Lebenslänglich - Moog, Philipp

Philipp Moog 

Lebenslänglich

Roman

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Lebenslänglich

Philipp Moogs Held hat es auf die Liebhaber seiner Kolleginnen abgesehen. Irgendetwas in ihm hofft wider alle Vernunft, das Ableben der Konkurrenz könnte sie in seine tröstenden Arme treiben. Natürlich geht die Rechnung nicht auf. Und nicht nur die Polizei wird stutzig, als es im Umkreis der kleinen Münchner Bank mal wieder einen Toten gibt ...


Produktinformation

  • Verlag: Dumont Buchverlag
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 192 S.
  • Seitenzahl: 188
  • DuMont Taschenbücher Bd.6159
  • Deutsch
  • Abmessung: 192mm x 126mm x 24mm
  • Gewicht: 215g
  • ISBN-13: 9783832161590
  • ISBN-10: 3832161597
  • Best.Nr.: 32367037
Das deutsche Wollmausmassaker
Schnitte ins eigene Fleisch und ein Ende der Langeweile: die Debütromane der Saison

Nach acht, neun Büchern beginnt alles langsam zu verschwimmen, und alles scheint mit allem zusammenzuhängen: Der Massenmörder mit dem zerrupften grünen Haar, der die Liebhaber seiner Kolleginnen tötet, ist das jetzt derselbe, der die Mutter des kämpferischen Russenmädchens umgebracht hat? Ist es die Mutter, die als Wasserleiche an einem Flussufer gefunden wird, die der Finder am Ufer liegen lässt, weil er lieber auf einer Schwulensexparty versinkt? Und das muss doch dann der Junge von der Zürcher Goldküste sein, der in den Schwulenclubs der Welt noch das letzte Krümelchen Kokain von den Klobrillen schnüffelt. Und wo stand noch mal der Satz "gemeinsame Sommerbetrunkenheit ist etwas vom Schönsten, was es gibt"?

In der deutschen Roman-Debütantenwelt ist gut was los in diesem Herbst. Es gibt unglaublich viel schwulen Sex und sehr wenig blasse Mädchen. Wer also unbedingt einen Trend sucht unter den Büchern der Neubeginner, der kann das schon mal aufschreiben. Außerdem ist der Hang zum Familienroman, der die Geschichte der Vorfahren bis in die Nazizeit zurückerzählt, erst einmal wieder gestoppt worden. Nur noch ein Debüt beschäftigt sich damit. Es gibt einen ganz erstaunlichen Mut zum Pathos, der gern auch mal zum Übermut wird: "Die Schönheit deiner Seele wird uns retten." Zum Beispiel. Hatte man lange nicht gelesen. Handwerklich ist das meiste sehr gut, und wirklich interessant und neu und großartig ist nur weniges.

Den Roman dieses Herbstes, in dem all der Wahnsinn, die Verschwendungssucht und der Untergang beschrieben werden, den hat der fünfundzwanzigjährige Schweizer Pippin Wigglesworth geschrieben. Ein Selbsterfahrungsbericht von der Zürcher Goldküste: junger Mann, unendlich reich, in großer Lebensfeier- und Untergangsstimmung. Die Nase immer voller Koks, die Sätze schnell: "Die Sonne brannte, der Joint flashte, der Alkohol knallte, und die Nase, ja die lief." Muss immer was los sein, das Leben erleben, immer am Abgrund: "und ich schlitzte mir, damit nichts Wesentliches passiert, vorsichtig die Arme auf." Trinken, leben, feiern, tanzen, bis alles weg ist, Geld, Energie, Gesundheit und Verstand. Und am Ende also Nüchternheit, Entzug, Depression und: Buch schreiben. Ein Buch mit vielen schönen Sätzen, aber so gut es in diesen Herbst des Finanzdesasters passt, man hat es halt dann doch schon etwas zu oft gelesen, diese delirierenden Nachtfeiermitschriften.

