Leseprobe zu "München"
Ein Auszug aus der Reportage "Costa del Isar" von Doris Ehrhardt aus dem ADAC reisemagazin München:
Die Sommer an der Isar waren die Härte. Wobei noch das Harmloseste unsere Grillfeste waren, die erst tief in der Nacht endeten, wenn der Bierkasten im Flusskühlschrank nichts mehr hergab und die Grillkohle schon lange nicht mehr glimmte. Es waren die heißen Tage, die wir Jugendlichen in den siebziger Jahren als buchstäblich hart empfanden. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass ein typischer Isarstrand aus hellen Steinen besteht, von denen etliche grobklotzig und kantig sind. Selbst wer nicht so zimperlich ist wie die Prinzessin auf der Erbse, spürt deutlich, wenn er auf solchen Dingern liegt oder barfuß geht.
Am härtesten aber fanden meine Freunde und ich, vor Hitze glühend am Rand des Schwimmbad-breiten Flusses zu sitzen, nach Abfrischung lechzend aufs grüne Wasser zu schauen - und seine Kühle nicht auf der Haut spüren zu dürfen. Es gab fast keinen Zugang zur Isar. Meistens kamen wir nicht einmal mit den Zehen an sie heran, denn sie war tiefer gelegt. Um ins Wasser zu gelangen, hätten wir über senkrecht ins Ufer gebaute Betonplatten nach unten springen müssen und wären erst einmal auf glitschigen Wackersteinen gelandet. Baden war also praktisch nicht möglich, offiziell erlaubt war es auch nicht. Abgesehen davon verbot es sich von selbst, weil die Isar auf ihrem rund 105 Kilometer langen Weg vom Karwendelgebirge bis München die keimhaltigen Abwässer mehrerer Kläranlagen schlucken musste. Und weil sie zu seicht daherkam. Gleich bei ihrem Eintritt in Münchner Gebiet wurde ihr Wasservolumen wirtschaftsgerecht aufgeteilt: Das meiste schwallte in einen Kanal, um Wasserkraftwerke zu speisen; die restliche Menge war so
gering, dass sie im breiten Flussbett eher rinnsalte als floss. Und so war für alle, die sich in den vergangenen Jahrzehnten danach sehnten, in der Isar zu schwimmen, einer von vielen Mängeln die geringe Wassertiefe.
Für Generationen von Jugendlichen gab es trotzdem im Sommer keinen besseren Platz als den am Fluss, der sich auf einer Länge von gut 13 Kilometern mitten durch die Stadt zieht. Die Isar schenkte uns ein Gefühl von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Hier gab es kein Gedränge, keine Öffnungszeiten und keine Regeln wie im Freibad. Stattdessen Verbrüderung zwischen den Bewohnern so gegensätzlicher Viertel wie Untergiesing und Harlaching; Arbeitertöchter in C&A-Bikinis bandelten mit den Akademikersöhnen auf den dicken Handtüchern an. Weil das Grasufer mit seinen Weidenbüschen als Spanner-Revier berüchtigt war, lagen die meisten Jugendlichen an den Kiesstränden. Die Steine waren zwar hart, aber hübsch und so individuell, wie wir selber sein wollten.
Dass der Zustand der Isar eines Gebirgsflusses unwürdig war, darüber dachten die meisten nicht nach. Wir kannten unsere Isar ja nicht anders. Durch Kanalisierung und Wasserkraftwerke war sie schon in den zwanziger Jahren zu einem Gebilde gemacht worden, dem der Mensch das Wasser abdrehte oder zuführte wie einem Gartenschlauch. Als solcher zog sie sich diagonal durch Bayern bis zu ihrer Mündung in die Donau bei Deggendorf. In München wäre sie wohl noch ewig eingezwängt geblieben, hätten nicht engagierte Bürger seit den siebziger Jahren in Bezirksausschüssen verlangt, der Isar wieder etwas von ihrem wilden, voralpinen Charakter zurückzugeben. Sie wollten mehr Fluss und mehr vom Fluss haben. "Baden woll'n ma!", sagten sie, "g'scheite Ufer! Mehr Inseln!"
