Leseprobe zu "Nie sollst du vergessen / Inspector Lynley Bd.11"
Dicke sind toll. Dicke sind toll. Dicke sind toll, toll, toll.
Katie Waddington begleitete ihren schwerfälligen Schritt mit dem gewohnten Mantra, während sie den Bürgersteig entlang zu ihrem Wagen ging. Sie sprach die Worte nicht laut, sondern sagte sie sich in Gedanken vor, weniger deshalb, weil sie allein war und fürchtete, für verrückt gehalten zu werden, sondern vor allem, weil lautes Sprechen ihre strapazierte Lunge zusätzlich angestrengt hätte. Und die hatte schon Mühe genug, durchzuhalten.
Genau wie ihr Herz, das, ihrem stets dozierenden Hausarzt zufolge, nicht dazu geschaffen war, Blut durch Arterien zu pumpen, die durch Fettablagerungen stetig enger wurden.
Wenn er sie betrachtete, sah er Fettwülste; Brüste, die wie Säcke von ihren Schultern herabhingen; statt eines Bauchs schlaff wabbelnde Massen, die ihre Scham verdeckten; von Cellulite gewellte Haut. Sie schleppte so viel Fett mit sich herum, dass sie ein ganzes Jahr von ihren Reserven hätte zehren können, ohne einen Bissen zu essen, und wenn dem Arzt zu glauben war, begann das Fett, die lebenswichtigen Organe anzugreifen. Wenn sie nicht bald anfinge, sich bei Tisch zu bremsen, erklärte er bei jedem ihrer Besuche, würde sie nicht mehr lange leben.
"Herzversagen oder ein Schlaganfall, Kathleen", pflegte er kopfschüttelnd zu sagen. "Sie können es sich aussuchen. Bei Ihrem Zustand müssen Sie unbedingt etwas tun, und dazu gehört vor allem, dass Sie sich nicht ständig Essen in den Mund schieben, das sich sofort in Fettgewebe verwandelt. Verstehen Sie?"
Natürlich, wie sollte sie nicht verstehen? Es war schließlich ihr Körper, über den sie hier sprachen, und man konnte nicht aussehen wie ein Nilpferd im Schneiderkostüm, ohne das gelegentlich zu bemerken, wenn man an einem Spiegel vorüberkam.
Tatsache war jedoch, dass der Arzt der Einzige in Katies Bekannten- und Familienkreis war, dem es schwer fiel, sie als die Dicke zu akzeptieren, die sie schon seit ihrer Kindheit war. Und da die Menschen, die für sie zählten, sie so nahmen, wie sie war, trieb gegen die achtzig Kilo Übergewicht aufzunehmen.
Wenn je Zweifel sie plagten, ob sie in einer Gesellschaft, in der die Körper immer glatter, straffer und durchtrainierter wurden, einen Platz hatte, so wurden diese gewöhnlich von ihren Eros-Action-Gruppen, die montags, mittwochs und freitags von neunzehn bis zweiundzwanzig Uhr zusammenzukommen pflegten, umgehend beseitigt. In diesen Gruppen versammelte sich die sexuell gestörte Bevölkerung Groß-Londons auf der Suche nach Trost und Problemlösungen. Unter der Leitung von Katie Waddington - die sich das Studium der menschlichen Sexualität zur Leidenschaft gemacht hatte - wurde die Libido der Gruppenteilnehmer unter die Lupe genommen; Erotomanie und -phobie wurden seziert; Frigidität, Nymphomanie, Satyriasis, Transvestismus und Fetischismus gebeichtet; erotische Fantasien gefördert; die sinnliche Vorstellungskraft stimuliert.
Ihre Klienten überschütteten sie mit Dankbarkeit. "Du hast unsere Ehe gerettet", hieß es häufig, oder: "mein Leben", "meinen Verstand", "meine Karriere".
Sex ist Kommerz, lautete Katies Motto, und zum Beweis der Richtigkeit ihrer These konnte sie beinahe zwanzig Jahre Erfahrung mit etwa sechstausend zufriedenen Klienten und eine lange Warteliste vorweisen.
Kein Wunder, dass sie an diesem Abend nach der Gruppe recht beschwingt zu ihrem Wagen ging, nicht gerade ekstatisch, aber doch sehr zufrieden mit sich. Sie selbst hatte zwar noch nie einen Orgasmus gehabt, aber das brauchte ja niemand zu wissen; Hauptsache, es gelang ihr, anderen zu diesem Glückserlebnis zu verhelfen. Denn die Leute wollten doch alle das Gleiche: sexuelle Befriedigung auf Kommando und ohne Schuldgefühle.
