Die Haut - Malaparte, Curzio

Curzio Malaparte 

Die Haut

Roman

Aus d. Italien. v. Hellmut Ludwig
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Produktbeschreibung zu Die Haut

Neapel 1943: Als Verbindungsoffizier der Alliierten, die 1943 Neapel von den deutschen Besatzern befreiten, begleitet Malaparte die amerikanischen Truppen auf ihren Wegen durch die Stadt. Er wird zum Zeugen einer beispiellosen Verrohung unter der neapolitanischen Bevölkerung, die nur eines kennt: die eigene Haut zu retten. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Entstehen schockiert dieser Roman noch immer. Vom Vatikan auf den Index gesetzt, machte Die Haut ihren Verfasser weltberühmt.

Produktinformation


  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 443 S.
  • Seitenzahl: 448
  • Fischer Taschenbücher Bd.17411
  • Deutsch
  • Abmessung: 192mm x 125mm x 35mm
  • Gewicht: 326g
  • ISBN-13: 9783596174119
  • ISBN-10: 3596174112
  • Best.Nr.: 22812200
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 18.09.2009

Die Pest von Neapel
Matthias Habich liest Curzio Malapartes Roman „Die Haut”
Die Lebensmittel in Neapel sind teuer geworden in diesen Tagen. Aber dafür sinkt der Preis für Menschenfleisch stündlich. Das Kalenderblatt in der schummrigen Hotellobby, vor der die Stricherjungen ihre Zeit totschlagen, trägt das Jahr 1943. Die Amerikaner sind gekommen, um zu befreien, was in seinen Grundfesten zerstört ist. Statt Freiheit herrscht bald nur noch die moralische Pest in der Stadt. Dem jungen italienischen Verbindungsoffizier Malaparte, der amerikanische Militärs durch die Stadt führt, bietet sich ein nie da gewesenes Schauspiel menschlicher Niedrigkeiten: Hunger, Elend und Verzweiflung treiben die Bewohner des Landes, die sich nicht frei, sondern besiegt fühlen, in Prostitution, Menschenhandel und Verbrechen. Bei einem elfjährigem Mädchen darf man für zwei Dollar nachprüfen, ob sie wirklich noch Jungfrau ist, achtjährige Jungen werden auf dem Kindermarkt von ihren zahnlosen Müttern feilgeboten und gegen eine geringe Summe darf man einen „Neger” so lange misshandeln, wie man will.
Neapel ist zu Sodom und Gomorrha, zu einem „Haufen …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensentin Maike Albath ist bei der Lektüre dieses Romans über die Befreiung Italiens von den Deutschen 1943 immer wieder unangenehm berührt von der durchscheinenden faschistischen Grundierung der Weltsicht Malapartes. Andererseits zeigt sie sich fasziniert von der "dynamischen, neoexpressionistischen Sprache" sowie den "eindringlichen Metaphern". Doch aus ihrer Sicht fängt gerade der "schillernde Extremismus" den Epochenbruch so signifikant ein. Der Roman ist laut Albath eine "bizarre Chronik", bestehend aus zwölf "tableauartigen" Kapiteln. Überall sehe und beschreibe Malaparte "Verderbnis und Fäulnis", und leuchte "genussvoll" die Abgründe der menschlichen Existenz aus, der Ideale wenig gelten. Doch wird die Rezensentin durch das Panoptikum der Obszönitäten, die sie oft ins Surreale münden sieht, auch an Edgar Allen Poe und Hieronymus Bosch erinnert.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Malaparte (1898-1957) legt ein zeithistorisches Dokument vor, das ein Kunstwerk sein will. Das gelingt ihm auf großartige Weise. Ein Buch, mit dem man leben muss!" Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten, 1.04.06
Curzio Malaparte, 1898 in Prato, nahe Florenz geboren, starb 1957. Er arbeitete als Journalist u. a. bei La Voce, La Stampa und Corriere della Sera.

Leseprobe zu "Die Haut" von Curzio Malaparte

DIE PEST

Es waren die Tage der "Pest" in Neapel. Jeden Nachmittag um fünf Uhr, nach einer halben Stunde Punchingball und einer heißen Dusche in der Sporthalle der P.B.S., Peninsular Base Section, gingen Colonel Jack Hamilton und ich zu Fuß zur Piazza San Ferdinando hinab; mit den Ellbogen mußten wir uns einen Weg durch die Menschenmenge bahnen, die sich vom frühen Morgen bis zur abendlichen Sperrstunde lärmend auf der Via Toledo drängte.

Wir waren sauber gekleidet, gebadet, wohlgenährt, Jack und ich, inmitten dieser elenden, schmutzigen, verhungerten, in Lumpen gekleideten, fürchterlichen Volksmassen Neapels, die von den aus allen Rassen der Erde bestehenden Soldatenscharen der Befreierheere hin und her gestoßen und in allen Sprachen, in allen Dialekten der Welt beschimpft wurden. Die Ehre, als erste befreit zu werden, hatte das Schicksal, unter allen Völkern Europas, dem neapolitanischen Volke zuteil werden lassen: Und um eine so wohlverdiente Belohnung festlich zu begehen, hatten meine armen Neapolitaner nach drei Jahren Hunger, Seuchen, wütender Bombardements dem Vaterland zuliebe die heiß ersehnte und beneidete, ehrenvolle Aufgabe bereitwillig übernommen, die Rolle eines besiegten Volkes zu spielen, zu singen, in die Hände zu klatschen, vor Freude zwischen den Ruinen ihrer Häuser zu tanzen, fremde bis zum Vortage noch feindliche Fahnen zu schwenken und aus den Fenstern Blumen über die Sieger zu streuen.

