Blitzkrieg gegen den Krebs - Proctor, Robert N.

Robert N. Proctor 

Blitzkrieg gegen den Krebs

Gesundheit und Propaganda im Dritten Reich

Übersetzung: Bröhm, Alexandra
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Blitzkrieg gegen den Krebs

"Ein US-Historiker schlägt ein neues Kapitel aus dem Dritten Reich auf."
Der Spiegel
Robert N. Proctor, international renommierter Wissenschaftshistoriker, machte die brisante Entdeckung, daß Deutschland unter der Naziherrschaft in einem Punkt anderen Ländern um Jahrzehnte voraus war: Gesundheitsreformen wurden vorangetrieben, die wir heute als fortschrittlich und sozial verantwortungsvoll betrachten. Proctor behandelt alle kontroversen Fragen, die solch Entdeckungen aufwerfen.

Robert N. Proctor, international renommierter Wissenschaftshistoriker, machte die brisante Entdeckung, daß Deutschland unter der Naziherrschaft in einem Punkt anderen Ländern um Jahrzehnte voraus war: Gesundheitsreformen wurden vorangetrieben, die wir heute als fortschrittlich und sozial verantwortungsvoll betrachten. Proctor behandelt alle kontroversen Fragen, die solch Entdeckungen aufwerfen.
War die Moral der Nationalsozialisten doch vielschichtiger, als wir glauben? Kann gute und nützliche Forschung aus einem Terrorregime kommen? Was könnte dies über die Gesundheitspolitik in unserer heutigen Gesellschaft verraten? Proctor ist der Ansicht, daß wir das Dritte Reich differenzierter betrachten müssen, als wir dies bisher taten. Aber das bedeutet auch, daß die fortschrittliche und weitblickende Gesundheitspolitik der Nationalsozialisten im Grunde derselben Ideologie entstammte wie ihre medizinischen Verbrechen: dem Ideal eines rassisch reinen Utopia, das nur den gesunden Deutschen vorbehalten war.
Nach der Veröffentlichung einer früheren bahnbrechenden Arbeit über die Greueltaten der Nazi-Ärzte verfaßte Proctor dieses Buch, denn er hatte Dokumente entdeckt, wonach die Nationalsozialisten die aggressivste Anti-Raucher-Kampagne in der modernen Geschichte führten.
Weitere Forschungen ergaben, daß die Regierung des Dritten Reiches eine breite Palette von Maßnahmen zur Volksgesundheit beschloß, darunter gegen Asbest- und Strahlenbelastung, Pestizide und Lebensmittelfarben. Die Gesundheitsbehörden erließen strikte Vorschriften für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz und förderten bestimmte Nahrungsmittel wie Vollkornbrot und Sojabohnen. Diese praktischen Maßnahmen gingen Hand in Hand mit Gesundheitspropaganda, die zum Beispiel den Körper des Führers und dessen Lebensstil als Nichtraucher und Vegetarier zum Ideal erhob. Proctor zeigt auf, daß "Krebs" auch zur gesellschaftlichen Metapher gewählt wurde. Die Nationalsozialisten zeichneten die Juden und andere "Volksfeinde" als "Krebsgeschwür", das aus dem deutschen Volkskörper herausgeschnitten werden mußte.


Produktinformation

  • Verlag: Klett-Cotta
  • 2002
  • Ausstattung/Bilder: 2002. 460 S. m. 37 Abb.
  • Seitenzahl: 460
  • Deutsch
  • Abmessung: 238mm x 166mm x 36mm
  • Gewicht: 845g
  • ISBN-13: 9783608910315
  • ISBN-10: 360891031X
  • Best.Nr.: 10331580

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Robert Proctor, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Pennsylvania State University in Philadelphia, hat "eine lesenswerte Studie" über die Medizin in der Zeit des Nationalsozialismus geschrieben, lobt Udo Benzenhöfer. Denn in dieser Studie zeige der "Experte im Bereich NS-Medizin" Details der NS-Gesundheitspolitik auf, die Historiker und Laien "verstören" werden. Neben aller Vernichtungspraktiken hatten die Nazis nämlich, berichtet der Rezensent, auch "progressive" und "sozial verantwortliche" gesundheitspolitische Ziele verfolgt. So schränkten sie den Gebrauch von Asbest ein, erließen Rauchverbote, verbaten krebsauslösende Pestizide und Lebensmittelfarben und hielten Bäckereien dazu an, Vollkornbrot zu backen, staunt der Rezensent. Und es waren deutsche Ärzte, die erstmals den Zusammenhang zwischen dem Rauchen und Lungenkrebs herausstellten, worauf ab 1939 Präventivkampagnen gestartet wurden. Der Autor huldigt nicht der NS-Medizin, betont Benzenhöfer, sondern zeichnet ein differenziertes Bild über diese Ärzteschaft, das sicher noch "ergänzt und vertieft" werden müsse, doch in jedem Fall in "methodischer Hinsicht" "einen Meilenstein" für die weitere Erforschung dieses Kapitels in der Medizingeschichte gewährleistet, lobt der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH
Robert N. Proctor ist Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Pennsylvania State University und ein auf dem Gebiet der NS-Medizingeschichte renommierter Historiker. Er ist "Winner of the 1999 Arthur Viseltear Prize".