Entscheidender Druck auf die Verantwortlichen bei der Stadt München und der bayerischen Landesregierung entstand aber erst 1993, als die Isar-Allianz gegründet wurde. Sie ist ein Zusammenschluss verschiedener Vereine und Verbände von Isar-Nutzern und -Schützern, von denen einige bereits ein gutes Stück Renaturierung im Mühltal (südlich von München) angeschoben hatten. Insgesamt vereinigt die Isar-Allianz eine halbe Million Wählerstimmen. Das ließ die Regierenden nicht ewig unbeeindruckt: 1998 beschlossen sie im Rahmen von nötigen Verbesserungen für den Hochwasserschutz, die Isar vom südlichen Stadtrand bis ins Zentrum vom einengenden Beton zu befreien und ihr auf acht Kilometern so viel Auslauf wie in einer Metropole möglich zurückzugeben.
"Es ist ein großer Unterschied, ob man einen Fluss auf freier Strecke renaturiert oder zwischen den Häuserzeilen einer Millionenstadt", sagt Klaus Arzet, als Leiter des Münchner Wasserwirtschaftsamtes für den Umbau verantwortlich. "Unsere Aufgabe war, einerseits Hochwassersicherungen zu errichten, andererseits Natürlichkeit zuzulassen. Mit dieser Art des Flussbaus hatte weltweit niemand Erfahrung." Also tüftelten Wasserbauingenieure erst an Modellen aus, was passiert, wenn ...
Im Februar 2000 starteten sie das Experiment dann unter Realbedingungen. Jeden Winter (wegen Niedrigwasser die beste Bauzeit) arbeiteten sich schwere Bagger von Süd nach Nord vor. Rissen die Betonplatten aus dem Uferrand und recycelten sie als unterirdische Hochwassersicherung, bauten einen sanften Übergang zwischen Wasser und Land, verbreiterten das Flussbett, verstärkten die Schutzdeiche, machten die Uferböschungen flach, legten Terrassen an und gestalteten neue Kiesbänke.
Auch im Wasser wurde intensiv gebaggert. So entfernte man die quer über die Flusssohle gebauten Betonschwellen und ersetzte sie durch superschwere Felsblöcke, die im Wasser liegen wie eine lockere Reihe von Riesenwürfeln. Sie verhindern, dass sich der Fluss in die Tiefe gräbt. Ein paar Kiesinseln schuf man auch noch und gab der Isar mit geschickt platzierten, so genannten Störsteinen Impulse, aus ihrem Geschiebe selbstständig Inseln zu gestalten. "Wir machten nur den Rohbau", sagt Arzet, "den Putz erledigen die Hochwasser." Und den Feinschliff besorgt der stete Fluss der Isar.Inzwischen wurden sechs Kilometer naturnah umgebaut; der letzte Abschnitt im Innenstadtbereich wird erst 2008 fertig gestellt sein, weil Streit um die beste architektonische Lösung die weiteren Arbeiten verzögerte. Ist die neue Isar jetzt wieder ganz die alte? Wie schaut's aus? Kaum wieder zu erkennen. Im Frühling erleben Spaziergänger zwischen der Großhesseloher und der Thalkirchner Brücke (Karte Seite 78) eine bunte Pracht, die ihnen wie ein Wunder vorkommt. Am Westufer ist die grüne Monotonie aus Gras und Weiden verschwunden; stattdessen blühen weiße, gelbe, violette, blaue Blumen, alle gesprossen aus Saatgut, das von den letzten erhaltenen Isarheiden gewonnen wurde. Die verstärkte Artenvielfalt setzt sich im Tierreich fort. Man sieht jetzt Schmetterlinge, Libellen, Bienen, Wasseramseln. Und man hört ganz neue Töne: die Isar! Früher schlich sie stumm daher, nun gluckst und rauscht sie....