Und wer zeigte ihnen den Weg dorthin? Eine Dicke.
Wer befreite sie von der Scham über ihre Lust? Eine Dicke.
Wer zeigte ihnen die Tricks von der Stimulation der erogenen Zonen bis zum Simulieren von Leidenschaft, um Leidenschaft neu anzufachen? Eine unförmige Dicke aus Canterbury.
Das war wichtiger, als Kalorien zu zählen. Wenn Katie Waddington dazu bestimmt war, als Dicke zu sterben, dann würde sie eben als Dicke sterben.
Nach einem glühenden Sommer war endlich der Herbst in die Stadt eingezogen, und während sie sich mit ihrem watschelnden Gang durch die Dunkelheit bewegte, dachte sie wie stets an diesen Abenden an die Glanzpunkte der vergangenen Gruppensitzung zurück.
Tränen, ja, Tränen gab es immer, ebenso Händeringen, schamhaftes Erröten, Stottern und Schwitzen. Aber es gab auch jedes Mal einen besonderen Moment, einen Moment des Durchbruchs, der es wert war, sich stundenlang immer wieder dieselben alten Geschichten anzuhören.
Heute Abend hatten ihr Felix und Dolores (Nachnamen taten nichts zur Sache) diesen Moment beschert. Sie waren in die Gruppe gekommen, weil sie, wie sie es ausgedrückt hatten, "den Zauber" in ihrer Ehe wieder finden wollten, nachdem jeder von ihnen zwei Jahre - und zwanzigtausend Pfund - darauf verwendet hatte, seine ganz persönlichen sexuellen Bedürfnisse zu erforschen.
Felix hatte längst eingestanden, dass er die Befriedigung außerhalb der Ehe suchte, und Dolores hatte bekannt, dass sie ihren Vibrator und ein Bild Laurence Oliviers als Heathcliff weit erregender fand als die Umarmungen ihres Ehemanns. An diesem Abend jedoch waren Felix' laute Überlegungen darüber, warum der Anblick von Dolores' nacktem Gesäß Gedanken an seine alte Mutter weckte, drei älteren Frauen in der Gruppe zu viel geworden.
Sie hatten ihn so heftig angegriffen, dass Dolores selbst leidenschaftlich für ihn in die Bresche gesprungen war und mit ihren selbstlosen Tränen allem Anschein nach seine Aversion gegen ihren Hintern fortgespült hatte. Die beiden waren sich in die Arme gesunken und hatten nicht mehr voneinander gelassen bis zum Ende der Sitzung, als sie in schöner Einmütigkeit gejubelt hatten: "Du hast unsere Ehe gerettet!"
Katie war sich bewusst, dass sie nicht mehr getan hatte, als ihnen ein Forum zu bieten. Aber es gab eben genügend Leute, die gar nicht mehr wollten als eine Gelegenheit, sich selbst oder ihren Partner in der Öffentlichkeit zu demütigen und so eine Situation zu schaffen, die es dem Partner letztlich ermöglichte, zu retten oder gerettet zu werden.
Das Geschäft mit den sexuellen Nöten der Briten war eine dass sie auf diese Marktlücke gestoßen war.
Sie gähnte herzhaft und bemerkte dabei das laute Knurren ihres Magens. Nach einem Tag und einem Abend harter Arbeit hatte sie ein üppiges Mahl und danach ein paar Stunden Faulenzen vor dem Fernsehgerät als Belohnung redlich verdient. Die alten Filme mit ihrer romantischen Schönfärberei waren ihr die liebsten. Eine Abblende im entscheidenden Moment wirkte auf sie weit erregender als Nahaufnahmen gewisser Körperteile und ein Soundtrack, der nur aus Keuchen und Stöhnen bestand. Heute Abend würde sie sich Es geschah in einer Nacht gönnen: Clark und Claudette und die prickelnde Spannung zwischen den beiden.
Das ist genau das, was in den meisten Beziehungen fehlt, dachte sie bestimmt zum tausendsten Mal in diesem Monat. Die erotische Spannung. Zwischen Männern und Frauen bleibt nichts mehr der Fantasie überlassen. Wir leben in einer Welt, die alles weiß, alles sagt und alles fotografiert; in der es keine Erwartungsfreude und keine Geheimnisse mehr gibt.
