Herzschlag - Griesemer, John
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New York im September 2001: Der Schauspieler Noah Pingree ist auf dem Weg zur Arbeit. Im Theater im Lincoln Center steht sein neues Stück auf dem Programm. Alles ist wie immer, doch je näher der Auftritt rückt, desto stärker werden Noahs Kopfschmerzen. Und kurz bevor sich der Vorhang öffnet, triff ihn der Schlag. Als er Tage später in einem Krankenhaus erwacht, steht nicht nur die Stadt New York, sondern die ganze Welt unter Schock. Doch Noah kämpft sich zurück ins Leben - und stellt fest, dass manchmal erst alles aus den Fugen geraten muss, damit etwas Neues beginnt. Mit Herzschlag hat Joh…mehr

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Produktbeschreibung

New York im September 2001: Der Schauspieler Noah Pingree ist auf dem Weg zur Arbeit. Im Theater im Lincoln Center steht sein neues Stück auf dem Programm. Alles ist wie immer, doch je näher der Auftritt rückt, desto stärker werden Noahs Kopfschmerzen. Und kurz bevor sich der Vorhang öffnet, trifft ihn der Schlag.
Als er Tage später in einem Krankenhaus erwacht, steht nicht nur die Stadt New York, sondern die ganze Welt unter Schock. Doch Noah kämpft sich zurück ins Leben - und stellt fest, dass manchmal erst alles aus den Fugen geraten muss, damit etwas Neues beginnt.
Mit Herzschlag hat John Griesemer ein magisches Werk geschaffen: Die Geschichte des geschlagenen Schauspielers, dem sich inmitten von Tragödien das nackte Leben zärtlich offenbart, ist zugleich die Geschichte des Schreckens und der Schönheit unserer Welt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Arche Verlag
  • Seitenzahl: 432
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 427 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 238mm x 146mm x 43mm
  • Gewicht: 722g
  • ISBN-13: 9783716026038
  • ISBN-10: 3716026034
  • Best.Nr.: 25614828

Autorenporträt

John Griesemer, 1947 geboren, ist der Autor der Romane Rausch, der monatelang auf der Spiegel-Bestseller-Liste stand, und Niemand denkt an Grönland, der mit Jason Biggs in der Hauptrolle unter dem Titel Guy X verfilmt wurde. John Griesemer lebt mit seiner Familie in New Hampshire.

Rezensionen

Besprechung von 18.03.2009
Ich spiele, also bin ich

Theater als Therapie: Der Schauspieler John Griesemer hinterfragt in seinem autobiographisch gefärbten Roman die Bedeutung der Bühne für sein Leben.

Das Genre der Autobiographie ist Trend. Kaum ein Schriftsteller, der sich die Chance zu dieser gewinnbringenden Selbstvermarktung entgehen ließe, zuletzt zum Beispiel Shalom Auslander mit seinem skandalösen Lamento "Eine Vorhaut klagt an", in dem er mit dem orthodox-jüdischen Umfeld seiner Kindheit ins Gericht geht. Oder man denke an den kürzlich verstorbenen John Mortimer, der seine Leser mit nicht weniger als vier autobiographischen Bänden erfreute. Warum auch nicht: Das Autobiographische befriedigt die Sensationslust des Lesers nach privaten Enthüllungen in besonderer Weise, und schließlich geht es hier nicht primär um die mehr oder minder hohe Kunst des Romans, sondern um die persönlichen Lebenserfahrungen des Autors. Trotzdem eignet sich gerade die Autobiographie, zumal die eines Schriftstellers, besonders gut dafür, die fließenden Übergänge zwischen Fakt und Fiktion, Autor und Werk näher zu betrachten. Wo dieses Verhältnis gänzlich unhinterfragt bleibt, entsteht eine ungute Allianz von Kunst und Selbst. Genau das ist das Problem von John Griesemers autobiographisch gefärbtem Roman "Herzschlag", dem Buch, das der ehemalige Broadway-Darsteller schon immer schreiben wollte: über die Bedeutung des Schauspielens für sein Leben.

