Simple Storys, Sonderausgabe - Schulze, Ingo

Ingo Schulze 

Simple Storys, Sonderausgabe

Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz

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Simple Storys, Sonderausgabe

Auf einer Wanderung durch die Provence entdeckt der Schriftsteller Guy Fallows ein zauberhaftes Taubenhaus aus dem 16. Jahrhundert. Voller Inspiration beginnt er einen neuen Roman zu schreiben. Doch dann trifft er die verführerische und rätselhafte Solange Daubigny; eine leidenschaftliche Affäre beginnt. Aber Solange hat ein Geheimnis: Jeden Donnerstag schlüpft die elegante Frau in die Rolle einer anderen und nennt sich Fréderique. Aber wer ist Fréderique? Die Spuren führen Fallows in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als Solanges Mutter einen obskuren Baumeister namens Guido Stampelli mit der Restaurierung des Taubenhauses beauftragt hatte. Die Suche nach dem Geheimnis wird für Fallows zur Obsession, die immer tiefer in dunkle Zeiten der Vergangenheit führt ...

Mit seinem lakonischen, gänzlich unpathetischen Stil an die Tradition der amerikanischen Short Story anknüpfend, erzählt Schulze scheinbar einfache Geschichten. Was den Bewohnern der ostthüringischen Kleinstadt Altenburg, eines in der DDR verfallenen architektontichen Kleinods inmitten von Uran- und Kohleabbau, in diesem 'Simplen Storys' widerfährt, erscheint auf den ersten Blick nicht weiter ungewöhnlich. Und doch offenbart sich in den vielen kleinen Alltagsbegebenheiten das Zusammenstürzen einer ganzen Welt, jener traumatische Bruch, der sich nach 1990 durch so viele ostdeutsche Biographien zieht. Und so zeichnet er völlig unsentimental die Hoffnung und Hilflosigkeit, die Irrungen und Wirrungen und vielen tragikomischen Situationen, mit denen die Bewohner der ehemaligen DDR tagtäglich konfrontiert werden - befreit von einer Mauer, die sowohl Tragödien zeitigte als auch Sicherheiten gewährte.


Produktinformation

  • Verlag: Berlin Verlag
  • 2002
  • Ausstattung/Bilder: 2002. 302 S.
  • Seitenzahl: 302
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 144mm x 27mm
  • Gewicht: 478g
  • ISBN-13: 9783827000538
  • ISBN-10: 382700053X
  • Best.Nr.: 10485712
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 17.03.2002

Ingo Schulze: Simple Storys
1998 - Die Untergeher der DDR verpassen das Leben

Die Deutschen sind anders. Sie warten nicht auf den Frühling, die Sonne oder das Glück, nein, sie warten auf Bücher: auf Den Großen Gegenwartsroman etwa oder auf Den Wenderoman. Und wenn sie ihn endlich haben, dann wundern sie sich nicht mal mehr, daß der Mann, der ihn gebracht hat, aussieht wie ein Sozialkundelehrer mit einem Frisurproblem.

Die Deutschen haben, mit anderen Worten, Ingo Schulzes "Simple Storys" gar nicht verdient - diesen sanften Mann mit seiner schaufenstergroßen Brille, der sein Prosa-Personal freundlich lächelnd über die Kante rutschen läßt. Mit den Menschen der DDR ist es dabei ein bißchen wie mit dem Dachs, der wie ein Untoter durch einige der 29 zu einem Roman verschachtelten Geschichten wandert: Erst werden sie überfahren, und wenn man zurückkommt, um nachzuschauen, ist nichts mehr da. Es sind Menschen mit Vergangenheit, und wenn Ingo Schulze beschreibt, wie diese Menschen sich durch das Vakuum einer neuen Zeit bewegen, dann wird daraus meisterlich präzise Millimeterprosa.

