Leseprobe zu "Immer ist gerade jetzt" von Amelie Fried
Jeder Mensch hat ein Recht auf Nahrung, Kleidung,
Wohnung und ärztliche Versorgung, außerdem ein Recht auf Bildung und Freiheit - so steht es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.
Für Millionen Kinder auf der Welt sieht die Wirklichkeit anders aus: Sie wachsen unter menschenunwürdigen Bedingungen auf, die wir nicht hinnehmen dürfen. Diesen Kindern widme ich mein Buch.
Sie versuchte zu erkennen, wo sie lag, aber es war dunkel. Sie konnte nicht sehen, wie groß der Raum war, in dem sie sich befand. Sie konnte nicht sehen, ob sie allein war oder ob im Dunkeln jemand lauerte. Diese Dunkelheit war das Schlimmste. Panik kroch in ihr hoch.
Dann drang ein wenig Mondlicht durch schmale Ritzen in den Wänden, die offenbar nur aus Brettern bestanden. Die Umrisse eines Karrens und irgendwelcher Maschinen zeichneten sich ab, vermutlich landwirtschaftliche Geräte. Ein Auto näherte sich. Der Motor wurde ausgeschaltet, Autotüren schlugen zu, Schritte näherten sich dem Schuppen. Stimmengemurmel. Sie begann zu zittern.
1
Noch bevor Freda ganz wach war, fiel ihr ein, welcher Tag heute war. Mit geschlossenen Augen blieb sie liegen und versuchte, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Kind nun erwachsen war.
Vor achtzehn Jahren: Der Arzt zeigt ihr das Neugeborene, das von einer cremigen Schicht bedeckt ist und den unwiderstehlichen Wunsch in ihr auslöst, es sauberzulecken. Auch später, als ihr das Baby gewaschen und angezogen in die Arme gelegt wird, kann sie kaum dem Drang widerstehen, ihm mit der Zunge übers Gesicht zu fahren wie eine Katzenmutter.
Den ganzen ersten Tag über sieht sie es an und versucht, etwas Vertrautes an ihm zu entdecken. Nichts. Dieses Kind ist kein Teil von ihr, wie sie es sich vorgestellt hat. Es ist ein völlig eigenständiges Wesen, und es ist ihr fremd. Sie würden sich erst kennenlernen müssen, begreift Freda und ist überrascht.
Am nächsten Tag hört sie die Stimme ihrer Tochter aus einem Konzert von zwanzig Babystimmen auf der Säuglingsstation heraus. Und am übernächsten Tag blickt sie in das Gesicht der Kleinen, das sich im Schlaf unwillig verzieht, und bricht in Tränen aus bei dem Gedanken, dass dieses hilflose Baby eines Tages erwachsen sein und sie nicht mehr brauchen wird.
Als Josy größer wurde, entdeckte Freda, wie viel Spaß man mit einem Kind haben kann. Sie lag mit Josy auf dem Boden und untersuchte Staubflocken, stapelte Klötzchen zu Türmen und zeichnete Prinzessinnen, deren Kleider das Kind bunt ausmalte. Kein Spiel war Freda zu monoton, keine Unternehmung zu anstrengend. Sie organisierte Schnitzeljagden oder Mondscheinwanderungen im nahe gelegenen Park und sammelte einen Koffer voller Kleider und Kostüme zum Verkleiden bei schlechtem Wetter. Oft zog der Duft von frisch gebackenen Muffins oder Waffeln durch die Wohnung; sie konnte zwar nicht besonders gut kochen, buk aber gern. Die Nachbarskinder kamen in Scharen und waren willkommen, denn Freda fand es wichtig, dass ihr Einzelkind viele Spielkameraden hatte. Sie hatte es geliebt, Kinder um sich zu haben und selbst ein bisschen Kind sein zu dürfen.
Sie setzte sich im Bett auf und rieb sich das Gesicht. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie gerade mal fünf Stunden geschlafen hatte. Sie zog die hellblauen Silikonstöpsel aus den Ohren, die sie verwendete, wenn es spät geworden war und sie sicher sein wollte, dass kein Geräusch sie wieder aus dem Schlaf riss, in den sie mühsam gefunden hatte. Dann griff sie nach ihrem Handy auf dem Nachttisch. In einem von Josy bemalten Holzrahmen daneben stand ein Foto von Alex. Unwillkürlich tastete ihre Hand auf die andere Bettseite. Als sie die Kühle des unberührten Lakens spürte, zog sie die Hand schnell zurück.
Sie seufzte und schwang ihre Beine aus dem Bett. Ein Pochen in ihrer rechten Schläfe erinnerte sie an die vergangene Nacht. Ein bis zwei Gläser weniger hätten es auch getan, dachte sie. Aber schließlich feiert man nur einmal den achtzehnten Geburtstag seiner einzigen Tochter mit einer großen Party.