Leseprobe zu "Blitzkrieg gegen den Krebs" von Robert N. Proctor

Inhalt
Prolog
Kapitel 1: Wilhelm Huepers Geheimnis
Der Triumph des Intellekts "Staatsfeind Nummer Eins"
Erwin Liek und der Gedanke der Prävention
Früherkennung und Massenuntersuchungen
Kapitel 2: Die "Gleichschaltung" der deutschen Krebsforschung
Das Schicksal jüdischer Wissenschaftler
Erfassung und medizinische Überwachung
Die Rhetorik der Krebsforschung
Die Verklärung der Natur und die Frage der steigenden Krebsraten
Kapitel 3: Genetik und Rassenkunde
Krebs und die "Judenfrage"
Selektion und Sterilisation
Kapitel 4: Krebsgefahr am Arbeitsplatz
Gesundheit und Arbeit im "Reich"
Röntgenstrahlen und die Märtyrer der Strahlung
Radium und Uran
Tödlicher Staub
Asbest - das Totenhemd der Könige
Krebs in der chemischen Industrie
Kapitel 5: Die nationalsozialistische Ernährung
Widerstand gegen ein von künstlichen Stoffen geprägtes Leben
Fleisch oder Gemüse
Der "Führer" ißt
Die Kampagne gegen den Alkohol
Leistungssteigernde Nahrungsmittel und Medikamente
Nahrung zur Krebsbekämpfung
Das Verbot von Buttergelb
Ideologie und Realität
Kapitel 6: Die Kampagne gegen den Tabak
Früher Widerstand
Die Entdeckung des Zusammenhangs
Fritz Lickint: der Arzt, den die Tabakindustrie am glühendsten haßte
Der medizinische Moralismus der Nationalsozialisten
Franz H. Müller: der vergessene Vater der experimentellen Epidemiologie
Praktische Maßnahmen
Karl Astels Wissenschaftliches Institut zur Erforschung der Tabakgefahren
Gesundheit über alles
Reemtsmas verbotene Frucht
Der Gegenangriff der Industrie
Die Stellung des Tabaks bricht ein
Kapitel 7: Das Ungeheuerliche und das Alltägliche
Die Frage nach der Wissenschaft unter nationalsozialistischer Herrschaft
Quacksalberei
Geheime Forschung für biologische Waffen "Organischer" Monumentalismus
Konnten die NS-Maßnahmen Krebs verhindern?
Die "Nazikarte" austeilen
Ist die NS-Krebsforschung indiskutabel?
Die B-Seite des Nationalsozialismus
Anmerkungen
Bibliographie
Danksagung
Register
Der "Führer" ißt
Die Frage der Haltung zum Fleischkonsum gewann dadurch noch eine besondere Note, daß Hitler selbst Vegetarier war. Diese an sich unbedeutende Tatsache bekam ungeheures Gewicht, wenn man berücksichtigt, welch prominente Rolle sowohl die Nationalsozialisten als auch die Vegetarier dem Körper und einer bestimmten "Lebensweise" zuschrieben - eine Ideologie, die seither auch zu einer etwas peinlichen Angelegenheit für Vegetarier geworden ist (ich selbst esse Fleisch, wie ich an dieser Stelle vielleicht einräumen sollte). Hitlers Vegetarismus tauchte in Nachkriegsdiskussionen über Ernährung und Tierrechte oftmals auf, oder auch wenn es um Antisemitismus und vieles mehr ging. Wie sahen die Eßgewohnheiten des "Führers" aus, und was sagen sie uns über die nationalsozialistische Bewegung?
Russische Gerichtsmediziner untersuchten in der Nachkriegszeit Leichenteile, die aus einem flachen Grab außerhalb von Hitlers Bunker stammten, und bestätigten, daß der fragliche Schädel - sehr wahrscheinlich derjenige des "Führers" - die "für einen Vegetarier typische" gelbe Farbe aufweise. Hitlers Vegetarismus wurde allerdings schon vor 1933 zum Thema gemacht, als der persönliche Asketismus des zukünftigen "Führers" als ein Modell für den nationalsozialistischen Lebensstil hochgehalten wurde. Auch das Ausland nahm dies wahr, und man berichtete über einige offensichtliche Rückfälle. Otto D. Tolischus hob 1937 in der New York Times hervor, daß der "Führer" zwar Vegetarier sei, weder trinke noch rauche, aber auch ab und an eine Scheibe Schinken genieße, und dazu Delikatessen wie K

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