Aber trotz der allgemeinen aufrichtigen Begeisterung gab es nicht einen einzigen Neapolitaner in ganz Neapel, der sich als Besiegter gefühlt hätte. Ich vermöchte nicht zu erklären, wie dieses seltsame Gefühl in der Volksseele entstanden war. Es stand außer Zweifel, daß Italien, und somit auch Neapel, den Krieg verloren hatte. Es ist sicher weit schwieriger, einen Krieg zu verlieren als ihn zu gewinnen. Einen Krieg gewinnen - das können alle, aber nicht alle sind fähig, ihn zu verlieren. Doch genügt es nicht, den Krieg zu verlieren, um das Recht zu haben, sich als besiegtes Volk zu fühlen. In ihrer von alters her überkommenen Weisheit, die aus der schmerzensvollen Erfahrung vieler Jahrhunderte gespeist wurde, und in ihrer aufrichtigen Bescheidenheit maßten sich meine armen Neapolitaner nicht das Recht an, sich als besiegtes Volk zu fühlen. Es war das ohne Zweifel ein schwerer Mangel an Takt. Aber konnten die Alliierten mit dem Anspruch auftreten, die Völker zu befreien und sie gleichzeitig zwingen, sich als Besiegte zu fühlen? Entweder frei oder besiegt. Es wäre ungerecht, dem neapolitanischen Volk einen Vorwurf daraus zu machen, wenn es sich weder frei noch besiegt fühlte.

Während ich neben Colonel Hamilton einherging, kam ich mir in meiner englischen Uniform erstaunlich lächerlich vor. Die Uniformen des italienischen Befreiungskorps waren alte englische khakifarbene Monturen, die vom britischen Oberkommando an Marschall Badoglio geliefert und intensivgrün, eidechsenfarben, umgefärbt worden waren, wohl um die Blutflecken und Durchschüsse zu überdecken. Es waren tatsächlich Uniformen, die man den vor El Alamein und Tobruk gefallenen britischen Soldaten abgenommen hatte. An meiner Jacke waren die Löcher von drei Maschinengewehr-Durchschüssen zu sehen. Mein Netzhemd, meine Bluse, meine Unterhose waren blutbefleckt. Selbst meine Schuhe stammten von der Leiche eines englischen Soldaten. Als ich sie das erstemal anzog, verspürte ich unter der Fußsohle ein Stechen. Ich dachte anfangs, daß sich im Schuh ein Stückchen Knochen des Toten festgesetzt habe. Es war ein Nagel. Es wäre wohl besser gewesen, wenn es sich wirklich um ein Stückchen Knochen des Gefallenen gehandelt hätte; es wäre viel leichter für mich gewesen, ihn zu entfernen. Ich brauchte eine halbe Stunde, um eine Zange aufzutreiben und den Nagel herauszuziehen. Man kann es nicht anders behaupten: Er hatte für uns wirklich gut geendet, dieser unsinnige Krieg. Er konnte sicherlich nicht besser enden. Unser Selbstgefühl als besiegte Soldaten war gerettet: Nunmehr kämpften wir an der Seite der Alliierten, um mit ihnen zusammen ihren Krieg zu gewinnen, nachdem wir den unseren verloren hatten; es war deshalb nur natürlich, daß wir in die Uniformen der von uns getöteten alliierten Soldaten gekleidet waren.

Als es mir endlich gelang, den Nagel zu entfernen und den Schuh anzuziehen, war die Kompanie, deren Führung ich übernehmen sollte, schon seit einer Weile im Hof der Kaserne angetreten. Die Kaserne war ein altes Kloster in der Gegend der Torretta, jenseits der Mergellina, im Laufe der Jahrhunderte und durch die Bombardements arg baufällig geworden. Der Hof in Form eines Kreuzganges war auf drei Seiten von einem Portikus mit mageren Säulen aus grauem Tuff umgeben, auf der vierten Seite von einer hohen gelben Mauer, bedeckt von Moderflecken und großen Marmortafeln, auf denen unter großen schwarzen Kreuzen lange Kolonnen von Namen eingemeißelt waren. Das Kloster war während einer früheren Cholera-Epidemie Lazarett gewesen, und dies waren die Namen der an der Cholera Gestorbenen. An der Mauer stand in großen schwarzen Buchstaben geschrieben: Requiescant in pace.

Oberst Palese wollte mich persönlich meinen Soldaten vorstellen, in einer jener traulichen Zeremonien, an denen alte Militärs so sehr hängen. Er war ein großer, hagerer Mann mit schlohweißen Haaren. Er drückte mir schweigend die Hand und seufzte wehmütig lächelnd. Die Soldaten - sie waren fast alle sehr jung und hatten sich gegen die Alliierten in Afrika und Sizilien gut geschlagen, und aus diesem Grunde hatten die Alliierten sie dazu ausgewählt, die Keimzelle des italienischen Befreiungskorps zu stellen - standen im Hofe angetreten, dort vor uns, und blickten auf mich. Sie trugen gleichfalls Uniformen, die man den vor El Alamein und Tobruk gefallenen englischen Soldaten abgenommen hatte, ihre Schuhe waren Schuhe von Toten. Ihre Gesichter waren bleich und abgezehrt, die Augen weiß und ohne Bewegung, aus einer weichen, trüben Materie gebildet. Sie blickten starr auf mich, ohne, schien es mir, mit den Wimpern zu zucken.

Oberst Palese gab ein Zeichen mit dem Kopf, und der Feldwebel brüllte: "Kompanie, stillgestanden!" Der Blick der Soldaten ruhte schwer auf mir, mit der schmerzlichen Intensität des Blicks einer toten Katze. Ihre Gliedmaßen wurden regungslos, sie erstarrten im Stillgestanden. Die Hände, die die Gewehre preßten, waren weiß und blutleer: Die schlaffe Haut der Fingerspitzen hing herab wie das Leder eines zu weiten Handschuhs.

