Feindanalysen - Marcuse, Herbert

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Herbert Marcuse arbeitete von 1942 bis 1951 für den US-amerikanischen Geheimdienst, um aktiv an der Bekämpfung des NS-Systems teilzunehmen. Er fertigte Analysen über die psychische und ideologische Verfassung des autoritären deutschen Kollektivs an. Die Feinde, aus deren Mitte er selbst hervorgegangen war, wollte er begreifen, bekämpfen und, nachdem der Sieg errungen, wieder in die Zivilisation zu integrieren helfen. Marcuse zeigt, wie sich die technologische Rationalität und der Pragmatismus der Deutschen mit ihrem Hang zu mythischer Irrationalität zu einer >neuen deutschen Mentalität <…mehr

Produktbeschreibung
Herbert Marcuse arbeitete von 1942 bis 1951 für den US-amerikanischen Geheimdienst, um aktiv an der Bekämpfung des NS-Systems teilzunehmen. Er fertigte Analysen über die psychische und ideologische Verfassung des autoritären deutschen Kollektivs an. Die Feinde, aus deren Mitte er selbst hervorgegangen war, wollte er begreifen, bekämpfen und, nachdem der Sieg errungen, wieder in die Zivilisation zu integrieren helfen. Marcuse zeigt, wie sich die technologische Rationalität und der Pragmatismus der Deutschen mit ihrem Hang zu mythischer Irrationalität zu einer >neuen deutschen Mentalität< verbinden. Jedes Projekt einer Befreiung und >Re-education< Deutschlands, so lautet Marcuses Fazit, habe diese spezifische Mentalität in ihr Kalkül aufzunehmen.
Autorenporträt
Herbert Marcuse, geboren 1898 in Berlin, studierte Philosophie bei Edmund Husserl und Martin Heidegger. Ab 1932 war er Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. 1934 emigrierte er in die USA. Nach dem Krieg lehrte er an verschiedenen Universitäten der Vereinigten Staaten. In den 60er Jahren wurde er zur philosophischen Leitfigur der Studenten- und Anti-Vietnamkriegsbewegung. Herbert Marcuse starb am 29. 7. 1979 in Starnberg.
Rezensionen
Besprechung von 16.11.2007
Im Nachrichtendienst
Herbert Marcuses Studien über die Deutschen unter Hitler
Sogar der „Playboy”, ideologisch damals ein verlässlich neulinkes Blatt, berichtete 1970 davon. Am Anfang des Kalten Krieges, von 1948 bis 1951, war Herbert Marcuse Leiter der Mitteleuropa-Sektion in der Nachrichtendienstabteilung des amerikanischen Außenministeriums – „eine Tatsache, die sowohl er als auch das State Department am liebsten vergessen würden”.
Wenn man bedenkt, dass dieser Nachrichtendienst des State Department unter dem Namen INR noch heute besteht, 1969 gegen den Vietnam-Krieg und 2003 gegen Bushs Waffengang im Irak opponierte, dann könnte man leicht ein Liedchen trällern. Den Lobgesang der Dissidenz im Apparat, das Klagelied ihres Scheiterns.
Dass man mit Marcuse gegen Marcuse argumentieren kann, weist ihn als großen Denker aus. Er hat seine Leser nicht ohne Gebrauchsanweisung gelassen. 1965 schrieb er über seine frühen Aufsätze: „Dass all dies vor Auschwitz geschrieben wurde, trennt es so tief von der Gegenwart.” Ein anerkennendes Wort zur bürgerlichen Gesellschaft findet sich da, und auch der Satz: „Hier war das Ende einer geschichtlichen Periode, und der Schrecken der kommenden kündigte sich an in der Gleichzeitigkeit des Bürgerkriegs in Spanien und der Prozesse in Moskau.”
In der Beschwörung des spanischen Bürgerkrieges als letztem Kampf „um Freiheit, Solidarität, Menschlichkeit” steckt Marcuses Politik jener Epoche. Er war ein Volksfrontintellektueller, in dessen Einsatz sich Zweifel am sowjetischen Verbündeten mischte. Damit beginnt auch Marcuses Geschichte im amerikanischen Nachrichtendienst. Volksfront, Antifaschismus, Internationalismus, das war die politische Konstellation, die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges Linksintellektuelle nach Washington zog. Manche von ihnen folgten im Grunde nur der Logik des Augenblicks und ihres Milieus, wenn sie Kontakte zu sowjetischen Geheimdiensten unterhielten.
Marcuse trat im Dezember 1942 in Regierungsdienste, seit März 1943 im Office of Strategic Services (OSS). An der Seite seines Freundes Franz Neumann trug Marcuse vorrangig zur Nachkriegsplanung für das besetzte Deutschland bei. Vom Herbst 1944 an waren beide mit der Vorbereitung der späteren Nürnberger Prozesse befasst. Diese Geschichte dokumentiert in Auszügen der jüngste Band, den Peter-Erwin Jansen aus dem Nachlass Marcuses herausgegeben hat, „Feindanalysen”.