Auch Gunther Geltinger, 34, beschreibt Exzesse. Exzesse der Liebe. In seinem Roman "Mensch Engel" ist alles weit weniger reich, aber mindestens ebenso existentiell. Das Buch ist herrlich und schauderhaft zugleich. Schon allein, dass der Protagonist "Engel" heißt, nervt ungemein. "Doch Engel fiel", "Mensch Engel" und so weiter, da wird kein Namenspathos ausgelassen. Auch sonst lässt Geltinger nur die größten Worte zu, manchmal halbironisch kommentiert: "Wegen einer einzigen schlaflosen Nacht verhängt er eine Sonnenfinsternis über sein Leben wie Gott bei der Kreuzigung über die Erde!" Es ist eine schwule Initiationsgeschichte, mit der Liebe als blutschwerem Schicksalsbeil über allem. Voller Pathos, Mut und Abstürzen in tiefe Stilblütentäler. Und auch dieser Held schneidet sich auf, ein Riesenschnitt über die ganze Brust: "Der Schmerz war von hoher Intensität und überwältigender Klarheit. Er erlöste ihn vom allgegenwärtigen Brennen unter der Haut, vom quälenden Leergefühl in der Brust." Und wenn auch kein Trend der Themen in den Debüts der Saison auszumachen ist, so doch unbedingt ein Motivtrend. Und das Motiv dieses Herbstes ist die Selbstzerfleischung. Der Schnitt ins eigene Fleisch, mit dem Messer in die eigene Brust oder den Arm hinauf. Bei den wenigsten handelt es sich dabei aber um ein spätes Goetz-Epigonentum. Meist ist die Selbstverletzung das letzte Mittel, einem leeren Leben ein starkes Gefühl abzutrotzen.

Oder, wie es über Loretta, das traurig-suchende Mädchen aus Julia Zanges Kurzroman "Die Anstalt der besseres Mädchen", heißt: "Sie kann sich dem Lauf der Dinge fügen und entscheiden, glücklich zu sein, aber sie möchte die schützende Decke aus Traurigkeit nicht hergeben. Es muss eine radikale Lösung gefunden werden!" Sie schwebt blass und voller Traurigkeit von der Liebe zu Malte weg in eine psychosomatische Klinik, wieder zurück ins Leben, bekommt ein Kind, schwebt weiter in eine Mädchenkommune aufs Land. Alles ein wenig zu blass geschrieben, die Leere mit schönen Worten füllend. Malte sagt: "Du bist wie eine Schaumflocke, die man ständig davor bewahren muss, im Abflussstrudel zu versinken."

Es ist für die Dramaturgie eines Romans manchmal einfach besser, wenn man von Anfang an weiß, woran die Heldin leidet. Und wenn es eben nicht nur die ewige innere Leere ist, sondern zum Beispiel: die Ermordung ihrer Mutter, wie in Alina Bronskys Rasant-Roman "Scherbenpark". Glücksuchend, kämpferisch, phantasievoll und entschlossen, den Mörder ihrer Mutter umzubringen, stapft das Waisenmädchen Sascha durch Südhessen. Sie beschimpft sogar ihre Träume, wenn sie ihr zu langweilig sind, und lebt so ein aufregendes Leben, dass sie am Ende weise seufzen kann: "Ich liebe langweilige Dinge. Sie sind so gemütlich."

Andere schaffen es ja schon, gleich am Anfang mit Gemütlichkeit zu kommen. Da hilft dann auch ein tragischer Todesfall nicht raus. Wenn, wie im Falle von Christopher Kloebles Erstling, die Wollmaus mit der sterbenden Mutter spricht: "Tyyypisch. Immer Hoffnung, Hoffnung, Hoffnung. Selbst beiiiim Verrecken." Neben der Erkenntnis, dass Wollmäuse offenbar das Binnen-"I" gern in die Länge ziehen, lässt sich daraus eigentlich nur der dringende Rat zur Flucht aus diesem Buch ableiten. Es ist der einzige Roman, der hier leider nicht zu Ende gelesen werden konnte.

Und auch der jüngste Debütant der Saison, der 24-jährige Benedict Wells aus München, macht einem das Lesen nicht eben leicht, weil er es dem Leser zu leicht machen will. Sein Roman "Becks letzter Sommer", die Geschichte eines Musiklehrers, der in der Förderung der Musiker-Karriere eines Schülers die eigenen Träume verspätet verwirklichen will, ist so routiniert und schablonenhaft geschrieben, dass man zwar staunt, wie sicher er das Handwerk in seinem Alter schon beherrscht, ein interessantes Buch ist es aber leider lange nicht geworden.