Oberst Palese ergriff das Wort und sprach: "Ich stelle euch euren neuen Hauptmann vor ...", und während er sprach, betrachtete ich diese italienischen Soldaten in ihren den englischen Gefallenen abgenommenen Uniformen, betrachtete die blutleeren Hände, die bleichen Lippen, die weißen Augen. Verschiedentlich, an der Brust, am Leib, an den Beinen wiesen ihre Uniformen schwarze Blutflecken auf. Plötzlich bemerkte ich mit Entsetzen, daß diese Soldaten tot waren. Sie dünsteten einen bleichen Geruch nach moderndem Stoff aus, nach faulendem Leder, nach in der Sonne dörrendem Fleisch. Ich sah Oberst Palese an, er war gleichfalls tot. Die Stimme, die von seinen Lippen kam, war feucht, kalt, klebrig, wie jene gräßlichen Gurgeltöne, die aus dem Munde eines Toten dringen, wenn man ihm mit der Hand auf den Magen drückt.

"Lassen Sie rühren", sagte Oberst Palese zu dem Feldwebel, als er seine kurze Ansprache beendet hatte. "Kompanie, rührt euch!", brüllte der Unteroffizier. Die Soldaten ließen sich, den linken Fuß wegsetzend, in eine lässige und müde Haltung gleiten und betrachteten mich mit weichem, abwesendem Blick. "Und jetzt", sagte Oberst Palese, "wird euer neuer Hauptmann kurz zu euch sprechen." Ich öffnete die Lippen, und ein entsetzliches Gurgeln drang mir aus dem Mund, es waren spröde, schwerfällige, schlaffe Worte. Ich sprach: "Wir sind die Freiwilligen der Freiheit, die Soldaten des neuen Italien. Wir müssen die Deutschen bekämpfen, sie aus unserem Hause jagen, sie über unsere Grenzen zurückwerfen. Die Blicke aller Italiener sind auf euch gerichtet: Wir müssen die in den Schmutz gesunkene Fahne wieder emporheben, müssen allen ein Beispiel in dieser Schmach sein, uns der Stunde, die heute schlägt, und der Aufgabe, die das Vaterland uns anvertraut, würdig erweisen." Als ich geendet hatte, sprach Oberst Palese zu den Soldaten: "Jetzt wird einer von euch wiederholen, was euer Hauptmann gesagt hat. Ich will sicher sein, daß ihr es verstanden habt. Du", sagte er, auf einen Soldaten deutend, "wiederhole, was euer Hauptmann gesagt hat."

Der Soldat schaute mich an, er war bleich und hatte die blutleeren, dünnen Lippen eines Toten. Er sprach langsam, mit einem gräßlichen Gurgeln in der Stimme: "Wir müssen uns der Schmach und Schande Italiens würdig erweisen."

Oberst Palese trat zu mir heran, sagte mit leiser Stimme: "Die haben begriffen", und entfernte sich schweigend. Unter seiner linken Achsel breitete sich ein schwarzer Blutfleck langsam über das Tuch der Uniform aus. Ich betrachtete diesen sich allmählich vergrößernden Blutfleck, folgte mit den Augen diesem alten italienischen Oberst in seiner Uniform eines gefallenen Engländers, ich schaute ihm nach, wie er sich langsam unter dem Knirschen seiner einem toten englischen Soldaten abgenommenen Stiefel entfernte, und der Name Italiens hinterließ mir einen üblen Geschmack im Munde wie ein Stück verdorbenen Fleisches.

"This bastard people", zischte Colonel Hamilton zwischen den Zähnen, während er sich einen Weg durch die Menge bahnte.

"Weshalb sprichst du so, Jack?"

Gegenüber dem Augusteum angelangt, bogen wir gewohnheitsmäßig, jeden Tag, in die Via Santa Brigida ein, wo sich die Menge nicht so drängte, und blieben einen Augenblick stehen, um wieder zu Atem zu kommen.

"This bastard people", sagte Jack, indem er seine in dem fürchterlichen Gedränge verzerrte Uniform in Ordnung brachte.

"Don't say that, sprich nicht so, Jack."

"Why not? This bastard, dirty people."

"Oh, Jack! Ich bin auch ein Bastard, ich bin auch ein schmutziger Italiener. Aber ich bin stolz darauf, ein schmutziger Italiener zu sein. Es ist nicht unsere Schuld, wenn wir nicht in Amerika geboren sind. Ich bin sicher, daß wir ein bastard, dirty people auch sein würden, wenn wir in Amerika geboren wären. Don't you think so, Jack?"

"Don't worry, Malaparte", sagte Jack, "sei mir nicht böse. Life is wonderful."

"Ja, das Leben ist etwas Herrliches, Jack, ich weiß, es. Aber sprich nicht so, don't say that."

"Sorry", sagte Jack und schlug mir auf die Schulter, "ich wollte dich nicht kränken. Man sagt halt so. I like Italian people. I like this bastard, dirty, wonderful people."

"Ich weiß, Jack, daß du diesem armen, unglücklichen, wunderbaren Volk wohlwillst. Kein Volk auf Erden hat so viel gelitten wie das neapolitanische Volk. Es erduldet Hunger und Knechtschaft seit zwanzig Jahrhunderten und klagt nicht. Es flucht niemandem, haßt niemanden: nicht einmal sein Elend. Christus war Neapolitaner."

"Red kein dummes Zeug", sagte Jack.

"Das ist kein dummes Zeug. Christus war Neapolitaner."

"Was hast du heute, Malaparte?" fragte Jack und sah mich mit seinen gutmütigen Augen an.

"Nichts. Was soll ich haben?"

"Du bist finsterer Stimmung", sagte Jack.

"Weshalb sollte ich schlechter Stimmung sein?"

"I know you, Malaparte. Du bist schlecht gelaunt heute."

"Ich bin traurig wegen Cassino, Jack."

"Zum Teufel mit Cassino, the hell with Cassino."

"Ich bin traurig, wirklich traurig über das, was bei Cassino vorgeht."

"The hell with you", sagte Jack.

"Es ist wirklich ein Jammer, daß es euch bei Cassino so schlecht ergeht."

