Narrativ - Armantrout, Rae
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Eine der ungewöhnlichsten und bedeutendsten Stimmen der gegenwärtigen US-Dichtung gehört der 1947 in Vallejo, Kalifornien geborenen Rae Armantrout. Ihre Dichtung wird zur in Deutschland nahezu unbekannten Language-School gezählt, die in der experimentellen Tradition von William Carlos Williams übe Charles Olson, Robert Creeley bishin zu John Ashbery und Barbara Guest steht. Williams und Dickinson standen Pate für Armantrouts Umgang mit kurzen Strophen und die Aufladung kurzer einzelner Worte mit den komplexen Fragen postmodernen Lebens. Sie inszeniert Zusammenstöße von kurze…mehr

Produktbeschreibung

Eine der ungewöhnlichsten und bedeutendsten Stimmen der gegenwärtigen US-Dichtung gehört der 1947 in Vallejo, Kalifornien geborenen Rae Armantrout. Ihre Dichtung wird zur in Deutschland nahezu unbekannten Language-School gezählt, die in der experimentellen Tradition von William Carlos Williams über Charles Olson, Robert Creeley bishin zu John Ashbery und Barbara Guest steht. Williams und Dickinson standen Pate für Armantrouts Umgang mit kurzen Strophen und die Aufladung kurzer einzelner Worte mit den komplexen Fragen postmodernen Lebens. Sie inszeniert Zusammenstöße von kurzen Satzarrange-ments. 'Mit diesen Techniken' so Stephen Burt (New York Times) 'wurde sie zu einer der wiederkennbarsten und besten Dichtern ihrer Generation' Der Lyriker Matthias Göritz und die bekannte Übersetzerin Uda Strätling haben eine repräsentative Auswahl aus dem Werk dieser für das Verständnis der gegenwärtigen Entwicklungen in der US-amerikanischen Dichtung unverzichtbaren Lyrikerin übersetzt. Marjorie Perloff, neben Harold Bloom und Helen Vendler die wohl einflussreichste amerikanische Literaturwissenschaftlerin der Gegenwart, hat die Ausgabe mit einem Nachwort versehen. Pulitzer Preis 2010 SWR-Bestenliste Platz 2, Dezember 2009 National Book Critics Circle Award 2010 National Book Award Finalist 2010
  • Produktdetails
  • luxbooks.americana
  • Verlag: Luxbooks
  • Seitenzahl: 288
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 296 S. 180 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 182mm x 149mm x 28mm
  • Gewicht: 520g
  • ISBN-13: 9783939557401
  • ISBN-10: 3939557404
  • Best.Nr.: 26551780

Autorenporträt

Uda Strätling lebt in Hamburg und hat u.a. Emily Dickinson, Henry David Thoreau, Sam Shepard, David Bowman, John Edgar Wideman und Andrew Sean Greer übersetzt.

Rezensionen

Besprechung von 14.04.2010
Schon mal geschummert?

Rae Armantrout zählt zu den eigenwilligsten Lyrikerinnen Amerikas. Erstmals ins Deutsche übersetzt, bietet sich nun, da die Autorin soeben mit dem Pulitzer Prize for Poetry geehrt wurde, die Gelegenheit, ihr Werk bei uns kennenzulernen.

Das Schöne an den Wörtern ist, dass sie uns am meisten locken und zu allerlei Vorstellungen anregen, wenn wir eigentlich nicht recht wissen, was genau mit ihnen anzufangen ist. "Schummern" beispielsweise ist ein solches Wort, das einem irgendwie bekannt vorkommt, wohl gar schon mal begegnet sein mag, aber das man sich nicht mit Sicherheit auf eine Lexikonbedeutung festlegt, ohne sich in allerlei Spekulationen zu verlieren. Hat es mit "schimmern" was zu tun? Oder doch eher mit "schlummern"? Oder auch mit beidem?

