Blut ist seit den Anfängen der Kultur Symbol für Leben und Tod und
für die körperliche Bedingtheit des Seins. Seine oft als bedrohlich
erfahrene Macht ist in zahllosen Mythen und Erzählungen, Bildern
und Riten festgehalten und spielt selbst in den modernen
Wissenschaften noch eine Rolle. In diesem Band werden die
Metaphorik des Blutes in Judentum, Christentum und Islam sowie die
Funktion des Opfers im Hinduismus und im Mittelmeerraum untersucht.
Thematisiert wird darüber hinaus die Rolle des Blutes in der
Geschichte der Rechtsprechung und der Medizin sowie in den modernen
Sozial- und Medienwissenschaften. Mit Beiträgen unter anderem von
Micha Brumlik, Walter Burkert, Ute Frevert,William K. Gilders,
Brigitta Hauser-Schäublin, Eva Labouvie, Axel Michaels, Angelika
Neuwirth, Philipp Sarasin, Gabriele Sorgo und Inge Stephan.
Christina von Braun, geboren 1944 in Rom, lebte bis 1981 als freie Autorin in Paris. Sie drehte etwa 50 Filmdokumentationen und Fernsehspiele und verfasste zahlreiche Bücher und Aufsätze zu kulturgeschichtlichen Themen. Seit 1994 Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Leseprobe zu "Mythen des Blutes"
Rituale, Mythen und Bilder des Bluts gehören zu den faszinierenden Themen der Humanwissenschaften. In den "Mythen des Bluts" verschränken sich Natur und Kultur in unauflöslicher Verbindung. Wie die Gabe ist Blut "eine totale soziale Tatsache", die in vielen Lebenssituationen wie Geburt, Eheschließung und Tod eine Rolle spielt. Früher wie heute beeindruckt die Bedeutungsvielfalt des Bluts. Blut gilt als der "Saft des Lebens"; wird es vergossen, sind Schwächung oder sogar Tod die notwendige Folge. Blut dient zur Differenzierung zwischen Gott und Mensch, zwischen Geschlechtern, Generationen, sozialen Schichten. Es wird zur Inklusion und Exklusion von Individuen und Gruppen herangezogen und ist untrennbar mit Gewalt und ihrer Überwindung, mit sozialer Macht, Nahrung und Fortpflanzung verbunden. Blut ist Thema in den Religionen, Literaturen, Künsten und Wissenschaften aller Kulturen. Im Umgang mit Blut überlagern sich physiologische Aspekte mit denen des kulturellen Imaginären. In Ritualen und Mythen, in Erzählungen und Werken der Kunst entstehen imaginäre Bilder und Bedeutungen vom Blut, die sich von Kultur zur Kultur, von einer historischen Epoche zur nächsten unterscheiden. Einmal im Kontext von Religion und Mythen geschaffen, werden Bilder, Vorstellungen und Imaginationen des Blutes im Laufe der Zeit immer wieder aufgegriffen, variiert und neu bearbeitet. Je nach Kontext verändern sich in diesem Prozess auch die dem Blut zugeschriebenen Bedeutungen. Blut spielt in sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen eine wichtige Rolle, unabhängig davon, ob es sich um die Geschichte der medizinischen Ideen und Entdeckungen zum Blut im Körper handelt (Säftelehre, Blutkreislauf, Genetik) oder um die politischen Auswirkungen von pseudo-biologistischen Theorien zum Blut (Rassenideologien, Eugenik, der Bedeutungswandel des Begriffs "Blutschande"). Zu den ideologisch-medizinischen Gebieten gehören auch die Vorstellungen verschiedener Epochen zum Menstruationsblut. Blut hat auch eine metaphorische Bedeutung als Metapher für Geld und Kapital (zum Beispiel der Geldkreislauf in Thomas Hobbes' Leviathan), als Symbol für Leben und als Zeichen für die Unwiderruflichkeit eines Vertrags. Um die Bedeutung des Bluts zu begreifen, müssen Rituale und Geboten untersucht werden, in