"Shut up, Malaparte."

"Sorry. Ich wollte dich nicht kränken, Jack. I like Americans. I like the pure, the clean, the wonderful American people."

"Ich weiß, Malaparte. Ich weiß, daß du die Amerikaner gern hast. But, take it easy, Malaparte. Life is wonderful."

"Zum Teufel mit Cassino, Jack."

"Oh yes. Zum Teufel mit Neapel, Malaparte, the hell with Naples."

Ein seltsamer Geruch hing in der Luft. Es war nicht der Geruch, der gegen Sonnenuntergang aus den Gassen um den Toledo, von der Piazza delle Carrette, von Santa Teresella degli Spagnoli herabdringt. Es war nicht der Geruch der Fischbratereien, der Weinschenken, der aus einem Eck geteerter Hausmauer bestehenden Bedürfnisanstalten im Gewühl der stinkenden finsteren Gassen der volkreichen Viertel, oberhalb der Via Toledo nach San Martino hinauf. Es war nicht jener bleiche, dumpfe, klebrige Geruch aus tausend Ausdünstungen, "de mille délicates puanteurs", wie Jack sagte, den die an den Tabernakeln der Gassenecken, zu Füßen der Jungfrau aufgehäuften, verwelkten Blumen zu bestimmten Tagesstunden über die ganze Stadt hin ausbreiten. Es war nicht der Geruch des Scirocco nach Schafkäse und verdorbenem Fisch. Es war auch nicht jener Geruch nach gesottenem Fleisch, der aus den Bordellen gegen Abend sich über Neapel legt, jener Geruch, "sombre comme une aisselle, pleine d'une ombre chaude vaguement obscène", aus dem Jean Paul Sartre, während er eines Tages die Via Toledo hinabging, die "parenté immonde de l'amour et de la nourriture" herausspürte. Nein, es war nicht jener Geruch nach gesottenem Fleisch, der zur Stunde des Sonnenuntergangs über Neapel hängt, "quand la chair des femmes a l'air bouillie sous la crasse". Es war ein Geruch von außerordentlicher Reinheit und Leichtigkeit: mager, schwebend, durchscheinend, ein Geruch nach staubendem Meer, nach salziger Nacht, ein Geruch nach einem alten Wald aus Bäumen von Pappe und Leim.

In Scharen zogen zerzauste, geschminkte Frauen, von Gruppen bleichhändiger Negersoldaten gefolgt, die Via Toledo auf und nieder, spalteten die Menschenmenge mit ihrem schrillen Geschrei: "Ehi, Joe! Ehi, Joe!" An den Ecken der Seitengassen standen in langen Reihen, eine jede hinter der Rückenlehne eines Stuhles, die "capere", die dienstbereiten Frisiermädchen. Auf diesen Stühlen saßen, den Kopf mit geschlossenen Augen auf die Lehne zurückgebogen, oder vornüber auf die Brust geneigt, athletische Neger mit kleinem, rundem Kopf, mit ihren hellgelben Schuhen, leuchtend wie die Füße der vergoldeten Engelsstatuen in der Kirche Santa Chiara; die Capere, zeternd, einander mit schneidender, seltsam gutturaler Stimme zuschreiend, singend oder unter äußerstem Stimmaufwand mit den an Fenstern und Balkonen wie in einer Theaterloge lehnenden Gevatterinnen streitend, tauchten ihre Kämme in das wollige gekräuselte Negerhaar, zogen mit beiden Händen zupackend die Kämme zu sich hin, spuckten auf die Zinken, um sie leichter gleiten zu machen, gossen sich Ströme von Brillantine auf die Handteller, striegelten und glätteten den wilden Haarwuchs der Patienten wie die Masseusen.

Gruppen zerlumpter Gassenjungen, vor ihren mit Splittern von Perlmutt, von Seemuscheln und Spiegelscherben überzogenen Holzkästen kniend, trommelten mit den Kanten ihrer Bürsten auf die Kästendeckel, ununterbrochen schreiend: "Sciuscià! Schuschà! Shoe-shine! Shoe-shine!" und packten indessen im Fluge mit der fleischlosen, gierigen Hand nach einem Hosenbein der Negersoldaten, die, in den Hüften sich wiegend, vorüberschlenderten. Die Marokkaner kauerten gruppenweise längs der Hauswände, in ihre dunklen Mäntel gehüllt, in den blatternarbigen Gesichtern blinkten die gelben Augen aus den dunklen, runzligen Augenhöhlen; mit fiebernden Nüstern schnoberten sie den mageren Geruch aus der staubigen Luft.

Häßliche, zerlumpte Frauen, mit bemalten Lippen, mit abgezehrten, schminkeverkrusteten Wangen, abscheuerregend und erbarmungswürdig, standen an den Straßenecken herum und boten den Vorübergehenden ihre traurige Ware feil: Knaben und Mädchen von acht bis zehn Jahren, denen die Marokkaner, Inder, Algerier, Madagassen prüfend unter die Kleider tasteten oder mit der Hand zwischen die Knöpfe der kleinen Hosen griffen. Die Frauen priesen gellend an: "Two dollars the boys, three dollars the girls!"

"Sei ehrlich: Möchtest du so ein Mädchen zu drei Dollar?" fragte ich Jack.

"Shut up, Malaparte."

"Das ist gar nicht teuer, ein Mädchen für drei Dollar. Ein Kilo Lammfleisch kostet sehr viel mehr. Ich glaube bestimmt, daß ein Mädchen in London oder New York mehr als hier kostet, nicht wahr, Jack?"

"Tu me dégoûtes", sagte Jack.

"Drei Dollar, das sind kaum dreihundert Lire. Wieviel mag ein Mädchen von acht oder zehn Jahren wiegen? Fünfundzwanzig Kilo? Bedenke, daß ein Kilo Lamm auf dem Schwarzen Markt fünfhundertfünfzig Lire kostet! Das sind fünf Dollar und fünfzig Cents."