Gerade weil es uns nicht einfach zur Bezeichnung einer x-beliebigen, aber allgemein vertrauten Tätigkeit des Alltags dient, ist das Verb besonders faszinierend und entfaltet, statt sich unserer Sprachverfügungsmacht zu beugen, außerhalb der Alltagssprache seinen Eigensinn. Bei aller Unschuld, die aus seiner Miene spricht, mag man sich gelegentlich schon fragen, was für Verlockungen es bietet und ob wir ihnen arglos folgen sollten.

Die Frage stellt sich gleich zu Anfang dieser Sammlung. "Schummern" heißt hier der Eröffnungstext, und er beginnt mit einer Art Bekenntnis zur Lust am Unverfügbaren von Wörtern: "Angenommen, mich törnen scheinbar unschuldige Wörter an wi ,schummern', ,pink' oder ,extrapolieren'. Angenommen, ich steuere Gespräche so, dass andere diese Wörter sagen?" Das klingt vielleicht wie ein Gedankenspiel und hat doch, just indem sich der Gedanke sprachlich übermittelt, schon erreicht, wovon gesprochen wird: Wir haben das bewusste Wort gebraucht, selbst ohne über seinen Sinn Bescheid zu wissen.

Wenn dieser kleine Text - bei dem wir übrigens zugleich nicht recht entscheiden können, ob es sich um Prosa oder Verse handelt - daher mit einer Hypothese von beinah babylonischer Vermischung endet, klingt das zwar spielerisch-anarchisch und doch ein klein wenig bedrohlich: "Angenommen, die geheime Lust / läge darin, das eine / beim Namen des anderen zu nennen?"

Was immer "schummern" also heißen mag, das Wort ist gewiss programmatisch für die reiche Auswahl an Gedichten der kalifornischen Autorin Rae Armantrout, die jetzt erstmals mit deutscher Übersetzung und in sehr ansprechender Aufmachung in der schönen Reihe "luxbooks americana" vorliegen. Sie stammen vorwiegend aus den vier Bänden, die Armantrout, Jahrgang 1947, im zurückliegenden Jahrzehnt publiziert hat, und reichen gleichwohl bis zu ihren Anfängen in den siebziger Jahren zurück, weil etliche der frühen Texte in neuere Sammlungen eingegangen sind. Insgesamt bietet sich so die Chance, eine der eigenwilligsten und reizvollsten Lyrikerinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur, deren Werk bislang auf Deutsch nicht greifbar war, endlich kennenzulernen.

Zumeist sind diese Texte knapp, die Zeilen kurz und alle Formulierungen auf ganz Konkretes fokussiert. Auch wenn ihr Sinn vielfach verrätselt scheinen mag und gängiger Bedeutungssuche zunächst wenig zugänglich, entsteht ihr Reiz und Witz oftmals im Spielerischen, als wollten sie die Welt- und Sprachpartikel erst einmal gründlich durchschütteln, um sodann zu erkunden, was sich neu daraus ergibt: "Satzteile schütteln / wie den Flaum / in der Schneekugel- / so ähnlich wie der Schlaf / im Lebensmüll wühlt. / Jedes Gedicht sagt: ,Ich verzweifle' / dann: ,Alles muss raus!'" In dieser Weise umspielt Armantrouts Lyrik die Verzweiflung, indem sie danach forscht, wie in und mit der Sprache überhaupt je was herauskommt, das heißt auf welche Weise wir der Wirklichkeit je mit Schriftzeichen und Wörtern beikommen: "Es ergibt Sinn / um die Ecke zu biegen / in einer schwarzen Limousine / und aufzuschreiben / was alles passiert. / In einer roten Strickmütze / die Straße entlang zu steppen / ein einziges Mal."

