Der 2. Weltkrieg

Der 2. Weltkrieg

Wendepunkt der deutschen Geschichte. Mit Beitr. v. Götz Aly, Karen Andresen, Wolfgang Bayer u. a.

Hrsg. v. Stephan Burgdorff u. Klaus Wiegrefe
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Der 2. Weltkrieg

Grundlegender historischer Überblick mit neuesten Erkenntnissen

Der 2. Weltkrieg veränderte die Welt wie kein anderes Ereignis im 20. Jahrhundert. Er beendete die 400-jährige Vorherrschaft Europas und stellte die Weichen für den Aufstieg der Supermächte USA und UDSSR. Die bedingungslose Kapitulation besiegelte das Ende des Deutschen Reichs; die Welt zerfiel in zwei Blöcke. Namhafte Historiker und SPIEGEL-Redakteure schildern Ursachen, Verlauf und die tiefgreifenden Folgen des Krieges.

- Mit Beiträgen renommierter Historiker und SPIEGEL -Redakteure, u.a. Heinrich August Winkler, Götz Aly und Matthias Mattussek

- Mit informativen Karten und Schaubildern

"Ein weiterführendes, informatives wie auch ergreifendes Buch über ein viel beachtetes Thema." - Ruhr Wort

"Jeder, der an Geschichte interessiert ist, sollte dieses Buch in seine Sammlung aufnehmen ... Informativ und aufklärend!" - Salzburger Volkszeitung


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann; Spiegel-Verlag
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 382 S. m. Ktn.
  • Seitenzahl: 382
  • Goldmann Taschenbücher Bd.12964
  • Deutsch
  • Abmessung: 184mm x 125mm x 26mm
  • Gewicht: 315g
  • ISBN-13: 9783442129645
  • ISBN-10: 3442129648
  • Best.Nr.: 20943264
"Ein weiterführendes, informatives wie auch ergreifendes Buch über ein viel beachtetes Thema." Ruhr Wort

"Jeder, der an Geschichte interessiert ist, sollte dieses Buch in seine Sammlung aufnehmen ... Informativ und aufklärend!"
Stephan Burgdorff, geb. 1944, ist seit 1974 Redakteur des 'Spiegel' und leitet seit einigen Jahren das Ressort Sonderthemen.

Leseprobe zu "Der 2. Weltkrieg"

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Leseprobe zu "Der 2. Weltkrieg"

Vorwort Kein anderes Ereignis des 20. Jahrhunderts hat so viel Leid über die Menschheit gebracht wie der Zweite Weltkrieg. Rund 60 Millionen Menschen kamen ums Leben - in den Kampfhandlungen zu Lande, auf dem Wasser oder in der Luft, als Opfer des von den Deutschen entfachten Genozids, durch Kriegsverbrechen, in Gefangenenlagern, oder schlicht durch Krankheit und Hunger. Unzählige Menschen in Europa und Asien verloren ihre Heimat durch Flucht und Vertreibung. Der materielle Schaden war unermesslich. Hunderte Städte und Zigtausende Dörfer wurden zerstört, 1,63 Millionen Gebäude allein in Deutschland. Mit der Teilung und dem Verlust fast eines Viertels ihres Landes zahlte die Nation, in deren Namen der Diktator Adolf Hitler den mörderischsten aller Kriege entfesselt hatte, auch unter ökonomischen Gesichtspunkten einen hohen Preis.

Allerdings: Der totalen Niederlage folgte die Befreiung von der Diktatur, von Militarismus und Obrigkeitsstaat. "Für die deutsche Geschichte", schreibt der Historiker Heinrich August Winkler, bedeute das Kriegsende 1945 "den Wendepunkt schlechthin". Denn im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg, der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" (so auch der Titel des bei DVA erschienenen SPIEGEL-Buches), war nach dem Zweiten Weltkrieg fast alles anders als vorher. Das Deutsche Reich verlor zwar 1919 durch den Friedensvertrag von Versailles fast ein Siebtel seines Gebiets, aber es blieb erhalten. "Ein gesellschaftlicher und moralischer Bruch mit dem Kaiserreich", so Winkler, "fand nicht statt". Mit der Kapitulation am 8. Mai 1945 hingegen ging auch das von Bismarck 1871 gegründete Deutsche Reich unter - und damit einher ein politischer und gesellschaftlicher Umbruch, wie ihn die Deutschen nie zuvor erlebt hatten.

