 | Besprechung von 29.08.1997 |
Obacht: Mr. Bean ist ungefährlichEine Visage, die der Traum aller Fahnder ist: Selbst Inspektor Clouseau würde Mr. Bean alias Rowan Atkinson wohl in jeder Tarnung wiedererkennen. Hätte der Filmkritiker einen Steckbrief aufzusetzen, müßte er freilich vor der Harmlosigkeit dieses Subjekts warnen. Als würden die Panzerknacker sich plötzlich auf das Schlachten von Sparschweinen spezialisieren, geht von dem großen Zerstörer keine Gefahr mehr aus. Der Karrierewechsel vom Fernsehbildschirm auf die Kinoleinwand mag sich finanziell auszahlen, humorökonomisch hat er sich nicht rentiert. Mr. Bean brauchte das kleine Format: Schon durch den gebückten Gang und die Verdrehung des Kopfes markierte er, daß er sich im Parkhaus oder auf der Behörde, auf der Straße oder in der Eisenbahn durch enge Ordnungen hindurchmanövrierte, die durch eine einzige falsche Bewegung zum Einsturz zu bringen waren. Diese Kleinräumigkeit einer von Zwangsneurotikern bewohnten Welt durfte man als typisch britisch wahrnehmen. Der Film "Bean" von Mel Smith versetzt seinen Titelhelden in die Weiten des amerikanischen Westens, an ein kalifornisches Kunstmuseum, wo er als exzentrischer Experte …
Nicht von ungefähr findet sich die Warnung, man habe es mit dem "ultimativen Katastrophenfilm" zu tun, im Untertitel des ersten Filmabenteuers des in Fernsehen und auf Video längst zum Kulthelden avancierten Mr. Bean: Da, wo das von Rowan Atkinson gewohnt kongenial dargestellte Strichmännchen bei seinem Besuch der Vereinigten Staaten hintritt, wird die Neue Welt in ihren Grundfesten erschüttert - zum Gaudium des komödienhungrigen Publikums, das von "Bean" ganz nach seinen Bedürfnissen bedient wird.
Im Zeitraum von nur zwölf Monaten überstand Amerika diverse Außerirdischeninvasionen, zwei Vulkanausbrüche, Wirbelstürme und den Besuch eines Tyrannosaurus Rex, aber auf diesen ersten feindseligen Übergriff Europas war die mächtigste Nation der Welt nicht gefaßt. Nachdem er sichtlich ahnungslos, aber mit einem kindlich-bösartigen Hang zu Slapstick-Sadismus, durch mehr als 20 TV-Specials stolperte (die immerhin in 93 Länder verkauft wurden) und das britische Empire an den Rande des Ruins getrieben hat, ist "Bean" nun reif für die große Leinwand. Ein Unternehmen, bei dem an sich nichts schief gehen kann. Atkinson und sein Regisseur Mel Smith ("Radioland Murders") taten gut daran, den unverkennbaren, clever zwischen Stummfilmheroen wie Langdon und Keaton sowie modernen Leinwandkasperle wie Lewis und Carrey angelegten Tunichtgut weitgehend unangetastet zu lassen: Immer noch läßt der Kindskopf mit dem Gemüt eines Simplicissimus eine Spur der Zerstörung hinter sich, ohne sich im geringsten über den Umfang seiner Handlungen bewußt zu sein.
Waren die TV-Sketche ausschließlich auf Bean und wie er die Welt sieht zugeschnitten, erlaubt sich Regisseur Smith hier erstmals auch einen Blick von außen auf diesen erzbritischen Katastrophenspezialisten - nicht immer zu Gunsten des an sich pfiffigen Materials: Wen interessiert schon, wie andere über Bean denken, wo doch der Reiz der Figur darin besteht, daß sie von äußeren Einflüssen unberührt in alle erdenklichen Fettnäpfchen stapft. So ist Atkinson, der im Fernsehen im Mittelpunkt jeder einzelnen Szene steht und bestenfalls seinem geliebten Teddy Zuneigung entgegenbringt, gezwungen, auf die übrigen Figuren zu reagieren und sich letztlich auch mit ihrer Sicht der Dinge auseinanderzusetzen.
Von dieser zeihbaren Schwäche abgesehen, die dem Geschehen etwas von seiner Boshaftigkeit nimmt, gibt das "Bean"-Team dem Publikum, was es sehen will. Anders als seine amerikanischen Geistesverwandten "Beavis & Butt-Head" benötigt der Titelheld nicht den ganzen Kontinent, um die USA in Spielfilmlänge in Angst und Schrecken zu versetzen: Als ungeliebter Museumswärter wird Bean von seinen Vorgesetzten nach Übersee geschickt, um als Experte anwesend zu sein, wenn das Gemälde "Whistler's Mother" - das bedeutendste Stück amerikanischer Kunst - wieder auf Heimaterde seiner Bestimmung in einer kalifornischen Galerie zugeführt wird. Die perfekte Ausgangssituation für Verwirrung und Durcheinander am Flughafen, Chaos auf den Straßen von L.A. und Wahnsinn bei der von Peter MacNicol (Komödien bewährt seit "Ghostbusters 2") angeführten Gastfamilie sorgt. Daß natürlich auch das Gemälde den Beanschen Blitzkrieg nicht unbeschadet übersteht, versteht sich von selbst.
"Bean" ist keine großartige Komödie. Obwohl nur 90 Minuten lang, merkt man doch recht deutlich, daß die Filmemacher schwer zu kämpfen hatten, das Material auf Spielfilmlänge zu strecken. Doch wenn Atkinson einmal auf die Tücken des Objekts losgelassen wird, dann gibt es kein Halten mehr. Und das dürfte letztlich den Überflieger-Erfolg ausmachen (in Australien startete der Film bereits fulminant auf Platz 1) - auch wenn sich so mancher nach dem minimalistischen Biß der TV-Variante zurücksehnen wird. ts.
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