Leseprobe zu "Das Wahre, Schöne, Gute - Brücken zwischen..."
"1 Leben ist lebensgefährlich (S. 1)
Über Risiken und Nebenwirkungen in Wissenschaft und Politik
Es vergeht kaum eine Woche, in der man nicht über Gefahren des Mobiltelefonierens durch die Zeitung oder (neuerdings) mithilfe ungebetener elektronischer Nachrichten – Enzensberger nennt sie Strompost – hingewiesen wird. Die Ungefährlichkeit von Handys sei wissenschaftlich nicht nachgewiesen, weswegen die Politik gefordert sei, hier etwas für die armen ahnungslosen Bürger zu tun. – Ist sie das?
Mobiltelefonieren ist nur eines von sehr vielen Beispielen dafür, dass Politik nicht nur im Verteilen von Geld, sondern auch im Abwägen von Risiken und Nebenwirkungen besteht. Erfände heute jemand das Auto und würde für seinen globalen Einsatz eine Million Menschenopfer im Jahr einfordern: Man würde ihn empört davonjagen.
Wir selbst jedoch haben das Auto eingeführt, und müssen erkennen, dass die Million Verkehrstoten (nicht zu reden von zusätzlich mehreren Millionen Verletzten und Behinderten) keineswegs das einzige sind, worüber wir uns den Kopf zerbrechen müssen: Chronische Lungenkrankheiten durch Feinstaub, Klimakatastrophen, Kriege wegen Öl und als neueste Nebenwirkung Hungersnöte durch Bio-Kraftstoff-Produktion setzen den Reigen der Nebenwirkungen des Autos fort.
Dass man bei Risiken und Nebenwirkungen den Arzt oder Apotheker fragen soll, pfeifen die Spatzen von den Dächern und aus den Radios. Weniger bekannt allerdings ist der Grund dafür: In der Medizin wird seit etwa 50 Jahren ein Verfahren in großem Stil eingesetzt, das es erlaubt, Wirkungen und damit auch Nebenwirkungen zu quantifizieren, um auf diese Weise mit Risiken besser umzugehen.
Wenn Leben immer lebensgefährlich ist, wie Erich Kästner sagt, dann kann es bei genauer Betrachtung der Dinge nur darum gehen, die Gefahren zu minimieren. Um nichts anderes geht es beim wissenschaftlichen Umgang mit dem Risiko. Betrachten wir ein Beispiel: Brustkrebs gehört zu den gefährlichsten Erkrankungen von Frauen, ist aber bei früher Erkennung nicht selten heilbar.
Daraus folgt, dass man Frauen eine Röntgenuntersuchung der Brust (Mammografie) ab dem 50. Lebensjahr empfiehlt. Nun sind aber Röntgenstrahlen gefährlich, denn sie erzeugen Mutationen, weswegen sie mit einem bestimmten Risiko selbst Krebs verursachen können. Die medizinische Waffe gegen den Krebs macht ihn also auch selbst.
Es stellt sich zwangsläufig die Frage: Sollen sich Frauen nun einer Mammografie unterziehen oder nicht? – Wägt man die „Angst vor Strahlen"" und die „Angst vor dem Tod"" – und sonst nichts – gegeneinander ab, so kommt man nicht weiter. „Aus dem Bauch heraus"" lässt sich nicht sagen, was man tun soll. Aber man kann Risiken messen, indem man anhand großer Datenmengen relative Häufigkeiten bestimmt. Diese sind nicht das Gleiche wie Wahrscheinlichkeiten, aber eine gute Näherung.
Es wird geschätzt, dass von 10 000 Frauen jenseits des 50. Lebensjahres, bei denen über einen Zeitraum von zehn Jahren jedes Jahr eine Mammografie durchgeführt wird, eine durch Brustkrebs, der durch die Röntgenstrahlen verursacht wird, verstirbt (4), demgegenüber versterben in einer solchen Gruppe 60 an Brustkrebs, in einer gleich großen Gruppe von Frauen, die nicht zur Mammografie gehen, sind es jedoch 80.
Damit stehen 20 gerettete Leben einem verursachten Tod gegenüber. Oder anders gesagt: Frauen, die sich einer Mammografie unterziehen, leben länger (2)."
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