Schulze erzählt von Schuld und Verstrickung, er …

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"Die präzise Konstruktion der verschiedenen Motive (...) verrät deutlich den Lyriker Sobin, der berauschende, ja beinahe barock üppige Worte findet." Neue Zürcher Zeitung

Ingo Schulze: Simple Storys
1998 - Die Untergeher der DDR verpassen das Leben

Die Deutschen sind anders. Sie warten nicht auf den Frühling, die Sonne oder das Glück, nein, sie warten auf Bücher: auf Den Großen Gegenwartsroman etwa oder auf Den Wenderoman. Und wenn sie ihn endlich haben, dann wundern sie sich nicht mal mehr, daß der Mann, der ihn gebracht hat, aussieht wie ein Sozialkundelehrer mit einem Frisurproblem.

Die Deutschen haben, mit anderen Worten, Ingo Schulzes "Simple Storys" gar nicht verdient - diesen sanften Mann mit seiner schaufenstergroßen Brille, der sein Prosa-Personal freundlich lächelnd über die Kante rutschen läßt. Mit den Menschen der DDR ist es dabei ein bißchen wie mit dem Dachs, der wie ein Untoter durch einige der 29 zu einem Roman verschachtelten Geschichten wandert: Erst werden sie überfahren, und wenn man zurückkommt, um nachzuschauen, ist nichts mehr da. Es sind Menschen mit Vergangenheit, und wenn Ingo Schulze beschreibt, wie diese Menschen sich durch das Vakuum einer neuen Zeit bewegen, dann wird daraus meisterlich präzise Millimeterprosa.

Schulze erzählt von Schuld und Verstrickung, er untersucht das Gift der Lüge und der Feigheit und wie es in den Menschen entsteht, und seine Geschichten sind moralisch: nicht weil sie Antworten wissen, sondern weil sie voller Empathie sind - die Ambivalenz ist das Terrain dieser Prosa. In Momenten ist dieser "Roman aus der ostdeutschen Provinz", wie es im Untertitel heißt, von albtraumhafter Traurigkeit: wenn etwa gleich zu Beginn ein Spitzelopfer namens Zeus im verschneiten Perugia an der Fassade der Kathedrale emporklettert, und unten steht der "rote Meurer", der ihn jahrelang schikaniert hat; oder ganz am Ende, wenn Meurers Sohn und seine Kollegin in Taucherkostümen durch die verregnete Innenstadt von Altenburg watscheln, um für die "Nordsee"-Filiale Werbung zu machen - da hebt Schulze die Realität ein Stück an und läßt sie schweben. Daß dieser Trick gelingt, weil Schulze so genau kennt, wovon er berichtet, das ist der große Erfolg dieses Buches.

Schreiben ist Handwerk, die Quelle die Beobachtung, der Ton geliehen und gerade darum so eigen. Selten war deutsche Literatur so kunstvoll kunstlos wie in diesen Verlustgeschichten ohne jede Larmoyanz. Das Schwierigste ist dabei das Einfachste: zu zeigen, wie sich die Lebenstaumler jeder für sich selbst die Luft zum Atmen abschnüren. Schulze hat ein genaues Gespür für die brutale Psychologie dieser Gesellschaft, für das Kräftemessen zwischen Männern und Frauen, für das Ringen mit den Lebenslügen: Da stirbt deine Frau bei einem Fahrradunfall, und du sagst: Ich habe mir gewünscht, daß Andrea stirbt, und dann ist es passiert. "Ich starrte in meine Tasse und war fassungslos, wie ich etwas Derartiges von mir geben konnte, noch dazu ihm gegenüber, der uns verlassen hatte und glaubte, für jede Gelegenheit die passende Karte zu besitzen. Sie stürzen sich selbst in den Verkehr, der ihnen entgegenkommt."

gdi

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Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren, studierte klassische Philologie in Jena und arbeitete in Altenburg als Schauspieldramaturg und Zeitungsredakteur. Seit 1993 lebt er in Berlin. Bereits sein erstes Buch 33 Augenblicke des Glücks (1995) wurde vielfach ausgezeichnet. Für Simple Stories (1998) erhielt er den Berliner Literaturpreis mit der Johannes-Bobrowski-Medaille. 2005 erschien sein großer Roman Neue Leben, für den er in diesem Jahr mit dem Premio Grinzane Cavour geehrt wurde. Für seinen Erzählungsband Handy (2007) bekam er den Preis der Leipziger Buchmesse. Ingo Schulze ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt.

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