Wo wir schon bei schlechter Laune sind: Auch der Fernsehschauspieler Philipp Moog hätte jetzt nicht unbedingt sein Schriftstellertalent ausprobieren müssen. Sein Kriminalroman "Lebenslänglich" ist ein Angeberbuch voller Klischees und schlechter Witze. "Ich schlage mich tapfer durch dieses Leben, in das du mich gefickt hast", schreibt er an seinen Vater in sein Tagebuch. Ein hässlicher Bankangestellter tötet die Liebhaber seiner Kolleginnen. Mit dem ersten Mord geht es gleich los, und vielleicht ist das Penetranteste an dem Buch, wie der tausendschöne Schauspieler Moog die Hässlichkeit seines Alter Ego beschreibt, immer wieder: "Ich sehe aus wie ein Schwein. Die roten Haare." "Kleiner Pimmel", "Haare auf den Schultern". Ja, ja, ja. Und das Motto des Buchs: "Erfolg durch Schönheit ist die schleichendste aller Krankheiten." Auch wenn das sicher mal eine schöne Liste wäre: schleichende Krankheiten, Platz eins bis zehn, aufsteigend in zunehmend schleichender Richtung, muss man doch leider sagen, unter so viel Willen zur bösen Hässlichkeit ist das kleine, schwache Buch leider zusammengebrochen. Besser ist da die unglaublich altertümelnde Erzählung "Gustavs Traum" des 25-jährigen Schweizers Christian Zehnder. Die Geschichte ist einfach: Der Vater stirbt, der Sohn verweigert die Nachfolge. Fremd in der Welt, fremder kann man kaum sein. Und das beglaubigt durch eine fremde Sprache aus einer anderen Zeit. Nur Gefühl und leise Innenschau: "Wo immer möglich, strebte er danach, in Stimmungen aufzugehen. Sah er ein geeignetes Detail, und sei es ein Lichtstrahl, setzte er sich und wartete, bis die Gedanken verschwammen." Die Geschichte ist nur hundert Seiten lang, länger hätte man es auch nicht ertragen. Aber auf dieser kurzen Distanz ist es schön.

Der "aspekte"-Preis für das beste Debüt des Jahres wurde gerade unverständlicherweise der in Argentinien geborenen und in Berlin lebenden María Cecilia Barbetta zugesprochen. Der Roman einer träumenden Schneiderin in der Änderungsschneiderei "Los Milagros" wird mit allerlei Schnittmustern und bunten Bildern auf den Seiten präsentiert. Die ersetzen aber auch nicht, was der Geschichte fehlt: ein Zentrum, ein Kern. "Im gleichen Zuge wollte sie die eigene Leere stopfen mit beruhigenden Gedanken und lukullischen Aktivitäten." Ach, ach.

Was manchen Büchern an Handlung und innerer Notwendigkeit fehlt, hat Zora del Buonos Buch "Canitz' Verlangen" im Überfluss. Zwischen dem Fund einer Wasserleiche am Ufer der Spree bis zur Aufdeckung eines unglaublichen Familiengeheimnisses, das im Massenselbstmord Hunderter Frauen aus Angst vor den heranstürmenden Russen in Demmin im Frühjahr 1945 begründet ist, liegen nur 150 Seiten. Unglaublich komprimiert, präzise und kühl schreibt sich del Buono durch die Zeitgeschichte und auf das dramatische Ziel zu. Nur die etwas penetrant eingestreuten Hinweise auf die Kulturgeschichte der Wasserleiche in Literatur und Wissenschaft stören ein wenig.

Mathias Gatza hat den schönsten Debütroman des Herbstes geschrieben. Gatza ist auch kein klassischer Debütant, er war schon Verleger, Lektor, ein Vollprofi der deutschen Literatur. Sein Roman "Der Schatten der Tiere" ist die Geschichte einer Freundschaft zweier Sonderlinge, eines Mathematikers, der Staudämme im Urwald baut, und eines Verlegers mit einer großen Leidenschaft für Zootiere. Der Mathematiker stirbt, der Verleger verliebt sich in die Freundin des Verstorbenen. Eine Liebesgeschichte über Bücher, Tiere, Trunksucht und Wahn.