"Shut up!" schrie Jack.

Die Preise für Mädchen und Jungen waren seit ein paar Tagen gefallen und sanken noch weiter. Während die Preise für Zucker, für Öl, für Mehl, Fleisch, Brot gestiegen waren und immer weiter anzogen, sank der Preis für menschliches Fleisch von Tag zu Tag. Ein Mädchen zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren, das vor einer Woche bis zu zehn Dollar wert gewesen war, kostete jetzt kaum vier Dollar, Knochen inbegriffen. Der Grund für einen derartigen Preissturz des Menschenfleisches auf dem Neapolitaner Markt lag wohl in der Tatsache, daß in Neapel Frauen aus allen Gegenden Süditaliens zusammenströmten. Während der letzten Wochen hatten die Großhändler einen starken Posten sizilianischer Frauen auf den Markt geworfen. Es war nicht lauter frisches Fleisch, aber die Spekulanten wußten, daß Negersoldaten einen raffinierten Geschmack haben und dem nicht mehr ganz frischen Fleisch den Vorzug geben. Wie dem auch sei, das sizilianische Fleisch war nicht mehr gefragt, und sogar die Neger lehnten es schließlich ab: Neger machen sich nichts aus weißen Frauen, wenn sie allzu schwarz sind. Aus Calabrien, aus Apulien, aus der Basilicata, aus dem Molise kamen jeden Tag, auf Karren, die mit armen klapprigen Eselchen bespannt waren, auf Lastwagen der Alliierten und zum größten Teil zu Fuß, Scharen gesunder, kräftiger Mädchen nach Neapel, fast alle vom Land, von der magischen Kraft des Goldes angelockt. Und so waren die Preise für Menschenfleisch auf dem Neapolitaner Markt ins Rutschen geraten, und man war in Sorge, daß dies ernste Folgen für das gesamte Wirtschaftsleben der Stadt haben könne. Nie hatte man ähnliches gesehen, in Neapel. Es war eine Schande, sicherlich, eine Schande, über die der größte Teil des braven neapolitanischen Volkes errötete. Aber weshalb erröteten nicht auch die alliierten Behörden, die doch die Herren von Neapel waren? Zum Ausgleich war Negerfleisch im Preise gestiegen, und diese Tatsache trug, glücklicherweise, dazu bei, ein gewisses Gleichgewicht auf dem Markt wiederherzustellen.

"Wieviel kostet heute Negerfleisch?" fragte ich Jack.

"Shut up", antwortete Jack.

"Stimmt es, daß das Fleisch eines schwarzen Amerikaners mehr kostet als das eines weißen Amerikaners?"

"Tu m'agaces", antwortete Jack.

Ich hatte bestimmt nicht die Absicht, Jack zu beleidigen, noch auch nur ihn aufzuziehen, und auch nicht, es an Achtung gegenüber dem amerikanischen Heere fehlen zu lassen, the most lovely, the most kind, the most respectable army in the world. Was ging es mich schon an, wenn das Fleisch eines schwarzen Amerikaners mehr kostete als das eines weißen Amerikaners? Ich mag die Amerikaner gern, was immer auch ihre Hautfarbe sein mag, und ich habe es hundertmal während des Krieges bewiesen. Weiße oder Schwarze, ihre Seele ist hell, sehr viel heller als die unsere. Ich mag die Amerikaner gern, weil sie gute Christenmenschen sind, aufrichtige Christenmenschen. Weil sie glauben, daß Christus immer auf der Seite derjenigen sei, die recht haben. Weil sie glauben, daß es eine Schuld ist, unrecht zu haben, daß es unmoralisch ist, unrecht zu haben. Weil sie glauben, daß sie allein Ehrenmänner sind, und daß alle Völker Europas, mehr oder weniger, unredlich sind. Weil sie glauben, daß ein besiegtes Volk ein Volk von Schuldigen ist, daß die Niederlage eine moralische Verurteilung ist, ein Akt der göttlichen Gerechtigkeit.

Ich mag die Amerikaner gern, aus diesen und aus vielen anderen Gründen, von denen ich nicht spreche. Ihr Sinn für Menschlichkeit, ihre Großzügigkeit, die Ehrlichkeit und reine Einfalt ihrer Ideen, ihrer Empfindungen, die Aufrichtigkeit ihres Gebarens gaben mir in diesem schrecklichen Herbst 1943, der so voller Demütigungen und trauriger Begebnisse für mein Volk war, die Illusion, daß die Menschen das Böse hassen, gaben mir die Hoffnung auf ein besseres Menschsein, die Gewißheit, daß nur die Güte - die Güte und Unschuld dieser prächtigen Jungens von jenseits des Atlantik, die in Europa gelandet waren, um die Bösewichter zu bestrafen und die Guten zu belohnen - die Völker wie den Einzelmenschen von ihren Sünden erlösen könne.

Unter all meinen amerikanischen Freunden war mir der Oberst im Generalstab Jack Hamilton der liebste. Jack war ein Mann von achtunddreißig Jahren, groß, hager, bleich, elegant, von wohlbeherrschten, beinahe europäischen Umgangsformen. Anfangs wirkte er vielleicht mehr wie ein Europäer als wie ein Amerikaner, aber das war nicht der Grund, weshalb ich ihm zugetan war; und zugetan war ich ihm wie einem Bruder. Doch trat nach und nach, je besser man ihn kennenlernte, sein amerikanisches Wesen klar und entscheidend hervor. Er war in Südkarolina geboren - "ich hatte als Amme", sagte Jack, "une negresse par un démon secouée" -, aber er war nicht nur das, was man in Amerika unter einem Mann aus dem Süden versteht. Er war von gebildeter, raffinierter Geistigkeit, und gleichzeitig in einer fast kindlichen Weise simpel und unschuldig naiv. Er war, will ich damit sagen, Amerikaner im vornehmsten Sinne des Wortes; einer der achtungswürdigsten Menschen, die mir in meinem Leben begegnet sind. Er war ein christian gentleman. Ach, wie schwer ist das auszudrücken, was ich unter einem christian gentleman verstanden wissen will. Alle diejenigen, welche die Amerikaner kennen und lieben, begreifen, was ich zu verstehen geben will, wenn ich sage, daß das amerikanische Volk ein christliches Volk ist, und daß Jack ein christian gentleman war.