deren Zentrum das Blut steht (Blutsbrüderschaft, Blutrache, Blutschuld, Initiationsriten, Mensur), und die Gesetze, in denen Blut und Blutspuren als Beweis dienen (Verträge, Körperverletzungen, der genetische Fingerabdruck). Ferner sind auch die Mythen zu analysieren, in denen dem Blut eine heilsame oder unheilvolle Wirksamkeit zugewiesen wird: in der christlichen Passionsgeschichte, den Märtyrerdarstellungen, den Selbstgeißelungen oder den Schriften der Alchimisten. Zu erforschen sind auch die Dichotomisierungen von Blutsmythen ("gutes Blut"/"böses Blut"), die sich teilweise mit den dichotomen Geschlechterbildern der Wissenschaftsgeschichte bzw. mit den konträren Vorstellungen von "sexueller" und "geistiger" Fruchtbarkeit decken. Dieser Dichotomisierung entspricht die in einigen Kulturen verbreitete Angst vor dem Menstruationsblut bzw. der im Vergleich zu dem guten Blut der Märtyrer abschätzigen Bewertung. Darüber hinaus soll die unterschiedliche Metaphorik des Bluts in Judentum, Christentum und Islam untersucht werden (in der jüdischen Religion das Verbot, Blut zu verzehren bzw. beim Beischlaf mit dem weiblichen Blut in Berührung zu kommen; im Christentum das Heilige Abendmahl/Transsubstantiationslehre; im Islam die Differenzen zwischen Sunniten und Schiiten). Die Unterschiede zwischen Judentum und Christentum wurden zum Beispiel im religiösen Antijudaismus und im rassistischen Antisemitismus (Ritualmordbeschuldigungen, Hostienschändung, Rassenschande) wirksam. Vergossenes Blut als Symbol für "versiegendes Leben" und als Symbol für die überwundene Sterblichkeit spielt nicht nur in der Religion, sondern auch in den Darstellu
Leseprobe zu "Mythen des Blutes"
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Inhaltsangabe
- Einleitung
- Blut, Ritual und Imagination Christoph Wulf
I. Religion und Opfer - Blut, "Leben" und Opferritual in der hebräischen Bibel William K. Gilders - Blut Christi und christliches Blut: Über die Verfestigung einer Kategorie der Theologie- und Frömmigkeitsgeschichte Regina Ammicht Quinn - Blut und Mythos in der islamischen Kultur Angelika Neuwirth - Blutopfer in Nepal Axel Michaels
II. Recht und Blut
- Im Zeichen des Blutes Medea oder die Suche nach den Ursprüngen der Gewalt Inge Stephan - Das Blut des Hingerichteten Wolfgang Schild - Blut und Recht: Der Ehrenzweikampf Ute Frevert
III. Genealogie und Geschlecht
- Blutsverwandtschaft Brigitta Hauser-Schäublin - Heiraten ist wie ein Kampf Alltägliche und rituelle Bedeutungen des Blutes bei den Arbore Anni Peller - Lebensfluss - Schwangerschaft, Geburt und Blut (1 6.-1 9. Jahrhundert) Eva Labouvie - Wie kann aus der Begrenzung die Vollständigkeit entspringen? Psychoanalytische Überlegungen zur Beschneidung in der jüdischen Tradition Yigal Blumenberg
IV. Blut und Gemeinschaft
- "Blutsverwandtschaft": Mythos, Natur und Jurisprudenz. Walter Burkert - Blut, Intellekt und Liebe - Faktoren politischer Vergemeinschaftung Micha Brumlik - Blut und Gemeinschaft Valeri V. Savchuk V. Mythos und Medizin - Zirkulationen - Die lebenserhaltende Kraft des Blutes in der experimentellen Rekonfiguration Volker Hess - Feind im Blut: Die Bedeutung des Blutes in der deutschen Bakteriologie, 1 87 0-1 90 0 Philipp Sarasin
VI. Virtuelles Blut
- Herzblut - Von der Lebensquelle zum Schmiermittel Gabriele Sorgo - Blut und Destruktion Norval Baitello Junior - Blut und Tinte Christina von Braun
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