilderung der Leser zwischen Bewunderung, Mitleid und Grauen alles Denkbare empfindet. Erstaunlich distanziert geschrieben von einer kaum 20-jährigen Nigerianerin und für ein Erstlingswerk erstaunlich reif. Kein Wunder, dass sie als eine der großen Hoffnungen in der englischsprachigen Literatur gehandelt wird.

Inzwischen gibt es einen neuen Roman von Chimamanda Ngozi Adichie, "Die Hälfte der Sonne", der schon auf meiner Merkliste steht.

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