In die Nacht hinein - Cunningham, Michael

Michael Cunningham 

In die Nacht hinein

Roman

Übersetzung: Georg Schmidt
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In die Nacht hinein

Was bleibt in der Mitte des Lebens vom Leben übrig, wenn plötzlich alles Bisherige in Frage gestellt wird?

Was bleibt, wenn sich in der Mitte des Lebens plötzlich ganz neue Möglichkeiten auftun, die alles Bisherige in Frage stellen? In seinem neuen Roman begleitet Michael Cunningham ein verheiratetes Paar durch eine Zeit voller Verlockungen und Ängste. Und wie in seinem pulitzerpreisgekröntem Roman "Die Stunden" huldigt er dem Rätsel des Lebens, der Mannigfaltigkeit der Welt und der Kraft der Liebe.Peter und Rebecca Harris, Mittvierziger aus Soho, Manhattan, haben beide Karriere in der Kunstwelt gemacht: er als Galerist, sie als Herausgeberin einer Kunstzeitschrift. Sie sind wohlhabend, ihre Tochter geht auf ein College in Boston, sie haben einen großen, interessanten Freundeskreis - ja, sie gehören zu den "happy few" und haben allen Grund, glücklich zu sein. Da kommt Rebeccas wesentlich jüngerer Bruder Ethan zu Besuch, der ihr verwirrend ähnlich sieht. Ethan wird allgemein nur Missy genannt, ein Kosewort für "das Missgeschick ", weil seine Geburt alles andere als geplant war. Missy ist ein sehr gutaussehender und kluger junger Mann, aber er weiß nicht, was er aus seinem Leben machen soll und möchte mit Hilfe von Peter einmal die Welt der Kunst kennenlernen. Doch Missys Gegenwart verunsichert Peter zusehends; er hinterfragt plötzlich die Bedeutung seiner Künstler, den Wert seiner Arbeit und Karriere, seine Ehe - seine ganze sorgfältig aufgebaute Welt. Erst als er durch ein Fegefeuer der Versuchungen und Sinnkrisen gegangen ist, erkennt er, wie viel ihm sein bisheriges Leben, sein bisheriges Glück wirklich bedeuten.


Produktinformation

  • Abmessung: 221mm x 135mm x 32mm
  • Gewicht: 531g
  • ISBN-13: 9783630873534
  • ISBN-10: 3630873537
  • Best.Nr.: 31345698
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Eigentlich thematisiert "Die Stunden"-Autor Michael Cunningham in seinem neuen Roman ein komplett ausgelutschtes Thema: "In die Nacht hinein" ist das Porträt einer Ehe, die zur Routine geworden ist. Da ist die Midlifecrisis seiner Hauptfigur Peter auf den ersten Blick nicht mehr als eine Verdichtung von Luxusproblemen. Der Mittvierziger betreibt eine angesehene Galerie für moderne Kunst, seine Frau Rebecca gibt eine Zeitschrift heraus, gemeinsam leben sie in einem schicken Loft in Manhattan. Sicher, ihre Tochter hat das Studium abgebrochen, um in einer Bar in Boston zu jobben. Und trotz all der Erfolge kann sein Leben natürlich nicht so ganz mit den himmelstürmenden Visionen des 20-jährigen Peters mithalten. Doch ganz sanft ritzt Cunningham die Haut des Lesers und lässt nach und nach den Schmerz seines Helden einsickern, indem er diesen bei der minutiösen Beobachtung seines Alltags Bilder finden lässt, die die altbekannten Verluste durch das Älterwerden giftiger zeichnen. Der Gipfel seines Leids ist erreicht, als er sich in Missy, den 20 Jahre jüngeren Bruder seiner Frau, verliebt. "Hier, praktisch in Peters ausgestreckter Hand, ist die Jugend, samt Mutwillen, …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 27.12.2010

Tadzio
in New York
Michael Cunningham misst sich
an Thomas Mann – und verliert
Stehen zwei Menschen vor dem gigantischen, mit Formaldehydlösung gefüllten Stahltank, in dem Damien Hirst seinen Tigerhai eingelegt hat. Beide sind vom Fach, Betreiber von angesehenen und lukrativen Kunstgalerien in New York. „Es hat schon etwas, ihn hier zu sehen“, sagt sie. „Es hat etwas“, sagt er. Mehr fällt ihnen nicht ein. Ist das die Unfähigkeit zum Ausdruck oder eine geradezu bösartige Ironie, mit der ein Autor seine im Netz des Kulturbetriebs zappelnden Figuren zur Schau stellt? Zugunsten Michael Cunninghams sollte Letzteres angenommen werden.
Peter Harris heißt der Mann, der vor der Installation im Metropolitan Museum of Art steht. Eine jener Figuren, denen sich die angloamerikanische Literatur der vergangenen Jahre oft, vielleicht zu oft gewidmet hat: Mitte vierzig, mehr oder weniger erfolgreich und auf den ersten Blick glücklich verheiratet. Rebecca, Peters Frau, ist Herausgeberin eines Kunstmagazins. Ein Vorzeigepaar mit den üblichen Schrammen. Der Sex lässt nach, und zum Schlafen braucht Peter regelmäßig eine Tablette und ein großes Glas …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Es lebe die künstlerische Freiheit, ruft Margret Fetzer nach Lektüre des neuen Romans von Michael Cunningham. Der Autor bedient sich fröhlich bei Henry James, Fitzgerald, Joyce, Thomas Mann und bei sich selbst? Kein Problem, findet Fetzer. Solange der Autor seine Dreiecksgeschichte (m-w-m) derart geschickt mit Problemen Freud'scher Wiederkehr bei Durchschnittsmännern, mit ungewollten Kindern und mit allerhand Nuancen zwischen dem Durchschnitt und der allgemeinen Gültigkeit bestückt, ist die Rezensentin zufrieden. Umso mehr, als das Ganze glücklich ins Deutsche hinübergerettet wurde von Georg Schmidt.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 26.09.2011

Geben wir jemals irgendwem das Geschenk, das er tatsächlich haben will?

Michael Cunningham lässt in seinem Roman "In die Nacht hinein" Gustav Aschenbach in New York auferstehen. Diese moderne Version vom "Tod in Venedig" ist voller Witz und Ironie.

Was haben der amerikanische Schriftsteller Michael Cunningham und der soeben nach Amerika entschwundene Karl Theodor zu Guttenberg gemeinsam? Beide haben viel gelesen und manches abgeschrieben. Während in der Wissenschaft allerdings alles Abgeschriebene tunlichst als Entlehnung gekennzeichnet sein sollte, gehört es für einen Schriftsteller von gewissem Rang - und den kann man Cunningham kaum absprechen - zum guten Ton, sich bei illustren literarischen Vorbildern großzügig zu bedienen. Intertextualität heißt das Zauberwort, auch wenn diese per se noch kein Qualitätsmerkmal darstellt. Während Cunninghams Roman "Die Stunden" (1998), eine Hommage an Virginia Woolfs Leben, Sterben und Werk zu Recht mit dem Pulitzerpreis geehrt wurde und in der Verfilmung mit Nicole Kidman, Meryl Streep und Julianne Moore (2002) mehrere Oscars einheimste, sollte man über "Helle Tage" (2005), ein von Whitman-Zitaten …

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"Cunningham erzählt gewohnt brillant (...) Die Sprache (hervorragend ins Deutsch gebracht von Georg Schmidt) ist klar und genau; die Charaktere sind überzeugend lebendig, die Analysen menschlicher Verhaltensweisen und menschlicher Gefühle scharfsichtig. Ein sehr kluger, sehr schöner, sehr lesenswerter Roman."