Aber darüber durfte sie sich am allerwenigsten beklagen. An diesem Zustand der Welt verdiente sie; und mochte sie noch so dick sein, die Leute dachten nicht daran, sich über sie lustig zu machen, wenn sie sahen, in welchem Haus sie lebte, welche Kleider sie trug, welchen Schmuck sie sich kaufte, welches Auto sie fuhr.
Das besagte Auto stand gleich drüben auf der anderen Straßenseite, auf einem Privatparkplatz um die Ecke der Klinik, in der sie ihre Tage verbrachte. Sie war sich, als sie am Bordstein stehen blieb, bewusst, dass sie schwerer atmete als gewöhnlich. Mit einer Hand stützte sie sich an einen Laternenpfahl, während ihr Herz sich pflichtschuldig abrackerte.
Vielleicht sollte sie doch einmal über die Diät nachdenken, die der Arzt ihr vorgeschlagen hatte. Aber sogleich verwarf sie den Gedanken wieder. Was blieb denn noch vom Leben, wenn man sich jeden Genuss versagte?
Ein leichter Wind kam auf. Er blies ihr das Haar aus dem Gesicht und kühlte ihren Nacken. Nur einen Moment verschnaufen.
Sobald sie wieder zu Atem gekommen war, würde sie topfit sein wie immer.
Wohn-, teils Gewerbegebiet, die meisten Geschäfte waren längst geschlossen, und vor den Fenstern der Wohnungen in den Mietshäusern waren die Jalousien heruntergelassen.
Merkwürdig, dachte sie. Ihr war nie aufgefallen, wie still und leer die Straßen hier nach Einbruch der Dunkelheit waren. Sie sah sich um. In so einer Gegend konnte alles geschehen - Gutes oder Böses -, und Zeugen gäbe es hier sicher nur zufällig.
Sie fröstelte. Besser nicht hier herumstehen.
Sie trat vom Bürgersteig auf die Fahrbahn und schickte sich an, sie zu überqueren.
Das Auto am Ende der Straße nahm sie erst wahr, als seine Scheinwerfer aufflammten und sie blendeten. Donnernd wie ein galoppierender Stier raste es auf sie zu.
Sie wollte laufen, aber der Wagen war schon da. Sie war zu dick, um ihm auszuweichen.
Gideon 16. August Zunächst einmal möchte ich ausdrücklich sagen, dass ich dieses Unternehmen für reine Zeitverschwendung halte, und gerade Zeit habe ich, wie ich Ihnen gestern zu erklären versuchte, überhaupt keine übrig. Wenn Sie von mir Vertrauen in diese Prozedur erwarten, hätten Sie mir vielleicht kurz erläutern sollen, auf welche Grundlagen und Erfahrungswerte Sie sich bei Ihrer so genannten "Behandlung" stützen. Wieso spielt es eine Rolle, welches Papier ich benutze? Oder welches Heft. Welchen Füller oder Stift. Und wieso ist es von Bedeutung, wo ich dieser unsinnigen Schreiberei nachgehe, die Sie mir aufgebürdet haben? Genügt Ihnen nicht die schlichte Tatsache, dass ich dem Experiment zugestimmt habe?
Nein, lassen Sie nur. Sie brauchen nicht zu antworten. Ich weiß bereits, wie Ihre Antwort ausfallen würde: Woher kommt diese Wut, Gideon? Was verbirgt sich darunter? Woran erinnern Sie sich?
An nichts. Verstehen Sie denn nicht? Ich erinnere mich an gar nichts. Darum bin ich ja hier.
An nichts?, sagen Sie. An gar nichts? Ist das wirklich wahr? Immerhin erinnern Sie sich Ihres Namens. Und ganz offensichtlich kennen Sie auch Ihren Vater und wissen, wo Sie wohnen und womit Sie sich Ihren Lebensunterhalt verdienen. Und Sie kennen Ihre nächsten Bezugspersonen. Wenn Sie also "nichts" antworten, so wollen Sie mir damit wohl sagen, dass Sie sich - dass ich mich an nichts erinnere, was mir wichtig ist. Gut. Ich spreche es aus. Ich erinnere mich an nichts, was für mich von Bedeutung ist. Wollen Sie das hören? Und wollen wir beide uns nun mit dem hässlichen kleinen Charakterzug beschäftigen, den ich mit dieser Erklärung offenbare?