Der Erzähler hat einen weisen Rat an einen jungen Schriftsteller, den er beim Trinken trifft: "Dichtung überdauert nur als Gemurmel von angetrunkenen Schamanen, Esoterikern mit stickigen Ahnengalerien, die niemals Entscheidungen treffen müssen. Mein lieber Orpheus, Sie werden in Ihren jungen Jahren in Häkelkreisen und Literaturhäusern gebildeten Muttis vom Vermodern vorsingen; und wenn Sie preisgekrönt denn selbst vermodern, werden die jungen Mädchen kommen und Ihnen dabei zusehen."

VOLKER WEIDERMANN

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Philipp Moog, Jahrgang 1961, lebt als Schauspieler und Drehbuchautor in München. 'Lebenslänglich' ist sein erster Roman.

Leseprobe zu "Lebenslänglich" von Philipp Moog

4. Juli

Ich bin mir nicht sicher, ob er etwas sagen wollte oder ob er darauf wartete, dass ich ihm eine Antwort gab. Aber ich meine, die unbehagliche Gesprächspause veranlasste mich, stehen zu bleiben. Oder war es sein Blick, den ich von der Seite spürte? Er blieb nun ebenfalls stehen und sah mir geradewegs ins Gesicht. Ich muss zugeben, dass das, was ich ihm dann verabreichte, nicht mehr als Schubser durchgehen kann. Seltsamerweise schien er überhaupt nicht erstaunt zu sein über das, was mit ihm geschah. Im Laufe der letzten Tage habe ich mich mit mir selbst darauf geeinigt, dass in seinem Gesicht keine Überraschung zu erkennen war ... Aber ein Lächeln. Vielleicht hielt er es für einen Scherz? Ein freundlicher Knuffer? Die knapp zehn Meter brachte er jedenfalls im freien Fall hinter sich. So einfach geht das. So leicht. Ich war überrascht! Falls er die Gelegenheit genutzt hat, mein Gesicht zu studieren, hätte ihm auffallen müssen, dass ich überrascht war.Hat er deshalb gelächelt? Beim Aufprall auf dem schmalen Kiesbett hatte er Glück im Unglück: Er überlebte, weil er mit dem Hinterkopf auf seinen rechten Fuß aufschlug. Ich blickte über die grasbewachsene Kante zu ihm hinunter: Er bewegte sich nicht. Durch die ungünstige Position sah sein Körper seltsam klein und gedrungen aus. Sein linkes Bein musste auch gebrochen sein. Es war nach vorne ausgestreckt und am Knie in die verkehrte Richtung nach oben abgewinkelt. Wie eine achtlos weggeworfene Puppe. Wahrscheinlich war der Unglücksvogel mit den Füßen zuerst aufgekommen. Als ich bemerkte, dass er blinzelte, wusste ich, dass ich mir die Mühe machen musste, einen Weg die Böschung hinunter zu suchen. Mir blieb nichts anderes übrig, als ein ganzes Stück flussaufwärts zu laufen. Dort war die steile Böschung durch einen Erdrutsch unterbrochen, und ich fand - mehr rutschend als kletternd - einen Weg hinab zum Kiesbett. Für den trockenen Sommer hatte die Isar einen beachtlich hohen Wasserstand. Deshalb musste ich mich - auf dem Weg zurück zu ihm - ganz nah am Rand der Böschung halten, damit meine handgenähten Lederschuhe nicht nass wurden. Er blickte in meine Richtung. Ich stellte mir vor, wie er mich wohl auf sich zukommen sah: Den Blickwinkel um neunzig Grad gedreht, ähnlich einer dieser ambitionierten Kameraeinstellungen im Film, die suggerieren sollen, dass etwas aus dem Lot geraten ist. Wie passend. Er sieht einen nicht mehr ganz jungen, kleinen, moppeligen Mann von Stein zu Stein auf sich zuhüpfen - ohne große Eile und sehr bedacht, sich nicht nass zu machen. Vielleicht hat ihn dieser amüsante Anblick zu