 | Besprechung von 05.10.2010 |
Ein Kessel Moribundes
Torben Guldberg schickt in seinem Roman „Thesen über die Existenz
der Liebe“ einen Zombie-Erzähler durch 500 Jahre
Menschheitsgeschichte, um zu ergründen, was die Welt im Innersten
zusammenhält Von Kristina Maidt-Zinke
Zwei der erfolgreichsten unter den lebenden Schriftstellern
Skandinaviens, Henning Mankell und Peter Høeg, sind ausgebildete
Schauspieler. Kein schlechtes Omen für den 1975 geborenen Dänen
Torben Guldberg, der ebenfalls als Schauspieler arbeitete, bevor er
mit dem Schreiben begann. Der Titel seines dickleibigen
Debütromans, „Thesen über die Existenz der Liebe“, zeugt nicht nur
von hohen Ambitionen, sondern lässt auch etwas klingeln – die
Erinnerung an Peter Høegs frühen Erzählungsband „Von der Liebe und
ihren Bedingungen in der Nacht des 19. März 1929“.
Unter den zuverlässigsten Möglichkeiten, als skandinavischer Autor
international zu reüssieren, nämlich mit Mord und Totschlag oder
mit fabulierfreudigen Weltdeutungsversuchen, hat sich Guldberg, in
fast demonstrativer Nachfolge Høegs, für die zweite Variante
entschieden. Wie in dessen Erstling „Vorstellung vom 20.
Jahrhundert“ …
 | Besprechung von 18.10.2010 |
Der Erzähler als Jahrhundertfahrer und LiebestöterHier nimmt sich einer viel Zeit für sein Panorama der Liebeskultur. Eine Erforschung des Themas ist Torben Guldberg dennoch nicht geglückt. Sein Jahrhunderte umspannendes Romandebüt liebäugelt nur mit einem: der eigenen Idee.
Schon der Einband ist ein Missverständnis. Vergilbte Lettern auf existenzialistischem Schwarz, abgestoßene Kanten, die Ränder unten eingerissen. Ein Erstlingswerk im Vintage-Look. Als wäre dieses Buch schon in den Siebzigern von Hand zu Hand gegangen, als hätten es pubertierende Jugendliche Jahrzehnte später aus dem elterlichen Regal gezogen, um etwas über "gesunde Beziehungen und gleichberechtigte Kommunikation" zu lernen. Auch der Titel "Thesen über die Existenz der Liebe" schlägt genau jenen soziologisch angehauchten Ton an, der in Alt-68er-Kreisen so gut ankommt. Es scheint, als wollten Autor und Verlag an den Erfolg von Erich Fromms "Die Kunst des Liebens" anknüpfen. Doch ein Versuch, die Liebe sozialpsychologisch zu fassen, ist dieser Roman nicht. Torben Guldberg versucht einer viel weiter gespannte Erklärung.
In fünf Geschichten aus fünf Jahrhunderten …
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Na toll, da wollte Sarah Elsing etwas über die Liebe lernen und stößt in diesem Buch bloß auf den Rat, die Liebe doch selbst zu suchen. Oder nicht ganz. Außerdem stößt die Rezensentin nämlich noch auf ein im Titel mit sozialpsychologischem 68er-Jargon lockendes Buch, das aber ganz und gar keine Studie a la Erich Fromm ist, sondern ein Versuch, die Liebe in fünf Geschichten aus fünf Jahrhunderten durchzuspielen, in der Malerei zum Beispiel oder als Egoismus. So weit, so gut. Bloß die schlauen Kommentare hätte Torben Guldberg sich sparen können. Wie immer man den gefühligen, ausufernden und, wie wir erfahren, auch begrifflich ungenauen und wenig stringenten Text finden mag, meint Elsing, Fans des romantischen Schmökers erst zu locken und dann abzuservieren, um eine intellektuelle Leserschaft zu gewinnen, gilt nicht.