"Diese moderne Version vom "Tod in Venedig" ist voller Witz und Ironie." Frankfurter Allgemeine Zeitung

Eigentlich thematisiert "Die Stunden"-Autor Michael Cunningham in seinem neuen Roman ein komplett ausgelutschtes Thema: "In die Nacht hinein" ist das Porträt einer Ehe, die zur Routine geworden ist. Da ist die Midlifecrisis seiner Hauptfigur Peter auf den ersten Blick nicht mehr als eine Verdichtung von Luxusproblemen. Der Mittvierziger betreibt eine angesehene Galerie für moderne Kunst, seine Frau Rebecca gibt eine Zeitschrift heraus, gemeinsam leben sie in einem schicken Loft in Manhattan. Sicher, ihre Tochter hat das Studium abgebrochen, um in einer Bar in Boston zu jobben. Und trotz all der Erfolge kann sein Leben natürlich nicht so ganz mit den himmelstürmenden Visionen des 20-jährigen Peters mithalten. Doch ganz sanft ritzt Cunningham die Haut des Lesers und lässt nach und nach den Schmerz seines Helden einsickern, indem er diesen bei der minutiösen Beobachtung seines Alltags Bilder finden lässt, die die altbekannten Verluste durch das Älterwerden giftiger zeichnen. Der Gipfel seines Leids ist erreicht, als er sich in Missy, den 20 Jahre jüngeren Bruder seiner Frau, verliebt. "Hier, praktisch in Peters ausgestreckter Hand, ist die Jugend, samt Mutwillen, Selbstzerstörung und Todesangst. Hier ist das schreckliche, reinigende Feuer. Peter hat zu lange um die Menschen getrauert, die verschwunden sind, um eine gefährliche Inspiration, die ihm sein Leben nicht bieten will. Deshalb, ja, er wird es tun, ja. Er und Missy werden nicht, können nicht noch einmal die Lippen aufeinanderpressen, aber er will sehen, wohin ihn das bringt, diese furchtbare Faszination, diese Chance (wenn ,Chance' das richtige Wort dafür ist), sein Leben auf den Kopf zu stellen." Lange Zeit hat kein Roman diesen traurigen Widerspruch so eindringlich abgebildet: unsere Sehnsucht, uns selbst im Leben zu finden - und die Unmöglichkeit, am Ziel unserer Wünsche glücklich zu sein. (cs)
Michael Cunningham wurde 1952 in Cincinnati, Ohio, geboren und wuchs in Pasadena, Kalifornien, auf. Er lebt in New York City. Für 'Die Stunden' erhielt Michael Cunningham u.a. den PEN/Faulkner Award und den Pulitzerpreis, der Roman wurde bisher in elf Sprachen übersetzt.

Leseprobe zu "In die Nacht hinein" von Michael Cunningham

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Leseprobe zu "In die Nacht hinein" von Michael Cunningham

Eine Party Das Missgeschick wird kommen und eine Weile bleiben.

"Bist du sauer wegen Missy?", sagt Rebecca.

"Natürlich nicht", antwortet Peter.

Eines der anachronistischen alten Pferde, die Touristenkutschen ziehen, ist irgendwo droben am Broadway von einem Auto erfasst worden, was den Verkehr bis runter zur Port Authority aufhielt, weshalb sich Peter und Rebecca verspäten.

"Vielleicht wird es Zeit, dass wir ihn Ethan nennen", sagt Rebecca. "Wetten, dass ihn außer uns niemand mehr Missy nennt."

Missy ist die Kurzform von Missgeschick.

Draußen trippeln Tauben über eine blau blinkende Sony-Reklame neben dem Taxi. Ein älterer bärtiger Mann in einem schmutzigen, bodenlangen Mantel, großartig auf seine Art (ein stattlicher und feister Buck Mulligan?), schiebt einen Einkaufswagen voll diverser Sachen in diversen Müllsäcken und kommt schneller voran als jedes Auto.

Im Taxi ist die Luft schwer von einem starken Raumduft, der leicht blumig ist, aber eigentlich auf nichts anderes als eine chemische Verbindung hindeutet, die als "süß" bezeichnet werden muss.

"Hat er dir gesagt, wie lange er bleiben will?", fragt Peter.

"Ich bin mir nicht sicher."

Ihre Augen werden sanft. Sich zu viele Sorgen um Missy (Ethan) zu machen ist eine Angewohnheit, die sie nicht loswird.

Peter hakt nicht nach. Wer will mitten in einem Streit zu einer Party gehen?

Er hat einen empfindlichen Magen, und ein Song geht ihm ständig durch den Kopf. I'm sailing away, set an open course for a virgin sea Woher kommt das denn? Er hat Styx seit dem College nicht mehr gehört.

"Wir sollten eine Grenze setzen", sagt er.

Sie seufzt, legt ihre Hand leicht auf sein Knie, blickt aus dem Fenster auf die Eighth Avenue, auf der sie jetzt überhaupt nicht mehr weiterkommen. Rebecca ist eine Frau mit kräftigen Zügen - die oft als schön bezeichnet wird, aber nie als hübsch. Sie mag diese kleinen Gesten wahrnehmen, mit denen sie Peter wegen seiner Knickrigkeit tröstet, oder auch nicht.

A gathering of angels appeared above my head.

Peter dreht sich um und blickt ebenfalls aus dem Fenster. Die Autos auf der Fahrspur neben ihnen kriechen voran. Etwas leicht verbeultes, blaues Toyotahaftes voller junger Männer schiebt sich auf gleiche Höhe; ausgelassene Jungs in den Zwanzigern, die so laut Musik spielen, dass Peter spürt, wie das Wummern in den Rahmen des Taxis dringt, als sie näher kommen. Sechs, nein, sieben sind in das Auto gezwängt, und alle schreien oder singen unhörbar; stramme Jungs, für den Samstagabend aufgebrezelt, die Haare zu Zacken gegelt, hier und da blitzen Piercings oder Ketten auf, wenn sie miteinander rangeln oder Kopfnüsse verteilen. Der Verkehr auf ihrer Spur wird schneller, und als sie vorbeiziehen, sieht Peter, meint er zu sehen, dass einer von ihnen, einer der vier, die auf dem Rücksitz herumtoben, ein alter Mann ist, der offenbar eine schwarze Stachelperücke trägt, mit den anderen schäkert und schreit, aber schmale Lippen und hohle Wangen hat. Er rubbelt den Kopf des Jungen, der neben ihm klemmt, schreit ihm ins Ohr (funkeln da Zahnverblendungen?), und dann sind sie weg, bewegen sich mit dem Verkehr. Kurz darauf ist die Soundwolke mit ihnen davongezogen. Jetzt bietet der braune Kasten eines Lieferwagens in blankem Gold den flügelfüßigen Gott von FTD dar. Blumen. Jemand bekommt Blumen.

Peter wendet sich wieder Rebecca zu. Ein alter Mann im Jungmännerfummel ist etwas, das man gemeinsam bemerken muss; es ist eigentlich keine Geschichte, die man ihr erzählen kann, oder? Außerdem, sind sie nicht gereizt und mitten in einem sich anbahnenden Streit? Wenn man lange verheiratet ist, lernt man, eine Vielzahl verschiedener Stimmungen und Witterungen zu erkennen.

Rebecca hat gespürt, dass Peter sich vom Fenster abgewandt hat. Sie schaut ihn verdutzt an, als hätte sie gar nicht erwartet, ihn zu sehen.

Wenn er vor ihr stirbt, wird sie dann seine körperlose Präsenz in einem Raum spüren können?

"Keine Sorge", sagt er. "Wir werden ihn nicht auf die Straße setzen."

Sie presst die Lippen zusammen. "Nein, wirklich, ein paar Grenzen sollten wir ihm setzen", sagt sie. "Es ist nicht gut, wenn man ihm immer alles gibt, was er zu wollen meint."

Was ist das? Auf einmal tadelt sie ihn wegen ihres verlorenen kleinen Bruders?

"Was hältst du für einen vernünftigen Zeitraum?", fragt er und wundert sich, dass sie seinen ungehaltenen Tonfall anscheinend nicht bemerkt. Wie kann es sein, dass sie sich nach all der Zeit so schlecht kennen?

Sie schweigt, denkt nach, und dann, so als hätte sie einen dringenden Auftrag vergessen, beugt sie sich vor und fragt den Fahrer: "Woher wissen Sie, dass es ein Unfall mit einem Pferd ist?"