Jack hatte seine Erziehung in der Woodberry Forest School und an der Universität von Virginia genossen und sich mit gleicher Liebe den lateinischen und griechischen Studien wie dem Sport gewidmet, sich mit gleichem Vertrauen in die Hände des Horaz, des Vergil, des Simonides und Xenophon, wie in die der Masseure der Universitäts-Sporthallen begeben. Er war 1928 Sprinter des American Olympic Track Team in Amsterdam gewesen und stolzer auf seine olympischen Siege als auf seine akademischen Titel. Nach 1929 hatte er mehrere Jahre für die United Press in Paris zugebracht, und er war sehr stolz auf sein nahezu vollendetes Französisch.

"Ich habe mein Französisch von den Klassikern", sagte Jack, "meine französischen Lehrmeister waren La Fontaine und Madame Bonnet, die Hausmeisterin meiner Wohnung in der Rue Vaugirard. Findest du nicht, daß ich rede wie die Fabeltiere La Fontaines? Von ihm lernte ich, qu'un chien peut bien regarder un évêque."

"Und nach Europa bist du gekommen", sagte ich zu ihm, "um so etwas zu lernen? Auch in Amerika un chien peut bien regarder un évêque."

"Oh non", entgegnete Jack, "en Amerique ce sont les évêques qui peuvent regarder les chiens."

Jack kannte auch gut, was er "la banlieue de Paris" nannte, das heißt Europa. Er hatte die Schweiz, Belgien, Deutschland, Schweden bereist, mit jener humanistischen Gesinnung, jenem Erkenntnisdrang, mit dem die englischen "undergraduates", vor der Reform des Doktor Arnold, während ihrer sommerlichen "Grand tour" Europa zu bereisen pflegten. Von diesen seinen Reisen war Jack mit einigen Manuskripten nach Amerika zurückgekehrt, darunter einem Essay über den Geist der europäischen Kultur und einer Studie über Descartes, was ihm die Ernennung zum Professor der Literaturwissenschaft an einer großen amerikanischen Universität eintrug. Doch sind die akademischen Lorbeeren auf der Stirn eines Athleten nicht von dem gleichen Grün wie die olympischen: Und es ließ Jack nicht ruhen, daß ein Muskelriß am Knie ihm nicht mehr gestattete, bei den internationalen Wettkämpfen für das Sternenbanner zu laufen. Um sich über dieses Unglück hinwegzutrösten, begab sich Jack, seinen geliebten Vergil oder seinen teuren Xenophon zu lesen, in die Garderoberäume der Sporthalle seiner Universität, zu jenem Geruch nach Gummi, nach feuchten Handtüchern, nach Seife und Linoleum, der in den angelsächsischen Ländern der eigentümliche Geruch klassischer Universitätsbildung ist.

In Neapel überraschte ich ihn eines Morgens in dem zu dieser Stunde noch leeren Umkleideraum der Sporthalle der Peninsular Base Section, wie er sich in die Lektüre Pindars vertieft hatte. Er sah mich an und lächelte, leicht errötend. Er fragte mich, ob ich Pindars Dichtung liebe. Und fügte hinzu, daß man in Pindars Oden zu Ehren der olympischen Sieger nicht die ausdauernde harte Mühe des Trainings spüre, daß in diesen göttlichen Versen der Beifallslärm der Volksmenge und das Triumphgeschrei widerhalle, doch nicht das ächzende Pfeifen und unterdrückte Stöhnen, das sich bei äußerster übermenschlicher Anstrengung den Lippen der Athleten entringt. "Ich verstehe mich darauf", sagte er, "ich weiß, was die letzten zwanzig Meter bedeuten. Pindar ist kein moderner Dichter, er ist ein englischer Dichter der viktorianischen Epoche."

Obgleich er Horaz und Vergil wegen ihrer melancholischen, sublimen Gelassenheit allen anderen Dichtern vorzog, hatte er für die griechische Dichtung, für das antike Griechenland die dankbare Empfindung nicht eines Schülers, sondern eines Sohnes. Er kannte ganze Gesänge der "Ilias" auswendig, und Tränen traten ihm in die Augen, wenn er, auf griechisch, die Hexameter der "Leichenspiele zu Ehren des Patroklos" deklamierte. Als wir eines Tages am Volturno-Ufer saßen, an der Baily-Bridge bei Capua, und darauf warteten, daß der Sergeant, als Brückenposten, uns das Zeichen zur Weiterfahrt gebe, unterhielten wir uns über Winckelmann und den Begriff des Schönen bei den alten Griechen. Ich weiß noch, wie Jack mir gestand, daß er den finsteren, todestraurigen, geheimnisvollen Gestalten des archaischen, rohen und barbarischen oder, wie er sagte, des gotischen Hellas die heiteren, harmonischen, lichten Gestalten des hellenistischen, jugendlichen, geistreichen, "modernen" Griechenlands vorziehe, das er als ein französisches Griechenland, ein Griechenland des 18. Jahrhunderts bezeichnete. Und da ich ihn fragte, welches nach seinem Urteil das amerikanische Griechenland gewesen sei, antwortete er lachend: "das Griechenland Xenophons"; und er begann lächelnd, ein eigenartiges und geistvolles Porträt Xenophons als "eines virginischen Edelmanns" zu zeichnen, das eine verkappte Satire, in der Art Doktor Johnsons, auf gewisse Hellenisten der Bostoner Schule war.

