Leseprobe zu "Siefer, Ich (eBook)" von Christian Weber; Werner Siefer
Kapitel 3 Wissenschaftler in Windeln (S. 61-62)
Babys entdecken die Welt und sich selbst
Isabella hat ein kleines, hübsches Mondgesicht. Auf ihrem winzigen Körper sitzt ein etwas zu großes Köpfchen, in dessen Gesicht sich pralle runde Pausbäckchen wölben. Jeder Augenaufschlag scheint das sieben Monate alte Mädchen Mühen zu kosten, und so wackelt sie unkoordiniert, statt sich kontrolliert zu bewegen. Isabella erweckt so nicht den Eindruck, auch nur irgendetwas zu kapieren, was um sie herum passiert, wären da nicht ihre wachen Augen und die einem Fernsehstudio ähnelnde Umgebung Das Kind sitzt vor einem Videoschirm mit einem Eye-Tracker, wie er zum Beispiel Marktforschern dient, die Wirkung ihrer Werbefilme zu diagnostizieren. Das Gerät hält fest, wie sich die Augen des niedlichen Saugnapfs in jedem Moment bewegen. Mehrere Kameras in dem dezent mit taubenblauen Vorhängen ausgekleideten Raum übertragen außerdem das wirr wirkende Hampeln des Babys ins Nebenzimmer. Dort, abgetrennt durch einen halbdurchsichtigen Spiegel und schallisoliert, ist eine Art Regie aufgebaut: mehrere Bildschirme, ein Pult mit Reglern, Aufzeichnungsgeräte, ein helfender Techniker, der dafür alles funktioniert.
»Schau mal!«, fordert die Stimme aus dem Lautsprecher die in Windeln verpacke Probandin auf. Doch das wäre gar nicht nötig gewesen. Ganz gespannt ist der kleine Körper im Kindersitz plötzlich, als Isabella den eingespielten Videofilm verfolgt; ihre Augen sind blau, klar, wach, lebendig und voller Neugier. Die Mutter hockt unterdessen auf einem Stuhl daneben und passt auf, dass es dem Kind gut geht. »Schau mal!«, ruft die Anweisung vom Band erneut und leitet so vor dem immer noch konzentriert blickenden Säugling den zweiten Durchlauf derselben Szene ein: Zwei erwachsene Frauen, die mit einem kleinen grünen Modellauto aus Plastik spielen, indem sie es einfach auf dem weißen Tisch entlangschieben. Am Steuer des Autos sitzt ein gelber Bär. Das geht ein paarmal so, bis sich Isabella langweilt. Das ist daran zu erkennen, dass sie der Vorführung nicht mehr folgt und sich Neuem zuwendet.
Zwei andere kurze Versuche schließen sich an, und nach nicht einmal zwei Minuten ist der Einsatz als Versuchskind vorbei. Im Nebenraum ist das Video fertig. Sein Titel: Die sieben Monate alte Isabella und wie sie lernt, die Welt zu verstehen. Die Regie führte die Entwicklungspsychologin Gisa Aschersleben vom Max-Planck- Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften im Münchener Stadtteil Schwabing. Der Zwei-Minuten-Streifen wird für das Kind und seine Eltern ein hübsches Andenken, zusammen mit einer »Ichwar- dabei!«-Urkunde fürs Spielzimmer sowie dem Dank, dass die Kleine »bei der Erforschung der kindlichen Entwicklung geholfen« hat. Wie das ging, das ist ihr jetzt nicht bewusst und das wird sie auch in einigen Jahren nicht mehr wissen – sie hat einfach verwendet, was die Biologie ihr an Werkzeugen mitgegeben hat.