Trotz seiner Gereiztheit kann Peter die Fähigkeit der Frauen bewundern, Männern direkte Fragen zu stellen, ohne dass es so wirkt, als wollten sie einen Streit anzetteln.

"Anruf von der Zentrale", sagt der Fahrer und deutet auf seinen Ohrhörer. Sein kahler Kopf sitzt erhaben auf dem braunen Sockel seines Halses. Er hat natürlich seine eigene Geschichte, und die hat mit einem gut gekleideten Paar mittleren Alters im Fond seines Taxis überhaupt nichts zu tun. Sein Name ist dem Schild an der Rückseite des Vordersitzes zufolge Rana Saleem. Ein Inder? Iraner? Er hätte dort, wo er herkommt, ein Arzt gewesen sein können. Oder ein Arbeiter. Oder ein Dieb. Man kann nie wissen.

Rebecca nickt, lehnt sich wieder zurück. "Ich denke eher an andere Grenzen", sagt sie.

"Was für welche?"

"Er kann sich nicht ewig auf andere verlassen. Und, du weißt schon. Wir machen uns immer noch Sorgen wegen der anderen Sache."

"Meinst du, seine große Schwester kann ihm dabei helfen?"

Sie schließt die Augen, ist jetzt eingeschnappt, jetzt, als er mitfühlend sein wollte.

"Ich meine damit", sagt Peter, "nun ja. Du kannst ihm vermutlich nicht dabei helfen, sein Leben zu ändern, wenn er es nicht von sich aus will. Ich meine, ein Drogenabhängiger ist irgendwie unberechenbar."

Sie lässt die Augen geschlossen. "Er war ein ganzes Jahr clean. Wann hören wir endlich auf, ihn als Drogenabhängigen zu bezeichnen?"

"Ich bin mir nicht sicher, ob wir das jemals tun."

Wird er allmählich scheinheilig? Faselt er einfach Zwölf-Stufen-Platitüden daher, die er weiß Gott wo aufgeschnappt hat?

Das Problem mit der Wahrheit ist, dass sie so oft lau und klischeebehaftet ist.

Sie sagt: "Vielleicht ist er bereit für eine gewisse Stabilität im Leben."

Ja, vielleicht. Missy hat ihnen per E-Mail mitgeteilt, dass er beschlossen hat, "irgendetwas mit Kunst" machen zu wollen. Das wäre dann Irgendetwas mit Kunst, eine Beschäftigung ohne triftigen Grund, ohne Vorsätze. Spielt keine Rolle. Die Menschen (manche Menschen) sind froh, wenn Missy überhaupt irgendwelche sinnvollen Neigungen äußert.

Peter sagt: "Dann werden wir tun, was wir können, um ihm eine gewisse Stabilität zu geben."

Rebecca drückt liebevoll sein Knie. Er ist brav gewesen.

Hinter ihnen hupt jemand. Was genau glaubt er damit bewirken zu können?

"Vielleicht sollten wir hier aussteigen und die U-Bahn nehmen", sagt sie.

"Wir haben so eine perfekte Entschuldigung dafür, dass wir zu spät kommen."

"Meinst du, das heißt, dass wir lange bleiben müssen?"

"Auf keinen Fall. Ich verspreche dir, dass ich dich loseise, bevor Mike so betrunken ist, dass er anfängt, dich anzubaggern."

"Das wäre zauberhaft."

Schließlich kommen sie zur Ecke Eighth Avenue und Central Park South, wo die Überreste des Unfalls noch nicht ganz beseitigt sind. Dort, hinter Warnleuchten und tragbaren Absperrpfosten, hinter den beiden Polizisten, die den Verkehr zum Columbus Circle umleiten, ist das beschädigte Auto, ein weißer Mercedes, der schräg auf der Fifty-ninth Street steht und im Schein der Warnlichter rosa schimmert. Dort muss der Leichnam des Pferdes sein, mit einer schwarzen Plane bedeckt. Unter der Plane, teerartig und schwer, zeichnet sich das Hinterteil des Pferdes ab. Der übrige Körper könnte irgendetwas sein.

"Mein Gott", flüstert Rebecca.

Peter weiß: Jeder Unfall, jede Erinnerung daran, dass einem auf dieser Welt etwas zustoßen kann, versetzt sie, versetzt sie beide kurz in Panik - wegen Bea. Ist sie irgendwie nach New York gekommen, ohne ihnen Bescheid zu sagen? Könnte sie womöglich mit einer Pferdekutsche gefahren sein, obwohl sie so etwas nie tun würde?

Die Elternschaft, so scheint es, macht einen ein Leben lang nervös. Selbst wenn die Tochter zwanzig ist und voller fröhlicher, undurchdringlicher Wut und es ihr in Boston, 240 Meilen entfernt, nicht ganz so gut geht. Vor allem dann.

Er sagt: "Man denkt nie daran, dass diese Pferde von Autos erfasst werden können. Man denkt kaum daran, dass sie Tiere sind."

"Es gibt sogar eine ^ Bewegung. Gegen die Art und Weise, wie diese Pferde behandelt werden."

Natürlich. Rana Saleem hier fährt ein Nachttaxi. Auf den Straßen sind mittellose Männer und Frauen unterwegs, deren Füße mit Lumpen umwickelt sind. Die Kutschenpferde müssen ein trostloses Leben haben, ihre Hufe sind vom Asphalt vermutlich rissig und gespalten. Wie monströs ist es, trotzdem seinen Geschäften nachzugehen?

"Dann wird das hier gut für die Pferdeschützer sein", sagt er.

Warum klingt er so herzlos? Er möchte streng sein, nicht hart; er ist selbst darüber erschrocken, wie er klingen kann. Manchmal kommt es ihm so vor, als hätte er den Dialekt seiner eigenen Sprache nicht ganz gemeistert - als beherrschte er mit seinen vierundvierzig Jahren das Peterische noch nicht fließend.

Nein, noch ist er erst dreiundvierzig. Warum will er ständig ein Jahr dazuzählen?

Nein, Moment, er ist letzten Monat vierundvierzig geworden.

"Dann ist das arme Ding vielleicht nicht umsonst gestorben", sagt Rebecca. Tröstend streicht sie mit einer Fingerspitze über Peters Kinnlade.

In welcher Ehe kommt es nicht zu unzähligen Verkrustungen, einer Gebärdensprache, einem Gefühl des Wiedererkennens, scharf wie Zahnschmerzen? Unglücklich, klar. Welches Paar ist nicht unglücklich, zumindest zeitweise? Aber wie kann es sein, dass die Scheidungsrate, wie es heißt, in die Höhe schießt? Wie elend muss man sich fühlen, damit man die tatsächliche Trennung ertragen, weggehen und ein so völlig unerkanntes Leben führen kann?

"Eine Schweinerei", sagt der Fahrer.

"Ja."

Und dennoch ist Peter natürlich fasziniert von dem Auto und dem Kadaver des Pferdes. Ist das hier nicht eines der bitteren Vergnügen von New York City? Es ist eine Schweinerei, so wie Courbets Paris eine war. Es ist schmutzig und übelriechend, es ist schädlich. Es stinkt nach Sterblichkeit.

Wenn überhaupt, dann bedauert er, dass das Pferd zugedeckt worden ist. Er möchte es sehen: die gebleckten gelben Zähne, die heraushängende Zunge, das schwarze Blut auf dem Straßenbelag. Aus den üblichen morbiden Gründen, aber auch . der Gewissheit wegen. Wegen des Gefühls, dass ihm und Rebecca durch den Tod eines Tieres nicht nur Unannehmlichkeiten bereitet wurden, sondern dass sie auf eine geringfügige Art und Weise auch daran teilhatten, dass das Ableben des Pferdes sie einbezieht, ihre Bereitschaft, es wahrzunehmen. Wollen wir nicht immer die Leiche sehen? Als Dan und er Matthews Leichnam wuschen (mein Gott, das war vor fast fünfundzwanzig Jahren), hatte er da nicht ein gewisses Hochgefühl, das er hinterher weder gegenüber Dan noch sonst jemandem erwähnte?