Aber anstatt mir diese beiden Fragen zu beantworten, erklären woran wir uns erinnern - ob es nun von Bedeutung ist oder nicht.
Nur - wenn Sie "wir" sagen, meinen Sie in Wirklichkeit, dass ich zunächst einmal schreiben werde; und ich werde natürlich schreiben, woran ich mich erinnere. Denn, wie Sie es in Ihrem neutralen und unangreifbaren Psychiaterton so kurz und prägnant ausdrückten: "Unsere Erinnerungen sind häufig der Schlüssel zu dem, was wir einmal vorzogen zu vergessen."
Ich denke, das Wort "vorziehen" haben Sie ganz bewusst gebraucht. Sie wollten mich zu einer Reaktion herausfordern. Ich sollte mir wohl denken, na, der werde ich's zeigen. Dieser Person werde ich zeigen, woran ich mich erinnern kann.
Wie alt sind Sie überhaupt, Dr. Rose? Sie sagen dreißig, aber das glaube ich Ihnen nicht. Sie sind nicht einmal so alt wie ich, vermute ich, und was schlimmer ist, Sie sehen aus wie eine Zwölfjährige. Wie soll ich zu Ihnen Vertrauen haben? Glauben Sie im Ernst, Sie könnten Ihren Vater ersetzen? Denn zu ihm wollte ich eigentlich. Sagte ich Ihnen das bei unserem ersten Zusammentreffen? Wohl eher nicht. Ich hatte zu viel Mitleid mit Ihnen. Der einzige Grund übrigens, warum ich zu bleiben beschloss, als ich in die Praxis kam und Sie an seiner Stelle sah: Sie wirkten so rührend, wie Sie da saßen, ganz in Schwarz, als meinten Sie, dadurch könnten Sie den Eindruck erwecken, kompetent genug zu sein, um mit den seelischen Krisen anderer Menschen umzugehen.
Seelisch? Sie jagen diesem Wort hinterher, als wäre es ein anfahrender Zug. Sie haben also beschlossen, den Befund des Neurologen zu akzeptieren? Sie sind damit zufrieden? Sie brauchen keine weiteren Untersuchungen, um sich überzeugen zu lassen?
Das ist sehr gut, Gideon. Das ist ein großer Schritt vorwärts. Es wird unsere Zusammenarbeit erleichtern, wenn Sie - so schwer es auch fällt - zu akzeptieren bereit sind, dass es für das, was Sie gegenwärtig durchmachen, keine physiologische Erklärung gibt.
Es ist angenehm, Ihnen zuzuhören, Dr. Rose. Eine Stimme wie Samt. Ich hätte gleich, als Sie das erste Mal den Mund aufmachten, kehrtmachen und wieder gehen sollen. Ich tat es nicht, weil Sie mich mit diesem Quatsch, dieser Bemerkung: "Ich trage Schwarz, weil mein Mann vor kurzem gestorben ist", sehr geschickt manipulierten und zu bleiben bewogen. Sie legten es da Verbindung zu dem Patienten her, hat man Sie gelehrt. Gewinnen Sie sein Vertrauen, damit er beeinflussbar ist.
Wo ist Dr. Rose?, frage ich beim Eintritt in das Sprechzimmer.
Sie sagen: Ich bin Dr. Rose. Dr. Alison Rose. Vielleicht haben Sie meinen Vater erwartet? Er hat vor acht Monaten einen Schlaganfall erlitten und befindet sich jetzt in der Rekonvaleszenz, aber es wird noch eine Weile dauern, bevor er wieder hergestellt ist, darum kann er im Moment keine Patienten sehen. Ich habe seine Praxis übernommen.
Und Sie plaudern munter drauflos: Wie es zu Ihrer Rückkehr nach London kam; wie sehr Sie Boston vermissen; dass es dennoch so das Beste sei, weil die Erinnerungen dort zu schmerzlich gewesen seien. Die Erinnerungen an ihn, Ihren Ehemann. Sie gehen sogar so weit, seinen Namen zu nennen: Tim Freeman. Und seine Krankheit: Darmkrebs. Und Sie sagen mir, welches Alter er hatte, als er starb: siebenunddreißig Jahre. Sie berichten, dass Sie den Gedanken an Kinder zunächst auf Eis gelegt hatten, weil Sie bei Ihrer Heirat noch studierten, und dass später, als es Zeit wurde, an Nachwuchs zu denken, für ein Kind kein Platz mehr war, da Sie beide, er und Sie, um sein Leben kämpften.