Aus der Perspektive des Ich-Erzähler schildert Griesemer das Leben von Noah Pingree, der sein Leben schon von klein auf dem Theater anvertraut. Nicht umsonst zitiert die altehrwürdige Leiterin der Schauspielschule, an der Noah seine Kindheit und Jugend verbringt, mit Vorliebe aus Rilkes "Archaischem Torso Apollos": "Du musst Dein Leben ändern." Diese Forderung des antiken Kunstpatrons wird besonders dringlich, als Noah, inzwischen ein alternder, aber immer noch aktiver Schauspieler, einen Schlaganfall erleidet. Körper und Stimme versagen den Dienst, kaum vermag er seinen Alltag, geschweige denn eine Bühnenperformance, zu meistern. Er muss umdenken, und da er nie etwas anderes kannte als Theater, dient dieses ihm nun verstärkt als Medium der Selbsttherapie. Darin ist er das Alter Ego seines Autors: Auch Griesemer selbst bekennt, erst übers Schauspielen seine wahre Identität gefunden zu haben.

"Herzschlag" schildert Noahs Versuche, sein verlorenes Selbst wiederzufinden, indem er seine bisherige Schauspielkarriere Revue passieren lässt. Das Buch changiert zwischen Noahs Zustand nach dem Schlaganfall und Rückblenden in seine Kindheit. Dazwischengeschaltet sind seine Koma-Visionen, in denen er einen kleinen Jungen untätig auf einer Bühne herumsitzen sieht. Ähnlich unterhaltungsarm ist die erste Hälfte von "Herzschlag", die sich wie ein ausgedehntes dramatis personae liest: über Anekdoten werden die Schauspieler der "Marshalsea Academy of Dramatic Arts" eingeführt. Der kleine Noah beobachtet zum Beispiel, wie seine alkoholabhängige Tante Stephanie mit Ike Devoe, der es später nach Hollywood schaffen wird, eine Szene probt, und es dämmert ihm, dass sowohl seine Tante wie auch seine Mutter Ikes sexuellem Charme erliegen.

Wie der Junge aus den Koma-Visionen des erwachsenen Noah wirkt das Kind Noah eher passiv und beobachtend, und sein Weg vom bloßen Zuschauer hin zum Schauspieler will nicht recht überzeugen. Ähnlich schwach ist Griesemers Versuch, dieser wenig weltumfassenden Geschichte größere Tiefe zu verleihen, indem er Noahs Schlaganfall und Koma zeitlich exakt mit dem Attentat des 11. September 2001 zusammenfallen lässt. Während das Private in Griesemers Bestseller "Rausch" aus dem Jahr 2003 überzeugend mit zeitgenössischen Hoffnungen und Ängsten verwoben wird, humpelt der leidende Noah in "Herzschlag" lediglich ein paarmal zu Ground Zero, und seine Lebensgefährtin Cecily stellt sich banale Fragen über Sinn und Unsinn der Kunst nach 09/11.

World Trade Center hin oder her - die Kunst, die Griesemer vor allem in der zweiten Hälfte des Buchs an den Tag legt, entschädigt für manche Schwächen. Großartige Passagen gelingen ihm interessanterweise immer dann, wenn es am wenigsten um seine eigenen Erfahrungen zu gehen scheint. Zum Beispiel Noahs Tante Stephanie, die sich auf dem Weg zu einer illegalen Abtreibung nur an ihrem "Glücksbringer" festhalten kann: "ein blasser, glücklich lächelnder Fuchs aus Kiefernholz. Stephanie hielt den etwa baseballgroßen Kopf auf dem ganzen Weg von New York in der Hand, rieb über die weichen Rillen, die Wilburs Messer ins Holz gekerbt hatte, und lauschte dem Klackern der Pillen. Als sie ihr Ziel erreichte, war der Fuchskopf glatt, und sie war zugedröhnt." Das beeindruckt weit mehr als Noahs wenig erhellende Aphorismen über Sinn und Wesen der Schauspielerei, in denen er kaum mehr als das Sprachrohr seines Autors zu sein scheint.