Das Taxi kriecht in den Columbus Circle und beschleunigt dann. Die Statue von Christoph Columbus (der, wie sich herausstellt, eine Art Massenmörder war, stimmt's?) oben auf der Granitsäule ist durch die Warnleuchten, die das tote Pferd bewachen, in einen rosigen Hauch getaucht.

I thought that they were angels, but to my surprise, we irgendwas irgendwas irgendwas, and headed for the skies Der Sinn einer Party ist, auf der Party gewesen zu sein. Die Belohnung ist, hinterher essen zu gehen, sie beide, und danach wieder nach Hause.

Die Einzelheiten variieren. Heute Abend ist da Elena Petrova, ihre Gastgeberin (ihr Mann ist immer irgendwo unterwegs, vermutlich sollte man lieber nicht fragen, was er macht), klug, laut und herausfordernd vulgär (ein ständiger Disput zwischen Peter und Rebecca - weiß sie um den Schmuck, den Lippenstift und die Brille, will sie damit etwas sagen, wie kann man so reich und intelligent sein und es nicht wissen?); da sind der kleine, sehr gute Artschwager, der große, ziemlich gute Marden und das Waschbecken von Gober, in das ein Gast - der nie identifiziert wurde - einmal einen Aschenbecher geleert hat; da ist Jack Johnson, der majestätisch steif auf einem Zweisitzer neben Linda Neilson thront, die angeregt zu der arktischen Topographie von Jacks Gesicht spricht; da ist der erste Drink (Wodka auf Eis; Elena serviert eine berühmte unbekannte Marke, die sie sich aus Moskau liefern lässt - wirklich, kann Peter oder irgendwer den Unterschied erkennen?), gefolgt von einem zweiten Drink, aber keinem dritten; da ist das beharrlich glitzernde Schwirren der Party, gewaltigen Reichtums, immer ein bisschen berauschend, egal, wie vertraut es wird; da ist der rasche Blick zu Rebecca (ihr geht es gut, sie redet mit Mona und Amy, Gott sei gedankt für eine Frau, die bei solchen Anlässen allein zurechtkommt); da ist das unvermeidliche Gespräch mit Bette Rice (er bedauert, dass er die Vernissage verpasst hat, er hat gehört, dass die Inksies phantastisch sind, er wird diese Woche vorbeikommen), mit Doug Petrie (Lunch, am Montag in einer Woche, unbedingt) und mit der anderen Linda Neilson - Ja, klar, ich rede mit deinen Studenten, ruf mich in der Galerie an, dann vereinbaren wir einen Termin; da ist das Pinkeln unter einer Ellsworth-Kelly-Zeichnung, die neuerdings im Badezimmer hängt (Elena kann es nicht wissen, oder - wenn sie so was über die Toilette hängt, muss sie es auch mit ihrer Brille ernst meinen); da ist der Entschluss, doch einen dritten Wodka zu trinken; da ist der Flirt mit Elena - Hey, ich liebe den Wodka; mein Engel, du weißt doch, dass du ihn hier jederzeit kriegen kannst (er weiß, er ist dafür bekannt und wird vermutlich deswegen verachtet, weil er es überstrapaziert, das ganze Hey-ich-würde-dich-ja-be- suchen-wenn-ich Zeit-hätte); da ist der magere, hysterische Mike Forth, der mit Emmett bei dem Terence Koh steht und allmählich so betrunken wird, dass er sich bald an Rebecca ranmachen wird (Peter hat Verständnis für Mike, kann nicht anders, er hat es selbst erlebt - dreißig Jahre später ist er noch immer verblüfft, dass Joanna Hurst ihn nicht geliebt hat, nicht einmal ein bisschen); da ist der kurze Blick auf den unwahrscheinlich gut aussehenden Kellner, der in der Küche heimlich in sein Handy spricht (Freund, Freundin, käuflicher Sex - wenigstens haben die Kids, die bei solchen Anlässen bedienen, noch etwas Geheimnisvolles an sich); dann zurück ins Wohnzimmer, wo - ups - Mike es schließlich doch geschafft hat, Rebecca zu stellen; er redet wie wild auf sie ein, und sie nickt und hält Ausschau nach der Rettung, die Peter ihr versprochen hat; da ist Peters rascher Rundblick, um sich zu vergewissern, dass niemand übergangen wurde; da ist das Abschiedsgespräch mit Elena, die es bedauert, dass sie die Vincents nicht gesehen hat (Ruf mich an, es gibt noch ein paar andere Sachen, die ich dir gern zeigen würde); da ist der seltsam innige Abschied von Bette Rice (irgendwas stimmt nicht), die Rückeroberung von Rebecca (Sorry, ich muss sie jetzt entführen, ich hoffe, wir sehen uns bald), das panische Abschiedsgrinsen von Mike, und tschüs, tschüs, danke, bis nächste Woche, ja, unbedingt, ruf mich an, okay, tschüs.

Ein anderes Taxi, wieder nach Downtown. Peter meint manchmal, dass er sich am Ende, wann immer es kommt, an Taxifahrten viel lebhafter erinnern wird als an alles andere aus seinem irdischen Dasein. Egal, wie unangenehm die Gerüche sind (kein Raumduft diesmal, nur ein leichter Unterton von Gallenflüssigkeit und Motoröl) oder wie aggressiv und unfähig der Fahrer ist (diesmal einer dieser Typen, die ständig Gas geben und bremsen), stets ist da das Gefühl des abgekapselten Dahinschwebens, das Gefühl, sich unbehelligt durch die Straßen dieser unglaublichen Stadt zu bewegen.

Sie durchqueren den Central Park auf der Seventy-ninth Street, eine der schönsten aller nächtlichen Taxistrecken, wenn der Park in seinen grün-schwarzen Traum von sich selbst versunken ist und kleine, grün-goldene Lichter Kreise aus Gras und Asphalt auf den Boden malen. Natürlich sind hier verzweifelte Menschen unterwegs, manche davon Flüchtlinge, manche Kriminelle; wir kommen so gut wir können mit diesen unmöglichen Widersprüchen zurecht, diesem endlosen Streit zwischen Herrlichkeit und Mord.

Rebecca sagt: "Du hast mich nicht vor Hurrikan Mike gerettet."

"Hey, ich habe dich losgerissen, sobald ich dich mit ihm gesehen habe."

Sie sitzt nach innen gewandt und hat die Arme um die Schultern geschlungen, obwohl es nicht einmal andeutungsweise kalt ist.

Sie sagt: "Das weiß ich doch."

Aber dennoch hat er sie enttäuscht, nicht wahr?

Er sagt: "Mit Bette scheint irgendetwas los zu sein."

"Rice?"

Wie viele andere Bettes waren auf der Party? Wie viel Lebenszeit muss er für das Beantworten dieser überflüssigen Fragen opfern, wie viel näher rückt die Wahrscheinlichkeit, dass er eines Tages einen Schlaganfall bekommt, wenn er sich immer wieder aufregen muss, weil Rebecca nicht aufgepasst hat, nicht bei der gottverdammten Sache gewesen ist?

"M-hm."

"Was ist es deiner Meinung nach?"

"Ich habe keine Ahnung. Irgendwas war da, als sie sich verabschiedet hat. Ich habe irgendwas gespürt. Ich rufe sie morgen an."

"Bette ist in einem bestimmten Alter."

"Meinst du die Menopause?"

"Unter anderem."

Sie faszinieren ihn, diese kleinen Bekundungen weiblicher Gewissheit. Sie stammen geradewegs von Henry James und George Eliot, nicht wahr? Genau genommen sind wir aus dem gleichen Stoff gemacht wie ihre Heldinnen, wie Isabel Archer, wie Dorothea Brooke.