dem Irrglauben verleitet, dass das alles irgendwie nicht wirklich passiert war, eine vorübergehende Situation, unbequem, aber gleich vorbei. Ein Spiel, dessen lustige Auflösung ich ihm jetzt gleich präsentieren würde. Nirgends war Blut zu sehen. Sein in aberwitziger Position quasi gefalteter Körper lag reglos auf den grauweißen Flusskieseln, der rechte Arm hing zur Hälfte im Wasser. Ich wandte mich ihm so zu, dass er mir bequem ins Gesicht blicken konnte. Dann beugte ich mich zu ihm hinab. Ein Auge war nur halb geöffnet. Irgendein Mechanismus, der für die Schließfunktion der Lider zuständig war, musste durch den Aufprall in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Um seine Augenwinkel verästelten sich die ersten Krähenfüße. Zweitagebart. Volles Haar. Brünett. Ein paar sinnlose, blonde Strähnchen. Schmale Lippen. Die untere etwas voller als die obere, was ihm einen leicht derben Gesichtsausdruck verlieh. So genau hatte ich ihn eigentlich noch nie betrachtet. Aus der Brusttasche seines Jacketts lugte ein Einstecktuch hervor, das wohl zu seiner Krawatte passen sollte. Ich zog es heraus und faltete es auseinander, und da machte er ein Geräusch. Als wolle er protestieren. Als sei es ihm nicht recht, dass ich das Einstecktuch stibitze. Ich ignorierte seinen Einwand, richtete mich wieder auf und machte mich auf die Suche. Schon bald wurde ich fündig: ein Stein, so groß wie eine kleine Honigmelone. Ich legte das Einstecktuch darüber und hob ihn vorsichtig hoch. Er hinterließ ein halbrundes Loch im Kiesbett, das langsam voll Wasser lief. Früher habe ich oft mit den Nachbarjungs am Ufer der Isar gespielt. Wir fuhren mit den Bonanzarädern zu den Isarauen und verbrachten Stunden damit, flache Steine zu suchen, um sie dann so zu werfen, dass sie wie kleine silberne Fische über die Wasseroberfläche hüpften. Mir ist das nie gelungen. Nicht ein einziges Mal. Unzählige Versuche brachten kein Ergebnis. Die anderen machten es mir unendlich oft vor. Vergeblich. Wenn wir abends nach Hause radelten, tat mir der rechte Arm weh, und er schien ein paar Zentimeter länger geworden zu sein. Ich fühlte mich schrecklich. Auch auf die Gefahr hin, dass ihn das erschrecken würde, schlug ich von hinten zu. Somit war das Letzte, was er sah, die Isar, mit ihrem erst vor kurzem wieder rekonstruierten, natürlichen, wilden Flusslauf.8. Juli Heute Morgen habe ich mich nackt vor dem Spiegel ertappt. Ich sehe aus wie ein Schwein. Die roten Haare. Draußen herrscht eine sommerliche Durchschnittstemperatur von 27 Grad im Schatten. Seit drei Wochen! Und ich bin natürlich noch immer weiß. Rosa. Der kleine Pimmel baumelt da unten rum, fast ganz versteckt zwischen den hellorangen Schamhaaren. Von der Seite wird es nicht besser. Wenn ich den Bauch einziehe, tut sich überhaupt nichts. Dafür bekomme ich jetzt Haare auf den Schultern. Dann fange ich an zu weinen, und das schaue ich mir im Spiegel an. Ich gehe ganz nah ran und betrachte meine vom Heulen geröteten Augen. Die Tränen kullern über meine Wangen und irgendwie finde ich Gefallen daran. Ich bade mich in meiner Heulerei. Immer mehr salziges Wasser läuft aus den beiden kleinen Drüsen in meinen unteren Augenlidern. Warum eigentlich. Warum ist Trauer so eine feuchte Angelegenheit?10. Juli Heute hat mir Marlene rote Grütze mitgebracht. In einer grünen