In dem vorliegenden Buch, das auf einer Serie im SPIEGEL aufbaut, beschreiben namhafte Historiker und SPIEGEL-Redakteure, wie es zum Zweiten Weltkrieg kam, wie er verlief, wie er endete und welche Folgen die Niederlage hatte. Die Autoren verließen sich dabei nicht nur auf amtliche Quellen, sondern begaben sich auch auf Spurensuche vor Ort - von Pearl Harbor bis al-Alamein, von den Seelower Höhen bis zur Brücke von Remagen. Und sie beleuchten auch bisher wenig bekannte Aspekte, etwa wie die Nazi-Führung das deutsche Volk bei Laune hielt, wie Bomberpiloten sich mit Drogen aufputschten oder wie kritische Landser in Gefangenenlagern von ihren Nazi-Kameraden schikaniert wurden.

Der Dank der Herausgeber gilt neben den Autoren den Grafikern, die informative Karten und Schaubilder anfertigten, den Dokumentaren, die sämtliche Fakten überprüften, den Schlussredakteuren, die alle Texte sorgfältig korrigierten, und - last but not least - den Sekretärinnen, die Ordnung ins kreative Chaos brachten.

Stephan Burgdorff und Klaus Wiegrefe Die Heimkehr des Krieges Der von Hitler entfesselte blutigste Waffengang der Geschichte mit rund 60 Millionen Toten ging vor 60 Jahren zu Ende. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges erfuhren auch die Deutschen im Reich, was es bedeutet, wenn ein Land besiegt und besetzt wird.

VON NORBERT F. PÖTZL UND KLAUS WIEGREFE Am Morgen des 21. Oktober 1944, über der ostpreußischen Moränenlandschaft lag noch der Frühnebel, rasselten Tanks des 2. Bataillons der 25. sowjetischen Panzerbrigade die Chaussee von Gumbinnen herunter. Sie walzten die Pferdefuhrwerke der Bauernfamilien platt, die sich auf der Flucht vor der Roten Armee auf einem Damm vor der Brücke über den Fluss Angerapp stauten.

Dann rückten die Russen, jenseits des Wasserlaufs, in Nemmersdorf ein. Die meisten der 637 Einwohner hatten den Ort schon verlassen. Unter denen, die geblieben waren, richteten die Rotarmisten ein Blutbad an. 26 Menschen wurden erschossen oder erschlagen.

"Hier ist es nun, das verfluchte Deutschland", malte ein russischer Soldat auf ein Schild und stellte es neben einem niedergebrannten Wohngebäude auf. Der Krieg, der von Deutschland ausgegangen war, kehrte nach Hause zurück.

Fünf Jahre lang hatten deutsche Soldaten auf polnischem und russischem, ukrainischem und lettischem Boden den von Adolf Hitler angezettelten Vernichtungskrieg einer selbsternannten "Herrenrasse" gegen die slawischen "Untermenschen" geführt - jetzt waren sie auf dem Rückzug.

Am 16. Oktober hatten sowjetische Soldaten die Reichsgrenze überschritten, erstmals waren Josef Stalins Truppen in Ostpreußen auf deutsches Siedlungsgebiet vorgedrungen. Nemmersdorf lag schon etwa 50 Kilometer im Land.

Das dort angerichtete Massaker war der Anfang eines sich zäh hinziehenden Endes. Zwar gelang es der Wehrmacht noch einmal, die Rotarmisten aus Ostpreußen herauszudrängen - vorübergehend. So wurden auch die Toten in Nemmersdorf gefunden. Propagandaminister Joseph Goebbels schwor in den gleichgeschalteten deutschen Zeitungen, "die bestialische Bluttat" werde "die Bolschewisten teuer zu stehen kommen", und ließ die Leichen für die Wochenschau extra schauerlich herrichten, die Frauen mit entblößtem Unterleib, obschon hier wohl noch keine Vergewaltigungen stattgefunden hatten.

