Leseprobe zu "Die Nacht trägt deinen Namen" von Linda Olsson
Jetzt bin ich hier, in Krakau, wo mein Leben anfing. Ich stehe auf meinem kleinen Balkon, bereit für meinen Morgenspaziergang, und schaue hinaus auf die Weichsel.
Es ist Frühling, ein milder und sonniger Tag mit dem sanften, gedämpften Licht der Alten Welt, das einen freundlichen oder zumindest entgegenkommenden Schleier über die Erinnerungen legt, über meine und über die der Stadt. Ich kann nicht sehr weit sehen - leichter Nebel verhüllt den Fluss und die Landschaft am anderen Ufer. An Tagen wie heute, wenn das Wetter es erlaubt, gehe ich meistens die Planty entlang, wo ich mich manchmal für eine Weile auf eine Bank setze. Morgens bin ich dort oft der Einzige und beobachte den Strom der Passanten, die zur Arbeit unterwegs sind, und die überfüllten Straßenbahnen. Nachmittags sind die Bänke voll besetzt: mit alten Männern, die sich auf ihre Stöcke stützen, mit lesenden Studenten, Pärchen, die sich küssen, Müttern mit Kinderwagen, Leuten, die ihre Hunde ausführen. Aber es gibt hier keine Jogger, keine Jugendlichen auf Skateboards. Der Park hat etwas Gelassenes, Würdevolles, so wie die Menschen, die ihn nutzen.
Ich bin jetzt hier, in dieser Stadt, wo ich geboren wurde, in Krakau. Und ich bin mit mir im Reinen. Ich glaube, das verstehst du, Cecilia. Du hast doch auch einen Ort gefunden, wo du mit dir im Reinen bist, nicht wahr? Hier bin ich von Leben umgeben. Von Geräuschen. Und ich fühle mich nicht mehr wie ein Außenseiter. Obwohl ich hier wenige Freunde habe, erfüllt mich ein Gefühl von Zugehörigkeit. Von Frieden.
Nach all den Jahren habe ich endlich beschlossen, Arbeit und Wohnen zu trennen, und mich in der Altstadt über einer Musikalienhandlung in einem Studio eingemietet. Ich teile es mit einer Gruppe jüngerer Musiker, aber sie haben ihren eigenen Raum, und wir kommen gut miteinander aus. Mir gefällt es, junge Leute nebenan zu wissen. Es ist interessant, wie leise der Prozess des Musikmachens geworden ist. Ihrem Studio entweicht kein Ton, nur freitags, wenn sie mit Freunden etwas trinken, ehe sie später am Abend zusammen ausgehen. Die Musik ist in unseren Rechnern, unseren Studios und unseren Köpfen eingeschlossen.
Heute bin ich vielleicht ein bisschen früh dran - der Park ist noch stiller als sonst. Ich schlafe nicht gut und stehe auf, wenn ich wach werde, manchmal sehr zeitig. Eine Uhr trage ich nicht mehr - es ist mir nicht wichtig, die genaue Zeit zu kennen. Ich versuche, im Einklang mit meinem Körper zu leben, indem ich ihm erlaube, das Tempo zu bestimmen. Als ich an der Kirche vorbeikomme, stelle ich überrascht fest, dass es erst kurz nach sieben ist. Es ist heller, als ich erwartet habe, daher laufe ich ein wenig länger als sonst die östliche Seite des Grüngürtels entlang, ehe ich mich auf eine Bank setze und darauf warte, dass die Sonne über die Bäume steigt. Ich beobachte die Strahlen, die sich durch das junge Laub fädeln und ein gesprenkeltes Muster auf den Boden zeichnen. Mein Blick fällt auf den Kies zu meinen Füßen. In dieser Stadt liegt wenig Abfall herum. Vielleicht ist sie noch nicht reich genug, um es sich leisten zu können, viel wegzuwerfen. Aber hier auf dem Boden, gleich neben der Spitze meines Schuhs, sehe ich eine Haarklammer. Ich bücke mich und hebe das kleine Metallobjekt auf. Ich lege es in meine Handfläche und umschließe es mit den Fingern.
Und entsinne mich einer anderen Haarklammer.
Die in einem Schwall auf mich einstürzenden Erinnerungen wetteifern um meine Aufmerksamkeit. Seltsamerweise erinnere ich mich nicht an das ursprüngliche Ereignis, sondern an dessen Spiegelbild ein Jahr später. Vielleicht hilft mir diese Verkehrung, das Unbegreifliche zu verstehen. Ich weiß es nicht. Jedenfalls sind es die durch eine andere Haarklammer ausgelösten Gedanken, die mich jetzt erfüllen. Sie und der Klang der Stimme meiner Tochter. Unserer Tochter.
An die Stille erinnere ich mich ebenfalls. An die gelegentliche Stille vorher und die totale Stille, die danach einsetzte. Von Anfang an war mir Stille auferlegt, und ich habe mit ihr gelebt, bis sie zu meiner eigenen wurde. Es gab keine Antworten, also auch keinen Platz für Fragen. Wenn ich heute darüber nachdenke, erscheint es mir außergewöhnlich, dass ich die Situation so bereitwillig akzeptierte. Dass ich fast sechzig Jahre lang in einer so ohrenbetäubenden Stille lebte und sie mir schließlich ganz zu eigen machte.
Klang ist nicht immer das Gegenteil von Stille. Es kann Geräusche geben, die einen Abgrund von Stille verschleiern. Vielleicht verhielt es sich so mit meiner Musik: dass ich sie schuf, um die Stille zuzudecken.
Wann habe ich begonnen, den Tönen zu lauschen? Die flüchtigen Stimmen zu hören, deren Abwesenheit das Zentrum meiner Existenz gewesen war wie ein blinder Fleck in meinem Auge?
Wenn ich einen einzelnen Ton aus der Musik herauslöse, die ich momentan zu schreiben versuche, könnte er überall hingehören. Aber dort, wo er steht, wo ich ihn platziert habe, folgt er dem, der davor kam, und führt zu dem, der danach kommt. Ohne ihn wäre das Ganze nicht, was es ist. Als Komponist muss ich jeden einzelnen Ton kennen, um ein Ganzes zu schaffen. Wie die Farben auf der Palette eines Malers sind die Töne für sich genommen absolut, doch wenn sie Teil eines bestimmten Stücks sind, wird ihre Individualität eins mit dem Ganzen.
Sie müssen gewählt werden als das, was sie sind - rot, gelb, blau -, aber auch im Hinblick auf ihre Wirkung im Zusammenspiel. Es ist notwendig, die Teile zu kennen, um ein Ganzes zu erschaffen. Das gilt für die Musik, für die bildende Kunst und das Leben selbst, glaube ich. Wenn man der fertigen Komposition lauscht oder sein Leben einfach lebt, fügen sich die Einzelteile scheinbar selbstverständlich zu einer Gesamtheit. Aber erst wenn man sie wirklich als Einzelteile wahrnimmt, fängt man an, das Wunder zu begreifen. Ich habe fast ein ganzes Leben gebraucht, um die Töne ausfindig zu machen, die Noten, aus denen die Musik meines Daseins besteht. Und das erforderte ein ungeheures Opfer, das alles, was mein Leben ausgemacht hatte, beiseite fegte.