Tupperware-Dose! Sie ist extra schon um acht gekommen und hat sie mir auf den Schalter gestellt. Als Überraschung. Als ich die Scheine einsortiere, zwängt sie sich zu mir in den Kassenraum und blickt mich so lange erwartungsvoll an, bis mir nichts anderes übrig bleibt, als mich mit einem schlecht gespielten Überwältigtsein aus der Situation zu retten. Marlene riecht nach Schweiß. Und es ist erst kurz vor halb neun. Ich bedanke mich artig, und als ich ahne, dass sie mir die Wange für ein Dankeschönküsschen hinhalten möchte, flüchte ich mich mit gespielter Schüchternheit in mein Münzgeld, damit sie endlich wieder geht. Die anderen schauen nämlich schon. Dann fällt mir ein, dass Schüchternheit bei Männern so manche Frau in ihrer Zielstrebigkeit noch bestärken kann. In irgendeiner Weise mit Marlene in erotischen Zusammenhang gebracht zu werden ist das Letzte, was ich gebrauchen kann. Und schon tritt Yvonne auf den Plan. Gerade als Marlene die Tür geschlossen hat, passiert sie meinen mit Panzerglas gesicherten Schalter. Irgendetwas ist heute anders an ihr. Aber sie trägt ihr Haar wie so oft: Seitenscheitel. Kurzer frecher Schnitt. Asymmetrisch. Ein paar Strähnen hängen immer über ihr rechtes Auge und wackeln dann mit den Wimpern mit, wenn sie blinzelt. Sie ist auch nicht anders geschminkt als sonst. Durch den Geldausgabeschlitz weht eine Ahnung von Shalimar zu mir herein. Ihre kurze Lederjacke kenne ich, sogar ihre Jeans. Alles vertraut, alles wie gewohnt, und trotzdem ist irgendetwas anders. Ihr Gang vielleicht ...?Ich kann zwar nichts hören, aber ich weiß, dass Thannhuber und Brunner plötzlich eine Oktave tiefer sprechen, als sie jetzt neben ihnen am Schalter Platz nimmt. Ich lasse mich auf meinen Sessel sinken und öffne den obersten Knopf meiner Hose. Es ist jetzt genau 8.30 Uhr. Yvonnes Shalimar hat den unfairen Kampf gegen Marlenes Schweißdunst verloren. Ich beuge mich zum Geldausgabeschlitz, aber die Duftquelle ist bereits versiegt. Einem schönen Menschen öffnen sich die Türen. Auch wenn das Empfinden von Schönheit die wohl subjektivste aller Wahrnehmungen ist und infolge der riesigen Palette an Definitionen von Schönheit ebenso viele Personen (zu Recht oder Unrecht) in dieses Haus einziehen dürfen: Ich gehöre nicht dazu. Und daran lässt sich auch nichts ändern. Egal, ob ich die Ebenmäßigkeit eines Gesichts, das Gleiten eines Handrückens, die Anmut einer Kopfdrehung, die überwältigende Selbstverständlichkeit eines ehrlichen Lächelns erkennen und bewundern kann: Mir bleibt der Zutritt zu diesem Haus verwehrt. Brunner zieht jetzt sein Sakko aus, und wie zufällig rutscht dabei sein knappes Hemd aus der Hose. Jaja. Flacher Bauch. Solarium. Yvonne sieht es trotzdem nicht. Marlene kommt vom Eingang zurück. Sie hat aufgesperrt. Sie lässt den Schlüsselbund um ihren Zeigefinger kreisen, als sie mir im Vorbeigehen zulächelt. Ein ungepflegter Alternativer um die dreißig lädt einen Beutel Kleingeld vor dem Schalter ab. Ein Geruch nach Talg und Schaf unterstreicht sein äußeres Erscheinungsbild. Während die Münzgeld-Zählmaschine rattert und ich die maschinell selektierten Fremdkörper aus dem Hippie-Ersparten (zwei Heftklammern, ein Fünf-Schilling-Stück und einen Trachtenknopf) durch die Geldausgabe zurückschiebe, weiß ich plötzlich, warum Yvonne heute anders ist: Sie ist verliebt.