Bald darauf, im Januar 1945, rückte die Rote Armee wieder vor und war nun nicht mehr aufzuhalten. In den folgenden Monaten wurden vor allem Ostpreußen, Pommern und Schlesier Zielscheibe eines Hasses, den die Deutschen gesät hatten. Brandschatzend und plündernd, vergewaltigend und mordend rächten sich Stalins Kämpfer für die Greuel, die im deutschen Namen in ihrer Heimat begangen worden waren.

Nun erfuhren auch die Deutschen im Reich, was es bedeutet, wenn Soldaten ein Land besetzen und dabei das Kriegsrecht brechen - so wie es zuvor die Wehrmacht und die SS getan hatten.

Und auch im Westen stand der Kriegsgegner bereits im eigenen Land. Kurz bevor die Russen nach Ostpreußen kamen, hatten die Amerikaner, im September 1944, die Westgrenze des Deutschen Reiches überquert. Monschau in der Eifel war die erste besetzte Stadt, Mitte Oktober eroberten amerikanische Truppen Aachen.

1945 wurde zum Schicksalsjahr der deutschen Geschichte. "Wir können untergehen", hatte Hitler zu Beginn dieses entscheidenden Jahres verkündet, "aber wir werden eine Welt mitnehmen."

Und so geschah es. Von Januar bis Mai 1945 starben mehr Deutsche als in den fünf Kriegsjahren zuvor; allein 300000 Kinder verloren ihre Eltern. Wehrmachtrekruten, die in der Endphase noch an die Front mussten, hatten im Durchschnitt eine Lebenserwartung von vier Wochen.

Millionen Menschen ergriffen die Flucht vor den Rotarmisten. Fast jede fünfte Frau im Osten wurde geschändet. Und mindestens 100000 Deutsche brachten sich um - sie fürchteten die Rache der Sieger, schämten sich nach erlittener Vergewaltigung oder verzweifelten am Untergang Deutschlands, der unausweichlich schien.

Rund 500000 Tonnen Bomben wurden 1945 noch über Deutschland abgeworfen, allein in Dresden starben in der Feuersbrunst vom 13. bis 15. Februar etwa 25000 Menschen.

Während Hitler und seine Paladine noch immer vom "Endsieg" phantasierten, vollzog sich der Untergang eines auf nationalistische Hybris gegründeten Reiches, das tausend Jahre währen sollte, aber schon nach zwölf kläglich zusammenbrach.

Das "Großdeutsche Reich", das der "Führer und Reichskanzler" ausgerufen hatte, als es von der Maas bis an die Memel reichte, war schon beinahe wieder auf Vorkriegsformat geschrumpft. Die Wehrmacht, die mal fast ganz Europa vom Nordkap bis Nordafrika unterjocht hatte, kannte nur noch eine Richtung: zurück.

Der deutsche Luftraum wurde längst von den alliierten Bomberflotten beherrscht. Hermann Göring hatte einst getönt, er wolle "Meier heißen, wenn je ein feindliches Flugzeug deutsches Territorium erreicht".

Unterdessen sanken immer mehr deutsche Städte in Schutt und Asche, viele waren nur noch schwelende Trümmerfelder. Ein britischer Bomberpilot sah beim Flug über Hamburg unter sich "eine Art ,Dantes Inferno', eine Fläche voller Weißglut" - "genau so muss die Hölle aussehen".

Einen dänischen Reporter erinnerten die Bilder ausgebrannter Ruhrstädte an "Luftaufnahmen von Pompeji".

