 | Besprechung von 27.03.2001 |
Kommt alles von den AtombombenSie brachten die Atmosphäre durcheinander und retteten doch das gute Wetter: Der Film "Thirteen Days" aus historischer SichtBei der Londoner Premiere von "Thirteen Days" richtete Kevin Costner einen Appell an den abwesenden Premierminister Blair: Er müsse sich den Film über die Kuba-Krise im Oktober 1962 unbedingt ansehen. Der amerikanische Schauspieler verwies auf die immer noch von Atomwaffen ausgehenden Gefahren und gab der Hoffnung Ausdruck, der Polit-Thriller werde die Sinne für die seiner Ansicht nach andauernde nukleare Bedrohung der Welt schärfen.
Spielfilme wie "Schindlers Liste" oder "Saving Private Ryan" prägen in der Gegenwart die Bilder, die wir uns von historischen Begebenheiten machen. Doch heißt das, daß wir uns in den Zeiten des medialen Overkills mit diesen Interpretationen abfinden müssen? Sind wir gezwungen, wie einer der führenden Historiker des Vietnamkrieges resignierend zu bekennen, daß man wohl auf Steven Spielberg warten müsse, um der Mehrheit der Amerikaner ein halbwegs realistisches Bild vom Krieg in Indochina zu vermitteln? In der Moderne, so hat uns Albert Camus gelehrt, …
Angriffe anderer Nationen auf den eigenen Boden kennen die Vereinigten Staaten nur aus Pearl Harbour - ein Desaster, das Michael Bay im Sommer zu einem Hit machen will. Bereits im März aber kommt ein Film über die bislang wohl größte Bedrohung Amerikas in die deutschen Kinos, die heute nur historische Randnotiz ist, 1962 aber auch die Welt in die Nähe einer nuklearen Katastrophe rückte. Roger Donaldsons Erinnerung an die Kubakrise verbindet Politlektion, Spannungskino und das Porträt zweier mythischer amerikanischer Helden zu einem Film, der die schwierige Aufgabe, einen diplomatisch ausgetragenen Konflikt auf der Leinwand umzusetzen, mit formaler und darstellerischer Klasse und ohne musealen Historikermief löst.
Ursprünglich hätte "Thirteen Days" eine Reunion von Kevin Costner mit Phil Alden Robinson, dem Regisseur seinen magischen Dramas "Feld der Träume" werden sollen. Nach Budgetdisputen war aber Robinson plötzlich out und Roger Donaldson in, womit nun das Duo aus Costners Hit "No Way Out - Es gibt kein Zurück" wiedervereint ist. Das Ergebnis zeigt, dass es sehr wohl ein Zurück für den Australier gibt, der hier seinen überzeugendsten Film seit der ersten Zusammenarbeit mit Costner vorlegt. Dessen Mitwirkung hat für die Dramaturgie des Films keine zwingende Bedeutung, wohl aber für seine Verwertung, die ohne den Star angesichts des relativ pathosarm und militärkritisch präsentierten Stoffes vor erheblich größeren Problemen stünde. Aus diesem Grund wird Costners Präsidentenberater O'Donnell an Bedeutung aufgewertet und zum Filter der Ereignisse, die sich über einen Zeitraum von 13 Tagen im Oktober 1962 abspielen. In deren detaillierter Nachzeichnung geht das Drehbuch David Selfs streng chronologisch vor. Es beginnt mit der Entdeckung der auf Kuba eingerichteten russischen Raketenstellungen, die potentiell jede amerikanische Großstadt mit nuklearen Sprengköpfen erreichen könnten. Während Präsidentengattin Jackie eine große Party vorbereitet, muss John F. Kennedy (Bruce Greenwood), beraten von Bruder Robert (Steve Culp) und O'Donnell, eine angemessene Reaktion auf die russische Provokation finden. Das fieberhafte Ringen um eine Lösung zwischen Präventivschlag und Besonnenheit bildet den Schwerpunkt von "Thirteen Days", der es sich mit seiner packenden Präsentation, von einer Luftkampfsequenz abgesehen, leisten kann, auf "Top Gun"-Action zu verzichten, die Hollywood üblicherweise ungeachtet der Verfälschung historischer Ereignisse auch in solche Filme einbaut, ohne danach schlecht träumen zu müssen. Rein diplomatisch wird dieser Konflikt ausgetragen - über Mittelsmänner zwischen den Supermächten, aber auch direkt zwischen Falken und Tauben in der US-Regierung. Deutlich werden dabei der schmale Grat, auf dem damals der Weltfrieden balancierte, aber auch die schwierige Position der Kennedys, die bei FBI, CIA und Militär alles andere als beliebt waren, somit Stärke demonstrieren mussten, aber auch liberale Ideale nicht verraten wollten. Für einen teuren Mainstreamfilm wie diesen nimmt "Thirteen Days" eine kritische Haltung gegenüber dem Militär ein, das hier nicht wie üblich Krisen zur Zufriedenheit der Nation löst, sondern sie mit blinder Aggression schürt. Kommerziell dürfte diese Position für den Film zumindest in Amerika nicht ohne Folgen bleiben, obwohl auch "Thirteen Days", freilich ohne wuchtiges Pathos und subtiler, dem Herzen Oliver Stones folgt und den Verlust der Kennedys als größte Narbe Amerikas beklagt. Sowohl Bruce Greenwood, in amerikanischen Castingagenturen oft in der Rubrik Bösewicht abgelegt ("Doppelmord"), als auch Newcomer Steven Culp liefern Oscar-reife Inkarnationen dieser mythischen politischen Aristokraten ab und werden von einem exzellenten Ensemble unterstützt, in dem auch Costner wesentlich engagierter als in den letzten Jahren wirkt. So wäre es nur verdient, wenn auch das Publikum diese unterhaltende und intelligente Koalition von Stoff, Inszenierung und Darstellung honorieren würde. Bereuen müsste es seinen Besuch jedenfalls nicht. kob.
Quelle/Copyright: Entertainment Media Verlag
Videoclip zu "Thirteen Days (Einzel-DVD)"
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