Punkt zwölf war Josy zu ihr gekommen, hatte sie umarmt und ihr ins Ohr geflüstert: "Glückwunsch, Mama, du hast es geschafft! Ich danke dir für alles."
"Ach, meine Süße", hatte Freda geantwortet und ein paar Tränen der Rührung verschluckt.
Dann hatte ihre Tochter den Kopf schief gelegt und mit ernstem Gesichtsausdruck gesagt: "Zwischen uns ändert sich nichts, okay?"
"Nein, nichts", hatte Freda gesagt.
Aber gedacht hatte sie: Es hat sich doch schon so vieles geändert. Und beschützen kann ich dich jetzt auch nicht mehr.
Als hätte sie es bisher gekonnt. Als könnte man ein Kind überhaupt beschützen. Sie hatte immer alles getan, um Josy vor Schlimmem zu bewahren, vielleicht hatte sie es manchmal übertrieben. Besonders, seit Alex weg war. Hatte nicht jeder Mensch sein individuelles Schicksal? Sein Lebensdrehbuch, an dem man ein paar Verbesserungen anbringen, dessen Handlung aber niemand wesentlich verändern könnte? Wenn man Glück hatte, drehte man an angenehmen Orten, in schicken Kostümen und mit netten Kollegen. Aber wie der Film sich entwickelte, welche Wendungen und Höhepunkte er enthielt, war die Entscheidung eines unbekannten Regisseurs, der sich von niemandem hereinreden
ließ.
Freda stopfte ihr Kissen im Rücken zurecht und zog die Knie an die Brust. Eine frühe Erinnerung kam ihr in den Sinn. Josy musste ungefähr zehn Monate alt gewesen sein, sie übte das Sichhochziehen und Stehen und entwickelte
Interesse an anderen Kindern. Freda begann, regelmäßig mit ihr auf den Spielplatz zu gehen. Eines Tages beobachtete sie einen kleinen Jungen, der den Sitz einer Holzschaukel festhielt und genau in dem Moment losließ, als Josy sich gerade aufgerichtet hatte. Das Holzbrett raste auf ihren Hinterkopf zu, Freda sprang auf, die Schaukel prallte mit einem dumpfen Geräusch gegen den Kleinkindschädel, Josy fiel um. Sie schrie nicht. Sie machte nur ein kleines Geräusch, wie eine Art Japsen oder Aufstoßen, dann rührte sie sich nicht mehr. Fredas Herz blieb stehen.
Leseprobe zu "Immer ist gerade jetzt" von Amelie Fried
Jeder Mensch hat ein Recht auf Nahrung, Kleidung,
Wohnung und ärztliche Versorgung, außerdem ein Recht auf Bildung und Freiheit - so steht es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.
Für Millionen Kinder auf der Welt sieht die Wirklichkeit anders aus: Sie wachsen unter menschenunwürdigen Bedingungen auf, die wir nicht hinnehmen dürfen. Diesen Kindern widme ich mein Buch.
Sie versuchte zu erkennen, wo sie lag, aber es war dunkel. Sie konnte nicht sehen, wie groß der Raum war, in dem sie sich befand. Sie konnte nicht sehen, ob sie allein war oder ob im Dunkeln jemand lauerte. Diese Dunkelheit war das Schlimmste. Panik kroch in ihr hoch.
Dann drang ein wenig Mondlicht durch schmale Ritzen in den Wänden, die offenbar nur aus Brettern bestanden. Die Umrisse eines Karrens und irgendwelcher Maschinen zeichneten sich ab, vermutlich landwirtschaftliche Geräte. Ein Auto näherte sich. Der Motor wurde ausgeschaltet, Autotüren schlugen zu, Schritte näherten sich dem Schuppen. Stimmengemurmel. Sie begann zu zittern.
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Noch bevor Freda ganz wach war, fiel ihr ein, welcher Tag heute war. Mit geschlossenen Augen blieb sie liegen und versuchte, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Kind nun erwachsen war.
Vor achtzehn Jahren: Der Arzt zeigt ihr das Neugeborene, das von einer cremigen Schicht bedeckt ist und den unwiderstehlichen Wunsch in ihr auslöst, es sauberzulecken. Auch später, als ihr das Baby gewaschen und angezogen in die Arme gelegt wird, kann sie kaum dem Drang widerstehen, ihm mit der Zunge übers Gesicht zu fahren wie eine Katzenmutter.
Den ganzen ersten Tag über sieht sie es an und versucht, etwas Vertrautes an ihm zu entdecken. Nichts. Dieses Kind ist kein Teil von ihr, wie sie es sich vorgestellt hat. Es ist ein völlig eigenständiges Wesen, und es ist ihr fremd. Sie würden sich erst kennenlernen müssen, begreift Freda und ist überrascht.