Im Sommer 1944 hatten die Westalliierten mit ihrer Operation "Overlord" begonnen, der größten kombinierten See-, Luft- und Landoperation aller Zeiten. Mehr als drei Millionen Soldaten, größtenteils Amerikaner und Briten, aber auch Kanadier, Franzosen, Polen, Tschechen, Belgier, Niederländer und sogar einige Exildeutsche in britischer Uniform hatten von Südengland aus den Kanal überquert.

Mitte Juli erwies sich die in der Normandie gelandete Übermacht als so erdrückend, dass der legendäre Generalfeldmarschall Erwin Rommel dem Führer die Kapitulation nahe legte.

Die westlichen Verbündeten sahen sich deshalb im Herbst 1944 fast am Ziel, als das Reichsgebiet offen vor ihnen lag. Hitler aber glaubte, einmal müsse doch "an der Westfront dem Gegner die Puste ausgehen". In völliger Verkennung der Lage des Dritten Reiches befahl der Diktator einen Angriff in den Ardennen, der die Kriegswende erzwingen sollte.

Bedenken der Militärs wischte Hitler beiseite. Der von der Wehrmachtführung erwartete Großangriff der Roten Armee sei doch "der größte Bluff seit Dschingis Khan", höhnte er und ordnete an: "Keine Verstärkung der Truppen im Osten - dort kann ich noch Boden verlieren, im Westen nicht. Der Osten muss sich allein helfen!"

Zwei Panzerarmeen mit 600 schweren Tanks stießen am 16. Dezember 1944 aus den Wäldern vor und trieben die überrumpelten Amerikaner vor sich her. Schlechtes Wetter hinderte die Alliierten, ihre Flugzeuge aufsteigen zu lassen.

Doch Hitlers Rechnung ging nicht auf. Die deutschen Panzer erreichten die riesigen amerikanischen Treibstofflager bei Stavelot nicht, sie blieben liegen. Als nach Weihnachten der Himmel aufklarte, zerstörte die alliierte Luftwaffe die deutschen Nachschubwege. Hitlers letzte Großoffensive brach zusammen.

Durch das von Anfang an aussichtslose Unternehmen wurde lediglich eine Verlängerung des Krieges erkauft. "Nüchtern bilanziert", meint der an der Offiziersschule der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck lehrende Militärhistoriker John Zimmermann, "bezahlte die Wehrmacht die Ardennenoffensive mit schweren, mit entscheidenden Verlusten. Sie hatte nun endgültig die Kraft verloren, die Initiative noch einmal an sich zu reißen."

Doch anders als 1918, als einsichtige Generäle Wege zu einem Waffenstillstand suchten, kam für Hitler eine Kapitulation auch nach diesem Fehlschlag nicht in Frage. Der "größte Feldherr aller Zeiten" ließ seine Männer lieber bis zum bitteren Ende im Mai 1945 weitersterben - entschlossener denn je, alles mit sich in den Untergang zu reißen.

Von Oktober 1944 bis Januar 1945 verharrte die Rote Armee an der ostpreußischen Grenze. Doch es war nur die Ruhe vor dem Sturm, um die Kräfte zu sammeln: 2,2 Millionen Soldaten, 33500 Geschütze und 7000 Panzer standen kurz nach Neujahr bereit für den entscheidenden Vorstoß nach Berlin.

Am 11. Januar hielt Generaloberst Heinz Guderian einen entschlüsselten Funkspruch der Sowjets in Händen: "Es bleibt bei alter Einladung. Festbeginn 13. früh. Musik komplett, Tänzer ausgeruht und unternehmungsfreudig."

Das Konzert der "Stalinorgeln" und Geschütze - bis zu 200 nebeneinander pro Kilometer - begann dann schon am 12. Januar, mit einem stundenlangen Trommelfeuer. Die Wehrmacht konnte der bis zu 20-fachen Überlegenheit der Rotarmisten nicht lange standhalten, die schon fünf Tage später in der Nähe von Königsberg standen.