Das Taxi erreicht die Fifth Avenue, biegt rechts ab. Von der Fifth Avenue aus wirkt der Park wieder wie eine schlummernde nächtliche Gefahr, wie ein wartendes, sich zusammenbrauendes Etwas zwischen den schwarzen Bäumen. Haben die Milliardäre, die in diesen Häusern wohnen, jemals dieses Gefühl? Wenn ihre Fahrer sie nachts nach Hause bringen, werfen sie dann jemals einen Blick über die Straße und glauben, vorerst, gerade noch, vor dem Wilden, das sie mit großer, gieriger Geduld von den Bäumen aus beobachtet, sicher zu sein?

"Wann kommt Missy?", fragt er.

"Er hat gesagt, nächste Woche. Du weißt ja, wie er ist."

"Mm."

Peter weiß in der Tat, wie er ist. Er ist einer dieser pfiffigen, unsteten jungen Menschen, der nach gewissen Überlegungen beschließt, dass er Irgendetwas mit Kunst machen will, aber nicht an einen wirklichen Job denkt, es möglicherweise gar nicht kann; der sich anscheinend vorstellt, dass Jugend, Köpfchen und Bereitwilligkeit einen Beruf heraufbeschwören, dessen genaue Beschaffenheit sich mit der Zeit erweisen wird.

Diese von Frauen dominierte Familie hat den armen Jungen kaputtgemacht, nicht wahr? Wer kann es überleben, so verzweifelt geliebt zu werden?

Rebecca wendet sich zu ihm, hat die Arme noch verschränkt. "Kommt es dir nicht manchmal lächerlich vor?"

"Was?"

"Diese Partys und Dinners, all diese schrecklichen Leute."

"Sie sind nicht schrecklich."

"Ich weiß. Ich habe es nur satt, all die Fragen zu stellen. Die Hälfte dieser Leute weiß nicht einmal, was ich mache." "Das stimmt nicht."

Na ja, vielleicht stimmt es ein bisschen. Blue Light, Rebeccas Kunst- und Kulturmagazin, ist bei solchen Leuten nicht der große Knaller, ich meine, es ist nicht das Artforum oder Art in America. Es geht um Kunst, klar, aber auch um Lyrik und Belletristik, und gelegentlich enthält es auch - Schrecken aller Schrecken - eine Modestrecke.

Sie sagt: "Wenn es dir lieber ist, dass Missy nicht bei uns wohnt, suche ich eine andere Unterkunft für ihn."

Ach, es geht immer noch um Missy, nicht wahr? Den kleinen Bruder, die Liebe ihres Lebens.

"Nein, es ist völlig okay. Ich habe ihn wie lange nicht mehr gesehen? Fünf Jahre? Sechs?"

"Ganz recht. Du bist damals nach Kalifornien nicht mitgekommen."

Plötzlich ein schmerzliches und unverhofftes Schweigen. War sie wütend auf ihn, weil er nicht nach Kalifornien gekommen war? War er wütend auf sie, weil sie wütend war? Er kann sich nicht erinnern. Aber irgendetwas war schlecht in Bezug auf Kalifornien. Was?

Sie beugt sich vor und küsst ihn liebevoll auf die Lippen.

"Hey", flüstert sie.

Sie vergräbt ihr Gesicht an seinem Hals. Er schlingt einen Arm um sie.

"Die Welt ist manchmal ermüdend, nicht wahr?", sagt sie.

Frieden geschlossen. Und dennoch. Rebecca kann sich an jedes noch so geringfügige Verbrechen von Peter erinnern und es ihm monatelang vorhalten, wenn ein Streit hitzig wird. Hat er heute Abend einen Verstoß begangen, irgendetwas, das er im Juni oder Juli zu hören bekommen wird?

"M-hm", sagt er. "Weißt du, ich glaube, wir können eindeutig sagen, dass es Elena ernst meint mit den Haaren und der Brille et cetera."

"Ich hab's dir doch gesagt."

"Hast du nicht."

"Du erinnerst dich bloß nicht."

Das Taxi hält an der Ampel an der Sixty-fifth Street.

Hier sind sie: ein Paar mittleren Alters im Fond eines Taxis (diesmal heißt der Fahrer Abel Hibbert, ist jung und nervös, schweigsam, geladen). Hier sind Peter und seine Frau, seit einundzwanzig (fast zweiundzwanzig) Jahren verheiratet, mittlerweile freundschaftlich verbunden, zu Frotzeleien aufgelegt, haben nicht mehr oft Sex, kommen aber auch nicht ohne Sex aus, wie andere lange verheiratete Paare, die er beim Namen nennen könnte, und ja, in einem gewissen Alter kann man sich größere Errungenschaften vorstellen, eine tiefere und unerschütterlichere Zufriedenheit, aber was du für dich geschaffen hast, ist nicht schlecht, überhaupt nicht schlecht. Peter Harris, ein feindseliges Kind, ein furchtbarer Jugendlicher, Gewinner diverser zweiter Preise, ist an diesem gewöhnlichen Augenblick angelangt, hat Beziehungen, ist beschäftigt, wird geliebt, spürt den warmen Atem seiner Frau am Hals, fährt nach Hause.

Come sail away, come sail away, come sail away with me, dup-dup-di-dup ^ Wieder dieser Song.

Die Ampel springt um. Der Fahrer gibt Gas.

Leseprobe zu "In die Nacht hinein" von Michael Cunningham

Eine Party Das Missgeschick wird kommen und eine Weile bleiben.

"Bist du sauer wegen Missy?", sagt Rebecca.

"Natürlich nicht", antwortet Peter.

Eines der anachronistischen alten Pferde, die Touristenkutschen ziehen, ist irgendwo droben am Broadway von einem Auto erfasst worden, was den Verkehr bis runter zur Port Authority aufhielt, weshalb sich Peter und Rebecca verspäten.

"Vielleicht wird es Zeit, dass wir ihn Ethan nennen", sagt Rebecca. "Wetten, dass ihn außer uns niemand mehr Missy nennt."

Missy ist die Kurzform von Missgeschick.

Draußen trippeln Tauben über eine blau blinkende Sony-Reklame neben dem Taxi. Ein älterer bärtiger Mann in einem schmutzigen, bodenlangen Mantel, großartig auf seine Art (ein stattlicher und feister Buck Mulligan?), schiebt einen Einkaufswagen voll diverser Sachen in diversen Müllsäcken und kommt schneller voran als jedes Auto.

Im Taxi ist die Luft schwer von einem starken Raumduft, der leicht blumig ist, aber eigentlich auf nichts anderes als eine chemische Verbindung hindeutet, die als "süß" bezeichnet werden muss.

"Hat er dir gesagt, wie lange er bleiben will?", fragt Peter.

"Ich bin mir nicht sicher."

Ihre Augen werden sanft. Sich zu viele Sorgen um Missy (Ethan) zu machen ist eine Angewohnheit, die sie nicht loswird.

Peter hakt nicht nach. Wer will mitten in einem Streit zu einer Party gehen?

Er hat einen empfindlichen Magen, und ein Song geht ihm ständig durch den Kopf. I'm sailing away, set an open course for a virgin sea Woher kommt das denn? Er hat Styx seit dem College nicht mehr gehört.

"Wir sollten eine Grenze setzen", sagt er.

Sie seufzt, legt ihre Hand leicht auf sein Knie, blickt aus dem Fenster auf die Eighth Avenue, auf der sie jetzt überhaupt nicht mehr weiterkommen. Rebecca ist eine Frau mit kräftigen Zügen - die oft als schön bezeichnet wird, aber nie als hübsch. Sie mag diese kleinen Gesten wahrnehmen, mit denen sie Peter wegen seiner Knickrigkeit tröstet, oder auch nicht.

A gathering of angels appeared above my head.