Am nächsten Tag hört sie die Stimme ihrer Tochter aus einem Konzert von zwanzig Babystimmen auf der Säuglingsstation heraus. Und am übernächsten Tag blickt sie in das Gesicht der Kleinen, das sich im Schlaf unwillig verzieht, und bricht in Tränen aus bei dem Gedanken, dass dieses hilflose Baby eines Tages erwachsen sein und sie nicht mehr brauchen wird.
Als Josy größer wurde, entdeckte Freda, wie viel Spaß man mit einem Kind haben kann. Sie lag mit Josy auf dem Boden und untersuchte Staubflocken, stapelte Klötzchen zu Türmen und zeichnete Prinzessinnen, deren Kleider das Kind bunt ausmalte. Kein Spiel war Freda zu monoton, keine Unternehmung zu anstrengend. Sie organisierte Schnitzeljagden oder Mondscheinwanderungen im nahe gelegenen Park und sammelte einen Koffer voller Kleider und Kostüme zum Verkleiden bei schlechtem Wetter. Oft zog der Duft von frisch gebackenen Muffins oder Waffeln durch die Wohnung; sie konnte zwar nicht besonders gut kochen, buk aber gern. Die Nachbarskinder kamen in Scharen und waren willkommen, denn Freda fand es wichtig, dass ihr Einzelkind viele Spielkameraden hatte. Sie hatte es geliebt, Kinder um sich zu haben und selbst ein bisschen Kind sein zu dürfen.
Sie setzte sich im Bett auf und rieb sich das Gesicht. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie gerade mal fünf Stunden geschlafen hatte. Sie zog die hellblauen Silikonstöpsel aus den Ohren, die sie verwendete, wenn es spät geworden war und sie sicher sein wollte, dass kein Geräusch sie wieder aus dem Schlaf riss, in den sie mühsam gefunden hatte. Dann griff sie nach ihrem Handy auf dem Nachttisch. In einem von Josy bemalten Holzrahmen daneben stand ein Foto von Alex. Unwillkürlich tastete ihre Hand auf die andere Bettseite. Als sie die Kühle des unberührten Lakens spürte, zog sie die Hand schnell zurück.
Sie seufzte und schwang ihre Beine aus dem Bett. Ein Pochen in ihrer rechten Schläfe erinnerte sie an die vergangene Nacht. Ein bis zwei Gläser weniger hätten es auch getan, dachte sie. Aber schließlich feiert man nur einmal den achtzehnten Geburtstag seiner einzigen Tochter mit einer großen Party.
Punkt zwölf war Josy zu ihr gekommen, hatte sie umarmt und ihr ins Ohr geflüstert: "Glückwunsch, Mama, du hast es geschafft! Ich danke dir für alles."
"Ach, meine Süße", hatte Freda geantwortet und ein paar Tränen der Rührung verschluckt.
Dann hatte ihre Tochter den Kopf schief gelegt und mit ernstem Gesichtsausdruck gesagt: "Zwischen uns ändert sich nichts, okay?"
"Nein, nichts", hatte Freda gesagt.
Aber gedacht hatte sie: Es hat sich doch schon so vieles geändert. Und beschützen kann ich dich jetzt auch nicht mehr.
Als hätte sie es bisher gekonnt. Als könnte man ein Kind überhaupt beschützen. Sie hatte immer alles getan, um Josy vor Schlimmem zu bewahren, vielleicht hatte sie es manchmal übertrieben. Besonders, seit Alex weg war. Hatte nicht jeder Mensch sein individuelles Schicksal? Sein Lebensdrehbuch, an dem man ein paar Verbesserungen anbringen, dessen Handlung aber niemand wesentlich verändern könnte? Wenn man Glück hatte, drehte man an angenehmen Orten, in schicken Kostümen und mit netten Kollegen. Aber wie der Film sich entwickelte, welche Wendungen und Höhepunkte er enthielt, war die Entscheidung eines unbekannten Regisseurs, der sich von niemandem hereinreden
ließ.
Freda stopfte ihr Kissen im Rücken zurecht und zog die Knie an die Brust. Eine frühe Erinnerung kam ihr in den Sinn. Josy musste ungefähr zehn Monate alt gewesen sein, sie übte das Sichhochziehen und Stehen und entwickelte
Interesse an anderen Kindern. Freda begann, regelmäßig mit ihr auf den Spielplatz zu gehen. Eines Tages beobachtete sie einen kleinen Jungen, der den Sitz einer Holzschaukel festhielt und genau in dem Moment losließ, als Josy sich gerade aufgerichtet hatte. Das Holzbrett raste auf ihren Hinterkopf zu, Freda sprang auf, die Schaukel prallte mit einem dumpfen Geräusch gegen den Kleinkindschädel, Josy fiel um. Sie schrie nicht. Sie machte nur ein kleines Geräusch, wie eine Art Japsen oder Aufstoßen, dann rührte sie sich nicht mehr. Fredas Herz blieb stehen.