Kundenbewertungen zu "Lebenslänglich" von "Philipp Moog"

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Bewertung von A. Jürgens am 29.11.2012 ***** ausgezeichnet
Bereits 2008 kam der Debütroman des 1961 geborenen Schauspielers, Synchronsprechers, Drehbuch- und Romanautors auf den deutschen Buchmarkt. Nach der Hardcoverausgabe legte Dumont im letzten Jahr in Form einer Taschenbuchausgabe nach.

Schwarzer Humor ist etwas, was ich seit Langem mag. Auslöser war glaube ich ein Monty Python-Film. Diese kleine Vorliebe und der Hinweis, dass Moogs Roman voll davon wäre, führte dazu, dass die Taschenbuchausgabe von Lebenslänglich vor mir liegt.

Moogs Schreibstil zog mich schnell in seinen Bann, wobei es mich nicht direkt in die Geschichte zog. Der Grund hierfür ist die für mich etwas zu distanzierte Art, mit der die Hauptfigur sich betrachtet. Man könnte schon fast sagen verbal seziert. Dennoch habe ich das Buch verschlungen.

Die gerade angesprochene Hauptfigur ist ein kleiner, unscheinbarer, adipöser Bankkassierer mit schütterem Haar und teigiger Haut. Er hat kein allzu reges Liebesleben. Eigentlich gar keins, denn die Frauen übersehen ihn schlichtweg, tagtäglich viele, viele Male. Überhaupt ignoriert ihn die Gesellschaft. Er fühlt sich ausgeschlossen, hat keinen Spaß und versucht, aus diesem trostlosen Dasein auszubrechen. Dafür macht er aber keine Diät. Er rennt auch nicht ins Fitnessstudio, um seinen Körper auf Vordermann zu bringen. Besucht auch keine Flirtkurse oder irgendwelche Seminare mit Anschlussgarantie. Nein, weil er widersinnigerweise hofft, dass eine spezielle Kollegin in seine tröstenden Arme flüchtet, wenn den Liebhabern seiner weiblichen Kolleginnen etwas geschieht, sorgt er für deren Ableben. Dummerweise wird natürlich die Polizei angesichts der Todesfälle aufmerksam. Und ganz unabhängig davon geht sein Plan schief. Nicht seine angebetete Traumfrau sucht Trost bei ihm und schmachtet ihn an, sondern eine nach Schweiß riechende und ebenfalls keinem hierzulande gängigen Schönheitsideal angehörende andere Kollegin. Angewidert wehrt er sich gegen ihre Avancen, denn auch wenn er selbst kein Prinz ist, möchte er doch absolut überhaupt keine Kröten küssen.

Kein sehr sympathischer und noch dazu ein namenloser Hauptcharakter, den Moog da für sein Romandebüt wählt. Allerdings auch keiner, der absolut erfunden und unecht wirkt. Voll Selbstmitleid lebt das dicke Männchen, wie er sich selbst nennt, in seiner eigenen kleinen Welt. Voller Hass auf sich selbst und die Welt, die ihn einfach übersieht und ungerecht behandelt. Was er denkt und fühlt, was er ihn zu dem was er tut motiviert, das erfahren Moogs LeserInnen durch ihn, mal in der ersten, mal in der dritten Person. Er plant perfide seine Taten und führt sie auch gnadenlos aus, bevor er sich selbst zum tapferen kleinen Held des jeweiligen Abends erhebt.

Moog spart an unnötigen Ausführungen, schafft aber durch die treffend klare, bildhafte Sprache eine authentische Atmosphäre. Er pointiert durch böse Ironie und bitteren Zynismus. Und so sieht man, wie die Wunschvorstellungen des Verlierers sich in Nichts auflösen. Trostlos und trist fristet er sein Dasein. Er ist sich gnadenlos seiner selbst, vor allem aber seiner Defizite bewusst. Straft sich unentwegt, indem er sie sich unter die Nase reibt und Vergleiche zieht. Während die Welt ihn übersieht, scheinen seine Sinne überall zu sein und alles wahrzunehmen. Seine Welt stand mir beim Lesen erschreckend klar vor Augen. Unaufgeregt wird nach und nach nachfühlbar klar, wie sehr jemand nicht nur durch die Gesellschaft, sondern auch durch sich selbst ins Abseits manövriert werden kann.

Fazit:

Lesenswertes Debüt, das Lust auf weitere Werke des Autors macht. Schwarz, zynisch und unterhaltsam, wie er ist, bekommt Philipp Moogs Lebenslänglich fünf von fünf Punkten von mir.

2012, Antje Jürgens (AJ)

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Bewertung von donaldduck aus Bad Berka am 24.07.2011 ***** ausgezeichnet
Dieses spanndene Buch erzählt von einem Bankangestellten. Er ist weder schön noch sonst irgendwie positiv auffällig geworden. So interessiert sich auch keine seiner attraktiven Kolleginnen für ihn. Da beschließt er einfach, deren Liebhaber zu beseitigen. Er hatte irgendwie gehofft, dass die Damen dann aus lauter Kummer Trost bei ihm suchen würden. Aber daraus wird leider nichts. Und dann stirbt schon wieder jemand....
Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen möchte! Ich empfehle es weiter.

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