"Ich mache diesem Unterhaltungsdelirium gegenüber das Recht
einer Minderheit geltend: Man muss auch die notwendigen Dinge
verbreiten können, nicht bloß die überflüssigen... Neue Musik ist
niemals von allem Anfang an schön." Aus diesen harschen Worten
Arnold Schönbergs gegen die aufkommenden Massenmedien in den 1930er
Jahren spricht gleichermaßen die Gewissheit des Visionärs wie die
Selbstverteidigung des durch zahlreiche Anfeindungen gegen seine
Musik und Person Verletzten. Dennoch kommt er rückblickend zu einem
verblüffenden Resümee seines künstlerischen Lebensweges:
"Bitte halten Sie es nicht für falsche Bescheidenheit, wenn
ich sage: Es mag ein Werk sein, aber der Dank dafür gebührt nicht
mir. Der Dank gebührt meinen Gegnern. Sie waren es, die mir am
meisten geholfen haben."
Nur wenige Originaltonaufnahmen sind von Arnold Schönberg erhalten.
Es macht den besonderen Charme dieser Sammlung aus, dass nicht nur
öffentliche Reden, Radiovorträge, Interviews und sogar ein
Probenmitschnitt Eingang gefunden haben, sondern auch private
Aufnahmen wie Briefdiktate und satirische Geschichten, die er
seinen Kindern erzählte. Möglich war dies, da Schönberg zu seinem
72. Geburtstag von seiner Schülerin Clara Silvers einen
"Webster Wire Recorder" geschenkt bekam, den er vor allem
als Diktiergerät benutzte und von dem noch einige Drahtspulen
existieren. So begegnen wir in "Dear Miss Silvers" einem
humorvollen Vater, anteilnehmenden Freund, überzeugenden Lehrer,
einem der letzten Zeugen einer untergegangenen Epoche und einer der
einflussreichsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts:
dem großen Komponisten Arnold Schönberg.
Komplettiert wird diese einzigartige Ausgabe durch ein 60-seitiges
Booklet mit Kommentaren und Transkriptionen zu den einzelnen
Aufnahmen sowie deutschen Übersetzungen der englischen Passagen.
Sichtlich berührt ist Irene Grüter von diesem Hörbuch mit Originalaufnahmen von Arnold Schönberg. Neben Mitschnitten aus Rundfunkvorträgen und Interviews bietet es zu ihrer Freude auch Aufnahmen, die Schönberg mit seinem Webster-Drahttonbandgerät gemacht hatte, das ihn seine Assistentin zum 72. Geburtstag geschenkt hatte. Schönberg nutzte den Rekorder fleißig, nicht nur um Briefe zu diktieren oder Gedanken festzuhalten, sondern auch kleine Geschichten aufzunehmen, erzählt Grüter. Auffällig scheint ihr der Unterschied zwischen dem Sprechduktus in den Rundfunkaufnahmen der frühen 30er Jahre und dem auf den privaten Aufnahmen. Diese haben für sie einen besonderen Reiz, weil sie einen "unwissenschaftlichen, sinnlichen Zugang" zu Schönberg, diesen "eigensinnigen Denker" ermöglichen. Berührt hat sie, zu hören, "wie sich seine Sprechweise in den späten Aufnahmen langsam verwischt, ohne die gedankliche Klarheit zu verlieren". Und einmal hört man - mitten in einem Vortrag über den Fortschritt in der Musikgeschichte - hört man Schönberg seiner Frau zurufen: 'Trude, mach keinen Lärm, sonst wirst du aufgenommen'.