Blockade - Gor, Gennadi

Gennadi Gor 

Blockade

Gedichte. Russ.-Dtsch.

Übertr. u. m. e. Nachw. v. Peter Urban
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Blockade

900 Tage dauerte die Blockade Leningrads (1941-44) durch die deutsche Wehrmacht. Die Stadt, ihrer Infrastruktur durch die systematische Bombardierung völlig beraubt, bot ein Bild des Grauens: Bombenruinen, zerfetzte Körper, brennende Häuser, 40° Frost, keine Lebensmittel, kein Brennmaterial, keine Zeitungen - täglich verhungern und erfrieren Tausende. Gennadij Gors während der Blockade entstandenen Gedichte reagieren auf die Schrecken nicht mit dem offiziell geforderten Heldenpathos, sondern mit einem lakonisch-spielerisch daherkommenden, schonungslosen »lyrischen Bericht«, der die Vorkommnisse konkret benennt: Hunger, Eiseskälte, Artilleriebeschuss, Kannibalismus und der allgegenwärtige Tod. Die den Terror kontrastierenden spielerischen Rhythmen und die oft absurd wirkenden Reime erzeugen eine verzweifelte Komik. Und auch die eingestreuten Erinnerungssplitter an bessere Tage und menschliche Nähe verstärken nur den Eindruck der totalen Vereinsamung und Haltlosigkeit in einer Welt, in der nichts mehr so ist, wie es einmal war.


Produktinformation

  • Abmessung: 191mm x 144mm x 24mm
  • Gewicht: 480g
  • ISBN-13: 9783902113528
  • ISBN-10: 3902113529
  • Best.Nr.: 22914742
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 21.05.2008

Esst nicht mein Bein

Sprachüberlebnis: Die Gedichte Gennadij Gors berichten auf ganz besondere Weise vom Leid während der Blockade Leningrads. Jetzt wurden sie wiederentdeckt.

Russland, hat Andrej Bitow über seine Heimat gesagt, ist das Land, wo Kafka wahr wird. Wo die Wirklichkeit Menschenschicksale deformiert, werde kubistische Zertrümmerung real erfahren. Der Dichter Gennadij Gor (1907 bis 1981), der die Leningrader Blockade von 1941 bis 1944 durchlitt und in Verse verdichtete, sah damals Hitler, Gogol und Goya herumspuken, aber auch verselbständigte Körperteile.

Im Avantgardelabor des nachrevolutionären Petrograd, wohin es den in der sibirischen Einöde jenseits des Baikalsees geborenen Gor als Student zog, entwickelte er sich zum Sprachkünstler. Gor veröffentlichte von den zwanziger Jahren an Experimentalprosa, die Peter Urban unlängst dem deutschen Leser zugänglich gemacht hat, und nach Kriegsende Science-Fiction-Romane. Von Gors Blockade-Lyrik wussten nicht einmal engste Freunde. Die schöne zweisprachige Ausgabe, die Urban jüngst in der Friedenauer Presse herausgegeben, übersetzt und mit sorgfältigen Kommentaren versehen hat, …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Neunhundert Tage dauerte die Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht, mehr als eine Million Menschen starben in dieser Zeit durch den Hunger, die Kälte und den Artilleriebeschluss. Hitler wollte die Stadt der Oktoberrevolution dem Erdboden gleichmachen, Stalin sie auf keinen Fall preisgeben. Für den Rezensenten sind die Gedichte des russischen Schriftstellers Gennadi Gor aus dieser Zeit, ein ebenso wertvolles Dokument wie Lidia Ginsburgs "Aufzeichnungen eines Blockademenschen". Beklemmend sind sie, schreibt Dutli, gar nichts Heroisches ist ihnen eigen. Für geradezu "einmalig, in der russischen Lyrik beispiellos"  hält der Rezensent, wie radikal und dabei nur scheinbar surreal Gor die Verzweiflung der "unsäglich leidenden Zivilbevölkerung" darstellt. "Ein atemberaubende Entdeckung" nennt Dutli Gors Gedichte zeitgleich mit seinen phantastischen Erzählungen "Das Ohr" erscheinen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Peter Urban, geboren 1941 in Berlin, studierte Slavistik, Germanistik und Geschichte in Würzburg und Belgrad, war Verlagslektor bei Suhrkamp, Hörspieldramaturg beim WDR und ist Lektor im Verlag der Autoren in Frankfurt; er übersetzte u.a. Werke von Gorkij, Ostrovskij, Daniil Charms, Kazakov, Chlebnikov und das gesamte dramatische Werk von Anton Cechov. Für seine Neuedition und -übersetzung der Cechov-Briefe wurde ihm der Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis zuerkannt.
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