© Perlentaucher Medien GmbH
"...pures Vergnügen. Angereichert mit historischem und philosophischen Wissen entwirft Torben Guldberg einen schillernden Erzählkosmos, der die kulturelle Evolution der Liebe deutlich macht." (WDR5)
Ein Kessel Moribundes
Torben Guldberg schickt in seinem Roman „Thesen über die Existenz der Liebe“ einen Zombie-Erzähler durch 500 Jahre
Menschheitsgeschichte, um zu ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält Von Kristina Maidt-Zinke
Zwei der erfolgreichsten unter den lebenden Schriftstellern Skandinaviens, Henning Mankell und Peter Høeg, sind ausgebildete Schauspieler. Kein schlechtes Omen für den 1975 geborenen Dänen Torben Guldberg, der ebenfalls als Schauspieler arbeitete, bevor er mit dem Schreiben begann. Der Titel seines dickleibigen Debütromans, „Thesen über die Existenz der Liebe“, zeugt nicht nur von hohen Ambitionen, sondern lässt auch etwas klingeln – die Erinnerung an Peter Høegs frühen Erzählungsband „Von der Liebe und ihren Bedingungen in der Nacht des 19. März 1929“.
Unter den zuverlässigsten Möglichkeiten, als skandinavischer Autor international zu reüssieren, nämlich mit Mord und Totschlag oder mit fabulierfreudigen Weltdeutungsversuchen, hat sich Guldberg, in fast demonstrativer Nachfolge Høegs, für die zweite Variante entschieden. Wie in dessen Erstling „Vorstellung vom 20. Jahrhundert“ wird hier, im Erzählgestus zwischen Realismus und Phantastik alternierend, ein historisches Panorama menschlicher Träume, Hoffnungen, Sehnsüchte und Sinnfragen entfaltet, nur dass Guldbergs Rundumschlag gleich fünf Jahrhunderte umspannt und dem ebenso verschwommenen wie unverwüstlichen Leitmotiv der „Liebe“ folgt.
Die Konstruktion wirkt kühn, erweist sich aber auf den zweiten Blick als simpel. Der Rahmen-Erzähler ist eine Art Ewiger Jude, seit dem Hochmittelalter zu ruheloser Wanderschaft auf Erden verurteilt, genauer: nach einer schweren Liebesenttäuschung dazu verdammt, so lange unter den Lebenden zu wandeln, bis er dem Geheimnis des allumfassenden Gefühls, das die Menschen „Liebe“ nennen, auf die Spur gekommen ist. Statt jedoch selber weitere Erfahrungen auf diesem Gebiet zu machen, betätigt er sich als „Geschichtensammler“, was dem Autor die Gelegenheit gibt, zwischen 1500 und 2000 in jedem Säkulum, also in jedem Kapitel, neue Figuren einzuführen, deren Erlebnisse mit der Liebe oder mit dem, was sie dafür halten, den unsterblichen Erzähler mit neuen Antworten und mindestens ebensovielen neuen Fragen versorgt.
Wer diese Anlage kitschverdächtig findet, dem wird zunächst Wasser auf die Mühle gegossen. Wenn im Prolog ein gewisser „Baldur Doppelzunge“ mit der Prophezeiung zitiert wird, „ich könnte keinen Frieden finden, bevor ich mich nicht wieder der Liebe zuwenden würde“, und wenn es anschließend heißt: „Mehr als dreihundert Jahre war ich von Sprengel zu Sprengel, von Land zu Land gezogen und hatte Geschichten erzählt, Liebesgeschichten“, dann glaubt man erst einmal, auf dem falschen Dampfer, vielmehr auf der falschen Kogge zu sein und in seichten Fantasy-Gewässern zu dümpeln. Da das Interesse an ambulanten Fabulierern schwindet, sieht der Zeitreisende sich genötigt, in Kopenhagen einen festen Wohnsitz zu nehmen und von dort aus „die Menschen aufzusuchen und ihnen zuzuhören“. Und was er im 16. Jahrhundert, nach einem auf jugendliche Leser zugeschnittenen Parforceritt durch die Ideen und Errungenschaften der Renaissance („eine Zeit des Umbruchs“), zu hören bekommt, weckt und nährt die erwähnten Befürchtungen.
Schicksalhaft verfallen einander im ländlichen Dänemark ein elternloser Klosternovize und eine von guten Hexen aufgezogene, mit magischer Stimmkraft begabte Jungfrau; sie flechten ein Lager aus Weidenästen und zeugen am Busen der Natur einen Sohn, der seinerseits als Findelkind im Kloster aufwächst und später Dudelsäcke fertigt, deren Klageton kriegsverhindernd wirkt. Weil er auf einer Komposition basiert, in der Frans, der Vater des Instrumentenbauers, während langer Klosterjahre versucht hat, den Gesang seiner geliebten Amalie einzufangen. Des Autors Ein- und Auslassungen über dieses obskure Werk – „etwas, für das man damals noch keine Worte hatte, etwas, das wir heute als Symphonie bezeichnen würden“ – , erinnern wiederum fatal an Peter Høegs mystisch-musikologisches Dilettieren in seinem vorletzten Roman „Das stille Mädchen“. Und man ist versucht, den untoten Erzähler, der sich immer wieder einmischt, den Leser anredet und Thesenartiges zu Protokoll gibt, vorzeitig mundtot zu machen.