Jack hatte für die Bostoner Hellenisten nur unnachsichtige spöttische Verachtung. Eines Morgens fand ich ihn unter einem Baume sitzend, ein Buch auf den Knien, neben einer der schweren Batterien an der Cassino-Front. Es waren die trüben Tage der Cassino-Schlacht. Es regnete, seit zwei Wochen tat es nichts als regnen. Lastwagen-Kolonnen brachten amerikanische Soldaten, in weiße Tücher aus grobem Leinen eingenäht, zu den kleinen Soldatenfriedhöfen, die längs der Via Appia und der Via Casilina entstanden. Um die Seiten seines Buches vor dem Regen zu schützen - es war eine Chrestomathie griechischer Dichtung aus dem 18. Jahrhundert, in weiches Leder gebunden, mit Goldschnitt, das ihm der gute Gaspare Casella, der bekannte neapolitanische Verleger und Antiquar, der Freund Anatole Frances, geschenkt hatte -, saß Jack vornübergebeugt, das kostbare Buch mit den Zipfeln seines Regenmantels bedeckend.

Ich entsinne mich, daß er mir lächelnd sagte, Simonides werde in Boston nicht als großer Dichter anerkannt. Und er setzte hinzu, Emerson behaupte in seiner Grabrede auf Thoreau, daß "his classic poem on Smoke suggests Simonides, but is better than any poem of Simonides". Er lachte herzlich, als er meinte: "Ah, ces gens de Boston! Tu vois ça? Thoreau ist in Boston größer als Simonides!" und dabei lief ihm der Regen in den Mund und vermischte sich mit seinen Worten und seinem Lachen.

Sein amerikanischer Lieblingsdichter war Edgar Allan Poe. Mitunter, wenn er etwas mehr Whisky als gewöhnlich getrunken hatte, geschah es ihm, daß er die Verse von Horaz mit denen Poes verwechselte und vermengte, und er wunderte sich höchlichst, Annabell Lee und Lydia in ein und derselben Strophe zu begegnen. Oder es unterlief ihm eine Verwechslung des "Sprechenden Blattes" der Madame de Sévigné mit einem der sprechenden Tiere La Fontaines.

"Es war kein Tier", sagte ich zu ihm, "es war ein Blatt, das Blatt eines Baumes."

Und ich zitierte ihm die Stelle aus jenem Brief, in dem Madame de Sévigné den Wunsch äußerte, daß sich in ihrem Park in der Bretagne ein sprechendes Blatt finden möchte.

"Aber das ist absurd", meinte Jack, "ein Blatt, das spricht! Ein Tier, das versteht man - aber ein Blatt!"

"Um Europa zu verstehen", sagte ich, "ist cartesianische Vernunft nichts nütze. Europa ist ein mysteriöses Land, voll undurchdringlicher Geheimnisse."

"Ah, Europa! Was für ein erstaunliches Land!" rief Jack, "ich brauche Europa, um mich als Amerikaner zu fühlen."

Doch war Jack keiner dieser "Americains de Paris", denen man auf jeder Seite in Hemingways Erzählung "Fiesta" begegnet, die um 1925 das "Select" von Montparnasse bevölkerten, die Ford Madox Ford's Teenachmittage und Sylvia Beach's Library verschmähten, und von denen Sinclair Lewis mit Bezug auf gewisse Gestalten Eleanor Green's sagt, daß "sie wie intellektuelle Flüchtlinge der Rive Gauche um 1925 wirkten oder wie T. S. Eliot, Ezra Pound oder Isadora Duncan, iridescent flies caught in the black web of an ancient and amoral European culture". Jack gehörte auch nicht in die Reihe der dekadenten Jünglinge von jenseits des Atlantik, die sich um die amerikanische Zeitschrift "Transition" sammelten, welche um das Jahr 1925 in Paris erschien. Nein, Jack war weder ein "déraciné" noch ein "décadent": Er war ein in Europa verliebter Amerikaner.

Er empfand für Europa eine Hochachtung, die aus Liebe und Bewunderung zusammengesetzt war. Aber trotz seiner Bildung und trotz seines liebevollen Verständnisses für unsere Tugenden und unsere Schwächen hatte auch er wie fast alle Amerikaner einen Anflug von Minderwertigkeitskomplex Europa gegenüber, der sich nicht so sehr in der Unfähigkeit äußerte, unser Elend und unsere Schmach zu verstehen und zu verzeihen, als in der Furcht vor dem Verstehen, in der Schmach vor dem Verstehen. Bei Jack trat dieser "inferiority complex", diese Arglosigkeit, diese wundervolle Schamhaftigkeit vielleicht offener zutage als bei vielen anderen Amerikanern. So oft er in einer Gasse Neapels, in einem Dorfe um Capua, um Caserta, oder auf der Straße nach Cassino irgendeinem betrüblichen Zeugnis unseres Elends, unserer physischen und moralischen Erniedrigung, unserer Verzweiflung - des Elends, der Erniedrigung und Verzweiflung nicht Neapels oder Italiens allein, sondern ganz Europas - gegenüberstand, errötete Jack.

Und weil er in dieser Art erröten konnte, deshalb liebte ich Jack wie einen Bruder. Für diese so zutiefst, so echt amerikanische erstaunliche Schamhaftigkeit war ich Jack dankbar, und allen GIs des Generals Clark, allen Kindern, allen Frauen, allen Männern Amerikas.

Dieses Amerika, dieser leuchtende, so ferne Horizont, dies unerreichbare Gestade, dieses glückliche, verbotene Land! Zuweilen sagte er errötend bei dem Versuch, seine Beschämung zu verbergen: "this bastard dirty people"; es geschah dann, daß ich auf sein Erröten sarkastisch reagierte, mit bitteren Worten, voll schmerzlichen, bösen Lachens, was ich sofort bereute, und was mich die ganze Nacht über innerlich bedrückte. Er hätte es vielleicht lieber gesehen, wenn ich zu weinen begonnen hätte: Meine Tränen wären ihm sicherlich natürlicher erschienen als mein Sarkasmus, weniger grausam als meine Bitterkeit. Doch hatte ich ebenfalls etwas zu verbergen. Selbst wir in diesem unserem elenden Europa empfinden Furcht und Scham vor unserer Beschämung.

