Leseprobe zu "Der König von Mexiko" von Stefan Wimmer
"Was gilt's, dachte er sich,
ich brauche mich gar nicht erst umdrehen,
es ist ohnehin niemand anders als Walther."
Der blonde Eckbert
"Bätoo! Komm her, wenn ich rufe! Bätooooo!", quäkte eine Frauenstimme über den Tresen des Barracudas . Die Stimme hätte aus der Audioshow des Escorial-Schlosses stammen können - Schallbeispiel: Infantin, auf dem Bidet nach ihrem Hofzwerg rufend -, aber da mich degenerierte
Stimmen bisweilen interessierten, drängelte ich mich in ihre Richtung. Die Stimme stammte von einem Mädchen mit eingeföhntem Pony, millimeterdickem Lippgloss auf dem Mund und einer Solariumsbräune, die Hunger auf Grill-Hähnchen machte.
"Bätooooo! Maaaach mir noch einen Saaaake-Martini! ", quäkte sie wieder. Beto, der Barkeeper, setzte eine beflissene Miene auf, mixte einen Sake-Martini und schob ihn ihr über die Theke.
Daaanke, mein Schääätzchen!", sagte sie und drehte Beto so schnell den Rücken zu, dass er keine Gelegenheit mehr hatte, von ihr die Zeche zu fordern. Das Mädchen schlabberte an dem rosa schimmernden Martini und verschluckte fast die Cocktailkirsche.
Beto begrüßte mich mit Handschlag.
"Wie geht's?", fragte ich.
"Zum Kotzen!", sagte er und steckte sich seinen Finger in den Rachen. "Bohemia und Ultramarino?"
Ich nickte. Beto schenkte Ultramarino ein und nahm eine Flasche Bohemia aus dem Eisfach. Ich überflog eine Weile die Gäste, dann zischte ich den Ultramarino runter.
Das Barracuda - ein großer Glas-Kubus mit zwei Plateaus für Steh- und Restaurant-Bereich - war der angesagteste Laden der Stadt. Wer von Mexiko Citys Society etwas auf sich hielt, nahm im Barracuda sein Dinner ein - vorzugsweise direkt an der Glasfront zur Straße, um sich von denen begaffen zu lassen, die der Türsteher nicht hineinließ. Zusammen mit einer Reihe weiterer In-Restaurants gehörte das Barracuda drei Brüdern aus der reichen jüdischen Gemeinde von Mexiko City. Der älteste Bruder, Nestor, hatte einen Vollbart, ein dramatisch gefurchtes Gesicht und mit vierzig noch eine Zahnspange mit Gummibändern. Nestor war der Mächtigste der drei. Er rührte im Barracuda niemals einen Finger, sondern saß meist neben der Kasse und ließ sich von seinen weiblichen Angestellten den Nacken massieren. Seinen linken Arm trug er seit ein paar Wochen in einem Gips, der so schmutzig war, dass es aussah, als sei Nestor Kanalreiniger. Der zweite Betreiber des Barracuda war Diego, ein Telenovela-Schauspieler mit eisigen, emotionslosen Hai-Augen. Der Jüngste der Brüder hieß Jorge, war sehr klein und schielte. Jorge hatte die Aufgabe, die prominenten Gäste persönlich an der Tür zu empfangen und unter zwergenhaften Verneigungen zu den Tischen zu geleiten.
Da mich zwei Drittel der Brüder meiner Nationalität wegen hassten, war es für mich gar nicht so einfach, in das Barracuda eingelassen zu werden. Doch der indianische Türsteher hatte mich in sein Herz geschlossen, nachdem ich einmal mit einem weißen PRI-Politiker aneinander geraten war, der den ganzen Abend lang die dunkelhäutigen Barmänner beleidigt hatte. Gegen einen Politiker trauten sich die Angestellten nicht vorzugehen. Lediglich die drei Brüder würden vielleicht etwas unternommen haben, doch sie waren an diesem Abend absent. Nestor hätte den Politiker vielleicht mit seinem dreckigen Gipsarm bedrängt, Diego hätte ihn mit seinem Vereisungs-Blick eingefroren, Jorge hätte ihn durch Schielen zu Boden gezwungen. Aber die drei waren nicht da, und so blieb es blöderweise an mir hängen, den Mann niederzuschlagen, nachdem er im Barracuda auf mich losging.