In Panik floh die deutsche Bevölkerung, die bis dahin unter Strafandrohung daran gehindert worden war, Vorbereitungen für eine geordnete Evakuierung zu treffen. Mit Pferdewagen, Schlitten oder zu Fuß versuchten Frauen, Kinder und Alte - die 16- bis 60-jährigen Männer waren, sofern sie nicht ohnehin in der Wehrmacht dienen mussten, seit September 1944 zum Volkssturm eingezogen - bei eisiger Kälte über die verschneite Ebene im Nordosten Deutschlands zu entkommen. Hunderttausende verloren dabei ihr Leben.

Als die Rote Armee nahe dem im westlichen Ostpreußen gelegenen Elbing die Ostsee erreichte, war ein Großteil der Provinz vom Reichsgebiet abgeschnitten. Als letzter Fluchtweg blieb das Frische Haff, das in jenem Winter von einer dicken Eisschicht bedeckt war.

Endlose Trecks zogen zur Nehrung, einer langgestreckten Landzunge. Die Flüchtlinge hofften, mit Schiffen über die Ostsee gebracht zu werden. Für Tausende wurde die Schiffspassage aber zur tödlichen Falle. Am 30. Januar versenkten sowjetische Torpedos den ehemaligen "Kraft durch Freude"-Dampfer "Wilhelm Gustloff", später wurden auch die "Steuben", die "Goya" und die "Karlsruhe" auf Grund gesetzt. Mindestens 33000 Menschen ertranken oder erfroren in der Ostsee.

Als die Front von Osten her immer näher kam, wurden auch die Konzentrationslager geräumt. Der zügige Vormarsch der Roten Armee stoppte zwar die Mordmaschinerie in Auschwitz, doch befreien konnten die Soldaten nur noch wenig mehr als 8000 Menschen. Die meisten der bis dahin Überlebenden waren kurz zuvor auf Transporte und Todesmärsche gen Westen geschickt worden.

Überall in Ostdeutschland wurden die hungernden Häftlinge in klirrender Kälte in dünner Sträflingskleidung über die Straßen getrieben. Die Bewacher schlugen mit ihren Peitschen zu, wenn einer nicht mehr weiter konnte; sie ließen die Entkräfteten im Straßengraben krepieren oder erschossen sie kurzerhand.

Viele Deutsche, durch deren Dörfer die ausgemergelten Gestalten zogen, wurden in der letzten Kriegsphase erstmals direkt mit den Verbrechen konfrontiert, die sie bis dahin nicht hatten wahrhaben wollen.

Hitler hatte sein Hauptquartier "Wolfschanze" nahe dem ostpreußischen Rastenburg schon Ende November 1944 verlassen und ein neues, "Adlerhorst" bei Bad Nauheim in Hessen, bezogen. Von dort kehrte er nach der gescheiterten Ardennenoffensive am 16. Januar 1945 mit dem Zug nach Berlin zurück. Bald könne man mit der Straßenbahn von der West- an die Ostfront fahren, soll ein Adjutant Hitlers unterwegs gescherzt haben.

Seine Amtsräume waren schon von Bombentreffern gezeichnet, und die vielen Luftangriffe zwangen Hitler immer häufiger in den Bunker unter der Reichskanzlei, weshalb er bald ganz dorthin umzog.

Anfang Januar 1945, die Ardennenoffensive stockte bereits, bestärkte Rüstungsminister Albert Speer Hitler in dessen Wahn, den Krieg doch noch gewinnen zu können. Man habe, sagte Speer zu Goebbels, genug "nationale Kraft", um mit den zu erwartenden "Schwierigkeiten" im sechsten Kriegsjahr fertig zu werden. Er sehe "vertrauensvoll in die Zukunft".

Das musste er wohl auch. Denn Speer, der einst für Hitler die "Welthauptstadt Germania" erbauen sollte, hatte viele Bauvorhaben in den Konzentrationslagern genehmigt. Dass es ihm nach dem Krieg gelingen würde, sich als halber Hitler-Gegner darzustellen, der im Frühjahr 1945 das Schlimmste verhindert habe, konnte Speer damals noch nicht ahnen.