Sie taten mir Leid, Dr. Rose, und darum blieb ich. Das Resultat ist, dass ich jetzt hier an meinem Fenster mit Blick auf den Chalcot Square sitze und schreibe. Ich schreibe, wie Sie mir geraten haben, mit Kugelschreiber, damit ich nicht radieren kann. Ich schreibe in ein Ringbuch, damit ich jederzeit Ergänzungen einschieben kann, sollte mir wunderbarerweise irgendwann später etwas Entscheidendes einfallen. Nur das, was ich tun sollte, was die ganze Welt von mir erwartet, das tue ich nicht: nämlich Seite an Seite mit Raphael Robson dieses infernalische, allgegenwärtige Nichts zwischen den Tönen aufheben.
Raphael Robson?, höre ich Sie fragen. Erzählen Sie mir von Raphael Robson.
Ich habe heute Morgen meinen Kaffee mit Milch getrunken, und dafür bezahle ich jetzt, Dr. Rose. Mein Magen brennt wie Feuer, und die Flammen kriechen in meine Eingeweide. Eigentlich steigt Feuer ja auf, aber nicht das Feuer in meinem Inneren.
Da geschieht genau das Gegenteil, und die Schmerzen sind im einem Ton mit, als gäbe er mir den medizinischen Segen. Dieser Scharlatan! Ein viertklassiger Kurpfuscher ist er. In meinen Eingeweiden wuchert etwas Böses, das mich von innen auffrisst, und er spricht von Winden.
Erzählen Sie mir etwas von Raphael Robson, wiederholen Sie.
Warum?, frage ich. Warum soll ich von Raphael erzählen?
Weil er ein Anfang ist. Ihr Unterbewusstsein liefert Ihnen einen Anfang, Gideon. So läuft dieser Prozess.
Aber Raphael ist nicht der Anfang, widerspreche ich. Der Anfang liegt fünfundzwanzig Jahre zurück in einem Peabody-Haus, einem Seniorenstift, am Kensington Square.
17. August Dort lebte ich damals. Nicht in einem der Peabody-Häuser, sondern im Haus meiner Großeltern auf der Südseite des Platzes. Die Peabody-Häuser sind schon lange verschwunden. Bei meinem letzten Besuch in der Gegend fand ich an ihrer Stelle zwei Restaurants und eine Boutique. Aber ich erinnere mich gut an diese Häuser, und ich erinnere mich auch, wie geschickt mein Vater sie einflocht, als er die Gideon-Legende spann.
So ist mein Vater, immer bereit, alles, was auf dem Weg liegt, zu nutzen, wenn er sich einen Vorteil davon verspricht. Er war damals ein rastloser Mensch voller Ideen. Heute ist mir klar, dass die meisten seiner Ideen Versuche waren, die Befürchtungen meines Großvaters in Bezug auf seine Person zu beschwichtigen. Denn in den Augen meines Großvaters war das Scheitern meines Vaters beim Militär ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er auch auf allen anderen Gebieten scheitern würde. Und ich denke, mein Vater wusste das, denn mein Großvater hielt mit seinen Ansichten nie hinter dem Berg.
Mein Großvater war seit dem Krieg nicht mehr gesund. Ich nehme an, das war der Grund, weshalb wir bei ihm und Großmutter lebten. Er war zwei Jahre lang in Burma in japanischer Gefangenschaft gewesen und hatte sich davon nie ganz erholt. Ich glaube, die Gefangenschaft hat bei ihm etwas hervorgerufen, was wurde immer nur gesagt, Großvater habe "Episoden", die es hin und wieder notwendig machten, ihn zur Erholung "aufs Land" zu verfrachten. An Einzelheiten dieser Episoden kann ich mich nicht erinnern; ich war erst zehn Jahre alt, als mein Großvater starb. Aber ich weiß, dass sie stets nach dem gleichen Muster abliefen: Zuerst gab es ein entsetzliches Gepolter und Gezeter, dann begann meine Großmutter zu weinen, und am Ende, wenn sie ihn wegbrachten, schrie mein Großvater meinen Vater an, er wäre nicht sein Sohn.Wer sind sie?, fragen Sie.