Darin erneuert sich die Tradition der sogenannten "Language Poets", einer Gruppe der amerikanischen Avantgarde, die sich in den siebziger Jahren in Kalifornien formiert hat und seither nach Möglichkeiten sucht, den gesellschaftlichen Aufbruch jener Zeit mit der Erbschaft der großen Modernisten wie William Carlos Williams oder Gertrude Stein aufs Neue zu verbinden. Jeder Indienstnahme von Wörtern zur Bezeichnung vorfindlicher Wirklichkeit steht hier die Auffassung entgegen, dass Sprache sehr viel mehr und sehr viel anderes leistet, als bloß Mittel eines derart fremden Zwecks zu sein. Im Verzicht auf alles Mittelbare dennoch nicht das Mitteilbare sprachlicher Hervorbringungen aufzugeben bildet daher das Programm; es versucht, das Eigentliche aller Sprache dadurch freizulegen, dass es die uneigentliche Redeweise unseres Sprachgebrauchs herausstellt, beispielsweise in den gängigen Naturbeschreibungen: "Zweige spreizen / die Finger. / Naturliebe ist eine Übersetzung. / Heimliches Nicken / im übertragenen Sinn".

Wenn also Übersetzung immer schon am Werk ist und unser eigenes Sprach- und Weltverhältnis prägt, ist es gleichermaßen anregend wie stimmig, die Gedichte gleich in zwei Sprachen zu lesen und auf diese Weise zu verfolgen, wie ein solcher Sinn sich jeweils gänzlich anders überträgt. Hierfür haben Uda Strätling und Matthias Göritz äußerst produktive Vorlagen geliefert, denn sie setzen offenkundig nicht darauf, dass zweisprachige Leser diese deutschen Fassungen einfach abnicken, sondern setzen eigenwillige Akzente - "Darstellung" für "Narrative", "erhaben" für "subliminal", "Tagessatz" für "Currency" -, was oftmals wohl auch Kopfschütteln hervorrufen dürfte. Doch Schütteln ist, wie Armantrouts Gedichte zeigen, eine durchaus lohnende Bewegung, die uns nicht nur bei der Schneekugel erstaunlich neue Ansichten beschert. Wer sich daher auf die geduldige Lektüre einlässt, wird sich schon bald von vielen wundersamen Wort- und Satz- und Übersetzungsfügungen antörnen lassen. Und wer wissen will, was "schummern" eigentlich auf Englisch heißt, der findet hier die Antwort gleich zu Anfang im Eröffnungstext.