"Die ungeheure Dimension der Verbrechen erklärt" für den Freiburger Historiker Heinrich Schwendemann, "warum Speer und Goebbels, beide die Intelligentesten innerhalb der NS-Führung, seit Stalingrad so vehement auf die Totalisierung des Krieges drangen, auf das ,unbedingt gewinnen Müssen'."

Deshalb setzte Speer auch in den letzten Kriegsmonaten alles daran, den Nachschub an die Fronten zu sichern. Er ordnete an, dass die Rüstungsindustrie bis zum letzten Moment arbeiten müsse, erst unmittelbar vor dem Eintreffen des Feindes sollten die Produktionsanlagen "gelähmt" werden.

Noch Mitte März, als der Beginn der alliierten Offensive aus den Brückenköpfen am Rhein bevorstand und die Rote Armee sich an der Oder zum Sturm auf Berlin anschickte, schlug Speer dem Diktator in einer Denkschrift vor, alle Wehrmachtverbände samt Volkssturm an Rhein und Oder zu konzentrieren: "Ein zähes Durchhalten an der jetzigen Front für einige Wochen kann dem Gegner Achtung abgewinnen und vielleicht doch noch das Ende des Krieges günstig bestimmen."

Hitler reagierte auf Speers illusorische Hoffnung mit dem berüchtigten "Nero-Befehl" vom 19. März 1945, bei weiteren Rückzügen verbrannte Erde zu hinterlassen. Er sagte zu Speer: "Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, es ist besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das deutsche Volk hat sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft. Was nach diesem Kampf übrig bleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen."

Am Tag vor dem Nero-Befehl war das pommersche Kolberg, wie viele andere Städte im Osten zur "Festung" erklärt, von den Russen eingenommen worden. Hier hatten preußische Truppen einst Napoleon lange erfolgreich Widerstand geleistet. Das historische Geschehen hatte der Regisseur und Goebbels-Günstling Veit Harlan zu einem Durchhaltefilm verzerrt, der nun, termingerecht, in den letzten Kriegsmonaten den Soldaten vorgeführt wurde.

Den realen Fall Kolbergs ließ Goebbels im Wehrmachtbericht allerdings vertuschen: "Wir können das", begründete er die Zensur, "angesichts der starken psychologischen Folgen für den Kolberg-Film augenblicklich nicht gebrauchen."

Nur wenig später stürmte die britische Armee durch die norddeutsche Tiefebene, nachdem ihr bei Wesel die zügige Überquerung des Rheins gelungen war. US-Truppen drangen tief nach Süddeutschland ein. Fast ungehindert, oft als Befreier begrüßt, marschierten sie rasch vorwärts. Viele Soldaten ließen sich einfach überrollen und gefangen nehmen. Großdeutschland wurde von Tag zu Tag kleiner.

In den frühen Morgenstunden des 16. April - die Westalliierten hatten zu diesem Zeitpunkt schon die Elbe überschritten - setzte die Rote Armee zum Sturm auf die Seelower Höhen an der Oder an. Die Erde bebte unter den Artillerieschlägen, und noch in den östlichen Vororten Berlins zitterten die Fensterscheiben.

"Mit unseren Siegen, aber auch mit unserem Blut haben wir das Recht erkämpft, Berlin zu stürmen und als Erste die Stadt zu betreten", hatte Marschall Georgij Schukow seine Männer vor dem Angriff motiviert.

Im Raum Halbe, südöstlich von Berlin, kesselten die Sowjets die deutsche 9. Armee ein. Bei den Versuchen, aus dem Kessel auszubrechen, starben schätzungsweise 60000 Mann. Es war die letzte große Schlacht des Zweiten Weltkrieges in Europa.

Der russische Schriftsteller Konstantin Simonow sah später, als er durch jene Gegend fuhr, "Fahrzeuge aller Art ineinander verkeilt, übereinander geschoben, auf dem Rücken liegend, in die umstehenden Bäume geschoben. In all diesem Gewirr von Metall und Holz eine schreckliche Masse verstümmelter menschlicher Körper. Und dieses Bild längs der Schneise bis in die ferne Unendlichkeit".

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