So wie er schon seine Kindheitstraumata oder auch die Schmach eines verpatzten Filmdebüts in dramatischen Monologen verarbeitet hatte, so mündet auch die Geschichte von Noahs Leben nach seinem Schlaganfall in eine Theateraufführung, die auf den letzten Seiten von "Herzschlag" beschrieben wird. Besonders viel hat sich an seinem Leben folglich nicht geändert, und dieses Ende, wiewohl es sich aus den vorausgegangenen gut vierhundert Seiten schlüssig ergibt, ist fragwürdig. Was ist das für ein schauspielerischer Erfolg, der sich aus der Ausstellung persönlichen Schicksals speist, wie möglich ist Kunst, wenn sie dem autobiographischen Impuls allzu leicht nachgibt? Und wie gut kann dieser Roman sein, in dem Griesemer seine eigenen Theatererfahrungen weit weniger fiktional verbrämt als noch in "Rausch" und dabei an keiner Stelle über die Risiken von Theater als Selbsttherapie des Schauspielers, des Romans als Selbstausdruck des Autors nachdenkt?

Theater ist einzigartig. Aber genau deshalb können die Erfahrungsberichte Noahs und mit ihm John Griesemers, kann die bloße Beschreibung einer Performance, die Verlagerung des Dramatischen ins Medium des Romans, nicht ohne Verluste ablaufen. Für diese Übertragungsschwierigkeit entwickelt "Herzschlag" kein Bewusstsein. Die Antwort auf die Frage, was der Roman gegenüber dem Drama anders oder besser leisten könnte, bleibt Griesemer ebenfalls schuldig. Vielleicht darf man sich darüber ja an anderer Stelle Aufschluss erhoffen - aber vielleicht wäre es besser, wenn er sich in Zukunft wieder mehr auf eine andere Dimension des Theaters, und übrigens auch des Romans, besänne: zu anderer Zeit, an anderem Ort ein anderer als man selbst zu sein.

MARGRET FETZER.