Es handelt sich hier aber um eines der eher seltenen Exemplare der Gattung Roman, die schwächer anfangen, als sie enden. Je weiter die Handlung auf der Zeitachse voranschreitet, desto mehr ist der Verfasser in seinem Element, desto origineller werden seine Erfindungen und desto erträglicher sein Ton. Es wird dann auch bald offenbar, dass „die Liebe“ nur ein Hilfsbegriff ist, der für das Glücksstreben, den Verwirklichungsdrang und die Erkenntnissuche des Menschen steht. Die diversen Möglichkeiten, sich die Welt schöpferisch anzueignen und zu ergründen, was sie im Innersten zusammenhält, hat Guldberg verschiedenen Zeitaltern zugeordnet.
Im Amsterdam des 17. Jahrhunderts lässt er die Geschichte des dänischen Malers und Weltreisenden Gregarius spielen, im Kopenhagen der Aufklärung siedelt er den Physiker Hans Bogø an, der in einem abenteuerlichen Licht-Experiment mit seiner Geliebten Alma das Wesen der zwischenmenschlichen Anziehung untersuchen will und dabei den (realen) Stadtbrand von 1728 verursacht. Das alles ist zwar hier und da etwas blauäugig, aber doch schwung- und phantasievoll erzählt, und ein Kessel Buntes aus der dänische Historie wird nebenbei mitgeliefert.
Interessanter, skurriler und endlich auch komisch wird es im 19. Jahrhundert, wo ein Pfarrerssohn und Philosoph namens Diderik Uffe Grønlev sein Unwesen treibt. Er zieht von Dänemark nach Berlin, versucht sich im Hegelschen Idealismus, findet in Schopenhauer einen Seelenbruder, trifft mit Nietzsche zusammen und landet schließlich bei Freud auf der Couch, nachdem er diverse Frauen geschwängert, einen Totschlag begangen, das Grab seiner Eltern geschändet, im Gefängnis gesessen, wie Diogenes in der Tonne gehaust, sich als Lebensberater betätigt und einen Salon für orgiastische philosophische Praxis unterhalten hat. Bleibt das 20. Jahrhundert, an dessen Ende der geniale Ökonom Henrik Øberg Pingmann, der sich als Verkörperung der „unsichtbaren Hand“ Adam Smiths versteht, die unlösbare Verquickung von Geld und Liebe, ergo die Käuflichkeit des großen Gefühls nachweisen will. Natürlich muss der Versuch scheitern, denn unser Schriftsteller ist Idealist.
Torben Guldberg arbeitet, wie man hört, an einem zweiten Band. Man kann nur hoffen, dass er darin nicht etwa die ersten fünfhundert Lebensjahre seines tausendjährigen Zombie-Erzählers rekapituliert. Mögen entschwundene Äonen noch so faszinieren – die nicht unbeträchtliche Intelligenz des Autors bewegt sich am sichersten auf gegenwartsnahem Boden. Dort, wo man guten Gewissens behaupten kann: Dänen lügen nicht.
Torben Guldberg
Thesen über die Existenz
der Liebe
Roman. Aus dem Dänischen von
Ulrich Sonnenberg. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 462 Seiten, 19,85 Euro.
Erst glaubt man auf der falschen
Kogge zu sein, die in seichten
Fantasy-Gewässern dümpelt
Je weiter die Handlung in der
Zeit voranschreitet, desto mehr
gilt: Dänen lügen nicht!
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Ulrich Sonnenberg, geb. 1955, arbeitete nach seiner Buchhändlerlehre mehrere Jahre in Kopenhagen und war bis Ende 2003 Verkaufsleiter der Verlage Suhrkamp und Insel in Frankfurt am Main. Seit Anfang 2004 lebt und arbeitet er als freier Übersetzer, Herausgeber und Publizist in Frankfurt am Main.