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Curzio Malaparte 

Die Haut

Die Haut - Malaparte, Curzio

Roman

Aus d. Italien. v. Hellmut Ludwig

  • Einband: Kartoniert/Broschiert
  • Broschiertes Buch 
 
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Produktinformation
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 443 S.
  • Seitenzahl: 448
  • Fischer Taschenbücher Bd.17411
  • Deutsch
  • Abmessung: 192mm x 125mm x 35mm
  • Gewicht: 326g
  • ISBN-13: 9783596174119
  • ISBN-10: 3596174112
  • Best.Nr.: 22812200

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Produktbeschreibung zu "Die Haut"

Beschreibung

Neapel 1943: Als Verbindungsoffizier der Alliierten, die 1943 Neapel von den deutschen Besatzern befreiten, begleitet Malaparte die amerikanischen Truppen auf ihren Wegen durch die Stadt. Er wird zum Zeugen einer beispiellosen Verrohung unter der neapolitanischen Bevölkerung, die nur eines kennt: die eigene Haut zu retten. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Entstehen schockiert dieser Roman noch immer. Vom Vatikan auf den Index gesetzt, machte Die Haut ihren Verfasser weltberühmt.

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DIE PEST

Es waren die Tage der "Pest" in Neapel. Jeden Nachmittag um fünf Uhr, nach einer halben Stunde Punchingball und einer heißen Dusche in der Sporthalle der P.B.S., Peninsular Base Section, gingen Colonel Jack Hamilton und ich zu Fuß zur Piazza San Ferdinando hinab; mit den Ellbogen mußten wir uns einen Weg durch die Menschenmenge bahnen, die sich vom frühen Morgen bis zur abendlichen Sperrstunde lärmend auf der Via Toledo drängte.

Wir waren sauber gekleidet, gebadet, wohlgenährt, Jack und ich, inmitten dieser elenden, schmutzigen, verhungerten, in Lumpen gekleideten, fürchterlichen Volksmassen Neapels, die von den aus allen Rassen der Erde bestehenden Soldatenscharen der Befreierheere hin und her gestoßen und in allen Sprachen, in allen Dialekten der Welt beschimpft wurden. Die Ehre, als erste befreit zu werden, hatte das Schicksal, unter allen Völkern Europas, dem neapolitanischen Volke zuteil werden lassen: Und um eine so wohlverdiente Belohnung festlich zu begehen, hatten meine armen Neapolitaner nach drei Jahren Hunger, Seuchen, wütender Bombardements dem Vaterland zuliebe die heiß ersehnte und beneidete, ehrenvolle Aufgabe bereitwillig …

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Detailinfo

18.09.2009

Die Pest von Neapel
Matthias Habich liest Curzio Malapartes Roman „Die Haut”
Die Lebensmittel in Neapel sind teuer geworden in diesen Tagen. Aber dafür sinkt der Preis für Menschenfleisch stündlich. Das Kalenderblatt in der schummrigen Hotellobby, vor der die Stricherjungen ihre Zeit totschlagen, trägt das Jahr 1943. Die Amerikaner sind gekommen, um zu befreien, was in seinen Grundfesten zerstört ist. Statt Freiheit herrscht bald nur noch die moralische Pest in der Stadt. Dem jungen italienischen Verbindungsoffizier Malaparte, der amerikanische Militärs durch die Stadt führt, bietet sich ein nie da gewesenes Schauspiel menschlicher Niedrigkeiten: Hunger, Elend und Verzweiflung treiben die Bewohner des Landes, die sich nicht frei, sondern besiegt fühlen, in Prostitution, Menschenhandel und Verbrechen. Bei einem elfjährigem Mädchen darf man für zwei Dollar nachprüfen, ob sie wirklich noch Jungfrau ist, achtjährige Jungen werden auf dem Kindermarkt von ihren zahnlosen Müttern feilgeboten und gegen eine geringe Summe darf man einen „Neger” so lange misshandeln, wie man will.
Neapel ist zu Sodom und Gomorrha, zu einem „Haufen fauligen …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

10.06.2006

Rezensentin Maike Albath ist bei der Lektüre dieses Romans über die Befreiung Italiens von den Deutschen 1943 immer wieder unangenehm berührt von der durchscheinenden faschistischen Grundierung der Weltsicht Malapartes. Andererseits zeigt sie sich fasziniert von der "dynamischen, neoexpressionistischen Sprache" sowie den "eindringlichen Metaphern". Doch aus ihrer Sicht fängt gerade der "schillernde Extremismus" den Epochenbruch so signifikant ein. Der Roman ist laut Albath eine "bizarre Chronik", bestehend aus zwölf "tableauartigen" Kapiteln. Überall sehe und beschreibe Malaparte "Verderbnis und Fäulnis", und leuchte "genussvoll" die Abgründe der menschlichen Existenz aus, der Ideale wenig gelten. Doch wird die Rezensentin durch das Panoptikum der Obszönitäten, die sie oft ins Surreale münden sieht, auch an Edgar Allen Poe und Hieronymus Bosch erinnert.

© Perlentaucher Medien GmbH

Rezension

"Malaparte (1898-1957) legt ein zeithistorisches Dokument vor, das ein Kunstwerk sein will. Das gelingt ihm auf großartige Weise. Ein Buch, mit dem man leben muss!" Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten, 1.04.06

Autorenporträt zu "Curzio Malaparte"

Curzio Malaparte, 1898 in Prato, nahe Florenz geboren, starb 1957. Er arbeitete als Journalist u. a. bei La Voce, La Stampa und Corriere della Sera.

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