John Griesemer: "Herzschlag". Roman. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Arche Verlag, Hamburg 2009. 432 S., geb., 25,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 20.07.2009
Durchs wilde Schlaganfallistan
Bedeutungsselig: John Griesemers Schauspieler-Roman „Herzschlag”
Romane, die in New York spielen, machen häufig den Fehler, dieses Setting an sich schon für so interessant und bemerkenswert zu halten, dass sie jede weitere Mühe entbehrlich finden. Darum können sie langweiliger ausfallen als Bücher mit provinziellem Schauplatz, die wissen, dass sie was dafür tun müssen, um den Leser in ihren Bann zu schlagen. Auch John Griesemers Roman „Herzschlag” macht von diesem vermeinten Platzvorteil leicht blasiert überzogenen Gebrauch. Der Schauspieler Noah Pingree erleidet im September 2001 unmittelbar vor seinem Auftritt einen Schlaganfall und fällt ins Koma. Als er wieder zu sich kommt, hat er den 11. 9. verschlafen und wird darum von seiner Umgebung mit Rip van Winkle verglichen, dem Holländer, der im New York des 17. Jahrhunderts in Schlaf versank und verwirrt zweihundert Jahre später erwachte.
Das scheint nun doch übertrieben und liefert dem Plot nicht jenen fruchtbaren Kontrast von Vorher und Nachher, der dem Autor wohl vorgeschwebt hatte. Noah kämpft sich mittels mühsamer Reha-Maßnahmen aus „Schlaganfallistan”, wie der beeinträchtigte Zustand mit etwas zähem Humor genannt wird, zurück in sein altes Leben. Parallel dazu wird seine Kindheit erzählt, eine Theaterkindheit der Fünfzigerjahre an der Schauspielschule von Dorthea Holtz, wo Noahs Mutter als Sekretärin und später Lebenspartnerin der Chefin tätig ist. Noahs Familie ist seh zusammengeschrumpft, seit sein Vater und sein Bruder durch eine Art Kugelblitz bei einem winterlichen Gewitter das Leben verloren haben.
Dafür taucht auf einmal die Schwester seiner Mutter auf, Tante Stephanie, eine begnadete Schauspielerin mit ungeheurer Präsenz, die bloß leider trinkt und auch sonst ihr Leben nicht in den Griff kriegt; sie endet als Bettlerin auf der Straße, wo sie den unaufmerksamen Passanten Shakespeare-Monologe vorspricht. Was sie endgültig aus der Bahn geworfen hat, war die Trennung von ihrem Liebhaber Ike, der in Hollywood eine Karriere als Cowboy hinlegt, nicht ohne Stephanie noch geschwängert zu haben. Das Kind, das weder Vater noch Mutter kennt und mit einer autistischen Behinderung zur Welt gekommen ist, meldet sich mit einer Verzögerung von vierzig Jahren bei Noah als dessen verschollener Cousin Davy. Gemeinsam, begleitet außerdem von Vasily, dem gealterten russischen Wrestling-Star, machen sie sich in einer Stretch-Limousine auf die Suche nach dem treulosen Ike. Den hat die Zeit auch ziemlich gebeutelt . . .
Eine Meisterin hohler Appelle
Das Buch lässt in seinen besten Passagen die Epoche auferstehen, als der eigenständige Rang der Bühnenschauspielkunst am Broadway und anderswo noch fraglos galt und die neuen Medien sie noch nicht völlig an die Wand gespielt hatten. Was an Griesemers Roman dennoch im Ganzen verstimmt, ist der Gestus der Bedeutsamkeit, mit dem er noch die belanglosesten und zufälligsten Episoden auflädt. Alles verkündet hier, dass wir es mit Leuten zu tun haben, auf die es ankommt. Nicht von ungefähr ist das Lieblingsgedicht der Meisterin Dorthea Rilkes „Archaischer Torso Apolls”, dessen Schlussvers „Du musst dein Leben ändern” sie ihren Schülern besonders gern zu Gemüte führt; keiner merkt, dass diese Zeile in ihrer Abstraktheit völlig hohl ist, alle beziehen sie ergriffen auf die eigene Existenz und fühlen sich höheren Sphären angehörig.
Noch in Szenen der banalen Niederlage haben sie ihre Videokamera dabei, weil sie jetzt schon wissen, dass sie aus diesem persönlichen Stoff ein Stück oder mindestens einen Monolog machen werden, der ein Publikum hinreißt. Der Ich-Erzähler sinniert: „Der Vergleich ist natürlich schrecklich, aber jedes Mal, wenn ich in der Zeitung Berichte über Amokläufe an Schulen lese, vor allem die ausführlichen Schilderungen der tranceartigen Vorbereitungen des Schützen auf das Gemetzel, muss ich daran denken, wie ich an der Newcomb School Smikes Tod aufgeführt habe.” Eine solche Psyche muss den 11. September in erster Linie als eine gigantische narzisstische Kränkung erleben. BURKHARD MÜLLER
JOHN GRIESEMER: Herzschlag. Roman. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Arche Verlag, Zürich und Hamburg 2009. 429 Seiten, 25 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Was zu tun ist, um den 11. September als "gigantische narzisstische Kränkung" zu erfahren, lehrt den Rezensenten der Autor mit seiner Hauptfigur. Schon der Kontrast Vorher und Nachher funktioniert aber nicht in diesem Roman, um einen Komapatienten, der 9/11 verschläft, meint Burkhard Müller einigermaßen enttäuscht. Nicht mal New York kann den "zähen" Humor der Geschichte ausbügeln oder den "Gestus der Bedeutsamkeit", den John Griesemer noch den banalsten Momenten seines Textes mitgibt. Die an schrägen Typen nicht arme Familiengeschichte mit dem großen Schläfer im Mittelpunkt bleibt für Müller ohne Reiz. Da helfen auch die "besten Passagen" des Buches nicht, in denen Griesemer an die Glanzeit des Broadways erinnert.

© Perlentaucher Medien GmbH
Was zu tun ist, um den 11. September als "gigantische narzisstische Kränkung" zu erfahren, lehrt den Rezensenten der Autor mit seiner Hauptfigur. Schon der Kontrast Vorher und Nachher funktioniert aber nicht in diesem Roman, um einen Komapatienten, der 9/11 verschläft, meint Burkhard Müller einigermaßen enttäuscht. Nicht mal New York kann den "zähen" Humor der Geschichte ausbügeln oder den "Gestus der Bedeutsamkeit", den John Griesemer noch den banalsten Momenten seines Textes mitgibt. Die an schrägen Typen nicht arme Familiengeschichte mit dem großen Schläfer im Mittelpunkt bleibt für Müller ohne Reiz. Da helfen auch die "besten Passagen" des Buches nicht, in denen Griesemer an die Glanzeit des Broadways erinnert.

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