Marcuse stellt hier seine Qualitäten als hellsichtiger Deuter des Nationalsozialismus unter Beweis. Memoranden wie „Die neue deutsche Mentalität” und „Staat und Individuum im Nationalsozialismus” gingen vom Gerüst der Kritischen Theorie aus. Sie waren allerdings im Detail so reich belegt und in ihren Schlussfolgerungen so präzise, dass sie auch seine amerikanischen Vorgesetzten beeindruckten. Wie sein Freund und Kollege Neumann vertrat auch Marcuse eine polykratische Auffassung der nationalsozialistischen Herrschaft, und im Bereich der nationalsozialistischen Sexualpolitik haben diese Denkschriften der jüngsten Forschung den Weg gewiesen.
„Repressive Toleranz” zeigte 1942 noch ein ganz anderes Gesicht. Dagmar Herzogs Standardwerk von 2005 („Die Politisierung der Lust”) steht auf Marcuses Schultern. Das gilt auch für Marcuse selbst: Die Faschismusanalysen und Nationalsozialismusforschung sind der rationale und empirische Kern seiner grundlegenden gesellschaftstheoretischen Kategorien, die er später etwas unglücklich auch auf die westliche Demokratie übertrug.
Diese Texte, in Verbindung mit den hier nicht abgedruckten Briefen und Geheimdienststudien, korrigieren auch das Fehlurteil, Marcuse und Neumann hätten den Holocaust ignoriert. Bis ins Detail beschrieben sie im OSS die Struktur der nationalsozialistischen Macht- und Mordmaschinerie. Aus einem Bericht Ende 1944 sprach Schrecken und Fassungslosigkeit angesichts der „extermination centers” Birkenau und Auschwitz: „Mehr als zwei Millionen polnischer Juden wurden bislang brutal vernichtet.”
Schon 1942, wie seine Studie zur deutschen Mentalität im vorliegenden Band zeigt, überlegte Marcuse: „Kunst kann die Wirklichkeit nicht länger abbilden, denn die Wirklichkeit hat den Bereich, der ästhetisch angemessen dargestellt werden könnte, überschritten. Der Schrecken und das Leid sind größer als die Kraft künstlerischer Einbildung.”
Gute Volksfronttradition
Jansens verdienstvolle Edition gibt uns einen frischen Marcuse. Zugleich verschweigt sie die zweite Hälfte dieser Geschichte. Erst wenn man den Klimawandel vom Antifaschismus zum Antikommunismus ab 1945 versteht, kann man Marcuse als den amerikanischen Linksintellektuellen begreifen, als der er aus OSS und State Department hervorging. Dort begegnete er seinen radikalen amerikanischen Freunden. Warum blieb er, blieben sie?
„Meine Tätigkeit bestand in der wirklich unbeirrbaren Anstrengung”, schrieb Marcuse 1969, „immer wieder auf die globalen Folgen der Truman-Acheson-Politik hinzuweisen. Ich bin noch 1950 von meinen sehr linken Freunden dringend gebeten worden, das State Department nicht zu verlassen, weil meine Arbeit dort für die Sache äußerst wichtig sei.”
Bis zum Beginn der Eisenhower-Ära hofften sie, aus dem Apparat heraus gemeinsam den Kalten Krieg entschärfen zu können. In den Memoranden für den Außenminister schreckten sie nicht davor zurück, Lösungen für Europa in Volksfronttradition zu entwerfen.
Das Archiv verzeichnet ihre utopischen Interventionen. Nur einer davon war Erfolg beschieden. Denn auch sie gehörten zu den Vordenkern des Marshallplans, den sie ganz aus der Logik des Antifaschismus dachten.
Eine intellektuelle Archäologie die Kalten Krieges, die sich nicht nur ins Marcuse-Archiv begibt, kann erst die untergegangene Welt dieser unabhängigen Linken und ihrer damals noch engen Beziehungen zum liberalen Establishment freilegen. Marcuses Klassiker „Eros and Civilization” und „Soviet Marxism” sind Produkte dieser Welt. Sie sind auf dem Fundament der Nationalsozialismusforschung errichtet, die uns „Feindanalysen” in Erinnerung ruft. Aber sie entfalten erst ihre epochale intellektuelle Bedeutung, wenn sie zugleich als politische Aktionen der „akademischen Unterwelt” der fünfziger Jahre gegen den Kalten Krieg gelesen werden. TIM B. MÜLLER
HERBERT MARCUSE: Feindanalysen. Über die Deutschen. Nachgelassene Schriften, Bd. 5, hrsg. von Peter-Erwin Jansen. Verlag zu Klampen, Springe 2007. 170 Seiten, 24 Euro.
Wichtig für die Sache: Herbert Marcuse im Jahr 1968. Foto: Interfoto
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

So richtig glücklich scheint Tim B. Müller nicht mit dieser von Peter-Erwin Jansen besorgten Edition von Herbert Marcuses nachgelassenen Schriften aus der Zeit seiner Arbeit für das amerikanische "Office of Strategic Services". Zwar sieht er Marcuses grundlegende Analysen des Faschismus und seinen Schock angesichts des nationalsozialistischen Terrors hier "verdienstvoll" dokumentiert. Ein vollständiges Bild, eine "intellektuelle Archäologie des Kalten Krieges" kann der Band seiner Auffassung nach jedoch nicht bieten. Dafür, meint er, fehlt der umfassende Blick in die Archive der "akademischen Unterwelt" der 50er Jahre.

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