Natürlich fragte ich mich manchmal, warum ich überhaupt um drei Uhr nachts in einem Laden wie dem Barracuda herumstand und den Brüdern mein Geld in den Rachen warf. Die Erklärung war einfach: Das Barracuda befand sich nur einen Steinwurf vom Centenario entfernt. Wenn der Centenario zusperrte, konnte man selbst in stark benebeltem Zustand sofort ins Barracuda weiterziehen. Der zweite Vorteil des Barracuda war, dass sich dort die Silberrücken der mexikanischen Medienwelt tummelten: Leute wie der auf Lebenszeit eingesetzte Excelsior -Chefredakteur Edgar Domínguez, der zu fort - geschrittener Stunde von seiner Kindheit unter den Drogenzaren Sinaloas schwärmte. Oder Naty Soza, die Herrscherin über das Feuilleton des Observador , die einem Viehzüchter-Klan aus Chihuahua entstammte. Oder Emilio Krautweg, Bankierssohn und Verleger des Dreigestirns Conspiración, Mundo Libre und Obsesiones , der keine einzige Textsorte schreiben konnte - seien es Weihnachtsgrüße, Stierkampf-Impressionen oder Restaurantkritiken -, ohne darin mehrere Attacken gegen den "Comandante Marcos" und die Zapatisten zu verpacken.
In den Centenario setzten diese Leute nie einen Fuß, im Barracuda dagegen konnte man sie greifen. Menschen mit einem vernünftigen Beruf hätten es natürlich als vollkommen unwesentlich erachtet, ob sich im Nachtclub ihrer Wahl ein Herr Domínguez, ein Herr Krautweg oder ein Fräulein Soza aufhielt. Doch für uns Mediensklaven war es eine Frage des Überlebens, diese Menschen abzufangen und ihnen Texte und Themen aufzuschwatzen. In ihren Büros waren diese Menschen unansprechbar - so sie denn überhaupt im Verlagsgebäude saßen und nicht bei irgendwelchen Empfängen, Banketten und Geheimunterredungen zugange waren. Im Barracuda traf man sie dagegen in weitaus empfänglicherer Laune, nämlich betrunken und vollgekokst. Dann konnte passieren, was auf offiziellem Weg niemals passiert wäre: Nach dem fünften Martini Dry und der zehnten Line umarmten sie einen und gaben den Zuschlag für die Story - die dann je nach Auftraggeber natürlich die Drogenwirtschaft in ein mildes Licht rücken, Hiebe gegen Zapatisten verteilen oder die prallen, unerschöpflichen Kuheuter Chihuahuas preisen musste.Doch um gerecht zu bleiben: Nicht alle Medienregenten waren so leicht manipulierbar. Es gab es auch Leute, die sich gegenüber den Auswirkungen von Alkohol und Drogen absolut immun zeigten: Augusto Anz beispielsweise, der Herausgeber von Diacrítica , benahm sich imme r daneben, ganz gleich ob er stocknüchtern oder total zugedröhnt war. Augusto ließ in j e d em Zustand die elementarsten Höflichkeits- und Verhaltensregeln außer Acht. Auch wenn man bereits Dutzende Artikel für Augusto geschrieben hatte, grüßte er einen weder dicht noch nüchtern. Traf man ihn in dichtem Zustand, war der einzige Unterschied, dass er einen minutenlang mit einem schizoiden Blick fixierte, bevor er sich dann wegdrehte - und wieder nicht grüßte.
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