Peter dreht sich um und blickt ebenfalls aus dem Fenster. Die Autos auf der Fahrspur neben ihnen kriechen voran. Etwas leicht verbeultes, blaues Toyotahaftes voller junger Männer schiebt sich auf gleiche Höhe; ausgelassene Jungs in den Zwanzigern, die so laut Musik spielen, dass Peter spürt, wie das Wummern in den Rahmen des Taxis dringt, als sie näher kommen. Sechs, nein, sieben sind in das Auto gezwängt, und alle schreien oder singen unhörbar; stramme Jungs, für den Samstagabend aufgebrezelt, die Haare zu Zacken gegelt, hier und da blitzen Piercings oder Ketten auf, wenn sie miteinander rangeln oder Kopfnüsse verteilen. Der Verkehr auf ihrer Spur wird schneller, und als sie vorbeiziehen, sieht Peter, meint er zu sehen, dass einer von ihnen, einer der vier, die auf dem Rücksitz herumtoben, ein alter Mann ist, der offenbar eine schwarze Stachelperücke trägt, mit den anderen schäkert und schreit, aber schmale Lippen und hohle Wangen hat. Er rubbelt den Kopf des Jungen, der neben ihm klemmt, schreit ihm ins Ohr (funkeln da Zahnverblendungen?), und dann sind sie weg, bewegen sich mit dem Verkehr. Kurz darauf ist die Soundwolke mit ihnen davongezogen. Jetzt bietet der braune Kasten eines Lieferwagens in blankem Gold den flügelfüßigen Gott von FTD dar. Blumen. Jemand bekommt Blumen.

Peter wendet sich wieder Rebecca zu. Ein alter Mann im Jungmännerfummel ist etwas, das man gemeinsam bemerken muss; es ist eigentlich keine Geschichte, die man ihr erzählen kann, oder? Außerdem, sind sie nicht gereizt und mitten in einem sich anbahnenden Streit? Wenn man lange verheiratet ist, lernt man, eine Vielzahl verschiedener Stimmungen und Witterungen zu erkennen.

Rebecca hat gespürt, dass Peter sich vom Fenster abgewandt hat. Sie schaut ihn verdutzt an, als hätte sie gar nicht erwartet, ihn zu sehen.

Wenn er vor ihr stirbt, wird sie dann seine körperlose Präsenz in einem Raum spüren können?

"Keine Sorge", sagt er. "Wir werden ihn nicht auf die Straße setzen."

Sie presst die Lippen zusammen. "Nein, wirklich, ein paar Grenzen sollten wir ihm setzen", sagt sie. "Es ist nicht gut, wenn man ihm immer alles gibt, was er zu wollen meint."

Was ist das? Auf einmal tadelt sie ihn wegen ihres verlorenen kleinen Bruders?

"Was hältst du für einen vernünftigen Zeitraum?", fragt er und wundert sich, dass sie seinen ungehaltenen Tonfall anscheinend nicht bemerkt. Wie kann es sein, dass sie sich nach all der Zeit so schlecht kennen?

Sie schweigt, denkt nach, und dann, so als hätte sie einen dringenden Auftrag vergessen, beugt sie sich vor und fragt den Fahrer: "Woher wissen Sie, dass es ein Unfall mit einem Pferd ist?"

Trotz seiner Gereiztheit kann Peter die Fähigkeit der Frauen bewundern, Männern direkte Fragen zu stellen, ohne dass es so wirkt, als wollten sie einen Streit anzetteln.

"Anruf von der Zentrale", sagt der Fahrer und deutet auf seinen Ohrhörer. Sein kahler Kopf sitzt erhaben auf dem braunen Sockel seines Halses. Er hat natürlich seine eigene Geschichte, und die hat mit einem gut gekleideten Paar mittleren Alters im Fond seines Taxis überhaupt nichts zu tun. Sein Name ist dem Schild an der Rückseite des Vordersitzes zufolge Rana Saleem. Ein Inder? Iraner? Er hätte dort, wo er herkommt, ein Arzt gewesen sein können. Oder ein Arbeiter. Oder ein Dieb. Man kann nie wissen.

Rebecca nickt, lehnt sich wieder zurück. "Ich denke eher an andere Grenzen", sagt sie.

"Was für welche?"

"Er kann sich nicht ewig auf andere verlassen. Und, du weißt schon. Wir machen uns immer noch Sorgen wegen der anderen Sache."

"Meinst du, seine große Schwester kann ihm dabei helfen?"

Sie schließt die Augen, ist jetzt eingeschnappt, jetzt, als er mitfühlend sein wollte.

"Ich meine damit", sagt Peter, "nun ja. Du kannst ihm vermutlich nicht dabei helfen, sein Leben zu ändern, wenn er es nicht von sich aus will. Ich meine, ein Drogenabhängiger ist irgendwie unberechenbar."

Sie lässt die Augen geschlossen. "Er war ein ganzes Jahr clean. Wann hören wir endlich auf, ihn als Drogenabhängigen zu bezeichnen?"

"Ich bin mir nicht sicher, ob wir das jemals tun."

Wird er allmählich scheinheilig? Faselt er einfach Zwölf-Stufen-Platitüden daher, die er weiß Gott wo aufgeschnappt hat?

Das Problem mit der Wahrheit ist, dass sie so oft lau und klischeebehaftet ist.

Sie sagt: "Vielleicht ist er bereit für eine gewisse Stabilität im Leben."

Ja, vielleicht. Missy hat ihnen per E-Mail mitgeteilt, dass er beschlossen hat, "irgendetwas mit Kunst" machen zu wollen. Das wäre dann Irgendetwas mit Kunst, eine Beschäftigung ohne triftigen Grund, ohne Vorsätze. Spielt keine Rolle. Die Menschen (manche Menschen) sind froh, wenn Missy überhaupt irgendwelche sinnvollen Neigungen äußert.

Peter sagt: "Dann werden wir tun, was wir können, um ihm eine gewisse Stabilität zu geben."

Rebecca drückt liebevoll sein Knie. Er ist brav gewesen.

Hinter ihnen hupt jemand. Was genau glaubt er damit bewirken zu können?

"Vielleicht sollten wir hier aussteigen und die U-Bahn nehmen", sagt sie.

"Wir haben so eine perfekte Entschuldigung dafür, dass wir zu spät kommen."

"Meinst du, das heißt, dass wir lange bleiben müssen?"

"Auf keinen Fall. Ich verspreche dir, dass ich dich loseise, bevor Mike so betrunken ist, dass er anfängt, dich anzubaggern."

"Das wäre zauberhaft."

Schließlich kommen sie zur Ecke Eighth Avenue und Central Park South, wo die Überreste des Unfalls noch nicht ganz beseitigt sind. Dort, hinter Warnleuchten und tragbaren Absperrpfosten, hinter den beiden Polizisten, die den Verkehr zum Columbus Circle umleiten, ist das beschädigte Auto, ein weißer Mercedes, der schräg auf der Fifty-ninth Street steht und im Schein der Warnlichter rosa schimmert. Dort muss der Leichnam des Pferdes sein, mit einer schwarzen Plane bedeckt. Unter der Plane, teerartig und schwer, zeichnet sich das Hinterteil des Pferdes ab. Der übrige Körper könnte irgendetwas sein.

"Mein Gott", flüstert Rebecca.

Peter weiß: Jeder Unfall, jede Erinnerung daran, dass einem auf dieser Welt etwas zustoßen kann, versetzt sie, versetzt sie beide kurz in Panik - wegen Bea. Ist sie irgendwie nach New York gekommen, ohne ihnen Bescheid zu sagen? Könnte sie womöglich mit einer Pferdekutsche gefahren sein, obwohl sie so etwas nie tun würde?

Die Elternschaft, so scheint es, macht einen ein Leben lang nervös. Selbst wenn die Tochter zwanzig ist und voller fröhlicher, undurchdringlicher Wut und es ihr in Boston, 240 Meilen entfernt, nicht ganz so gut geht. Vor allem dann.

Er sagt: "Man denkt nie daran, dass diese Pferde von Autos erfasst werden können. Man denkt kaum daran, dass sie Tiere sind."

"Es gibt sogar eine ^ Bewegung. Gegen die Art und Weise, wie diese Pferde behandelt werden."