TOBIAS DÖRING

Rae Armantrout: "Narrativ". Ausgewählte Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling und Matthias Göritz. Mit einem Nachwort von Marjorie Perloff und Fotografien. Lux Verlag, Wiesbaden 2009. 292 S., br., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 24.08.2010
Katzensprünge
Die Gedichte der
Kalifornierin Rae Armantrout
In Rae Armantrouts Gedichten wird das Denken gefiltert. So konzentriert sind die Verse bisweilen, dass man sich wie in einem Labor für Askese vorkommt. Problemlos bringen sie eine Tankstelle mit Präriegras und Gedanken über Satzteile zusammen, die man schütteln kann „wie den Flaum / in der Schneekugel“. Ihre Technik der flüchtigen Verbindungen vergleicht die Autorin einmal ironisch mit der Art, „wie der Heilige Geist / Dinge verbindet“. Die großen Erzählungen, so könnte man den Gedanken deuten, haben ihre Kraft längst eingebüßt, der Sprechende ist zurückgeworfen auf die Sprache und ihre Möglichkeiten des Vergleichens und der metaphorischen Aufladung.
Gleichwohl haben diese Gedichte nichts von grammatischen Übungen oder bloßen Sprachspielen. Schon gar nicht gefallen sie sich in müder Sprachskepsis. Sie leben von einer Lust an den Wörtern und am Denken, die immer wieder auf die Erinnerungsreservoirs der Kindheit zurückgreift. Rae Armantrout wurde 1947 in Kalifornien geboren. Ihre Kindheit in der eng umzäunten Welt von San Diego findet über zahllose Splitter und Anspielungen Eingang in die Texte: „Ich sitze im Rollstuhl und mache nichts anderes / als Miniaturen zu malen. // Ich bin 11 und hätte gern Fotos / der Natur von ihrer besten Seite. // Ich suche Milchflaschen . . . . // Ich wäre gern das unverstandene / Ungeheuer, // das nur ein Junge ist – // bin aber eine Frau, / und 56.“
Auch di Erinnerungen – nie geraten sie ins Rührselige – sind nur Stoff einer großen poetischen Denkbewegung. Darin ist Ähnlichkeit der Motor für die Assoziationen und zugleich eine Art „Korridor“, wie es einmal heißt, durch den die Bedeutung flieht, mit einer Abzweigung hier und einem Zwischengang dort. Am ehesten gleichen die Verse wohl jener durchsichtigen Erscheinung, die Armantrout an einer Stelle beschreibt: „Die Spontaneität, mit der / eine Blase sich losreißt // an die Oberfläche steigt / und platzt // als hätte sie etwas erkannt“. Anschauung, Erinnerung und Gedanke schießen zu einem Moment großer Intensität zusammen, in dem eine Erkenntnis aufscheint, die über die Denkmöglichkeiten, wie sie etwa die Wissenschaften pflegen, hinausgeht.
Auf sorglosen Flügeln
Das Überraschende daran ist, aus welch unterschiedlichen Bereichen Armantrout ihr Material bezieht. Fachsprachen kommen ebenso zum Einsatz wie alltägliche Floskeln oder poetisches Vokabular. Mal treibt ein flapsiger Ton, mal ein Dialog, mal der Stil sprachwissenschaftlicher Untersuchungen die Reflexionsbewegungen voran. Meist braucht Rae Armantrout nur wenige Wörter, die sie in Reibung versetzt oder gegeneinander schneidet – wobei die Wörter sogar selbst zu Leben erwachen können. Diese Zeilen ordnet sie zu kleinen Strophen oder Figuren an, die unsere überkommenen Vorstellungen aushebeln: „Es ist nur ein Katzensprung zurück, / zu dem Punkt, / an dem die Dinge aufhören / vertraut zu sein“.
Den beiden Übersetzern Uda Strätling und Matthias Göritz ist es geglückt, diese Spannung im Deutschen nachzubilden. Aber nicht alle Miniaturen Armantrouts sind gleichermaßen gelungen. Manchmal ist der Raum zwischen den Wörtern so groß, dass die Beliebigkeit droht. Oder die Sprachmetapher wird zu sehr ausgewalzt. Dann wirkt auch die Übersetzung etwas angestrengt. Wenn etwa in einem Gedicht über die Syntax einer Hügellandschaft aus „for careless / wings to be among“ das altertümelnde „Hort / sorgloser Flügel“ wird, hinkt die Bedeutung dem Klang und der Fixierung auf die Sprachidee hinterher. Doch in den guten Texten sind die Kräfte des Gedichts im Gleichgewicht, spürt man als Leser den „kleinen, / ausgelösten Alarm“, der zwischen den Zeilen pulst. NICO BLEUTGE
RAE ARMANTROUT: Narrativ. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling und Matthias Göritz. luxbooks, Wiesbaden 2010. 288 Seiten, 24 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rae Armantrouts Gedichtband hat Nico Bleutge überwiegend sehr gefallen, und er findet auch die Übersetzung durch Uda Strätling und Matthias Göritz fast durchweg geglückt. Die amerikanische Lyrikerin folgt, wenn man dem Rezensenten glauben darf, in asketischer Konzentration, ihren poetischen Denkbewegungen, ist aber durchaus offen für unsentimentale Erinnerungen und lässt sich dabei ihre Lust an der Sprache anmerken. Schlichte Sprachspielerei oder "müde Sprachskepsis" ist nicht ihre Sache, stellt Bleutge zufrieden fest, und er hat so manches Gedicht gefunden, in dem "Anschauung, Erinnerung und Gedanke" zu einem großartig intensiven Bild zusammenfinden. Überraschend findet der Rezensent die mühelose Mixtur aus verschiedenen Sprachmaterialien, vom Alltagsjargon bis zu Fachsprachen, die er im von Uda Strätling und Matthias Göritz zudem sehr gut übersetzt sieht. Nur wenn die Originale ins Beliebige zu kippen drohen oder allzu sehr auf Metaphern herumgeritten wird, lassen auch die Übersetzungen ein wenig nach, muss der ansonsten sehr eingenommene Bleutge zugeben.

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