Leseprobe zu "Siefer, Ich (eBook)" von Christian Weber; Werner Siefer
Kapitel 3
Wissenschaftler in Windeln
Babys entdecken die Welt und sich selbst
Isabella hat ein kleines, hübsches Mondgesicht. Auf ihrem winzigen Körper sitzt ein etwas zu großes Köpfchen, in dessen Gesicht sich pralle runde Pausbäckchen wölben. Jeder Augenaufschlag scheint das sieben Monate alte Mädchen Mühen zu kosten, und so wackelt sie unkoordiniert, statt sich kontrolliert zu bewegen. Isabella erweckt so nicht den Eindruck, auch nur irgendetwas zu kapieren, was um sie herum passiert, wären da nicht ihre wachen Augen und die einem Fernsehstudio ähnelnde Umgebung Das Kind sitzt vor einem Videoschirm mit einem Eye-Tracker, wie er zum Beispiel Marktforschern dient, die Wirkung ihrer Werbefilme zu diagnostizieren. Das Gerät hält fest, wie sich die Augen des niedlichen Saugnapfs in jedem Moment bewegen. Mehrere Kameras in dem dezent mit taubenblauen Vorhängen ausgekleideten Raum übertragen außerdem das wirr wirkende Hampeln des Babys ins Nebenzimmer. Dort, abgetrennt durch einen halbdurchsichtigen Spiegel und schallisoliert, ist eine Art Regie aufgebaut: mehrere Bildschirme, ein Pult mit Reglern,
Aufzeichnungsgeräte, ein helfender Techniker, der dafür sorgt, dass dies alles funktioniert.
"Schau mal!", fordert die Stimme aus dem Lautsprecher die in Windeln verpacke Probandin auf. Doch das wäre gar nicht nötig gewesen. Ganz gespannt ist der kleine Körper im Kindersitz plötzlich, als Isabella den eingespielten Videofilm verfolgt; ihre Augen sind blau, klar, wach, lebendig und voller Neugier. Die Mutter hockt unterdessen auf einem Stuhl daneben und passt auf, dass es dem Kind gut geht. "Schau mal!", ruft die Anweisung vom Band erneut und leitet so vor dem immer noch konzentriert blickenden Säugling den zweiten Durchlauf derselben Szene ein: Zwei erwachsene Frauen, die mit einem kleinen grünen Modellauto aus Plastik spielen, indem sie es einfach auf dem weißen Tisch entlangschieben. Am Steuer des Autos sitzt ein gelber Bär. Das geht ein paarmal so, bis sich Isabella langweilt. Das ist daran zu erkennen, dass sie der Vorführung nicht mehr folgt und sich Neuem zuwendet.
Zwei andere kurze Versuche schließen sich an, und nach nicht einmal zwei Minuten ist der Einsatz als Versuchskind vorbei. Im Nebenraum ist das Video fertig. Sein Titel: Die sieben Monate alte Isabella und wie sie lernt, die Welt zu verstehen. Die Regie führte die Entwicklungspsychologin Gisa Aschersleben vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften im Münchener Stadtteil Schwabing. Der Zwei-Minuten-Streifen wird für das Kind und seine Eltern ein hübsches Andenken, zusammen mit einer "Ich-war-dabei!"-Urkunde fürs Spielzimmer sowie dem Dank, dass die Kleine "bei der Erforschung der kindlichen Entwicklung geholfen" hat. Wie das ging, das ist ihr jetzt nicht bewusst und das wird sie auch in einigen Jahren nicht mehr wissen - sie hat einfach verwendet, was die Biologie ihr an Werkzeugen mitgegeben hat.
Lernen, die Welt zu verstehen
Die Details der ungeheuerlichen kindlichen Lernfähigkeit entziehen sich auch den Psychologinnen der Max-Planck-Kinderstudie.
Gemeinsam mit ihren Helfern sitzen sie oft stundenlang über der Auswertung von Videofilmen, die etwa die Interaktion von Mutter und Kind zeigen, damit ihnen auch Kleinigkeiten des komplexen Miteinanders nicht entgehen. Die Zeitlupen und Wiederholungen
ermöglichen, das zu erfassen, wofür der naive Beobachter keinen Blick hat. Was wie eine heimelige Szene aussieht, die täglich und vielfach auf zahllosen Spieldecken stattfindet und die wir alle zu kennen glauben, ist für ein Baby ein Turbo-Lehrgang im Menschwerden. Es heißt, in den ersten Lebensjahren lerne ein Kind mehr als jemals später im Leben. Wenn das richtig ist, dann geht es unauffällig vor sich: Schnell sind die Blicke, mit denen der Säugling abschätzt, ob ihm seine Mutter etwas Interessantes anbietet, rasch ist ein Dino zur Seite geworfen, wenn aus einer Spieluhr eine Melodie erklingt. Kurz wi
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20