Natürlich. Rana Saleem hier fährt ein Nachttaxi. Auf den Straßen sind mittellose Männer und Frauen unterwegs, deren Füße mit Lumpen umwickelt sind. Die Kutschenpferde müssen ein trostloses Leben haben, ihre Hufe sind vom Asphalt vermutlich rissig und gespalten. Wie monströs ist es, trotzdem seinen Geschäften nachzugehen?

"Dann wird das hier gut für die Pferdeschützer sein", sagt er.

Warum klingt er so herzlos? Er möchte streng sein, nicht hart; er ist selbst darüber erschrocken, wie er klingen kann. Manchmal kommt es ihm so vor, als hätte er den Dialekt seiner eigenen Sprache nicht ganz gemeistert - als beherrschte er mit seinen vierundvierzig Jahren das Peterische noch nicht fließend.

Nein, noch ist er erst dreiundvierzig. Warum will er ständig ein Jahr dazuzählen?

Nein, Moment, er ist letzten Monat vierundvierzig geworden.

"Dann ist das arme Ding vielleicht nicht umsonst gestorben", sagt Rebecca. Tröstend streicht sie mit einer Fingerspitze über Peters Kinnlade.

In welcher Ehe kommt es nicht zu unzähligen Verkrustungen, einer Gebärdensprache, einem Gefühl des Wiedererkennens, scharf wie Zahnschmerzen? Unglücklich, klar. Welches Paar ist nicht unglücklich, zumindest zeitweise? Aber wie kann es sein, dass die Scheidungsrate, wie es heißt, in die Höhe schießt? Wie elend muss man sich fühlen, damit man die tatsächliche Trennung ertragen, weggehen und ein so völlig unerkanntes Leben führen kann?

"Eine Schweinerei", sagt der Fahrer.

"Ja."

Und dennoch ist Peter natürlich fasziniert von dem Auto und dem Kadaver des Pferdes. Ist das hier nicht eines der bitteren Vergnügen von New York City? Es ist eine Schweinerei, so wie Courbets Paris eine war. Es ist schmutzig und übelriechend, es ist schädlich. Es stinkt nach Sterblichkeit.

Wenn überhaupt, dann bedauert er, dass das Pferd zugedeckt worden ist. Er möchte es sehen: die gebleckten gelben Zähne, die heraushängende Zunge, das schwarze Blut auf dem Straßenbelag. Aus den üblichen morbiden Gründen, aber auch . der Gewissheit wegen. Wegen des Gefühls, dass ihm und Rebecca durch den Tod eines Tieres nicht nur Unannehmlichkeiten bereitet wurden, sondern dass sie auf eine geringfügige Art und Weise auch daran teilhatten, dass das Ableben des Pferdes sie einbezieht, ihre Bereitschaft, es wahrzunehmen. Wollen wir nicht immer die Leiche sehen? Als Dan und er Matthews Leichnam wuschen (mein Gott, das war vor fast fünfundzwanzig Jahren), hatte er da nicht ein gewisses Hochgefühl, das er hinterher weder gegenüber Dan noch sonst jemandem erwähnte?

Das Taxi kriecht in den Columbus Circle und beschleunigt dann. Die Statue von Christoph Columbus (der, wie sich herausstellt, eine Art Massenmörder war, stimmt's?) oben auf der Granitsäule ist durch die Warnleuchten, die das tote Pferd bewachen, in einen rosigen Hauch getaucht.

I thought that they were angels, but to my surprise, we irgendwas irgendwas irgendwas, and headed for the skies Der Sinn einer Party ist, auf der Party gewesen zu sein. Die Belohnung ist, hinterher essen zu gehen, sie beide, und danach wieder nach Hause.

Die Einzelheiten variieren. Heute Abend ist da Elena Petrova, ihre Gastgeberin (ihr Mann ist immer irgendwo unterwegs, vermutlich sollte man lieber nicht fragen, was er macht), klug, laut und herausfordernd vulgär (ein ständiger Disput zwischen Peter und Rebecca - weiß sie um den Schmuck, den Lippenstift und die Brille, will sie damit etwas sagen, wie kann man so reich und intelligent sein und es nicht wissen?); da sind der kleine, sehr gute Artschwager, der große, ziemlich gute Marden und das Waschbecken von Gober, in das ein Gast - der nie identifiziert wurde - einmal einen Aschenbecher geleert hat; da ist Jack Johnson, der majestätisch steif auf einem Zweisitzer neben Linda Neilson thront, die angeregt zu der arktischen Topographie von Jacks Gesicht spricht; da ist der erste Drink (Wodka auf Eis; Elena serviert eine berühmte unbekannte Marke, die sie sich aus Moskau liefern lässt - wirklich, kann Peter oder irgendwer den Unterschied erkennen?), gefolgt von einem zweiten Drink, aber keinem dritten; da ist das beharrlich glitzernde Schwirren der Party, gewaltigen Reichtums, immer ein bisschen berauschend, egal, wie vertraut es wird; da ist der rasche Blick zu Rebecca (ihr geht es gut, sie redet mit Mona und Amy, Gott sei gedankt für eine Frau, die bei solchen Anlässen allein zurechtkommt); da ist das unvermeidliche Gespräch mit Bette Rice (er bedauert, dass er die Vernissage verpasst hat, er hat gehört, dass die Inksies phantastisch sind, er wird diese Woche vorbeikommen), mit Doug Petrie (Lunch, am Montag in einer Woche, unbedingt) und mit der anderen Linda Neilson - Ja, klar, ich rede mit deinen Studenten, ruf mich in der Galerie an, dann vereinbaren wir einen Termin; da ist das Pinkeln unter einer Ellsworth-Kelly-Zeichnung, die neuerdings im Badezimmer hängt (Elena kann es nicht wissen, oder - wenn sie so was über die Toilette hängt, muss sie es auch mit ihrer Brille ernst meinen); da ist der Entschluss, doch einen dritten Wodka zu trinken; da ist der Flirt mit Elena - Hey, ich liebe den Wodka; mein Engel, du weißt doch, dass du ihn hier jederzeit kriegen kannst (er weiß, er ist dafür bekannt und wird vermutlich deswegen verachtet, weil er es überstrapaziert, das ganze Hey-ich-würde-dich-ja-be- suchen-wenn-ich Zeit-hätte); da ist der magere, hysterische Mike Forth, der mit Emmett bei dem Terence Koh steht und allmählich so betrunken wird, dass er sich bald an Rebecca ranmachen wird (Peter hat Verständnis für Mike, kann nicht anders, er hat es selbst erlebt - dreißig Jahre später ist er noch immer verblüfft, dass Joanna Hurst ihn nicht geliebt hat, nicht einmal ein bisschen); da ist der kurze Blick auf den unwahrscheinlich gut aussehenden Kellner, der in der Küche heimlich in sein Handy spricht (Freund, Freundin, käuflicher Sex - wenigstens haben die Kids, die bei solchen Anlässen bedienen, noch etwas Geheimnisvolles an sich); dann zurück ins Wohnzimmer, wo - ups - Mike es schließlich doch geschafft hat, Rebecca zu stellen; er redet wie wild auf sie ein, und sie nickt und hält Ausschau nach der Rettung, die Peter ihr versprochen hat; da ist Peters rascher Rundblick, um sich zu vergewissern, dass niemand übergangen wurde; da ist das Abschiedsgespräch mit Elena, die es bedauert, dass sie die Vincents nicht gesehen hat (Ruf mich an, es gibt noch ein paar andere Sachen, die ich dir gern zeigen würde); da ist der seltsam innige Abschied von Bette Rice (irgendwas stimmt nicht), die Rückeroberung von Rebecca (Sorry, ich muss sie jetzt entführen, ich hoffe, wir sehen uns bald), das panische Abschiedsgrinsen von Mike, und tschüs, tschüs, danke, bis nächste Woche, ja, unbedingt, ruf mich an, okay, tschüs.

Ein anderes Taxi, wieder nach Downtown. Peter meint manchmal, dass er sich am Ende, wann immer es kommt, an Taxifahrten viel lebhafter erinnern wird als an alles andere aus seinem irdischen Dasein. Egal, wie unangenehm die Gerüche sind (kein Raumduft diesmal, nur ein leichter Unterton von Gallenflüssigkeit und Motoröl) oder wie aggressiv und unfähig der Fahrer ist (diesmal einer dieser Typen, die ständig Gas geben und bremsen), stets ist da das Gefühl des abgekapselten Dahinschwebens, das Gefühl, sich unbehelligt durch die Straßen dieser unglaublichen Stadt zu bewegen.

Sie durchqueren den Central Park auf der Seventy-ninth Street, eine der schönsten aller nächtlichen Taxistrecken, wenn der Park in seinen grün-schwarzen Traum von sich selbst versunken ist und kleine, grün-goldene Lichter Kreise aus Gras und Asphalt auf den Boden malen. Natürlich sind hier verzweifelte Menschen unterwegs, manche davon Flüchtlinge, manche Kriminelle; wir kommen so gut wir können mit diesen unmöglichen Widersprüchen zurecht, diesem endlosen Streit zwischen Herrlichkeit und Mord.

Rebecca sagt: "Du hast mich nicht vor Hurrikan Mike gerettet."

"Hey, ich habe dich losgerissen, sobald ich dich mit ihm gesehen habe."

Sie sitzt nach innen gewandt und hat die Arme um die Schultern geschlungen, obwohl es nicht einmal andeutungsweise kalt ist.

Sie sagt: "Das weiß ich doch."

Aber dennoch hat er sie enttäuscht, nicht wahr?

Er sagt: "Mit Bette scheint irgendetwas los zu sein."

"Rice?"

Wie viele andere Bettes waren auf der Party? Wie viel Lebenszeit muss er für das Beantworten dieser überflüssigen Fragen opfern, wie viel näher rückt die Wahrscheinlichkeit, dass er eines Tages einen Schlaganfall bekommt, wenn er sich immer wieder aufregen muss, weil Rebecca nicht aufgepasst hat, nicht bei der gottverdammten Sache gewesen ist?

"M-hm."

"Was ist es deiner Meinung nach?"

"Ich habe keine Ahnung. Irgendwas war da, als sie sich verabschiedet hat. Ich habe irgendwas gespürt. Ich rufe sie morgen an."

"Bette ist in einem bestimmten Alter."

"Meinst du die Menopause?"

"Unter anderem."

Sie faszinieren ihn, diese kleinen Bekundungen weiblicher Gewissheit. Sie stammen geradewegs von Henry James und George Eliot, nicht wahr? Genau genommen sind wir aus dem gleichen Stoff gemacht wie ihre Heldinnen, wie Isabel Archer, wie Dorothea Brooke.

Das Taxi erreicht die Fifth Avenue, biegt rechts ab. Von der Fifth Avenue aus wirkt der Park wieder wie eine schlummernde nächtliche Gefahr, wie ein wartendes, sich zusammenbrauendes Etwas zwischen den schwarzen Bäumen. Haben die Milliardäre, die in diesen Häusern wohnen, jemals dieses Gefühl? Wenn ihre Fahrer sie nachts nach Hause bringen, werfen sie dann jemals einen Blick über die Straße und glauben, vorerst, gerade noch, vor dem Wilden, das sie mit großer, gieriger Geduld von den Bäumen aus beobachtet, sicher zu sein?

"Wann kommt Missy?", fragt er.

"Er hat gesagt, nächste Woche. Du weißt ja, wie er ist."

"Mm."

Peter weiß in der Tat, wie er ist. Er ist einer dieser pfiffigen, unsteten jungen Menschen, der nach gewissen Überlegungen beschließt, dass er Irgendetwas mit Kunst machen will, aber nicht an einen wirklichen Job denkt, es möglicherweise gar nicht kann; der sich anscheinend vorstellt, dass Jugend, Köpfchen und Bereitwilligkeit einen Beruf heraufbeschwören, dessen genaue Beschaffenheit sich mit der Zeit erweisen wird.

Diese von Frauen dominierte Familie hat den armen Jungen kaputtgemacht, nicht wahr? Wer kann es überleben, so verzweifelt geliebt zu werden?

Rebecca wendet sich zu ihm, hat die Arme noch verschränkt. "Kommt es dir nicht manchmal lächerlich vor?"

"Was?"

"Diese Partys und Dinners, all diese schrecklichen Leute."

"Sie sind nicht schrecklich."

"Ich weiß. Ich habe es nur satt, all die Fragen zu stellen. Die Hälfte dieser Leute weiß nicht einmal, was ich mache." "Das stimmt nicht."

Na ja, vielleicht stimmt es ein bisschen. Blue Light, Rebeccas Kunst- und Kulturmagazin, ist bei solchen Leuten nicht der große Knaller, ich meine, es ist nicht das Artforum oder Art in America. Es geht um Kunst, klar, aber auch um Lyrik und Belletristik, und gelegentlich enthält es auch - Schrecken aller Schrecken - eine Modestrecke.

Sie sagt: "Wenn es dir lieber ist, dass Missy nicht bei uns wohnt, suche ich eine andere Unterkunft für ihn."

Ach, es geht immer noch um Missy, nicht wahr? Den kleinen Bruder, die Liebe ihres Lebens.

"Nein, es ist völlig okay. Ich habe ihn wie lange nicht mehr gesehen? Fünf Jahre? Sechs?"

"Ganz recht. Du bist damals nach Kalifornien nicht mitgekommen."

Plötzlich ein schmerzliches und unverhofftes Schweigen. War sie wütend auf ihn, weil er nicht nach Kalifornien gekommen war? War er wütend auf sie, weil sie wütend war? Er kann sich nicht erinnern. Aber irgendetwas war schlecht in Bezug auf Kalifornien. Was?

Sie beugt sich vor und küsst ihn liebevoll auf die Lippen.

"Hey", flüstert sie.

Sie vergräbt ihr Gesicht an seinem Hals. Er schlingt einen Arm um sie.

"Die Welt ist manchmal ermüdend, nicht wahr?", sagt sie.

Frieden geschlossen. Und dennoch. Rebecca kann sich an jedes noch so geringfügige Verbrechen von Peter erinnern und es ihm monatelang vorhalten, wenn ein Streit hitzig wird. Hat er heute Abend einen Verstoß begangen, irgendetwas, das er im Juni oder Juli zu hören bekommen wird?

"M-hm", sagt er. "Weißt du, ich glaube, wir können eindeutig sagen, dass es Elena ernst meint mit den Haaren und der Brille et cetera."

"Ich hab's dir doch gesagt."

"Hast du nicht."

"Du erinnerst dich bloß nicht."

Das Taxi hält an der Ampel an der Sixty-fifth Street.

Hier sind sie: ein Paar mittleren Alters im Fond eines Taxis (diesmal heißt der Fahrer Abel Hibbert, ist jung und nervös, schweigsam, geladen). Hier sind Peter und seine Frau, seit einundzwanzig (fast zweiundzwanzig) Jahren verheiratet, mittlerweile freundschaftlich verbunden, zu Frotzeleien aufgelegt, haben nicht mehr oft Sex, kommen aber auch nicht ohne Sex aus, wie andere lange verheiratete Paare, die er beim Namen nennen könnte, und ja, in einem gewissen Alter kann man sich größere Errungenschaften vorstellen, eine tiefere und unerschütterlichere Zufriedenheit, aber was du für dich geschaffen hast, ist nicht schlecht, überhaupt nicht schlecht. Peter Harris, ein feindseliges Kind, ein furchtbarer Jugendlicher, Gewinner diverser zweiter Preise, ist an diesem gewöhnlichen Augenblick angelangt, hat Beziehungen, ist beschäftigt, wird geliebt, spürt den warmen Atem seiner Frau am Hals, fährt nach Hause.

Come sail away, come sail away, come sail away with me, dup-dup-di-dup ^ Wieder dieser Song.

Die Ampel springt um. Der Fahrer gibt Gas.

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